Aus Briefen von Frau Dr. phil. Maria Haß 1945

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Herr Friedrich Valentiner, heute wohnhaft in Hamburg, übersandte mir Kopien von 20 Briefen, die Frau Dr. Haß aus Belgard, Wiesenweg 5, in der Zeit von Januar bis Februar 1945 an ihren Ehemann, Zahnarzt Dr. Kurt Haß, der zum Kriegsdienst eingezogen war, schrieb, und ermächtigte mich, die allgemein interessierenden Passagen daraus zu veröffentlichen. Ich bin diesem Wunsch sehr gern gefolgt. Frau Dr. Haß war meine Lieblingslehrerin an der Oberschule für Jungen in Belgard. Zu gern hätte ich ihr für alle Förderung, auch ihre persönliche Zuwendung gedankt. Doch als sie die Treffen in Celle besuchte, hatte ich andere Sorgen, um nach Celle zu reisen. Und nachher war es - wie so oft im Leben - zu spät. Herr Rudolf Trapp aus Lenzen hat die Briefe freundlicherweise bearbeitet und das nachstehende Kompendium, in dem sehr eindrucksvoll über die Schicksalstage Anfang des Jahres 1945 berichtet wird, verfaßt. Gern hätten wir sicherlich auch über die Ereignisse von Frau Dr. Haß in den weiteren Tagen erfahren; doch leider sind diese Briefe verlorengegangen. Manfred Pleger


Dr. Maria Haß - aus Brief 1 vom 10.1.1945, Freitag

Gestern Schneegestöber auf dem Weg vom Bahnhof nach Hause. Zug pünktlich angekommen. Eine Frau Haase mit Sohn Wulf kommt zu Besuch. Am nächsten Tag Medizin für Frau Haase beschafft. Bedenken zum Hier-Bleiben-Können. Zum Mittagessen gibt es Dorsch. Nach dem Mittagessen sonniges Wetter und + 1° C. Aus dem Garten Grünkohl und Rotkohl zu dem für Sonntag geplanten Putenbraten geholt. Info über eine Frau, die vormittags zur Kaserne zum "Stopfen von Wäsche" geht und dabei für 10 Pfennig pro Tag und 50 Gramm Fleischmarken pro Tag sehr gutes Essen erhält. Die Zuteilung von Kohlen zum Heizen soll auf 70 Prozent gekürzt werden und Empfehlung, daß man sich gegenseitig mit warmen Zimmern und Kochgelegenheiten aushelfen solle - das Wetter sei zwar zum Teil relativ mild und Kohle läßt sich also sparen. Törichte Gedanken?


Aus Brief 2 vom 24.1.1945, Mittwoch

Zahnärztliche Instrumente (des einberufenen Ehemanns) transportbereit in eine Kiste verpackt. Eventuell notwendiges Gepäck für eine möglich eingeschätzte Abreise zusammengestellt. Flaschen aus dem Keller entfernt und unsichtbar unter einem Bett verstaut. Notwendigkeit gesehen, Mitmenschen, die Befürchtungen äußern, immer wieder zu beruhigen. Verlautbarungen im Wehrmachtsbericht sind erschütternd, Russen rücken bereits auf Elbing vor. Hier herrscht allgemein noch Ruhe, jeder bereitet sich jedoch auf eine mögliche Flucht vor. Wenn wir hier doch weg müßten, dann wäre alle Vorsorge Hab und Gut zu verwahren sinnlos. Hauptsache jetzt, den Kopf oben behalten!


Aus Brief 3 vom 26.1.1945, Freitag

In der Oberschule gibt es ein Heerlager von Flüchtlingen. In großen LKW-Postwagen wurden Menschen und Gepäck verstaut. Im Zimmer von Direktor Dumjahn versammelten sich gestern alle Lehrkräfte, aber größtenteils in eisigem Schweigen zu den aktuellen Ereignissen. Es war das Beisammensein einer Trauergemeinde. Ein provisorischer Unterrichtsplan war bereits nach der Ausgabe aus Raummangelgründen überholt. Die Situation in der Stadt: Holzeinschlag für die Bäckereien, Schulen sollen Holz in den städtischen Forsten sammeln. Beschreibung zum Einräumen von Zimmern für die Einquartierung Bedürftiger. Aus der Nachrichtensendung: Die Russen versuchen vorzustoßen aus der Umgebung von Posen in Richtung Netzebruch. An- und abfahrende Züge haben große Verspätungen. Meldung von Kämpfen um Marienwerder, Marienburg und Königsberg.


