Die Besetzung der Stadt Belgard durch die Rote Armee

Fast 60 Jahre sind nunmehr vergangen, als das Inferno
des Krieges leidvoll über uns hereinbrach. Wir wollen
darüber in mehreren Beiträgen berichten - gegen das
Vergessen - und beginnen mit diesem Artikel


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Die deutsche Verteidigung war, da es an Soldaten und schwerer Bewaffnung mangelte, außerstande, dem Ansturm des sowjetischen Massenheeres zu widerstehen. Die 1. sowjetische Garde-Panzerarmee erreichte bereits am 31. Januar 1945 Küstrin an der Oder und bezog damit eine Frontlinie südlich von Belgard, ca. 80 Kilometer entfernt. Die sowjetischen Panzertruppen des 3. Garde-Panzerkorps nahmen am 26. Februar 1945 eine Linie ein von Stepen über Porst bis Bublitz. Weil die sowjetische Armee bis zu 40 Kilometer hinter der Panzereinheit zurückblieb, ließ Marschall Rokossowski die Panzer hier, nur 40 Kilometer vor Belgard, halten.

Die Russen vor Belgard! "Als der Haugsdorfer Frontbogen aufgegeben wurde, war auch die Bunkerlinie an der Pilow nicht mehr zu halten. Die Stellung wurde (am 2. März 1945) geräumt, ohne daß der Feind es bemerkte. Mich erreichten zwei Befehle. Einmal mußte ich die Kompanie von Hauptmann Bruns abgeben; sie erhielt einen Sonderauftrag bei Polzin. Zum anderen wurde mein Bataillon als Korpsreserve zum Gefechtsstand des Generalleutnants von Tettau abgestellt. Es war ein langer, kräftezehrender Marsch dorthin. In einem Gutshaus (Groß Poplow; d. Verf.) empfing mich zunächst der Ia des Korps, schon sehr ungeduldig. Der General, im ersten Stock des Hauses, tobte, als ich ihm sagte, meine Leute hätten 24 Stunden keinen Schlaf gehabt; sie seien völlig erschöpft und brauchten vor neuem Einsatz eine kurze Ruhepause." (Heinz Fligge, Major und Kommandant I. Btl. Fähnrich Regiment) Der General wußte, was ihn so gereizt und ungehalten gemacht hatte: Der Sperriegel Alt-Valm, der als letzter Bärwalde schützte, würde nicht mehr lange halten. Damit mußte für den Russen, der aus dem Raum Bublitz bereits zum Vorstoß auf Belgard angesetzt hatte, bald auch der Weg nach Bad Polzin offen sein. Schlimmer: Die Lage beim angrenzenden 2. SS-Korps bei Dramburg war inzwischen so katastrophal, daß es in absehbarer Zeit zurückgehen müsse. Dann würde ihm der Rückzugsweg nach Westen abgeschnitten werden. Selbst zu schwach, diesem bedrängten Nachbarn zu helfen, entschloß sich Generalleutnant von Tettau zum Stellungswechsel seines Korpsstabes nach Kamissow unweit Belgard. Wenn schon die Verbindung zu Generalleutnant Krappe abgerissen war, wollte er wenigstens Kontakt mit Generalmajor Munzel gewinnen, der sich seit kurzem bei Köslin aufhielt. Munzel sollte dort aus Teilen der 33. (französischen) SS-Freiwilligendivision "Charlemagne", mit der ihm in Aussicht gestellten SS-Division "Frundsberg", im übrigen aus Versprengten und irgendwie noch greifbaren Resttruppenteilen in Anlehnung an die Ostsee ein Verteidigungsfeld nach Osten aufbauen.


