Wenn in stiller Stunde Träume mich umweh'n....

Kindheit in Pommern 1934-1945

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Motiv und Konzeption: Was ich schon immer mal erzählen wollte....

Es drängt mich schon seit vielen, vielen Jahren, mein Leben niederzuschreiben, den Lebensweg nachzuzeichnen, den ich gegangen bin oder gehen musste, wer weiß das schon so genau, wie weit der freie Wille greift. Am Anfang des Lebens stehen auf jeden Fall die Eltern, die sich keiner aussuchen kann, und die Erbanlagen sind wie eine Mitgift. Ich habe nicht zu klagen. Ich bin mit meinem Leben, so wie es mir mitgegeben wurde, zufrieden. Meine Eltern haben mir eine schöne Kindheit geschenkt und mir in meiner Jugend trotz schwieriger Zeiten eine solide Ausbildung ermöglicht. Sie haben in der Nachkriegszeit unter viel Verzicht den Grundstein für mein bis auf den heutigen Tag, von kleinen Tiefen abgesehen, sehr zufriedenstellendes und glückliches Leben gelegt.

Eine Biografie beginnt naturgemäß mit der Kindheit, und die ist lange her. Da kann die Erinnerung schon mal trügen, viele Ereignisse lassen sich auch nicht mehr nachprüfen, die Elterngeneration kann dabei nicht mehr helfen, vieles ist total in Vergessenheit geraten. In manchen Erinnerungen spielt die Fantasie mit, habe ich festgestellt. Teile der Erinnerungen liegen hingegen deutlich vor mir, andere erscheinen wiederum wie im Nebel und kristallisieren sich erst allmählich wieder heraus. Viele Materialien für so einen Rückblick sind vor allem durch die Kriegsereignisse verlorengegangen.

So betrübt ich bin, dass so viele Erinnerungen und Nachweise wohl endgültig verlorengegangen sind, umso überraschter bin ich, dass im Laufe dieser Niederschrift die Bilder der Vergangenheit immer deutlicher und umfassender zum Vorschein kamen. So bin ich in Gedanken viele Stunden durch Straßen, Häuser und Räume der Belgarder Heimat "gegangen", habe sie mir bis in manches Detail vorstellen können, und habe die Menschen vor mir gesehen, plötzlich war es, als ob sie wieder vor mir ständen, so jung oder alt wie sie damals waren. Und so erinnere ich mich auch: Es war einmal ein kleiner Junge....


1. Belgard: Der erste Schrei

Der 2. Juli 1934, mein Geburtstag, fiel auf einen Montag, wie man mir gesagt hat, ich habe es nicht nachgeprüft, auf keinen Fall bin ich ein "Sonntagskind", dem alles nur so zufällt. Damals kündigten sich in Deutschland im Hintergrund unruhige, dunkle Zeiten an - die Demokratie war bereits abgeschafft-, obwohl das Land vordergründig, propagandistisch "herrlichen Zeiten" entgegengeführt wurde!

Mein Geburtsort ist die damalige Kreisstadt Belgard an der Persante in der preußischen Provinz Pommern, damals Teil des Deutschen Reiches. Belgard war ein Städtchen von ca. 16.000 Einwohnern. Heute gehört es zum polnischen Staatsgebiet. Meine Mutter brachte mich im Belgarder Kreiskrankenhaus zur Welt, abends, sicherlich nach einem schönen Sommertag. Die Sommer waren in Pommern immer sehr sonnig und stabil. Getauft wurde ich von Pastor Zitzke am 11. August 1934 in der Marienkirche am Markt, der größten Belgarder Kirche. Paten waren mein Opa Friedrich Graßmann aus Ackerhof, meine Großmutter Bertha Rustemeyer geb. Huster aus Klein-Zapplin und Onkel Paul Schmidt, Freund der Familie, Administrator auf Gut Karnitz in der Nähe von Klein-Zapplin. Diese Orte liegen auch sämtlich in Hinterpommern.

Auf die mögliche Frage nach meinem Wesen würde ich in Abwandlung eines Goethe-Wortes antworten:

Von der Mutter hab' ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom Väterchen die Frohnatur,
Die Lust zu fabulieren.

Meine Eltern mit meiner Schwester Dörte wohnten zu der Zeit in der Magazinstraße Nr. 1, in dem Haus und in der Wohnung, worin später mein Schul- und zeitweiliger Spielkamerad Adolf Tattenberg wohnte. Als ich etwa ein Jahr alt war, zogen wir in die Friedrichstraße, Haus Nr. 44 a, gelegen auf dem Gelände der Viehverwertung, Teil des benachbarten Landwirtschaftlichen Ein- und Verkaufsvereins der Raiffeisen-Genossenschaft, bei dem mein Vater beschäftigt war.


2. Wohnung und Leben in der Friedrichstraße 44 a

Die Wohnung in der Friedrichstraße war sehr geräumig, 5 Zimmer (Wohn-, Ess-, Elternschlaf-, Kinder-, Fremdenzimmer) plus Küche, Bad, Balkon und langem Flur, sie lag in der ersten Etage. Ich kann mich noch ziemlich genau an die Einrichtung all unserer Zimmer erinnern. Als im Kinderzimmer die Unterbringungsmöglichkeiten für Spielzeug und Bücher zur Neige gingen, ließen meine Eltern vom Tischler ein großes Schrankregal fertigen. Dieses Regal mussten wir beiden Kinder uns teilen. Ich besaß für meine vielen Spielsachen zusätzlich noch eine alte Kommode sowie einen alten Offizierskoffer, der aus der Zeit des Ersten Weltkrieges von meinem Vater stammte. Mit meinem Bett war ich nicht besonders glücklich, denn ich habe während meiner gesamten Kindheit bis zum 3. März 1945 in einem Kinderbett aus weiß lackiertem Holz mit Gittern rechts und links, die zum Ein- und Aussteigen umzuklappen waren, geschlafen, eigentlich ein Bett für Kleinkinder. Im Alter von 9-10 Jahren reichte es für meine Länge kaum noch aus. Wegen meines Bettes habe ich mich vor meinen Freunden sehr geschämt, wenn sie zu uns zum Spielen kamen. Warum ich noch kein neues, größeres Bett bekam wie meine Schwester, aber die war vier Jahre älter, weiß ich nicht. Es hätte einen anderen Grund gegeben, ein neues zu kaufen, nämlich der Holzwurm! Das "schöne" weiße Bettgestell war total vom Holzwurm befallen, vor allem die Beine waren ziemlich durchlöchert. Jeden Morgen musste das Holzmehl zusammengekehrt werden. Wenn nicht das russische Panzer- oder Artilleriefeuer dem Haus und damit dem Bett am 4./5. März 1945 ein Ende bereitet hätte, die Holzwürmer hätten das Bett auch über kurz oder lang geschafft. So kam der große Zusammenbruch dem kleinen zuvor!

Im Esszimmer stand in der Mitte ein großer, runder Tisch mit Stühlen, darüber hing eine Lampe mit orangefarbenem Stoffbezug. Auffallend war der Glasschrank (mit allerlei Andenken darin), meiner Erinnerung nach wie die in der anderen Ecke aufgebaute Sitzgruppe, bestehend aus kleinen Sesseln, einem Tischchen und Eckschrank, Erbstück von Tante Otty Rustemeyer, meines Vaters Tante aus Celle. Weiterhin befanden sich in diesem Raum ein langes Buffet und das schwarzfarbige Klavier sowie in einer Ecke eine Standuhr. Das Wohnzimmer war mehr wie ein Herrenzimmer eingerichtet, dunkelfarbiger, schwerer Bücherschrank und dazu ein entsprechender Schreibtisch, auf dem ein für die damalige Zeit gefällig aussehendes Blaupunkt-Radio sowie das Telefon standen. Das Sofa, zwei oder drei Polstersessel sowie ein runder Tisch füllten die verbleibende Fläche aus.

Ich kann mich gut entsinnen, wie ich als kleiner Bub mit 4-5 Jahren meiner Mutter in der Küche beim Backen "half". Mir wurde eine kleine, blaue Schürze umgebunden, auf der vorne ein Elefant abgebildet war, und dann durfte ich den Teig ausrollen, Plätzchen ausstechen usw. Damals musste ich noch auf einen Stuhl klettern, um auf dem Küchentisch wirken zu können. Der Teig wurde in einer großen Schüssel geknetet oder auch mit einer großen, dicken Holzkeule gestampft. Jedenfalls durfte ich solche Schüsseln am Ende immer auskratzen und ausschlecken. Für das Geschirrspülen gab es einen gesonderten Tisch, aus dem zwei emaillierte Blechschüsseln hervorgezogen werden konnten; direkter Anschluß an den Wasserhahn bestand nicht, dieser befand sich in einer anderen Ecke des Küchenraumes. Neben dem eingemauerten, gekachelten, überwiegend im Winter als Wärmequelle und zur Warmwasserbereitung genutzten Herd mit Holz- oder Kohlefeuerung stand der moderne Elektroherd, in dem meine Mutter backte.

