| Allein unter Jungen - Dr. Erika Fuchs | |||||
| Erika Fuchs, 94, übersetzte mehr als
40 Jahre die Geschichten von Donald Duck und Micky Maus ins Deutsche. Die
promovierte Kunsthistorikerin hat Onkel Dagobert und Daniel Düsentrieb
ihre Namen gegeben. Mit Wortspielen ("ächz", "stöhn",
"grübel, grübel'), Lautmalereien und ihrer Dichtkunst ("Dem
Ingeniör ist nichts zu schwör") bereicherte sie die deutsche
Umgangssprache. Am 27. Juli 2001 erhält sie den Roswitha-Preis der
Stadt Gandersheim, zu dessen Trägerinnen Literatinnen wie Elfriede
Jelinek, Herta Müller und Hilde Domin zählen: Belgard an der Persante war eine kleine Kreisstadt in Hinterpommern mit Kopfsteinpflaster, einem Amtsgericht, einem Gymnasium und einer Garnison. Mein Vater leitete das Elektrizitätswerk. Wir lebten in der Dienstwohnung, einem sehr großen Haus mit Riesengrundstück. Meine Eltern haben uns sechs Kinder streng und zur Selbstständigkeit erzogen. Beim Essen mußten wir hinterm Stuhl stehen bleiben, bis mein Vater kam. Wenn jemand von uns klagen und jammern wollte, hieß es nur: Stell dich nicht an. Reden durften wir jedoch so viel wir wollten. Das große Haus, die vielen Kinder - damit wurde meine Mutter nur schwer fertig. Mama ist immer leidend, so erlebten wir sie. Erst später begriff ich, was für eine wunderbare Frau sie war. Sie war Volksschullehrerin und hatte eine Ausbildung als Sängerin. Drei Jahre lang besuchte ich in Belgard die Volksschule, danach ging ich auf die höhere Mädchenschule. Wir trieben viel Unsinn und lernten wenig. Vom geistigen Reichtum in der Welt erfuhren wir erst. als wir eine richtige Studienrätin für Deutsch und Geschichte bekamen. Alle 14 Tage lud sie ein paar Schülerinnen zum Kaffee ein und zeigte uns beispielsweise die Bilder großer Meister, Dinge, die im Unterricht nicht vorkamen. Meine Freundin Asta Hampe und ich waren begeistert. Wir beschlossen, das Abitur zu machen und zu studieren. Mein Vater unterstützte uns. Nur gab es kein Mädchengymnasium in der Stadt. Also mußte der Stadtrat darüber abstimmen, ob wir das Jungengymnasium in Belgard besuchen dürften. Das war eine wilde Schlacht: Die Konservativen sahen furchtbare Zustände heraufdämmern; die Erlaubnis bekamen wir schließlich mit Hilfe der Sozialdemokraten. Wir wurden zunächst ein Jahr vom Schulunterricht freigestellt, um den Stoff nachzuholen: fünf Jahre Griechisch und drei Jahre Latein. Leider zog meine Freundin schon bald mit ihren Eltern nach Hamburg, und so absolvierte ich als einziges Mädchen die Aufnahmeprüfung für die Untersekunda. Meine Deutschlehrerin. die ich an der Mädchenschule so bewundert hatte, gab mir mit auf den Weg: "Wenn du allein unter Jungen bist, mußt du auf dein Äußeres achten." Ich habe dann vier Jahre lang mir dem größten Vergnügen gelernt, hatte in Latein und Griechisch fabelhafte Lehrer. Zwei ältere Herren, die von ihrem Fach begeistert waren: und diese Begeisterung teilte sich uns mit. Die beiden hatten jedoch auch ihre Schrullen. So redete uns der Griechischlehrer etwa immer in der dritten Person an: "Petri II, ist sie vorbereitet?" Und der Lateinlehrer kam manchmal betrunken ins Klassenzimmer, schlingerte zum Katheder und saß teilnahmslos da. Oder er sagte: "Herrschaften, es muß alles anders werden." Wir hatten solchen Respekt vor ihm, daß wir die ganze Stunde lang mucksmäuschenstill waren. Mit den Jungs verband mich Kameradschaft, nicht mehr. Das waren ja ganz andere Zeiten: Wir siezten uns sogar. Wenn wir Klassenaufsätze aufbekamen, schrieb ich immer noch einen zweiten für den schlechtesten Schüler, den Sohn des Postboten. Er hat es als Einziger unserer Klasse zu etwas Besonderem gebracht. Er ist Professor der Medizin geworden. Ich studierte Kunstgeschichte, Archäologie und Geschichte. Zunächst in Lausanne, danach in München und in London. Nach dem Examen heiratete ich und bekam zwei Söhne. In dieser Zeit habe ich mir das Übersetzen beigebracht. Wenn ich in der englischen Literatur Stellen fand. bei denen ich dachte: "Mein Gott, wie sagt man das auf Deutsch?", übersetzte ich sie zu meinem Privatvergnügen, und habe so eine gewisse Übung gekriegt. Nach Kriegsende schickte ich eine von mir übersetzte Short Story aus der amerikanischen Armeezeitung Stars and Stripes an Reader's Digest und habe von da an für diese Zeitschrift übersetzt. Eines Tages gab mir der Redakteur etwas in die Hand, was ich zuvor noch nie gesehen hatte: ein Comic Heft. Eine amerikanische Ausgabe der Micky Maus. "In Deutschtand geht so etwas nicht", sagte ich. - "Da irren Sie sich", entgegnete der Redakteur. "Nächsten Monat kommen die Herren von der Disney Production, die suchen einen Übersetzer. Also übersetzen Sie ein Heft und bringen es mit. Vielleicht klappt es." Ich begann zu übersetzen und merkte, wie witzig die Texte waren - und wie schwer ich daran zu knacken hatte. Ich blieb dabei; die letzten Geschichten habe ich 1995 übersetzt. Durch die Lektüre von Comics sind sicher Hunderttausende von Kinder zum Lesen gekommen, die sonst überhaupt nicht gelesen hätten. Alexander Kühn in Die Zeit vom 26. Juli 2001 siehe auch: Bohn, Klaus: Das Erika Fuchs Buch. Lüneburg 1996. |
|||||