Freitag, 2. März 1945

Noch nach Plan und mit einiger Ordnung waren die Bombenflüchtlinge zur Rückfahrt in ihre Heimatorte aufgerufen und abtransportiert worden. "Wir waren noch über 200 Schülerinnen, Kollegen und Mütter der Kinder (unserer Freiherr-vom-Stein-Schule Bochum). Von 9 bis 16 Uhr warten wir auf dem Bahnhof in eisiger Kälte auf den Flüchtlingszug, der, von Nassow kommend, schon sehr besetzt war und uns endlich gegen 17 Uhr aufnahm. Nach einer Stunde Bahnfahrt stand der Zug vor Schivelbein. Panzerspitzen hatten sich vorgeschoben. Nach langem Warten fuhren wir nach Belgard zurück, wo der Zug am Sonnabend, dem 3. März, abends wieder ankam. Nun sollte versucht werden, über Kolberg an der Küste entlang nach Stettin zu gelangen. Kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof Kolberg stand der Zug wieder still. Wieder verwehrten russische Panzer, die erst bekämpft werden sollten, die Weiterfahrt. Wir fuhren in eine geschützte Mulde zurück und blieben zwei Tage und Nächte wartend im eiskalten Zug sitzen. Als keine Einfahrt mehr möglich war, verließen wir alle gegen 3 Uhr morgens am 6. März den Zug und schlichen uns unter Zurücklassen allen Gepäcks in den Hafen." (Od 10-445)


Sonnabend, 3. März 1945

In Alt-Schlage bog die russische Panzerkolonne in Richtung Belgard nach Norden ab, überraschte in schneller Folge die Dörfer Arnhausen, Groß und Klein Rambin und bildete in der Abenddämmerung eine Igelstellung. Nach Einbruch der Dunkelheit klärten die Russen die Umgebung auf. Als sie Standemin schon wieder verlassen hatten, ging hier ein Alarmbataillon der Garnison Belgard zur Sicherung der Belgarder Chaussee in Stellung. Schon den ganzen Tag hatte über Belgard eine Spannung gelastet, die das nahende Unheil ahnen ließ. "Am Vormittag wurde es auch bei uns unruhig. Die Überlandzentrale hatte sämtliche Kraftwagen eingesetzt, um die Frauen und Kinder (ihrer Bediensteten) wegzubringen. Aber wo sollten die anderen alle hin? Es hieß, daß die Russenpanzer schon in Schivelbein wären. Trotzdem ließen die beiden Belgarder Ortsgruppenleiter Pascheke und Aschenbrenner Plakate ankleben: Für Belgard besteht kein Räumungsbefehl." (K. Kath, Belgard)

"Am Sonnabend Abend saß ich mit einigen Bekannten im Lokal Artur Paske. Unter uns war auch der Stabsintendant der Standortverwaltung. Um 15.30 Uhr wurde er von der Truppe angerufen: Höchste Alarmstufe! Wir eilten sofort nach Hause. Kaum angelangt, ertönte der Räumungsalarm durch die Sirene." (W. Schwantes, Belgard)

Am Abend der Flucht in Belgard (3. März) pries sich auf dem Bahnhof glücklich, wer einen Zug nach Kolberg besteigen durfte; aber niemand wußte, daß die Reise schon zum Glücksspiel geworden war. "Wir sind am Sonntag, dem 4. März, gegen 0.30 Uhr von Belgard durch den Bahnhof Körlin gefahren und Ohrenzeugen von Maschinengewehrfeuer geworden. Unser Zug kam bis Alt-Tramm (in kurzer Zeit stauten sich vor Kolberg - allein aus Richtung Belgard - 22 Züge) - Frau Spechts Fahrt, die nach uns Belgard verlassen hat, war in Degow - 10 km vor Kolberg - zu Ende, wo sie von der sowjetischen Armee überrollt wurde und am 7. März nach Belgard zurückkehren mußte." (Manfred Gruhnke, Belgard).


Sonntag, 4. März 1945

"Nachmittags gegen 15 Uhr erfuhr ich, daß der Befehlshaber der Kampfgruppe, General von Tettau, sich im Rathaus der Stadt Belgard aufhalte. Ich entschloß mich daraufhin, ihn gemeinsam mit dem Bürgermeister der Stadt Schivelbein aufzusuchen. Wir wurden sofort vorgelassen. Der General erklärte uns, daß die Lage sehr ernst sei. Er habe sich zu einem Durchbruch entschlossen. Zwei Stunden, nachdem die Truppen die Stadt verlassen hätten, sei mit dem Einmarsch des Feindes zu rechnen. Auf unsere Frage, was noch zum Schutze der Bevölkerung geschehen könne, erklärte er, daß nicht viel getan werden könne, wenn die Bevölkerung sich in den Kellern aufhalte, könne ihr bei dem zu erwartenden Beschuß nicht viel passieren." (Landrat Mehliß, Belgard)