Milchreis mit Zucker und Zimt war damals mein Lieblingsgericht. Einmal hatte ich so viel davon gegessen, dass ich auf dem Rückweg vom Ess- zum Kinderzimmer beim Durchqueren des Wohnzimmers schon alles wieder "von mir geben" musste. Danach habe ich mehrere Jahre keinen Milchreis mehr angerührt. Es gab früher oft Gerichte, die man als Kind nicht so gerne mochte, aber sie mussten einfach gegessen werden. Ganz dunkel erinnere ich mich noch an die Methode: "Ein Löffel für Oma, ein Löffel für Vati, ein Löffel für Mutti usw....". Gern erinnere ich mich an die Bierklößesuppe, die mir immer so lecker schmeckte. Im Kriege gab es der Not gehorchend sogar Brotsuppe, sie konnte je nach Zubereitung gut schmecken, aber manchmal auch fürchterlich. Meine Eltern achteten sehr auf Tischsitten und Essmanieren: Gerade sitzen, das Essbesteck richtig anfassen, nicht schlürfen, nicht mit vollem Munde sprechen, langsam essen, nicht hasten. Fast alles habe ich befolgt, nur langsam zu essen, das gelingt mir heute noch nicht. Ich befand mich da immer in guter Gesellschaft, denn auch mein Vater war ein hastiger Esser, ebenso seine Mutter. So sage ich noch heute: Die Eigenschaft des schnellen Essens habe ich geerbt.

In allen Zimmern standen große Kachelöfen, vom Fußboden bis fast zur Zimmerdecke reichend, in unterschiedlichen Farben, z.B. im Wohnzimmer dunkelgrün, im Kinderzimmer weiß. Sie strahlten mit ihrer Wärme zugleich große Gemütlichkeit aus. Ich meine, dass einige von ihnen an einer Seite auch eine kleine Sitzbank aufwiesen. Aber da verlässt mich die genaue Erinnerung; manchmal fallen mir erstaunliche Kleinigkeiten ein, viele Selbstverständlichkeiten hingegen sind wie "schwarze Löcher". Alle Öfen besaßen eine Ofenröhre als Wärmefach, darin konnte man Wasser und Speisen wärmen, vor allem aber leckere Bratäpfel backen. Unheimlich war mir immer unser Vorrats- und Kohlenkeller. Dahin führte vom Erdgeschossflur eine steile Steintreppe hinunter. Die Kellerräume waren ziemlich düster, kaum Tageslicht fiel da hinein, eine spärliche elektrische Glühlampe beleuchtete den vorderen Teil des Kellers, wo Eingemachtes in Gläsern stand und Kartoffeln lagerten. Der Teil, wo die Kohlen lagerten, war fast stockfinster und am hinteren Ende so niedrig, dass Erwachsene dort nicht aufrecht stehen konnten. Mit Mäusen musste man im Keller immer rechnen. Aus diesen Gründen bin ich in all den Jahren nicht allzu gerne in dieses Verließ hinabgestiegen. Ich weiß gar nicht, wer all die Kohlen hochgeschleppt hat, wahrscheinlich meine Mutter und das Haus- und Kindermädchen.

Aber auch in den Wohnungen war das Auftreten von Mäusen keine Seltenheit, gehörte eher schon zur Tagesordnung. Das kam daher, dass ein Teil des Hauses älteren Ursprungs war und hier noch Holzdecken und Holzfußböden eingebaut waren. Außerdem grenzten an diesen Teil des Hauses die Viehställe der Viehverwertungsgenossenschaft mit Heu- und Strohboden darüber. Also ein ideales Biotop für Ungeziefer. Unsere Mausefalle, gebaut wie ein kleiner Drahtkäfig mit einer trichterförmigen Öffnung oben, war ständig im Einsatz. Meine Mutter war da sehr tapfer, Speck in die Falle und hingestellt, die Mäuse krabbelten von oben herein und waren gefangen. Meine Mutter warf dann die Falle in einen mit Wasser gefüllten Eimer usw., "the same procedure as every day or week". Es kam sogar vor, dass sie zwei Mäuse auf einmal fing. Einmal hatte ich während des Mittagsschlafes geträumt, eine Maus befände sich in unserem Kinderzimmer, ich wachte erschrocken auf, jagte aus dem Bett, sprang auf den niedrigen Kindertisch in der Mitte des Zimmers und schrie laut um Hilfe. Meine Mutter lief herbei, um mich zu trösten. Aber einige Male tauchten tatsächlich Mäuse im Kinderzimmer auf. Einmal war eine Maus besonders hartnäckig und frech, sie war zunächst nicht zu fangen, es kann sein, dass es sogar Tage gedauert hat, bis sie endlich in die Falle ging. Jedenfalls kletterte die Maus an den Gardinen auf und nieder, lief auf der Gardinenstange entlang, sprang in die Spielzeugregale, guckte um den Vorhang herum; das sah zwar sehr possierlich aus, verschaffte uns Kindern aber ein Schaudern.

Unser Badezimmer war schrecklich, keine Heizung, nur ein elektrischer Wandstrahler mit mäßiger Wärmeleistung, Badeofen für Holz- oder Kohlefeuerung, der Fußboden aus Holz. Aufgrund der Feuchtigkeit im Raum faulte das Holz insbesondere um das WC herum und musste daher im Laufe der Jahre zunächst teilweise, später ganz erneuert werden. Jeden Winter froren mindestens einmal die Wasserrohre ein, sie mussten dann ganz vorsichtig aufgetaut werden. Wenn es misslang oder der richtige Zeitpunkt zum Auftauen verpasst wurde, gab es Rohrbrüche mit Wasserfontainen und Durchsickern der Feuchtigkeit zu den Bewohnern im Erdgeschoss, was diese nicht gerade erfreute. Der Zeit entsprechend wurde in der Regel einmal in der Woche gebadet, und zwar samstags, nur im Sommer öfter, vielleicht sogar jeden Tag, denn ich war immer besonders schmutzig. Die Füße waren durch das viele Barfußlaufen kaum noch sauber zu kriegen. Ich scheute keinen Dreck, das traf auch für meine Spielkameraden zu. Auf dem großen Gelände der Viehverwertung, den Ställen, Garagen, dem Hof, den Gärten, überall gab es reichlich Gelegenheit, sich schmutzig zu machen. Vorsicht kannten wir nicht, auch wenn unsere Mütter uns ständig mit Ermahnungen aus der Wohnung in die "Freiheit" entließen.

Oft ging oben im Haus ein Fenster auf und meine Mutter rief in den Hof oder Garten: "Friedrich Christoph, mach' Dich nicht so schmutzig!". Und wenn ich nach oben kam, schellte, ging die Tür auf: "Friedrich Christoph, wie siehst Du schon wieder aus! Wo warst Du?". Aus diesen Gründen war es verständlich, dass meine Mutter für mich streng zwischen Kleidung für Schule, Spielen sowie Sonn- und Feiertag unterschied. Ich habe diese "Kleiderordnung" nicht immer beachtet, und so befanden sich auch an meiner Sonntagskleidung manchmal "überraschend" Wagenschmiere, Grasflecken oder anderer Dreck. Im Normalfall wuschen wir uns oder wurden am Waschtisch im Kinderzimmer gewaschen. Auf dem Waschtisch stand eine große, mit Emaille überzogene Blechschüssel mit dazugehöriger Wasserkanne (im Elternschlafzimmer und im sog. Fremdenzimmer, heute sagt man Gästezimmer dazu, bestanden diese Utensilien aus Keramik). Das warme Wasser musste aus der Küche herbeigeschafft werden. Ich habe mich meistens von meiner Mutter waschen lassen, das war bequem und sie hatte die Gewähr, dass ich sauber wurde, mir selbst war das so ziemlich egal. Beim Haarewaschen gab es schnell Geschrei, denn allzu leicht gelangte das Seifenwasser in die Augen, und das brannte.

Mit den Haaren gab es auch in anderem Zusammenhang Probleme, nicht die ich heute habe, den immer lichter werdenden Haarschopf, sondern die Prozedur des Haareschneidens. Einmal im Monat stand ein Besuch bei Friseur Reiss an, Friedrichstraße, kurz vor der Ecke zur Georgenstraße. Meistens wurde ich durch meine Mutter, das Kindermädchen oder meine Schwester hingebracht und abgegeben oder jemand von ihnen blieb dabei, weil ich sonst nicht hineingegangen oder dageblieben wäre. Sobald der Friseur mit dem damals noch von Hand betätigten Scherapparat zu scheren begann, erhob ich ein fürchterliches Geschrei, denn es war ein ständiges Geziepe, da diesem altertümlichen Apparat (sein elektrischer war allerdings nicht besser) meistens ein paar Zinken fehlten, dadurch wurden Haare eingeklemmt, und das zog beträchtlich an der Kopfhaut. Einmal bin ich, als ich ohne Aufsicht warten musste, durch die Hintertür des Friseurladens entwichen. Wie die Story an dem Tag ausging, weiß ich nicht mehr genau, nur dass ich am nächsten Tag durch meine Mutter persönlich bei Herrn Reiss "vorgeführt" wurde, war selbstverständlich, natürlich jetzt mit Erfolg. Das weitere Haarproblem war die Frisur, ich musste noch "Pony" tragen, als die meisten anderen Jungen gleichen Alters schon einen Scheitel kämmten, mir wurde das nicht zugestanden, der Grund für die elterliche Verweigerung ist mir nicht mehr geläufig, vielleicht dachten sie noch nicht städtisch genug. Erst später, etwa mit 12 Jahren, durfte ich mir einen Scheitel zulegen.