Aus Brief 4 vom 27.1.1945, Sonnabend

Heute Nacht sehr dichtes Schneetreiben bei eisigen Temperaturen. Gedanken an die vielen Mitmenschen, die draußen zu warten haben. Wir verzweifeln aber noch nicht. Nächtlich angeordnete Einquartierung, ein Dienstmädchen mit zwei Kindern eines Kreisleiters aus der Nähe Elbings will noch heute mit LKW weiter in Richtung Stettin. Die Russen haben bereits Schneidemühl erreicht und versuchen dabei über Pyritz nach Stettin durchzubrechen, doch dann wären wir hier von einem Ausweg über die Oder abgeschnitten. Man hört und sieht , daß es besser ist, zu bleiben, als zu gehen: Kinder erfrieren in den Viehwaggons, alte Leute. Man erzählt auch, Hitler sei in Schneidemühl gewesen, und alle klammern sich an die letzte Hoffnung, an eine Waffe. Von der er gesagt habe, Gott möge ihm vergeben, wenn er sie in den letzten 10 Minuten anwenden müsse.


Aus Brief 5 vom 29.1.1945, Montag

Vorübergehend von mir aufgenommene Flüchtlinge sind gestern weitergeleitet und auf dem Lande untergekommen. Beim Hilfsdienst im Bahnhof von erlebten, furchtbaren Szenen erfahren zum Beispiel von Säuglingen, deren Mütter gestorben sind oder von toten Säuglingen, erstarrt in gefrorenen Windeln, die viele Tage nicht gewechselt werden konnten, von Menschen, die wahnsinnig wurden. Viele Menschen versuchen wegzukommen und gehen auf die Reise ins Ungewisse, zumeist ins Elend. Den Bochumer Schülerinnen mußte verboten werden, auf eigene Faust loszufahren, um eine Unruheauslösung zu vermeiden. Lebensmittelbedarf habe ich abreisenden Verwandten aus eigenen Vorräten mitgegeben.


Aus Brief 6 vom 30.1.1945, Dienstag

Hoffnung auf positive Veränderung der Bedrohungslage. Aber Gefahr kommt dann, wenn man bei weiterem Vordringen der Russen vom Ausweichen über die Oder abgeschnitten würde. Feldpostpäckchen an ihren Mann im westlichen Teil Deutschlands. Die Bochumer evakuierten Schüler sind immer noch nicht abgereist. Ihnen wurde aber versichert, daß sie rechtzeitig rauskommen würden. Der betreuende Rektor der Bochumer Schüler kann gegen das Verzögern der Abreise nichts unternehmen ohne Gefahr zu laufen, dafür bestraft zu werden. Immer wieder ankommende Flüchtlinge werden jetzt zum Teil auf dem Land untergebracht.


Aus Brief 7 vom 1.2.1945, Donnerstag

Seit heute fahren auf den Hauptstrecken keine Personenzüge mehr für Zivilpersonen. Es gibt nur noch Truppentransporte. Hoffnung darauf, daß ein Zurückdrängen der Russen doch noch gelingen könne. Ausreiseweg über Kolberg, jedoch die Stadt ist voller Flüchtlinge. Neustettin soll schon geräumt worden sein. Bei dem Vormarschtempo müßten die Russen in einer Woche in Belgard sein. Zur Zeit fällt Regen bei Tauwetter. Die Straßen sind voller Flüchtlinge. Noch kann auf Lebensmittelkarte eingekauft werden. Beschreibung von Vorbereitungen auf die Zeit des Russeneintreffens vom Verstecken der Dokumente bis zum Wegbringen von Wein und Lebensmitteln. Die Bochumer sind immer noch da und die Aussicht wegzukommen wird immer geringer.


Aus Brief 8 vom 9.2.1945, Freitag

Die Hoffnung, in Belgard weiter auszuharren, gerät bei mir immer mehr ins Wanken. Abwehrkämpfe um Deutsch Krone und Jastrow, sowie Kämpfe nordostwärts werden im Radio gemeldet. Auf jeden der versucht rauszukommen wird mit dem Finger gezeigt. Alle Straßen werden bewacht und die Soldaten werden auf gültige Marschbefehle kontrolliert. Auch Gaststätten werden auf Deserteure untersucht. Vom Bahnhof fuhr heute noch ein Zug, mit Reisenden dicht besetzt, in Richtung Berlin und drei Züge mit Flüchtlingen kamen aus Neustettin an. Sonst fuhren nur Züge mit Militär. PG Lehrer Beilfuß soll sich aus dem Staub gemacht haben. Sein verlassenes Haus wurde geöffnet und Flüchtlingen zugewiesen.