"Am Sonntag, 4. März, hielten auf der Straße von Belgard nach Körlin Doppelreihen von Trecks und Wehrmacht mit Panzern und Artillerie. Die letzten Wagen standen wohl in Belgard in der Wilhelmstraße, es gab kein Vorwärts. Gegen 11 Uhr ging eine Abteilung Artillerie auf meinem Kleefeld in Stellung. Sie schossen, was die Rohre hergaben in Richtung Standemin, Kamissow und Podewils, um die Angreifer abzuschrecken. Sie waren von dort im Anmarsch. Um 14.30 Uhr kamen zwei russische Flieger und beschossen von Redlin ab die Straße nach Körlin. Es gab eine Panik, ein wildes Fahren von Trecks und Wehrmacht, und es gab Tote und Verwundete. In kurzer Zeit war alles runter von der Straße. Viele eilten in den Wald oder suchten im leeren Dorf Redlin Schutz." (B. Priebe, Redlin)

Die sowjetische 1. und 2. Garde-Panzerarmee hatten am 2. März 1945 den operativen Durchbruch nach Norden erzwungen und bewegten sich frei in einem günstigen Gelände ohne wesentliche Hindernisse und ohne ernstliche Bedrohung durch deutsche Kräfte. So konnte die 1 Garde-Panzerarmee über Wangerin, Labes, Regenwalde schnell nach Norden Raum gewinnen und am 3. März 1945 abends mit einer Vorausabteilung den Südwestrand von Kolberg erreichen. Die sich fächerförmig entwickelnden feindlichen schnellen Verbände standen am 4. März 1945 an der Küste westlich von Kolberg und westlich der Persante bei Belgard und Körlin. Die Russen mit einem Panzerrudel vor Belgard!

Über die Kämpfe in Belgard liegen wenig Unterlagen vor. Kommandant des Platzes war ein Oberst, dessen Name nicht mehr zu ermitteln war. An der Persante hatte man eine Sperr- und Auffanglinie gebildet mit der Front nach Westen, weil bekannt war, daß feindliche Panzer aus Südwesten in den Raum von Kolberg vorstießen. Aus versprengten und umherirrenden Soldaten wurden Alarm-Einheiten gebildet, deren Kampfmoral aber nicht groß war. Der Führer des dortigen 3. Alarm-Bataillons berichtet, daß dieses Bataillon 2. März bei Standemin, südwestlich Belgard, eingesetzt war zum Schutz von Belgard gegen Westen. Der vom Gegner nur schwach besetzte Ort Standemin war am 3. März wieder feindfrei, doch brach von dort aus am 4. März gegen 16.00 Uhr eine Feindgruppe mit 19 Panzern und Begleitfahrzeugen auf der Straße nach Belgard vor. Rittlings der Straße lagen je eine Kompanie des Alarm-Bataillons mit drei bis vier Panzerfäusten und einigen Tellerminen. Es war nur ein MG vorhanden, ferner gab es beim Bataillonsgefechtsstand zwei Geschütze 2-cm-Vierling und eine alte Pak ohne Richtoptik. Alte Soldaten können sich leicht vorstellen, was das für eine Truppe und Abwehrkraft war. Die sowjetischen Panzer fuhren unbehelligt zügig vorwärts und überrannten die Stellung. Die Soldaten in der Nähe der Straße steckten die Gewehre in die Erde und hoben die Hände. Die oben erwähnte Pak schoß auf 50 Meter Entfernung einen Panzer in Brand, die Vierlinge jagten die Troß-Begleitmannschaft in Deckung. Der angeforderte Artillerie-Feuerschutz von einem in Belgard stehenden Eisenbahn-"Panzerzug" (mit auf offene Güterloren gesetzten Kanonen) blieb aus. Da alle Geschütze sich verschossen hatten, wurden die Verschlüsse abgebaut, und der Rest der Truppe setzte sich vom Gegner ab, der jetzt nur vorsichtig folgte. Auf der Persante-Brücke befand sich eine lächerliche Panzersperre zwischen dem Elektrizitätswerk und der Schule. Sie wurde von zwei Offizieren mit Panzerfäusten im Schutze der Dunkelheit verteidigt, wobei zwei Feindpanzer in Brand geschossen werden konnten. Bis zum 5. März nachmittags 17.00 Uhr erfolgte an dieser Stelle keine Feindtätigkeit mehr. Die menschenleere Stadt wurde dann in Richtung Polzin verlassen.