Auch mit meiner Kleidung fühlte ich mich, obgleich ausreichend ausgestattet, nicht immer altersgerecht angezogen. So "erbte" ich manchmal Sachen von meiner Schwester. Ich erinnere mich an einen Mantel, an dem das "Mädchenhafte" durch die andere Knöpfweise zu erkennen war. Aber das war nicht das Schlimmste. Meine Mutter ließ über Jahre hinweg bei unserer Schneiderin, Frau Zamzow, die zum Nähen ins Haus kam, als Sommerbekleidung kurze Hosen mit anzuknöpfender Bluse für mich fertigen. Das Oberteil war mit bunter Borde verziert und sah eigentlich recht niedlich aus, aber irgendwann kam ich mir darin zu kindlich vor. Ich wollte auch wie andere Jungen meines Alters Hosen mit Gürtel tragen. Selbst die lederne Seppelhose mit den zünftigen Trägern empfand ich irgendwann nicht mehr zeitgemäß, aber zu wählerisch durfte man in den immer schlechter werdenden Zeiten auch nicht sein (gegen Ende des Krieges wurden sogar Textilien und Schuhe rationiert). Ärger gab es oft mit den Strümpfen, den langen Woll- und Baumwollstrümpfen, die durch Strapse vom "Leibchen" her gehalten wurden, wobei Baumwolle sich angenehmer trug, Schafwolle kratzte dagegen sehr. Wir empfanden lange Strümpfe schon sehr früh als sehr kindlich, vor allem in den Übergangsjahreszeiten, wenn andere Kinder schon längst oder immer noch mit Kniestrümpfen herumliefen. Unsere Mutter war da sehr streng und ließ mit ihren Vorstellungen von Gesundheitsvorsorge nicht locker. Sie regte sich ihrerseits über die anderen, leichtsinnigen Eltern und Kinder auf, so auch in Ackerhof, wo meine Cousinen, die doch um etliche Jahre jünger waren als wir, die meiste Zeit des Jahres in Kniestrümpfen oder sogar Söckchen umherliefen. Und dann die Arbeit für die Mutter mit Strümpfe stopfen, denn schnell entstanden Löcher auf den Knien, die Fersen scheuerten auf und schließlich stieß der große Zeh nach vorne durch. Auf dem Nähkasten lag immer ein Berg zu stopfender Strümpfe, Arbeit für die Abende.

Zu unserer Wohnung gehörten zwei Gärten, ein Gemüse- und Obstgarten von vielleicht 500 m² und ein Ziergarten von schätzungsweise 300 m² mit Rasen, Ziersträuchern und einer Laube. In dem großen Garten standen Apfel-, Kirsch- und Pflaumenbäume sowie ein alter, hoher Birnbaum, dessen Birnen klein, hart und nicht besonders schmackhaft waren. In diesem Garten hat mein Vater mit sehr viel Begeisterung gearbeitet, die Gemüsebeete waren immer toll "in Schuss", Unkraut ließ er nicht hochkommen. Mit uns Kindern gemeinsam legte er für uns kleine Beete an, die mit Muscheln, die von unseren Strandaufenthalten an der Ostsee stammten, verziert und abgegrenzt wurden. Ich meine mich noch zu entsinnen, dass ich ganz "scharf" auf dieses eigene Gärtchen war, auch weil meine Schwester als die Ältere schon vor mir solch ein Gärtchen besaß. Ich war stolz, wenn ich meinem Vater gelegentlich bei der Arbeit im Garten helfen durfte.

Wir hatten immer ein Haus- und Kindermädchen (in einem) als Tageshilfe, es wohnte nicht bei uns, schlief zu Hause. Ich weiß auch, dass wir früher öfter darüber sprachen, welches Mädchen wann und wie lange bei uns gewesen war. Inzwischen habe ich das vergessen, und an die Anfänge kann ich mich sowieso nicht erinnern. Das allererste Mädchen - das fiel nach Aussage meiner Schwester weitgehend vor meine Zeit - war Meta Nimz, Tochter des Hofmeisters aus Ackerhof; sie war, nach der Bemerkung auf einem Foto zu urteilen, mindestens bis 1935 bei uns. Das nächste Mädchen, das recht lange bei uns blieb, war Gerda. Allerdings gab es später noch eine andere Gerda; daher unterschied man sie im Nachhinein durch den Zusatz, der sich aus der unterschiedlichen Haarfarbe herleitete, nämlich die "rote" und die "blonde" Gerda. Andere Namen fallen mir im Moment nicht ein, außer von unserem letzten Mädchen, Lotte Stach, an die ich mich sehr gut erinnern kann. Sie kam direkt nach ihrer Schulzeit im Alter von 14 Jahren zu uns; - nach einem Foto zu urteilen, muss das spätestens 1942 gewesen sein. Sie wohnte in einer Siedlung am Rande Belgards in der Nähe des Schwimmbades, ihre Eltern besaßen dort ein Haus. Lotte Stach war zierlich und stellte sich zunächst nicht so ganz patent an, aber bald fand sie sich gut in ihre Aufgabe hinein und auch wir Kinder lernten Lotte sehr schätzen, wobei ich mich sicherlich nicht immer so ganz ideal verhalten haben werde. Ich glaube, ich war besonders zu Beginn sehr frech zu ihr - so wie wir Jungen damals dort alle waren, dreist, widerspenstig, immer Streiche im Kopf, so richtige Bengel. Lotte Stach war bis zum Schluss, bis zum Tage des Räumungsbefehls im März 1945 bei uns. Erst nach Jahren haben wir gehört, dass sie auch in Belgard geblieben war, an Tbc erkrankte und dort 1945 oder 46 verstorben ist.

Wenn wir krank waren, kam unser Hausarzt Dr. Mielke, ein älterer, gemütlicher Herr; ich meine, er kam schon immer mit dem Auto und roch stark nach Tabakqualm. Seine Praxis lag an der Leitznitz-Promenade unweit des Gymnasiums, auch sein Sohn begann schon in der Praxis, wurde dann aber zum Militärdienst eingezogen. So ganz ernste Krankheiten haben mich eigentlich nicht befallen. Allerdings hatte ich bestimmt jedes Jahr eine Grippe und mehrfach leichtere Erkältungen, Halsentzündungen, dicke Mandeln und Hustenkatarrhe, die bestimmt oft vom Herumtoben herrührten. Insgesamt zweimal bekam ich Mumps, wir nannten ihn "Ziegenpeter", eigentlich hieß es, man bekäme ihn nur einmal, nun, ich lief also zweimal mit dickem, strammem Hals und unförmiger Backe herum. Unsere Hausapotheke bestand im Kern aus "Pyramidon" mit dem Bayer-Kreuz (entspricht wohl dem heutigen Aspirin), Kohletabletten und Kamillentee (der mir immer unangenehm schmeckte, vor allem, wenn er nachts abgekühlt war), ein dicker Schal für die Halswickel, Pflaster und Jod für die Wunden. Mit Schaudern denke ich an den Lebertran zurück, den wir über Jahre aus Gesundheitsvorsorge einnehmen mussten, täglich einen Esslöffel voll, später gab es eine Sorte, die etwas angenehmer schmeckte. Im Übrigen bin ich noch im Besitze des Nachweises meiner ersten Pockenschutzimpfung, worin Dr. Mielke mit Datum vom 21. Juni 1935 bestätigte, dass ich zum ersten Male mit Erfolg geimpft sei und damit der gesetzlichen Pflicht Genüge getan worden wäre.


3. Die Stadt

Als ich noch kleiner war, nahm mich meine Mutter oft mit in die Stadt zum Einkaufen, sicherlich auch, weil sie mich dann besser unter Aufsicht hatte. Manchmal stellte ich mich dabei sehr bockig an, aber manchmal war so ein Stadtgang auch ganz angenehm. Man besah Schaufenster, man traf Bekannte, in den Geschäften fiel vielleicht auch für mich etwas ab. Spielzeuggeschäfte waren für mich naturgemäß besonders interessant zum Beschauen, Spielzeug kauften wir meistens bei Maaß. Die Namen vieler Geschäfte sind mir zwischenzeitlich entfallen. Faszinierend war für mich immer der Besuch im Leder- und Sattlergeschäft Neitzel. Dort stand vorne links im Laden ein ausgestopftes, lebensgroßes Pferd, gezäumt und gesattelt; der Inhaber hat mich im Laufe der Jahre mehrfach auf das Pferd gesetzt. Aber auf dem hohen Pferd wurde mir anfangs doch etwas unheimlich zu Mute, doch später war ich immer ganz stolz. Gern ging ich mit in die Apotheke Münkner am Markt, deren Tochter Ria eine Freundin meiner Schwester war, ebenso in die Drogerie Rasinski, Heerstraße. Rasinskis waren mit unseren Hausmitbewohnern Kriefall verwandt und die Kinder kamen öfter zum Spielen in die Friedrichstraße. Der älteste Sohn, Jürgen, ging mit mir in dieselbe Klasse sowohl in der Volksschule als auch auf dem Gymnasium. Bei Rasinskis ließen wir unsere Filme entwickeln; meine Mutter fotografierte gerne und viel, schon zu ihrer Jugendzeit, jedenfalls gemessen an damaligen Verhältnissen. Etwas seltsam empfand ich immer den Besuch bei der Hutmacherin am Markt gleich neben dem Heimatmuseum, die "rohen" Hüte, wohl "Stümpfe" genannt, sahen komisch aus, ähnelten eher einem Zuckerhut. Mit einer gewissen Mischung aus Schauder und Neugier ging ich am Kaufmannsgeschäft Krüger vorbei, wozu noch eine Gaststätte und Wildhandel gehörte, denn draußen am Seitentor hingen ausgeweidete, aber sich noch in der "Decke" befindende Wildtiere, wie Hirsche, Rehe und Wildschweine.

