An Persante und Muglitz bin ich zu Hause

Pommern, wichtigstes deutsches Fischereigebiet und
beliebtes Bäderland - Gustav Krause machte sich
um den Belgarder Schwimmsport verdient


Von
"Seele des Menschen,
  Wie gleichst du dem Wasser!
  Schicksal des Menschen,
  Wie gleichst du dem Wind!" (Goethe)


Leba, Lupe, Stolpe, Wipper, Persante mit der Radue, Rega, Oder - diese hinterpommerschen Flüsse, den pommerschen Landrücken durchwandernd, münden in die Ostsee, so lehrte uns im 3. Schuljahr Lehrer Willi Brümmel. Küddow und Drage strömen nach Süden, nähren Netze und Warthe, und die Warthe schließlich, hier schon vom Meer träumend, offenbart sich bei Küstrin dem deutschen Oderstrom. Ganz Pommern durch rieseln unzählige Rinnsäle und Bäche quelligen Wassers und geben der Landschaft mit ihren grünen und blühenden strauch- und baumbewachsenen Tälern Reiz und Anmut (ich nenne einige aus unserem Kreis: Leitznitz, Radue, Wugger, Damitz, Kautel, Nonnenbach). Die vielen Seen Pommerns, letzte Zufluchtstätten einst überfluteter Landesteile, pointieren zusätzlich Vielfalt und Reichtum einer von Gott gesegneten Landschaft. Mit 465 km besitzt Pommern die größte Küstenlänge aller deutschen Länder; hier lagen die vielen Fischerdörfer und Seebäder, denen Pommern seinen Ruf als wichtigstes deutsches Fischereigebiet und beliebtes Bäderland verdankte. In der Pommerschen Seenplatte um Bad Polzin und Neustettin durchziehen die Seen wie aufeinanderfolgende Schleppzüge fruchtbare Äcker und Wiesen und grüßen hinauf zu bergigen Tälern. Und auch einzeln, über ganz Pommern verstreut, beglücken die Seen Mensch und Tier (in unmittelbarer Nähe sind dies der Boissiner und Ristower See). Und an der pommerschen Küste reihten sich die Bäder wie Perlen an einer Kette. Pommern war das erste Urlaubsland Deutschlands. Das Kurtaxaufkommen wurde von keinem anderen Land Deutschlands erreicht. Die Fremdenübernachtungen stiegen von 1936 bis 1939 von 4,6 auf 8 Millionen und lagen damit vor Bayern und Schlesien. Wir können mit Fug und Recht sagen, Pommern war ein beliebtes Ferienland und angesichts der wasserreichen Landschaft ein Badeparadies.

Wohl jeder von uns Pommern hat seinen Bach, seinen Fluß, seinen See liebgewonnen. Sie haben uns in ihrer Beschaulichkeit, ihrer Reinheit, ihrer Schönheit ein Stück Kindheit und Leben gegeben, und mit den Erlebnissen, die wir mit ihnen verbinden, in uns ein Stück Heimat geprägt, der wir als landverwurzelte Menschen treu ergeben und bis an unser Lebensende verpflichtet bleiben. Wie lernten wir früher schwimmen ohne Anleitung und Hilfsmittel? Der Fisch schwimmt naturgegeben, sobald er ins Wasser fällt. Und der Mensch? Er tut sich schwer, jedenfalls wenn er das Schwimmen als Kind allein erlernen soll. Wir Denziner Kinder badeten in der Muglitz unterhalb des Hofs Erich Maaß. Die Muglitz ist geologisch ein Bergbach; auf unserer Höhe, wo sie schon erwachsen geworden ist und in die Persante mündet, durchplätschert sie ein liebliches, breitgefächertes Wiesental. Bei breitem Bett stieg uns das Wasser bis an die Knie, dort, wo das Flüßchen beengt war, reichte es uns bis an die Brust. Kolks und unterspülte Ufer konnten wegen ihrer Tiefe Kindern dennoch gefährlich werden, sonst aber war unser Bach, der auf seinem Laufe mehrere Wassermühlen trieb, kinderlieb.