In der Besprechung bei Landrat MehIiß teilte Generalleutnant von Tettau am Nachmittag mit, der Feind habe die Stadt eingekesselt, die Bevölkerung keine Fluchtchance mehr; er würde das Risiko eines verlustreichen Ausbruchs mit den verfügbaren Teilen seiner Korpsgruppe nicht scheuen. Anders als die Zivilbevölkerung, die in den Kellern Schutz suchen sollte, bekamen nun die Soldaten in den Kasernen und Wehrmachtsdienststellen den Befehl, sich nach Möglichkeit aus der Erschließung zu befreien. Zu dieser Zeit waren die Russen westlich der Persante schon dicht an die Stadt herangekommen. Es kam alles darauf an, noch vor Eintreffen des russischen Angriffskeils aus Richtung Groß Tychow die Ausfallstraße nach Bad Polzin zu erreichen.

"Einzelne Truppenteile waren bereits an die Ausgangsstraßen von Belgard befohlen. Feindberührung wurde aber noch nicht gemeldet. Der Adjutant, Oberleutnant Hellermann, erschien, unterhielt sich einen Augenblick mit uns, stand auf und sagte: "Auf Wiedersehen, meine Herren, wir treffen uns dann gegen 22 Uhr an der Straße Polzin-Klempin." Das war alles. Kein Befehl. Soweit wir unsere Soldaten erreichen konnten, erteilten wir die Befehle. Leider vergaß man vollkommen, die Genesenden-Kompanie, bei der sich viele hilflose Kriegsbeschädigte befanden, und das Küchenpersonal zu benachrichtigen. Um 19.30 Uhr verließ ich (mit den Zahlmeistern Höfs und Wortershäuser) die Kaserne. Was für ein Durcheinander trafen wir an! Alle Truppenteile hatten sich gleichzeitig in Bewegung gesetzt. Auf Wagen, zu Pferde, zu Fuß oder per Rad bewegten sich die Soldaten in langem Zuge auf der Straße durch Belgard in Richtung Polzin. Immer häufiger wurde nun schon in die Stadt geschossen, an verschiedenen Stellen stand sie schon in Brand, und in der Friedrichstraße waren die Schaufenster bereits in Scherben gegangen. Neben der Badeanstalt trafen wir ein Fuhrwerk mit den Angestellten des Standortgeschäftszimmers. Major Nagel war mit seinem Fuhrwerk festgefahren. Unsere Versuche, ihm rauszuhelfen, schlugen fehl. Ungehindert kamen wir zuerst auf die Straße nach Klempin, dann auf die nach Polzin. Deutsche Panzer kamen schon aus der ersten Stellung. In Bolkow wurde die erste Rast gemacht. Es lag ein Befehl zum Marsch über Arnhausen nach Groß Rambin vor. Bei leichtem Schneetreiben machten wir uns auf den Weg. Man erzählte uns, wir müßten noch aus diesem Kessel heraus, dann befänden wir uns in der Freiheit. Aus diesem einen Kessel wurde aber wohl sieben." (Otto Holznagel, Belgard)