Es war damals ja ein ganz anderes Einkaufen, überall die persönliche Bedienung, und meistens erfolgte die Bedienung durch die Inhaber selbst. Hin und wieder musste ich für meine Mutter Einkäufe erledigen, vor allem beim Kaufmann und Bäcker, gelegentlich auch beim Fleischer. Unser bevorzugter Bäcker wohnte Ecke Magazinstraße/Hindenburgstraße; ich vermute, die Anhänglichkeit rührte von der Lage unserer früheren Wohnung her, sie lag im Nachbarhaus. Ich musste oft Brot oder Brötchen holen. Dabei kam es häufig vor, dass ich von dem frischen, so appetitlich riechenden Brot etwas von der Kruste abbrach und verzehrte, evtl. auch vom Inneren genoss. Nun traf es sich einmal so, dass ich zum Bäcker sollte, als gerade Horst Kriefall und Ulli Beise bei mir zum Spielen waren. Meine Mutter schickte die beiden mit, auch mit dem Auftrag, auf meinen "Appetit" und das Brot zu achten. Während des Rückweges unterhielten sich die beiden jedoch so angeregt, dass sie mein leichtes Zurückbleiben und mein genüssliches Knabbern am Brot, in das ich außerdem mit meinem Zeigefinger ein tiefes Loch bohrte, nicht bemerkten. Zu Hause angekommen, erblickte meine Mutter natürlich umgehend den Schaden und zog nicht nur mich, sondern auch die beiden Freunde, die nun besonders bedeppert dastanden, zur Rechenschaft. Beide Freunde waren nun bestimmt sauer auf mich.

"Unser" Kaufmannsgeschäft lag ganz in unserer Nähe; die Inhaberin hieß Käthe Krey, schon die Eltern hatten das Geschäft betrieben. Man nannte so einen Kaufmannsladen auch Kolonialwarengeschäft, wahrscheinlich weil es darin viele Waren gab, die aus Übersee stammten, heute eine Selbstverständlichkeit. Im Übrigen würde man heute diesen als klassischen Tante-Emma-Laden bezeichnen. Damals gab es nur wenig abgepackte Ware, vielleicht Kathreiner-Kaffee, aber die Grundnahrungsmittel wurden aus Säcken, die offen im Laden umherstanden, und Regalkästen erst nach Bedarf in Tüten geschaufelt oder geschüttet, eingelegte Gurken und Sauerkraut wurden mittels einer Holzzange großen Dosen oder Fässern entnommen. Bei Käthe Krey brauchte man nicht sofort bar zu bezahlen, es wurde angeschrieben. Dazu hatte man ein kleines Notizbuch, in das Ware und Preis eingetragen wurden; nur einmal in der Woche oder vielleicht auch pro Monat wurde abgerechnet und bezahlt, das erledigte meine Mutter selbst.

Käthe Krey besaß neben ihrem Kolonialwarengeschäft direkt angrenzend, auch vom Laden aus begehbar, eine Gaststube. Vom Erzählen vermute ich, dass sich hier mein Opa nach Feierabend oft mit Geschäftsfreunden und Landwirten aus Belgard und Umgebung traf. Ich weiß, dass er zu diesem Zwecke mit der kleinen, einspännigen Kutsche von Ackerhof nach Belgard kam. Sicherlich gab es bei Krey eine Ausspannmöglichkeit für Pferde, kann mich aber nicht konkret erinnern, möglich ist, dass er auch noch andere Bierstuben mit Ausspannmöglichkeit besuchte. Auch mein Vater verkehrte hier bei Krey, u.a. traf er hier nach Feierabend mit seinem Freund Siegfried Schmolke, Berufsschuldirektor in Belgard, zusammen, vielleicht lernte er diesen hier kennen. Jedenfalls ging es dort in dem von Zigaretten- und Zigarrenrauch geschwängerten Hinterzimmer sehr zünftig zu, vielleicht nicht immer zur Freude der daheim gebliebenen Gattin. Ganz dunkel kann ich mich entsinnen, in diese vollbesetzten Räumlichkeiten mal hineingeschaut zu haben (oder ist das schon wieder Phantasie?).

Eine besondere Abwechslung bot das Kino. In Belgard gab es zu jener Zeit zwei Kinos, das CAPITOL und die SCHAUBURG. Alleine durfte ich zu der Zeit noch nicht hinein, wenn, dann ging ich mit meiner Schwester zusammen. Ich erinnere mich an Märchenfilme, aber auch an den Film "Quax, der Bruchpilot" mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle sowie an den Film "Reitet für Deutschland" mit Willy Birgel. Uns Jungen interessierte immer sehr - es war ja Krieg - die jedem Film vorangehende "Deutsche Wochenschau" mit der erfolgreich dargestellten Kriegsberichterstattung. Wir merkten nicht, dass wir der Propaganda erlagen. Ich kann mich gut erinnern, dass wir, wenn wir gegen Abend nach Hause zurückkamen, für jeden von uns ein Teller mit heißem, gelbem Grießpudding, dazu Himbeersaft bereitstand, oder es gab heiße Wiener Würstchen, deren leckeren Geschmack ich heute noch im Mund verspüre.

Mein Herz schlug immer höher, wenn Militärmusik in der Stadt erklang oder überhaupt marschierende Soldaten zu sehen waren. Gerade bei uns am Haus von oder zu der Kaserne habe ich viele Soldaten vorbeimarschieren sehen. Ganz angetan war ich von berittenen Truppen, Kavallerie oder Artillerie zu Pferde, die vor dem und am Anfang des Krieges noch große Bedeutung hatten. Diese Begeisterung war sicherlich ohne Frage Spiegel des damals herrschenden Zeitgeistes und einer langen militärischen Tradition, die in weiten Bevölkerungskreisen lebendig war.


4. Mein Vater

Mein Vater, Otto Rustemeyer, wurde 1898 in Geiglitz, Kreis Regenwalde in Pommern, geboren, heute auch polnisches Territorium. Mein Großvater, Friedrich Rustemeyer, aus Celle stammend (dessen Vater war Futtermeister am dortigen Landgestüt), war zu jener Zeit Güterdirektor über mehrere landwirtschaftliche Güter eines Industriemagnaten, des Eisenbahnpioniers Friedrich Lenz. Meine Großmutter, Berta Rustemeyer geb. Huster, stammte aus Polleben, Kreis Eisleben/Sachsen-Anhalt, sie war eine Lehrertochter. Meine Großeltern kauften sich 1901 das Gut Klein-Zapplin. Hier wuchs mein Vater auf und ging zur Dorfschule. Später besuchte er das Gymnasium in Treptow/Rega, wo er in einer Privatpension untergebracht war. Von dieser Treptower Zeit hat er besonders viele interessante Erlebnisse erzählt, er hatte auch noch später gute Kontakte zu einigen seiner ehemaligen Klassenkameraden. Nach dem Abitur (1916) zog er als Fähnrich in den I. Weltkrieg, aus dem er glücklicherweise gesund zurückkehrte. Nach dem Kriege unterstützte er einige Jahre seinen Vater bei der Leitung des Gutsbetriebes, bevor er eine landwirtschaftliche Lehre auf einem Gut in Mecklenburg absolvierte. Ab 1922 studierte er Landwirtschaft in Halle/Saale, legte 1925 das Diplom-Examen ab und promovierte anschließend. Er half danach wieder auf dem elterlichen Betrieb aus, bevor er 1928 nach Belgard ging.

Ich kann mich gut an meines Vaters Büro im Ein- und Verkaufsverein der Raiffeisengenossenschaft entsinnen. Er war dort Abteilungsleiter, zuletzt für den Bereich Getreide und Kartoffeln verantwortlich. Meinem Vater machte diese Arbeit viel Freude, sie war praxisnah. Die Stellung hatte ihm 1928 mein Opa Graßmann, sein damals noch zukünftiger Schwiegervater, vermittelt. Ich erinnere mich noch an die Sekretärin und die Mitarbeiter, auch mit Namen. In dem Büro bin ich oft gewesen, es lag ja neben unserem Wohngebäude, und ich durfte dahin noch kommen, nachdem mein Vater 1939 als Soldat eingezogen war, denn hier benahm ich mich immer vorbildlich, vielleicht meinte ich das dem Ruf meines Vaters schuldig zu sein, ansonsten war ich ja überwiegend ein recht ungezogener Junge zum Leidwesen meiner Mutter, mein Vater hat das durch die Kriegszeit nicht alles so ganz genau mitbekommen.

Erwähnen sollte ich noch, dass mein Vater nach dem Tode meines Opas Graßmann 1935 bis zur Verheiratung meiner Tante Christel - vorgesehene Erbin - 1937 die Bewirtschaftung vom Gut Ackerhof leitete. Dazu ist er jeden Morgen und jeden Abend vor bzw. nach seinem Dienst im Ein- und Verkaufsverein per Fahrrad nach Ackerhof hinausgefahren. Sein größter Wunsch war es immer, mal ein eigenes Gut zu besitzen, dieser Wunsch ist nie in Erfüllung gegangen, erst recht nicht für mich. Mein Vater, obgleich ältester Sohn, hatte schon in jungen Jahren auf die spätere Nachfolge auf dem Hof in Klein-Zapplin verzichtet, weil seine Eltern ihm das Studium und die Promotion ermöglicht hatten. Letztendlich kam dann alles ganz anders: 1945 "brannte Pommerland ab", ging für die ganze Familie der Grundbesitz (und nicht nur das) verloren, die vorgesehenen Erben sowohl in Ackerhof als auch in Klein-Zapplin konnten ihr Erbe endgültig gar nicht mehr antreten. Auch der von meinem Vater oft geäußerte Wunsch, nach einem gewonnenen Krieg sich endlich einen eigenen Betrieb zu kaufen (Adolf Hitler hatte große Landgewinne im Osten versprochen), scheiterte an der totalen Niederlage Großdeutschlands. Meine Eltern gingen davon aus, sie könnten den Kauf eines Gutes durch die zu erwartenden geldlichen Erbanteile ermöglichen. Heute frage ich mich, wäre es wirklich erstrebenswert gewesen, beispielsweise in Polen oder der Ukraine, mitten unter fremden Völkern einen Gutsbetrieb zu besitzen und zu führen? Das wären ja kolonialistische Verhältnisse gewesen. Ich glaube, das wäre auf lange Sicht nicht gut gegangen.