20, 25 Kinder zwischen 4 und 10 Jahren hatten sich eingefunden. Ein quirliges Durcheinander, ein Toben, Rufen, Schreien erschall weithin. Wir liefen barfuß und waren mit einer leichten Hose bekleidet, die, wenn naß, auf dem Körper trocknete. Nur die größeren, schon ein wenig eitel, hielten es da ein wenig vornehmer, und die heranwachsenden Mädchen pflegten bereits das Ideal und hatten neben Badeanzug Handtuch, Kamm und Spiegel parat. Und wie haben wir uns vergnügt? Die ganz Kleinen bauten am flachen Ufer Dämme, Dörfer, Burgen. Vom Ufer, ganz von der Nähe herangeholtes Strauchwerk formten sie zu Brücken, Türmen, Häusern. Eine Gruppe ließ das flache Wasser, die Beine kühlend, an sich vorüberziehen, sammelte kleine und größere Steine, schichtete Modder übereinander, baute Dämme und staute den Wasserfluß. Unter der Brücke hantierten mehrere Jungen mit einer Eßgabel und versuchten Neunaugen zu fangen, die sich trotz des bewegten Wassers und Lärms, wie mit dem Kiesgrund verwachsen, nicht vom Fleck zu bewegen schienen. Andere rissen Zweige von den Sträuchern, warfen sie ins Wasser, rannten auf die benachbarte zwei Meter hohe mit Rundstämmen befahrbare Muglitzbrücke und torpedierten die als Schiffchen vorbeiziehenden Zweige. Wieder andere sprangen vom Ufer ins Wasser und wetteiferten um den weitesten Sprung. Auf der unmittelbar auf dem Wasser schwimmenden Spülbrücke lagen Mädchen und Jungen nebeneinander, streckten die Arme weit greifend ins Wasser, bespritzten sich oder demonstrierten einen Waschtag. Und am Rande des Spiels stritten zwei Jungen. Künstliches Spielzeug gab es nicht. Und wenn jemand einmal einen Ball mitbrachte, dann waren Lärm und Zugriff auf den Ball so stark, daß er bald die Luft hergab und dann unbeachtet irgendwo auf dem angrenzenden Felde lag. Idee und Tat schienen bei wechselnden Szenen unerschöpflich.

Aber nun zum Schwimmen. Ja, was haben wir geübt! Wir ließen uns auf das Wasser fallen, machten mehrere Züge mit ausgebreiteten Armen, setzten dann aber schnell wieder die Beine auf den Grund, um nicht unterzugehen. Dieser Vorgang wiederholte sich unzählige Male. Und irgendwann begann man, den Mitübenden und Zuschauern einbläuen zu wollen, man könne schwimmen, warf das eine Bein hoch, stützte sich geschickt, ohne viel Aufmerksamkeit zu erzeugen, mit dem anderen Bein auf dem Bachgrund und täuschte die Kunst des Schwimmens vor. Die Vorstufe des Schwimmens war das Unterwasserschwimmen. 10, 15, 20 Züge, wir maßen die Strecke nach Schritten, schafften wir unter Wasser. Mittlerweile waren seit den ersten Anfängen Jahre vergangen, wir waren vielleicht 9 Jahre jung, zwar noch nicht des Schwimmens fähig, aber ein wenig Paddeln konnten wir schon und Unterwasserschwimmen ohnehin. Nun hielt uns nichts mehr im Planschbecken der Muglitz, nun ging's zur Persante.

Eine beliebte und vielbesuchte Badestelle Denzins in der Persante war Gerfins Ort nahe dem Persantesteg (Fußbrücke über die Persante) im Zuge des nach Denzin und Roggow führenden Kirchsteigs (auf Belgarder Seite in Höhe des Bullenbergs). Hier badeten auch Einwohner Belgards aus der südöstlichen Vorstadt, besonders der Polziner Straße. Zu den herrlichen Badefreuden, die ich an Gerfins Ort mit der Schule, in Gruppen oder allein erlebte, gesellte sich eines Sonntagsabends im Jahre 1942 ein Erlebnis, das mich erschreckte und in Lebensgefahr brachte. Auch jetzt noch Nichtschwimmer lief ich gut hundert Meter flußaufwärts und ließ mich dann, wie ich dies schon häufig getan hatte, vom hohen Ufer gleitend, an einem Weidenstrauch ziehend, in die Flußmitte plumpsen. Die Persante war hier tief. Die ersten ca. 15 m schwamm ich unter Wasser. Dann wurde die Persante flacher, und ich konnte stehen und Luft holen. An diesem vermeintlichen Sonnabend nun führte die Persante, was ich nicht bemerkt hatte, Hochwasser. Als ich diesmal stehen wollte, um zu atmen, stellte ich zu meinem Erschrecken fest, daß ich keinen Grund bekommen konnte. In meiner Angst preßte ich die Luft an und schwamm ein weiteres Stück. Dann setzte ich die Füße auf den Grund des Flusses, schnellte hoch und in dem Moment, als ich die Wasserdecke durchstieß, atmete ich kurz ein. Ich legte eine weitere Strecke unter Wasser zurück, und endlich - konnte ich stehend atmen.