Aus Brief 9 vom 4.2.1945, Sonntag

Von morgens früh bis 12 Uhr Hilfsdienst im Bahnhof geleistet. Unverantwortliches Handeln der Verantwortlichen, so viele Menschen gleichzeitig auf die zu späte Reise ins Ungewisse zu schicken. Menschen schlafen hockend oder auf dem nackten Boden liegend, wo es gerade noch möglich ist. Auf Bahnsteig 3 steht ein Zug mit einem Teil D-Zug-Wagen, teils auch mit Viehwaggons. Ein Bild wie im Wartesaal, die Reisenden dicht gedrängt. Aber es kann noch Tage dauern bis die Abfahrt möglich wird. Menschen eines überfüllten Flüchtlingszugs erhielten warme Suppe und Brot. Doch es gab viel zu wenig. Auch Deserteure versuchten sich nachts unter die Flüchtlinge zu mischen. Vier wurden erkannt und ans Rote Kreuz verwiesen, aber sie gingen nicht. Viele Kinder im Zug riefen nach Brot, aber wir hatten nichts mehr zum Verteilen. Man könnte immerzu weinen! Aus dem Wehrmachtsbericht: Die Russen stehen vor Stettin, damit sind wir hier abgeschnitten.


Aus Brief 10 vom 10.2.1945, Sonnabend

Ab 24 Uhr Bahnhofsdienst gehabt und einen Lazarettzug, zwei Militärtransportzüge und einen Flüchtlingstransport in Viehwaggons betreut. Durch Ansteckung an Grippe erkrankt, aber durch gute Betreuung wieder auf die Beine gekommen. Wir haben zusätzliche Einquartierung erhalten. Flüchtlinge in großer Zahl in den Schulen, im Café Langjahr auf Stroh und im Kino Capitol untergebracht. Dabei ganz schwierige, teilweise unbeschreibliche Verhältnisse für Waschen und Toilettenbenutzung. Information über die Gustloff-Katastrophe. Über 6.000 Passagiere ertrunken und nur 500 gerettet. Seit Tagen herrscht Stromsperre, und Herde können nur noch mit Holz beheizt werden.


Aus Brief vom 11 vom 13.2.1945, Dienstag

Rückreise der evakuierten Kinder aus Bochum soll noch über Kolberg-Stettin möglich sein. Gestern sollen ca. 5.000 Flüchtlinge (u.a. aus Tempelburg) in Belgard eingetroffen sein. Es werden aber noch mehr erwartet. Die Russen stehen bereits vor Stargard. Bericht einer Frau, die aus Preußisch Friedland per LKW kam und bis zur Rückeroberung der Stadt nur einige Tage unter den Russen zubringen mußte. Sie hielt sich dabei nur im Keller auf. Alle, auch sie selbst, wurden nach Schmuck, Uhren und Wertgegenständen untersucht. Anwesende Männer und auch einige Frauen wurden von den Russen mitgenommen. Einige wurden wieder nach Hause geschickt. Die Stadt wurde durch einen Gegenstoß befreit und die Frauen per LKW nach Belgard befördert. Man denkt und grübelt, was man vorbeugend tun kann, um der drohenden Gefahr zu begegnen. Das MEW (Elektrizitätswerk) hat gestern damit begonnen, die Hauptsicherungen der Stromzuleitung in allen Gebäuden herauszuschrauben und die Stromzuführung ganz zu sperren. Zur Zeit üben sich deshalb die Haushalte im Kuchenbacken auf Vorrat. Heute schneit es wieder. In den von Besitzern verlassenen Häuser werden Flüchtlinge einquartiert.


Aus Brief 12 vom 14.2.1945, Mittwoch

Die Postbeförderung läuft nur noch eingeschränkt und mittels Auto in Richtung Berlin. Bedauern über kümmerliche und haltlose Männerseelen; Männer, die zur Beruhigung Alkohol trinken. Die Bahnverbindung Kolberg-Gollnow-Stettin wird noch befahren.