Auch wenn mein Vater die sechs Jahre des Zweiten Weltkrieges mitmachen musste und nur gelegentlich für kurze Zeit auf Urlaub kam, habe ich doch auch aus meiner Kindheit viele Erinnerungen an ihn. So hat er mit mir auf seinem Fahrrad sehr viele und schöne, kleine und größere Radtouren durch die nähere Umgebung von Belgard unternommen. Dabei wies das Fahrrad gar keinen richtigen Kindersitz auf, sondern diesen Zweck erfüllte eine eingerollte, auf der Längsstange mit Bindfaden befestigte Wolldecke. Halt für die Füße bot ein über die Lenkstange gezogener Bindfaden mit einer Schlaufe an jedem Ende, in diese Schlaufen steckte ich meine Füße. Ich erinnere mich an eine Tour Richtung Körlin, wir bogen bei dem Dorfe Redlin nach links in einen Wald, in dem eine Reihe Schießstände der nahe gelegenen Artillerie-Kaserne (Belgard beherbergte insgesamt drei Kasernen) mit Pappsoldaten als Schießscheiben errichtet waren, was mich faszinierte. Von hier ging es in Richtung Kamissow, einem großen Rittergut der Familie von Kleist. Mehrfach fuhren wir in das "Stadtholz", ein Naherholungsgebiet. Eine andere Fahrt ging zum anderen Stadtende hinaus durch das Dorf Siedkow. Hier blieb mir in Erinnerung, dass uns am Dorfeingang ein Junge grüßte, der am Straßenrand Gänse hütete. Ich fragte meinen Vater, wieso dieser Junge uns kennt. Mein Vater antwortete: "Das ist hier überall so, man grüßt auch fremde Menschen". Mich hat das tief beeindruckt und ich habe mir für mein Leben etwas davon angenommen. Ich ärgere mich noch heute, wenn ich in einsamer Flur oder im Wald Menschen begegne, die nicht einmal aufschauen, geschweige einen Gruß erwidern.

Als ich noch ein kleiner Junge war, erzählte mir mein Vater oft selbst erfundene Geschichten oder er las vor, z.B. aus "Sigesmund Rüstig" und "Robinson Crusoe", die Bücher stammten schon aus seiner Kindheit. Diese Geschichten waren so spannend. Ich erinnere mich auch, dass er mit mir ganz einfache Kinderspiele spielte, z.B. "Es saßen zwei Täubchen auf einem Dach, die eine flog weg, die andere flog weg, die eine kam wieder, die andere kam wieder, da sind sie wieder!" oder er sagte einen Spruch auf, während er gleichzeitig eine kleine Strichzeichnung dazu fertigte, die am Ende sich als eine Ziege darstellte. Da hat man als Kind immer sehr gestaunt. Mein Vater konnte sehr gut zeichnen, vor allem übte er sich im Zeichnen von Pferden; zu Hause in Pommern existierte noch ein solches Skizzenbüchlein. Schön fand ich es auch, wenn mein Vater Klavier spielte, er tat das mit sehr viel Gefühl, leider haben wir nach dem Kriege nie wieder ein Klavier besessen. Mein Vater besaß damals aus seiner Kindheit ganz tolle bunte Blei- und Zinnsoldaten, vor allem einige ganz prächtige Pferde mit Reiter, Dragoner. Damit durfte eigentlich nicht gespielt werden. Nur aus ganz besonderen Anlässen holte mein Vater die im großen Flurschrank verstauten Kartons hervor, um mir die Figuren zu zeigen, sie aufzustellen, aber nicht um damit zu spielen, was ich nur allzu gerne getan hätte, denn ich hatte einen sehr ausgeprägten Spieltrieb. Später, gegen Ende des Krieges, als mein Vater monatelang nicht nach Hause kam, wagte ich es einige Male heimlich, wenn meine Mutter in der Stadt einkaufte, die Figuren hervorzuholen und damit etwas zu spielen. Bei diesen Geheimaktionen habe ich ein oder zwei Figuren beschädigt, irgendetwas abgebrochen, vielleicht eine Lanze oder Ähnliches. Doch ich glaube, dieses Vergehen ist nicht mehr ruchbar geworden, denn es gab 1944/45 andere Sorgen. Beim Verlassen des Hauses am 3. März 1945 habe ich mir drei von den fünf oder sechs Kartons Blei- und Zinnsoldaten noch schnell geschnappt, um sie mit auf die Flucht zu nehmen, der Rest zerschmolz ein oder zwei Nächte später im brennenden Haus. Aber auch diese drei Kartons waren nur vorläufig gerettet. Bei der Ausweisung aus Pommern im September 1945 konnte ich sie wegen der Begrenzung des Gepäcks auf das Lebensnotwendigste nicht mitnehmen, ich habe sie auf dem Grundstück des Hauses in Vorwerk, wo wir zum Schluss untergebracht waren, in aller Eile nur verscharren können, ich glaube, dass schon bald die Hühner sie hervorgeholt haben werden. Gerettet habe ich von meinen vielen Spielsachen nur ein kleines Spielzeugauto, einen Tankwagen, den ich noch jetzt besitze und der auf meinem Bücherregal steht, etwas verrostet, manchmal lasse ich die Enkel damit spielen in Erinnerung an selige Kindertage.


5. Meine Mutter

Meine Mutter, Charlotte (genannt Lotti) Rustemeyer geb. Graßmann, wurde 1902 in Neu-Zapplin bei Trepton/Rega in Pommern geboren, auch dies heute polnisches Gebiet. Mein Opa, Friedrich Graßmann, von einem Bauernhof aus Fischbeck/Elbe (bei Tangermünde) stammend, hatte 1901 das Gut Neu-Zapplin gekauft. Meine Oma, Elise geb. Stimming, Tochter eines Schmiedemeisters, stammte aus Wust, in der Nähe von Fischbeck gelegen. Neu-Zapplin war der Nachbarort von Klein-Zapplin. Etwa zur gleichen Zeit hatten sich zufälligerweise meine Großeltern Rustemeyer in Klein-Zapplin angesiedelt. Aus dieser Nachbarschaft entstand eine Freundschaft zwischen meinen späteren Großeltern Rustemeyer und Graßmann. Und in diesen Jahren, Anfang des 20. Jahrhunderts, begegneten sich bereits als kleine Kinder mein Vater und meine Mutter. Meine Großeltern Graßmann gaben aber das Gut Neu-Zapplin nach einigen Jahren wieder auf, verkauften es, das Gut war meinem Opa nicht ertragreich genug. Sie lebten für 2-3 Jahre im nahe gelegenen Treptow, wo meine Mutter auch zur Schule kam. In dieser Zeit sah sich mein Opa nach einem größeren landwirtschaftlichen Betrieb um. Er kaufte 1909 das ehemalige Rittergut Ackerhof, vor den Toren der Stadt Belgard/Persante gelegen. Die Verbindung zwischen den Rustemeyer und Graßmann blieb erhalten. Ihre weitere Kindheit und Jugend verbrachte meine Mutter hier auf Ackerhof. Nach dem Besuch der Volksschule kam sie auf die Höhere Töchterschule. An dieser Schule konnte sie aber in Belgard keine mittlere Reife erwerben (wegen fehlender 10. Klasse); so kam sie für ein Jahr auf das Lyzeum nach Kolberg, 36 km von Belgard entfernt. Dort wohnte sie in einer privaten Mädchenpension. Nach Rückkehr lebte und arbeitete sie im elterlichen Gutshaushalt. Ich vermute, dass sie sich vor allem um Küche, Haus, Garten und das Geflügel mit zu kümmern hatte. Ob ihr viel Freizeit blieb, weiß ich nicht; sie spielte gerne Klavier, las Bücher. Ich weiß nur von einer größeren Reise, die sie Anfang der zwanziger Jahre mit ihren engsten Freundinnen nach Berchtesgaden unternommen hat und einmal mit diesen zur Insel Rügen gereist ist. Alles bescheiden im Vergleich wohin heutzutage die Jugend reist. Zum Belgarder Freundeskreis meiner Mutter gehörten Gertrud Kasiske, Leni Klotz, Ilse Maaß (später verh. Griep), Grete Pieper, Antonie Utech und Annemarie Wanke. Irgendwann zu Beginn der zwanziger Jahre hat mein Vater ernste Kontakte zu meiner Mutter angeknüpft und ich glaube, sie haben sich bereits 1923 heimlich verlobt. Die offizielle Verlobung fand im Mai 1926, die Hochzeit im Mai 1929 in Ackerhof statt.