Wenn ich an die Streiche und Begebenheiten meiner Kindheit und Jungenjahre zurückdenke, wundere ich mich, daß trotz der häufigen Gefahr, in der wir lebten, niemand verunglückte. Wir tobten als Kinder an der Persante und im tückischen Moor umher, kletterten in die höchsten Bäume, sprangen, wenn die hohen Scheunen geleert waren, wie Katzen von Balken zu Balken, trieben Pferd und Kuh, entfachten und spielten beim Kühehüten mit Feuer, bewarfen uns, wenn Fehde angesagt, mit Steinen, krabbelten aufs Eis, wenn's noch gar nicht trug - und weiß der Deuwel, was nicht alles. Nur einmal, in der Dorfgeneration vor mir, erlag ein Mädchen seinen Verbrennungen, die sie sich während eines Feuers beim Hüten zugezogen hatte. Aber auch an Gerfins Ort erlebten wir Dorfkinder folgendes: Lehrer Willi Brümmel war mit uns baden gegangen. Auf der Belgarder Seite der Persante war das Ufer ungefähr 1,20 m tief steil abgegraben, und diese Stelle war Sprungbrett. Das Wasser war am Rande des Ufers für einen Köpfer hinreichend tief, wenn man weit genug sprang. Mitschüler Artur Manke rutschte beim Sprung aus und schlug im flachen Wasser auf. Er erhob sich und erschien mit Pausbacken; wir lachten, denn Artur war Spaßvogel von Natur. Erst, als ihm Blut seitlich aus dem Munde quoll, gewahrten wir den Ernst. Die Kinnlade war ihm ausgehakt; zwar reichte nicht, wie wir noch lange danach glaubten, eine Ohrfeige unseres Lehrers, erst der Arzt konnte die Kinnlade richten. Als ich dann ein Jahr später schwimmen konnte, steigerten sich die Badefreuden zu einem jauchzenden Vergnügen. Wir machten uns weitere Teile des Persantestroms untertan. Ließen uns irgendwo vom Ufer in den Strom fallen und in den erquickenden Fluten treiben. Beliebt war als Badestelle auch die Persante an der Einmündung der Muglitz. Hier machte die Persante einen Bogen, und diese Strömung mit der seitlich einmündenden Muglitz erzeugte einen Riesenstrudel, den wir mutig durchschwammen und in dessen Schlund wir hinab tauchten; aber entgegen Schillers Taucher erblickten wir immer wieder das Erdenlicht. Unvergeßlich ist mir auch der Teil der Persante unterhalb Denzins in Höhe des Weges Buerwischn bis in die Ackerhof'schen Fichten (Kiefern) hinein. Wo bis 1917 eine Brücke auf die Belgarder Seite führte, glitten wir - seitlich von den hier noch einzeln stehenden eichenen Brückenpfählen - ins Wasser. Wie die Kugeln eines Rouletts tanzten wir, die Arme ausbreitend, um die in die Persante hineinragende Halbinsel.

Die Persante ist in diesem Teil von besonderem Zauber umgeben. In den Windungen, sich bald dem rechten, bald dem linken Uferrande nähernd, schlängelt sie sich weitab von Weg und Lärm murmelnd über den kiesigen Grund. Weiden mit in die Flußmitte ausgestreckten Armen und vereinzelt krausköpfige Eichen, Erlen und Birken begleiten sie und dazwischen Gräser, Kräuter, Blumen. Wenn nicht gelegentlich der Ruf eines Vogels die Stille durchbräche, dann könnte man meinen, allein auf der Welt zu sein. Und über allem das unendliche Blau des pommerschen Himmels. Fischotter, die zu den fesselndsten Tieren gehören, haben hier ihren Bau. Wir lassen uns wie Schaumbällchen auf den Fluten wiegen, manöverieren nach 300, 400 Metern ans hohe Ufer, helfen uns stützend und ziehend nach oben, finden uns wieder in den Ackerhof'schen Fichten (Kiefern), toben durch den Hain, hangeln über den Vorwerk und Denzin begrenzenden tiefmoorigen Scheidegraben, springen über die Buerwischn - und wiederholen unsere Flußreise. Und jedesmal Entzücken, unendliche Freude! Und ich vergesse nicht die beglückenden Abendstunden im Glanze des Hochsommers, wenn die Nächte lau und der Tag nicht enden wollte und ein Bad in der Persante Geist und Körper erquickte. Die langen Schatten der Bäume segneten das vom Mondschein versilberte Persantetal, ein Nachtvogel schwirrte durch die Kühle und die Nachtigall, an der Persante zu Hause, schluchzte ein Liebeslied. Das Wasser strich zärtlich-wehmütig die im Wasser hineinhängenden Weidensträucher, als sei das Wasser des ewigen Wanderns müde. Und wenn ich selig darüber nachsinne: Das ist Heimat, das ist Pommern! Und ich hoffe, liebe Pommern, Sie fühlen sich bei diesen Erinnerungen hingetragen an ihr Flüßchen, an ihren Bach, an ihren See .... im weiten Pommernlande, an einen Ort, den außer uns heute schon niemand mehr nennt.