Aus Brief 13 vom 15.2.1945, Donnerstag

Das Briefeschreiben erfolgt meistens bei Kerzenlicht. Gedankliches Vorbereiten auf große Umstellungen heißt für viele "Hier bleiben und gesund bleiben". Man könnte verzweifeln und fast wahnsinnig werden und tut doch weiter, was der neue Tag gebietet.


Aus Brief 14 vom 16.2.1945, Freitag

Heute mildes Wetter und nach langen Regentagen auch wieder Sonne. In allen Geschäften ist es überfüllt, man muß stundenlang anstehen. Der Russe kommt immer näher.


Aus Brief 15 vom 18.2.1945, Sonntag

Zum Stadtholz gegangen, um Holz zum Feuer für Kochen und Heizen zu sammeln.


Aus Brief 16 vom 19.2.1945, Montag

Jedem Haushalt wird der Strom mit 200 Watt pro Tag zugeteilt. Das reicht mit einer 15 Watt-Lampe einige Zeit. Mit dicken Socken zu Bett gegangen, Fliegeralarm, aber keine Flieger gesehen. Trotzdem ist Vorbereitung wegen Bordwaffenbeschuß nötig. Die Verlegung der Bochumer Schule nach Heringsdorf wurde auf einer Schulkonferenz angedacht, abwarten! Einen Dreifuß beschafft, um zur Not vom Keller aus zu kochen.


Aus Brief 17 vom 21.2.1945, Mittwoch

Die Bochumer richten sich zur Abreise ein, es soll Anfang nächster Woche losgehen. Danach kommt sicher eine große Umstellung mit neuer Einquartierung. Hier in den Flüchtlingslagern erlebe ich es immer wieder, daß Männer ihre Frauen und Mütter ihre Kinder suchen. Im Rathaus gibt es schon ein Standgericht. Habe zehn Personen im Haus und auf dem Kohleherd nur sehr dürftige Möglichkeiten zum Kochen. Strom für Licht erhalten wir jetzt täglich mit einer 400 Watt-Zuteilung, besser als ganz ohne Licht!


Aus Brief 18 vom 22.2.1945, Donnerstag

Der Abreisezeitpunkt für die Bochumer nach Heringsdorf soll heute in einer dafür angesetzten Konferenz bestimmt werden. Gestern Fliegerbeschuß in der Trieschmannstraße ohne große Schäden. Draußen frühlingshaftes Wetter. Man darf nicht darüber nachdenken, wie schön die Welt ohne Krieg sein könnte. Die Zeitung schreibt von einer bald zu erwartenden Offensive der Russen!


Aus Brief 19 vom 23.2.1945, Freitag

Eine traurige Feststellung: Unsere Fahrräder wurden heute beschlagnahmt. Es wird schwer werden, denn das Fahrrad fehlt mir an allen Ecken und Enden. Bis heute schien die Lage noch nicht ganz aussichtslos, aber nun ist es mit meiner Fassung vorbei! Resignation und Gedanken, daß die, die alles im Stich ließen, vielleicht doch die Klügeren waren. Im Capitol-Kino leben fast 2.000 Menschen auf den Stühlen sitzend, zum Liegen ist kein Platz. In der Kapelle in der Böhmerstraße hausen auch 120 Menschen und warten darauf, daß man sie irgendwo anders besser unterbringt.


Aus Brief 20 vom 26.2.1945, Montag

Alarmierende Nachrichten, daß russische Panzer und Infanterie die Sicherungen bei Konitz und Neustettin durchstoßen hätten. Große Aufregung in der Stadt. Es gibt aber keine Abmeldungen bei der Polizei und deshalb keine Lebensmittel-Karten von den Verwaltungen. Ging weisungsgemäß zum Schippen zum Kreishaus, wo Zick-Zack-Gräben ausgehoben werden. Es herrscht schlimmes Regenwetter. Hatte ein paar Leute aus dem Flüchtlingslager mitgenommen.


Hier enden die Aufzeichnungen aus den Briefen, die Frau Dr. Haß an ihren Ehemann Dr. Kurt Haß in jenen Schicksalstagen des Jahres 1945 aus Belgard geschrieben hat. Belgard erreichten die russischen Truppen bekanntlich am 4. und 5. März 1945. Frau Dr. Haß starb 1989 in der damaligen DDR in dem Ort Malchow.


[Dai Schulteknüppel Nr. 56, S. 52-55]