Meine Mutter habe ich überwiegend als gestrenge Frau in Erinnerung, sicherlich war sie von Natur aus schon ein ernster und grüblerischer Typ, bei weitem nicht so locker wie mein Vater, der ja überaus humorvoll war. Vielleicht tue ich ihr mit dieser Einschätzung unrecht. Einen großen Teil der mütterlichen Strenge habe ich mit Sicherheit selber provoziert, ich war eben ein sehr freches Bürschchen, das ständig dumme Gedanken hegte und weitgehend ausführte, wenn nicht selber ausgeheckt, sie von anderen übernahm. Ich kann mich aber auch noch genau an die Zärtlichkeit meiner Mutter erinnern, wie sie mit mir schmuste und mir Kinderlieder vorsang. Es war für sie auch keine leichte Aufgabe, über fast sieben Jahre der Kriegs- und Nachkriegszeit Alleinerziehende zu sein, sie war ehrgeizig, sie wollte aus uns tüchtige Menschen machen. Und sie war selbst sehr lernbegierig.

Nur ein unbedarfter Leser wird sich fragen, wieso ich so ausführlich auf das frühe Leben meiner Eltern eingegangen bin, das doch zum Teil vor meiner Kindheit lag. Sie haben eben oft davon erzählt, so wie wir uns heute oft an unsere eigene Kindheit erinnern und von ihr erzählen, so wurde ihre Kindheit und Jugend auch Bestandteil meines Fühlens und Denkens, meiner Erinnerung. Im Grunde weiß man viel zu wenig von ihnen und erst recht zu wenig von den Generationen davor!


6. Ein Paradies: Ackerhof - ein ehemaliges Rittergut

Solange ich denken kann, sind wir an jedem Sonntag nach Ackerhof gegangen, oft schon zum Mittagessen, sonst zum Nachmittagskaffee, und blieben meistens auch zum Abendbrot. Ackerhof liegt 1,5 km südlich von Belgard, wir brauchten etwa 1/2 Stunde von der Friedrichstraße aus. Gerade auf diesem Weg ermahnte mich meine Mutter oftmals, ich solle doch die Füße richtig setzten und nicht immerzu über den "großen Onkel" latschen. Das ehemalige Rittergut Ackerhof, das sich mein Opa und meine Oma 1909 gekauft hatten, stellte für mich eine ideale Lebenswelt dar. Die Vorgeschichte des Gutes kenne ich nicht näher, der Vorbesitzer war bereits ein Bürgerlicher. Es umfaßte über 850 Morgen (rd. 215 ha) Acker, Wiesen und Weiden, zu meiner Zeit etwa 8 Gespanne Pferde, Fohlen und ein ehemaliges Reitpferd namens Konsul, einen Traktor (Lanz-Buldog), ca. 45 Kühe mit Nachzucht, Schweinezucht und -mast, Hühner, Gänse, Enten, alles, was seinerzeit zur Landwirtschaft dazugehörte. Hier fühlte ich mich in meinem Element, obgleich sonntags die allgemeine Arbeit ruhte, aber die Tiere mussten auch an Sonn- und Feiertagen versorgt werden, die Kühe wurden gemolken und dann und wann fand auch mal ein besonderes Naturereignis, wie die Geburt eines Kalbes oder das Schlüpfen der Küken, statt. Für mich war es damals selbstverständlich, dass ich später mal den Beruf eines Landwirts ergreifen würde (als Alternative wollte ich Pastor werden!). An meinen Opa habe ich keinerlei Erinnerung, er starb leider schon 1935 im Alter von 70 Jahren, als ich 1 ½ Jahre alt war. Meine Oma war 18 Jahre jünger als er. Meine Mutter hat mir oft erzählt, dass die ersten Jahre auf Ackerhof für ihre Eltern nicht leicht gewesen seien, die Bewirtschaftung habe oft unter einem schlechten Stern gestanden, Viehseuchen und Brände seien aufgetreten, aber Opa habe sich nicht entmutigen lassen, er war sehr tüchtig.

An die Hochzeit meiner Tante Christel, die Schwester meiner Mutter, mit Günther Modrow, aus der Nähe von Greifswald/Vorpommern stammend, im November 1937 kann ich mich konkret erinnern; ich war damals gut 3 Jahre alt. Ich glaube, dass dieses eine meiner ersten, festen Erinnerungen darstellt. Ich sehe mich beim Blumenstreuen in der Belgarder Marienkirche, das nicht so richtig klappen wollte, und plötzlich fiel mir zu allem Unheil das kleine Körbchen mit all den Blümchen aus der Hand; damit hatte sich das weitere Streuen für mich von selbst erledigt. Die Hochzeitsfeier fand in Falks Gesellschaftshaus in der Luisenstraße statt. Ich sehe uns Kinder, wobei ich mit meinen drei Jahren das jüngste war, an einem Extratisch, dem Kindertisch, etwas abgerückt von der eigentlichen Hochzeitstafel sitzen. Zu unserem Entsetzen gab es als Vorspeise Krebssuppe. Wir Kinder ließen die uns vorgesetzte Suppe fast unberührt stehen. Ich kann mich nicht entsinnen, ob dieses Verhalten unmittelbare Sanktionen durch die Eltern hervorrief, aber es gab vermutlich eher eine Abmahnung als Verständnis.

In Ackerhof habe ich die Taufen meiner drei Cousinen, Elisabeth, Barbara und Christine, miterlebt. Ich glaube, die Taufakte fanden zu Hause statt, zumindest einmal habe ich das vor Augen. Auf jeden Fall nahm Pastor Zitzke an der anschließenden Kaffeetafel teil. Aus Anlass der Taufe gab es immer den leckeren Baumkuchen aus der Bäckerei und Konditorei Pagel, Belgard.

Unser Weg von der Friedrichstraße nach Ackerhof führte uns am Belgarder Kleinbahnhof vorbei in Richtung des Flusses Persante, die wir entweder auf der breiten und geteerten Straßenbrücke oder über die hohe Kleinbahnbrücke überquerten. Im Nachhinein wundert es mich, dass wir Letztere überquerten, denn erstens liefen wir da zwischen den Schienen entlang oder dicht daneben und zweitens war doch die Brücke nicht nur hoch, sondern auch sehr schmal, eingleisig glaube ich, aber seltsam, ich kann mich an keine Beklemmungen erinnern, wenn wir darüber gingen (denn heutzutage stellt sich bei mir in solchen Situationen schnell Schwindel ein). Ich wundere mich auch über meine Mutter, die immer erzählte, dass sie sich früher, als die Straßenbrücke über die Persante noch aus einfachen Holzbohlen mit breiten Ritzen bestand, da kaum hinüber getraut hätte. Manchmal helfen Fotos, die Erinnerungen aufzufrischen oder hervorzukehren: So ist es mit dem Erntedankfest 1938, als meine Schwester Dörte und ich stolz auf dem den Umzug anführenden Wagen neben dem Kutscher Werner Spandikow saßen und von Ackerhof über Vorwerk nach Belgard hineinfuhren. Der Umzug endete auf dem Marktplatz.

In Ackerhof durfte ich mir nicht viele Dummheiten leisten, sonst handelte ich mir mit der Verwandtschaft schnell Ärger ein. Hier gab es allerdings auch kaum Kinder, die mich zu Streichen anstifteten; meine Cousinen waren noch zu klein dazu, und Mädchen waren sowieso viel artiger als Jungen. Hof und Garten boten viele Spielmöglichkeiten. Besonders anheimelnd spielte es sich in dem großen Garten, in dem es für uns Kinder einen Sandkasten, eine Schaukel, eine Laube, viele Möglichkeiten zum Versteckspielen gab, auf den langen Wegen konnte man Roller oder Dreirad fahren. Oder wir schauten meiner Oma im Mai/Juni beim abendlichen Spargelstechen zu. Ich guckte gerne in die Viehställe, sofern ich durfte, denn auf so einem großen Hof lauerten an vielen Ecken Gefahren, vor allem für Kinder. Vorsicht vor dem Bullen und Hengst war geboten, der Teich war nicht gesichert, die Jauchegrube vielleicht nicht richtig abgedeckt usw. Gern gingen wir Kinder zur abendlichen Schweinefütterung, da herrschte immer ein großes Gequieke im Stall, denn sobald die Schweine merkten, dass die Fütterung begann, drängten sie sich an die Futtertröge. In der Futterkammer roch es zur Zeit der Kartoffelernte immer so lecker, weil hier die aussortierten, kleinen Kartoffeln gedämpft wurden, sie schmeckten lecker wie normale Pellkartoffeln. Mein Onkel hatte die Schweinehaltung, Zuchtsauen und Ferkel, erheblich ausgedehnt. Der Hof war immer sehr aufgeräumt, besonders natürlich zum Wochenende. Ich habe mal gesehen, wie samstags bei Arbeitsschluss unter der Anleitung von Hofmeister Nimz alle abgestellten Pferdewagen an einer Schnur entlang ausgerichtet wurden, das war preußisch.

Wenn wir mal aus Anlass eines Geburtstages während der Woche Ackerhof besuchten, war es dort natürlich wesentlich interessanter als sonntags, dann herrschte großes Treiben auf dem Hof, vor allem zur Feierabendzeit, wenn die Arbeiter und Arbeiterinnen sowie die Pferdegespanne vom Feld zum Hof zurückkamen. Dann wurde ich schon mal auf ein Pferd gesetzt und durfte ein Stück über den Hof reiten oder ich half beim Ausspannen und begleitete die Pferde in den Stall. Mein damaliges Interesse an dem Betrieb ging schon so weit, dass ich anfing, Buch über einige Betriebsvorgänge zu führen, z.B. über die Tierbestände, deren Zu- und Abgänge, ich schaute mir auch Bilder in Fachzeitschriften an.