Wir segeln weiter auf der Persante und gelangen nach mehreren ausholenden Flußbögen zu einem geradewegs verlaufenden, eingedeichten Flußbett. Bildete bisher im wesentlichen die Mitte der Muglitz und Persante die Grenzen zwischen Denzin und Vorwerk einerseits und Belgard anderseits, so verläuft die weitere Grenze zwischen Vorwerk und Belgard nördlich davon im ursprünglichen Flußverlauf - bevor das Bett der Persante im Zuge des Eisenbahnbaus nach Neustettin Mitte des 19. Jahrhunderts verlegt wurde. Vor der hohen, mehrbogigen Kleinbahnbrücke der nach Rarfin führenden Kleinbahn liegen noch heute beidseits der Persante zwei große Betonblöcke. Hier baute das Deutsche Reich 1944 eine Umgehungsstrecke, die südwestlich von Belgard an das Eisenbahnnetz Belgard - Schivelbein - Stettin anschloß; der Eisenbahnknotenpunkt Belgard ließ sich so, wohl Bombenangriffe befürchtend, umgehen. Und jetzt sehen wir schon die nach Vorwerk führende Persantebrücke (Landrat-Graf-von-Kleist-Retzow-Brücke), bis ungefähr 1930 eine Pfahlbrücke, seither eine Stahl- bzw. Stahlbetonbrücke. Unser Reiseziel ist erreicht: die einstige Belgarder Fluß-Badeanstalt in Höhe des Kleinbahnhofs nahe dem Persante-Schlößchen. Die Persante ist hier majestätisch erhaben; das Baugeschäft Wilhelm Utech entnahm der Persante für die rege Bautätigkeit unseres wachsenden Persantestädtchens Sand und Kies und beförderte dadurch ein ideales Flußbad, das den Belgardern viele Badefreuden bescherte.

Wir wollen eines Belgarder Lehrers, der sich um den Schwimmsport verdiente machte, ehrend erinnern: Gustav Krause. In seiner damaligen Eigenschaft als Erster Vorsitzender des Turnvereins Belgard 1861 opferte Gustav Krause Freizeit, Kraft und Geld. Sein Grundsatz: "Jeder Turner ein Schwimmer, jeder Schwimmer ein Retter!" Hier lernten viele Schüler und Jugendliche das Schwimmen und Tauchen. Anfang der zwanziger Jahre führte Lehrer Gustav Krause das Schwimmen als Übung im Verein ein. Die Schwimmabteilung des Vereins beteiligte sich alljährlich an den in Köslin durchgeführten Schwimmfesten des Persantegaues und siegte fünf Jahre in der Bruststaffel des Vereins in der Besetzung Wilhelm Reinke, Paul Reinke und Artur Baumann (wer war der vierte Wettkämpfer?) gegen starke Konkurrenz, wie die Kösliner Schutzpolizei, den Kösliner und Kolberger Turnverein. Darüber hinaus gewann die Schwimmabteilung zahlreiche Einzelsiege im Schwimmen, Tauchen und Kunstspringen. Bei dem Schwimmfest des Pommerschen Turnkreises in Anklam im Jahre 1927 errang die Mannschaft mit Gebrüder Reinke, Baumann und dem vierten, mir nicht bekannten Schwimmer, mehrere Siege. Im Streckentauchen wurde Paul Reinke Erster. Lehrer Krause trat immer wieder an die Behörden heran mit der Bitte, eine zeitgemäße Sportplatzanlage mit Schwimmbad zu schaffen; denn das Flußbad, so herrlich es auch sein mochte, genügte nicht den Anforderungen einer wachsenden Kreisstadt mit zuletzt 16.000 Einwohnern, zumal da Wettkämpfe in dem Flußbad nicht oder nur bedingt durchgeführt werden konnten. Sein Werben wurde erhört; Lehrer Gustav Krause bereitete den geistigen Boden für den Bau der großzügigen Sportplatzanlage mit Schwimmbad an der Leitznitz, die am 30. August 1930 eingeweiht wurde und mit dessen Bau sich Bürgermeister Dr. Kurt Raasch. Stadtbaurat Dr. Ing. Fritz Nohse und Stadtverwaltungsrat Carl Parlitz ein Denkmal setzten. - Viele Belgarder setzten sich dafür ein, die Flußbadeanstalt in der Persante neben der neuen Badeanstalt zu erhalten; die Stadt versetzte jedoch aus Kostengründen den Schwimmeister als Aufsicht von der Persante in das neue Schwimmbad und schloß offiziell die Flußbadeanstalt.

[Dai Schulteknüppel Nr. 58, S. 12-17]