Bezeichnend ist die vom gleichen Mitkämpfer geschilderte folgende Episode: "In einem Wagenschuppen der Schleebach-Kaserne (richtig: Von-Scholz-Kaserne am Schleeberg) in Belgard traf er auf Hunderte von frisch eingezogenen Rekruten, "die einen sehr verstörten Eindruck machten und deren Führungsorgane entweder einem 'Helden-Greif'-Kommando in die Finger gefallen waren oder, was Ieider auch zu befürchten ist, sich ihrer Aufgabe entzogen haben." Mit Hilfe von zwei Offizieren, einigen Unteroffizieren und älteren Mannschaften der in Belgard stehenden Heeres-Flak-Artillerie-Ersatz- und Ausbildungsabteilung 272 wurden diese für einen Kampfeinsatz gar nicht in Frage kommenden Jungen truppweise in Marsch gesetzt in Richtung Polziner Chaussee. Jeder der alten Soldaten war verwundet, sogar ein doppelt Amputierter dabei. Dennoch glückte es, im Laufe der Nacht während des Marschierens eine gewisse Ordnung in die Kolonne zu bringen und der besseren Führung halber fünf Kompanien zu bilden, die natürlich keineswegs eine Truppe darstellten. "Eine wertvolle Hilfe waren die etwa 40 bei der Ersatzabteilung gewesenen Frauen der Büros und Werkstätten, die durch ihren persönlichen Einsatz so manchem der Jungen überhaupt ermöglicht haben, die Strapazen der nun folgenden Woche durchzustehen." Diese Einheit fand dann glücklicherweise Anschluß an die Korpsgruppe von Tettau und gelangte mit dieser an die Küste bei Hoff und später über Dievenow hinter die deutsche Front.

Mit einiger Verzögerung hatten die Angehörigen der Genesenden-Kompanie doch den Befehl zum Aufbruch erhalten. "Am 4. März bekamen wir Verwundeten in Belgard den Befehl, uns aus der Stadt herauszuschlagen. Der Stadtrand brannte lichterloh. Wir versuchten, auf der Chaussee Belgard-Polzin herauszukommen, mußten aber umkehren. Die Frauen, die mit uns zogen, wollten wir keinesfalls preisgeben. So kamen wir auf die Chaussee nach Standemin. Als wir nahe bei Kamenzhof, 4 Kilometer vor Belgard (vermutlich Wiesenhof, Anm. d. Verf.) waren, tauchten plötzlich russische Panzer vor uns auf. Der Russe schoß sofort, trotzdem entwichen ihm einige von uns. Ich unternahm auch einen Fluchtversuch, doch da trat mir ein Russe mit der Maschinenpistole in den Weg. Mit einem Unteroffizier, 20 Mann und zwei Frauen wurden wir nachts um 2 Uhr nach Standemin abgeführt." (B. Grusowski, Soldat in Belgard) Zu dieser Zeit wurden in der Belgarder Innenstadt (Hasenstraße, Zimmerplatz, Polziner Straße) die letzten Geschütze gesprengt. Eine schlaflose Nacht für die zurückgebliebene Bevölkerung von Belgard, endlose Stunden der Angst. Wann rücken die Russen ein?


Montag, 5. März 1945

Am Morgen liefen junge Männer durch die Straßen und machten bekannt, daß der Feind in einigen Stunden die Stadt besetzen würde und daß es sich empfehle, weiße Tücher aus den Fenstern zu hängen, sich aber nicht an den Fenstern zu zeigen (P. Neske, Belgard). Unsere Soldaten hatten einige Stunden zuvor die Stadt verlassen. Vor dem Gymnasium standen drei Flak-Geschütze. Es kam leider vor, daß Soldaten die Waffen in die Häuser warfen, auch in unserer Turnhalle lagen solche. Das hatte in manchen Fällen später schlimme Folgen für die Zivilisten (W. Behnke, Belgard). Am frühen Vormittag stürzten sich die russischen Panzerrudel auf die Stadt; überfallartig rollten sie gleichzeitig durch die Friedrichstraße zum Markt, durch die Luisenstraße zum Bahnhof und durch die Kleiststraße. "In der Torstraße hatten sich Flüchtlingstrecks mit ihren Wagen aufgestellt. Sie wurden niedergewalzt. Ein grausames Bild. Ähnlich - nicht ganz so schlimm - sah es in der Friedrichstraße aus. Um 11 Uhr rückten dann Kosaken durch, die sich am Verpflegungsdepot den nötigen Alkohol genommen hatten." (W. Schwantes, Belgard)