Das Essen war natürlich immer gut und reichlich, Kuchen aß ich in solchen Mengen, dass ich oft Bauchschmerzen bekam; die Gefahr bestand auch bei Pudding, den man natürlich nur ausreichend bekam, wenn man die Hauptmahlzeit richtig aufgegessen hatte, d.h. der große Teller leer war. Daran konnte es schon mal hapern, denn nicht alle Fleisch- oder Gemüsegerichte fanden bei Kindern Beifall. So kam z.B. Hühnerfrikassee bei mir nie gut an, da war immer so viel Haut der zähen Legehennen drin zu finden, ich mochte auch kein fettes Fleisch. Es gab aus eigenen Gewässern öfter Karpfen, die mir aber nicht schmeckten, denn es handelte sich dabei meistens um dicke, alte Exemplare; Kochfisch war mir sowieso nie ganz geheuer, vor allem des Geruches wegen. Beim Pudding habe ich mir dann doch mal eine Ungehörigkeit erlaubt: Die Hausmädchen hatten bei der Vorbereitung des Mittagstisches die Schüssel mit Pudding vorübergehend auf einem Tisch im Flur abgestellt; das sah ich zufällig; und da in diesem Moment niemand in Sicht war, tauchte ich "probehalber" einen Finger in die Puddingschüssel. Da die Probe gut schmeckte, wiederholte ich den Vorgang mehrmals mit dem Ergebnis, dass das Loch immer größer und augenfälliger wurde. Ich verschwand schleunigst, musste mich natürlich zum Essen einfinden, das mir diesmal gar nicht schmeckte, zumal das Malheur noch über mich hereinbrach.

Von Ackerhof bekamen wir mit dem Milchwagen jeden Morgen frische Milch gebracht, ab und zu Eier und Butter, denn der Weg von Ackerhof zur Belgarder Molkerei führte direkt bei uns vorbei. Der Milchwagen war ein einspännig gezogener, kleiner Pferdewagen, der ausreichte, die tägliche Produktion von etwa 20-25 Kannen Milch aufzunehmen. In früheren Jahren war es ein eisenbereifter, später ein Wagen mit Gummireifen. Gezogen wurde der Wagen vom ehemaligen Reitpferd "Konsul", das allmählich der Altersgrenze entgegenging. Konsul fand den Weg zur Molkerei und zurück von ganz alleine; Werner Spandikow, der junge Gespannführer, brauchte da nicht viel zu lenken. Konsul hielt auch ohne Kommando gegenüber unserem Hause unter der großen Kastanie auf der Ecke zur Bismarck-Allee an, wartete geduldig, bis Werner die Milch abgegeben hatte, und setzte die Fahrt von selber fort, sobald Werner auf dem Kutschbock Platz genommen hatte.

Im Kriege wurden den Gütern und Bauernhöfen Kriegsgefangene als Arbeitskräfte zugeteilt. Ich erinnere mich schon früh an gefangene Serben in Ackerhof, die in einem alten Fachwerkhaus, ein altes Bauernhaus, das mein Opa Graßmann vor Jahren einschließlich Land gekauft hatte, hinter Stacheldraht und auch unter Bewachung untergebracht waren. Diese jungen Männer waren hochgewachsen und machten alle einen sympathischen Eindruck. Sie wurden später durch andere Gefangene abgelöst, mag sein, dass auch mal Russen da waren, aber zum Ende des Krieges waren es wohl Franzosen.


7. Noch ein Paradies: Gut Klein-Zapplin

Jedes Jahr im Juli fuhren wir nach Klein-Zapplin (ca. 13 km südwestlich von Treptow/Rega gelegen), dem großelterlichen Gut väterlicherseits, das sie sich 1901 gekauft hatten. Es war auch ein ehemaliges Rittergut, dessen vorhergehende Geschichte ich aber nicht kenne, ich weiß nicht, wann es aus adeliger in bürgerliche Hand gekommen ist. Mein Großvater starb 1932 im Alter von 69 Jahren, ich konnte ihn leider nicht mehr kennenlernen. Unsere Fahrten nach Klein-Zapplin fielen immer in die Sommerferien, denn damals gab es noch nicht die jährlich wechselnden Ferientermine, auch mein Geburtstag lag immer in den Ferien, sie begannen irgendwann Ende Juni. Unmittelbarer Anlass für die Reise waren die Geburtstage meiner Großmutter und meines Onkels Karli Anfang Juli. Wir fuhren selbstverständlich mit der Eisenbahn, mussten in Kolberg und meistens auch in Treptow umsteigen. Klein-Zapplin besaß einen eigenen Bahnhof, direkt hinter dem Gutsgarten. Diese Trasse und Station hatte - so wurde jedenfalls immer kolportiert - mein Großvater durchgesetzt; und es hieß immer, andere Dörfer hätten die Bahnstrecke und den Bahnhof nicht haben wollen. Wir blieben in der Regel ca. 4-5 Tage dort, so schätze ich im Nachhinein, vielleicht auch mal eine Woche lang, aber länger auf keinen Fall. Der Betrieb wies allerdings nur noch 500 Morgen (125 ha) gegenüber ursprünglich 1100 Morgen auf, der andere Teil musste in den dreißziger Jahren im Rahmen der sog. Ost-Entschuldung verkauft oder abgegeben werden, woraus zwei bäuerliche Betriebe gebildet wurden. Anders als in Ackerhof gab es bei den Pferden mehr Warmblüter, weniger die schweren Kaltblüter, vielleicht war der Ackerboden leichter. Die Warmblüter gaben natürlich gute Kutschpferde ab.

In Klein-Zapplin gab es viele Spielgefährten, denn da trafen zahlreiche Cousins und Cousinen zusammen, neben den vier Zappliner Kindern noch die von meines Vaters Schwester Anni aus Schellin und auch noch Kinder von Freunden der Familie (die Celler Verwandtschaft habe ich nicht dort erlebt, erst nach dem Kriege in Celle kennengelernt). Man kann sich vorstellen, dass es dort immer recht lebhaft zuging.

Der Garten war sehr groß, wirkte teilweise wie ein Park. Hier konnten wir Kinder uns richtig austoben, wovon wir zur Genüge Gebrauch machten. Es gab inmitten des Gartens einen Teich, auf dem sich Enten tummelten. Der Teich war zwar nicht tief, aber dennoch für Kinder nicht ganz ungefährlich, weil er auf dem Grund sehr modrig, daher zum Baden auch nicht attraktiv war, und wir haben es auch kaum probiert. Hier am Teich konnte man immer wunderhübsche Libellen beobachten. Überhaupt lernten wir früh das Beobachten der Natur. In einem gesonderten Teil des Gartens standen zahlreiche Bienenstöcke, deren Nähe man besser mied. Der Juli war immer die Zeit der ersten Honigernte. Beim Honigschleudern sahen wir gerne zu, man konnte schon mal so ein bisschen von dem frischen Honig naschen. Um diese Jahreszeit gab es aus den Wäldern Blaubeeren (sprich Heidelbeeren) und Pfifferlinge. Es war lustig, wenn wir Kinder uns nach dem Mittagessen die durch die Beeren blau gefärbten Zähne und Zungen zeigten. Auf den zwei oder drei Schaukeln im Garten schaukelten wir immer ganz wild, das verging oft nicht ohne Stürze und Tränen. Der Garten eignete sich ideal für Versteckspiele. In der Mittagspause musste immer absolute Ruhe herrschen, dann haben wir uns auf der Wiese gesonnt. Danach wurden besonders wir Jungen lebendig und begannen zu toben, was aber nicht gerne gesehen wurde. Eine Attraktion auf dem Hof war ein großer Ziegenbock mit gefährlich großen Hörnern. Vor ihm hatten nicht nur die Kinder Respekt. Manchmal setzte er über seine Stallboxwand und erschien, sofern die Stalltür nicht geschlossen war, auf dem Hof; dann hieß es, sich sofort in Sicherheit zu flüchten. Einige Male hat er Menschen angegriffen, ich selbst habe es aber nicht erlebt; irgendwann wurde seine "Zelle" ausbruchsicher gemacht.

Mein Cousin Friedrich-Karl und ich heckten so gelegentlich den einen oder anderen Streich aus. Erinnern kann ich mich daran, dass wir einmal ganz bewusst beide WCs mit einer großen Menge Toilettenpapier verstopft haben. So mussten alle Personen, die ein gewisses Bedürfnis verspürten, bis zur Wiederherstellung des Normalzustandes dieses entweder bremsen oder eines der noch existierenden Plumpsklos aufsuchen. Einmal haben sich Friedrich-Karl und ich beim Toben auf der Gartenwiese nackend ausgezogen (da waren wir vielleicht etwa 8 Jahre alt), eine Decke umgehängt und versucht, die Mädchen zu erschrecken. Das wurde von elterlicher Seite nach Bemerken sofort unterbunden. Es herrschte eben noch nicht das aufgeklärte Zeitalter des "Playboy" und der "Bravo".