Nun begann auch in Belgard die Zeit, daß jeder in jedem Augenblick das Schlimmste fürchten mußte. Doch im gnadenlosen Zwang zum Ringen um das Überleben gab es noch aufopfernde Hilfsbereitschaft. "Noch immer kamen Flüchtlinge aus Ost- und Westpreußen und fanden Zuflucht im Gymnasium. Hier starben täglich alte Leute und Säuglinge ohne jede Hilfe. Nur Fräulein Strutz blieb und betreute allein die Leute." (W. Behnke, Belgard). Obgleich Belgard nicht verteidigt wurde, schossen die Sowjets am 4. und 5. März mit Artillerie und Panzern in die Stadt und besetzten sie; wesentliche Gebäudeschäden entstanden nicht. - Im polnischen Ortsprospekt von Belgard (1979) heißt es: "Die Stadt wurde nur durch kleine Kräfte verteidigt.... Am 5. März infolge der Nachtkämpfe und Artilleriebeschießung ist Bialogard befreit worden. Nach dem Bericht des sowjetischen Informationsbüros erlitten den Tod 1.300 Nazis, und 500 sind in Gefangenschaft geraten. Vernichtet wurden 123 Tanks und 16 Panzerwagen." (Verf.: Doch wohl falsch!)

Günter Behling, Denzin, führte Tagebuch; er schreibt: "Mittwoch, 28. Februar 1945: Unsere Tante Anna Hackbarth aus Darkow, die uns nach dem Tode unserer Mutter den Haushalt führt, bringt aus Belgard die Nachricht mit: 'Sowjetische Panzer nach Bublitz durchgebrochen in Richtung Köslin.' Wir hören Kanonendonner, des Nachts sehen wir Brände. Sonnabend, 3. März 1945: Schwerer Kanonendonner. Tante Olga Graf und Tochter Gisela gehen nach Belgard: 'Keine Räumung. Dramburg und Schivelbein brennen. Gramenz feindfrei.' Fünf deutsche Soldaten quartieren sich bei uns ein. Geschützdonner in Richtung Schivelbein. Leuchtkugeln; gegen 19 Uhr, während wir essen, ertönen die Sirenen in Belgard. Leuchtkugeln in allen Farben, Aufblitzen, Geschützdonner, Latziger Feldscheune in Flammen. Mahlende Geräusche. Ganze Nacht hindurch Panzergerassel. Um 20.30 Uhr kommt unser Franzose: 'In zwei Stunden räumen, eine Straße noch frei.' Doch niemand fährt. Sonntag, 4. März 1945: Kampflärm bei Belgard während des ganzen Tages. Wir bringen den deutschen Soldaten, die südlich von Denzin - vom Schwarzen Berg (Grüssower Straße) entlang der Roggow-Lenzener Landstraße (Ackerweg) eine Auffang- und Sicherungslinie aufgebaut hatten, Kaffee. Montag, 5. März 1945: Überall brennt es. Der Schlachtenlärm verebbt. Nachmittags fahren ca. 30 sowjetische Panzer auf der Belgard-Grüssower Chaussee in Richtung Schivelbein. Bei uns kehren drei deutsche Soldaten auf Fahrrädern ein. Zwei deutsche Soldaten kleiden sich bei Schumacher um und ziehen weiter." Am Schwarzen Berg in Denzin, und zwar an der von Belgard nach Grüssow führenden Landstraße, war ein altes, 8,8 cm-Flakgeschütz in Stellung gebracht worden; und ebenfalls am Schwarzen Berg oberhalb Kaddatz standen Besatzungen mit 2 cm Vierling-Geschützen bereit. Zu Kampfhandlungen kam es nicht.


Literatur

1. Heimatbuch 700 Jahre Stadt Belgard an der Persante. Manfred Pleger, Laboe 1999.
2. Lindenblatt, Helmut: Pommern 1945. Leer 1993.
3. Murawski, Erich: Die Eroberung Pommerns durch die Rote Armee. Boppard am Rhein 1969.
4. Polnischer Ortsprospekt in deutscher Sprache: Bialogard und Umgebung, 1979
5. Tagebuch Günter Behling, Denzin


[Dai Schulteknüppel Nr. 49, S. 46-52]