Die Kutschfahrten waren immer der Höhepunkt des Aufenthaltes in Klein-Zapplin. Sie fanden meistens sonntags statt, weil dann die Pferde im Betrieb entbehrt werden konnten. Ziel war die nahe gelegene Ostsee, die Badeorte Horst, Treptower Deep oder Fischerkathen, vielleicht 10 km entfernt auf Feld- und Waldwegen zu erreichen. Solch ein Ausflug mit der Kutsche war immer eine Staatsaktion. Wir Jungen schauten schon beim Vorbereiten der Pferde im Stall zu, denn diese wurden für eine Kutschfahrt besonders geschniegelt und gestriegelt. Dann, pünktlich zur angegebenen Zeit, trabten die beiden Kutschen die kleine Anhöhe vor dem Hausportal hoch und kamen mit einem "Prrrrrr" zum Stehen. Zuerst wurde Proviant eingeladen und danach stiegen die Personen ein, es wurde meistens etwas beengt, weil die Kinderzahl doch groß war. Die Fahrt war immer aufregend - vor allem meine Mutter machte sich fast panische Sorgen, vielleicht nicht ganz ohne Grund -, denn die Kutschpferde waren nicht immer so ganz "koscher", sie waren sehr temperamentvoll, hinzu kam, dass vor allem im schattigen Wald die Fliegen, die "Bremsen", sich an den Pferden zu schaffen machten, stachen und diese dadurch manchmal sehr nervös wurden. Die Kutscher mussten schon ihr ganzes Können aufbieten, um die Pferde im Zaum zu halten. Meistens übernahm mein Onkel selbst ein Kutschgespann. Die Fahrten sind immer gut gegangen. Nach etwa 1 1/2 Stunden, schätze ich, waren wir am Ziel. Ich meine, manchmal noch das Knirschen der Räder auf den sandigen Wegen zu vernehmen.

Beim Baden in der See war natürlich immer Vorsicht angebracht, da die meisten Kinder nicht schwimmen konnten. Andererseits war die See in Strandnähe doch recht ausgedehnt flach, man konnte schon ein Stückchen weit ins Wasser hineingehen, ohne unterzugehen. Aber die Mütter warnten ständig und hielten uns zurück. Das Baden in der See und das Spielen im schönen pommerschen Strandsand waren ein großes Erlebnis. Gegen Abend ging es dann wieder zurück, sodass wir möglichst noch vor dem Dunkelwerden wieder in Zapplin ankamen, aber einmal, da war es schon fast finster und die Fahrt durch den Wald recht unheimlich. Während des Aufenthaltes in Zapplin wurde auch manchmal eine Fahrt nach Schellin unternommen, um die Verwandtschaft Habeck zu besuchen. Die Entfernung betrug ca. 12 km, und die Fahrt wird bestimmt fast 1 ½ - 2 Stunden gedauert haben. An den Gutshof und das Wohnhaus in Schellin habe ich nur noch grobe Erinnerungen. Ich weiß aber noch, dass das Gartengelände vom Haus aus bis zur Rega stark abfiel; die Rega war hier breiter, tiefer und strömender als die Persante bei Belgard.

Bei unserem Besuch in Klein-Zapplin schliefen wir immer in einem Zimmer auf der ersten Etage mit Blick zum Garten. Wie zu Hause schlief ich hier in einem alten Kinderbett, aber aus Drahtgeflecht, es könnte schon von meinem Vater oder seinen Geschwistern benutzt worden sein. Aber das war früher so, Dinge wurden erst ausrangiert, wenn sie wirklich unbrauchbar geworden waren. Klein-Zapplin war ein kleines Dorf mit nur wenigen Höfen und Häusern. Ich erinnere mich an den kleinen Kaufmannsladen Marquardt, irgendwas war da interessant, ich glaube, er hatte eine Voliere mit Kanarienvögeln und Wellensittichen, dazu einen kleinen Zierteich mit Goldfischen. Auch die Schule, am Ortsausgang Richtung Neu-Zapplin auf der linken Seite, sehe ich vor mir; sie war natürlich einklassig, die Rustemeyer haben sie alle durchgemacht, im Anschluss daran gingen sie auf das Gymnasium nach Treptow. Der alte Dorfschullehrer hieß Brötzmann, seine Tochter Mieke war die erste Liebe meines Vaters.

Unweit des Dorfes gab es eine alte Mergelkuhle, die sich mit Wasser gefüllt hatte. Hier haben wir an Hitzetagen gemeinsam mit den anderen Dorfkindern gebadet, obgleich das Wasser unheimlich dunkel schimmerte und sich Blutegel darin befanden, die sich dann und wann auch mal an unseren Beinen festsaugten; es gab einen Trick, sie schnell wieder zu lösen. So ganz wohl war mir nie in dieser Kuhle, denn im hinteren Teil war sie zu tief für mich. Zur sommerlichen Erntezeit traf man in Zapplin immer eine größere Anzahl von Italienern und Italienerinnen an, sie waren Saisonarbeitskräfte für die Getreideernte. Sie waren immer sehr freundlich und nett, kochten für sich alleine, ihre typischen Gerichte, daher roch es in ihren Räumen auch ganz anders als in einer deutschen Küche. Sie schliefen in ganz einfachen Betten auf Strohsäcken.

Einmal sind wir erst zu etwas späterer Jahreszeit nach Zapplin gefahren, die Getreideernte neigte sich bereits dem Ende zu; und ich erinnere mich, wie mühsam es war, barfuß über die Stoppelfelder zu laufen, vielleicht war das 1943 oder 44. Es war schon recht windig und ich glaube, danach bekam ich - in Belgard angekommen - eine schwere Mittelohrentzündung. Bei einem HNO-Arzt in der Bahnhofstraße, Ecke Bismarck-Allee wurde ich behandelt. Unter Vollnarkose mit Äthermaske (bitte, zähle langsam 1...., 2...., 3....) wurde mir das Trommelfell durchgestoßen, was mir dann später Probleme beim Tauchen bereitete.


8. Freunde, Kinder und Spiele

Auf dem Viehverwertungshof traf sich immer eine größere Anzahl von Kindern, natürlich weitgehend alle, die im Wohnhaus hier und nebenan auf dem Gelände des Ein- und Verkaufsvereins wohnten. Das waren vor allem Hans und Horst Kriefall, Egon und Ulli Dahlke, Ulli und Renate Beise, Helma Winkel und wir. Hans Kriefall und meine Schwester gehörten zu den ältesten und spielten nur noch gelegentlich mit, so vielleicht gegen Abend beim Völkerballspiel. Die Mehrzahl der Väter war wie mein Vater beim Ein- und Verkaufsverein beschäftigt. Der Vater von Hans und Horst starb schon früh; ich habe keine Erinnerung mehr an ihn, die Mutter war, solange ich denken kann, berufstätig. Manchmal spielten mit uns auch Kinder aus der weiteren Nachbarschaft in der Friedrichstraße.

Das Gelände eignete sich hervorragend für Kinderspiele, z.B. Verstecken, Kriegen, Völkerball, "Wer fürchtet sich vorm Schwarzen Mann". Die Abzählreime habe ich noch "im Ohr", z.B. "Eene, meene, muh und ab bist Du, ab bist Du noch lange nicht, sag' mir erst, wie alt Du bist". Als ich noch ein kleiner Junge war, kannte ich das nur vom Zuschauen; man musste erst eine gewisse Größe und Reife erreicht haben, bevor die größeren Kinder sich herabließen, die jüngeren mitspielen zu lassen. Aber eines Tages war es dann soweit, man durfte mitmachen. Diese gemeinschaftlichen Spiele haben immer mächtig Spaß gemacht, wie z.B. auch das Spielen mit Murmeln, jedes Kind war im Besitz eines Beutels mit den bunten Kugeln. Am schönsten war das Spielen, wenn es in die Dämmerung hineinging, dann wurde alles fast gespenstisch. Roller fahren war auch so eine Kinderleidenschaft. Ich besaß aber nur einen einfachen Holzroller, andere Kinder nannten schon Roller aus Metall mit einer Fußbremse ihr Eigen. Da wir Kinder im Sommer immer barfuß liefen, habe ich mir als kleiner Junge beim Rollern oft den großen Zeh blutig aufgeschlagen, dann lief ich weinend nach Hause, wo mir ein Pflaster aufgeklebt wurde; Respekt hatte ich vor der Behandlung der Wunde mit Jod, das trieb weitere Tränen in die Augen. Stolz war ich auf meinen Handwagen, wir sagten Ziehwagen. Da haben wir uns gegenseitig drin gezogen, natürlich oft übermütig im Laufschritt, scharfe Kurven nehmend, sodass der Wagen gelegentlich umkippte und die lebendige Fracht entlud, das gab dann Gelächter oder Wehgeschrei; einmal brach sogar die Wagendeichsel ab.

Ein eigenes Fahrrad besaß ich nicht, daher konnte ich mit 10 Jahren noch nicht richtig Rad fahren; ich übte mal auf einem Damen- oder Herrenrad in Ackerhof oder auf meines Vaters Rad, so mit einem Bein unter der Längsstange hindurch, aber dabei kam man schnell in Schieflage und kippte um. Einmal ließ mich Horst Kriefall auf seinem Jugendfahrrad im Hof fahren; da ich aber sehr unsicher war und den Rücktritt nicht rechtzeitig betätigte, fuhr ich gegen einen abgestellten LKW-Anhänger, glücklicherweise blieben Rad und ich unversehrt, aber ich habe doch einen erheblichen Schreck bekommen. Ein anderes Mal nahm mich Ulli Beise auf seinem Fahrrad mit in die Innenstadt, ich glaube, ich saß auf dem Gepäckträger, vielleicht aber auch seitwärts auf der Stange. Er musste noch kurz vor Mittag etwas aus dem Konsum in der Nähe des Hohen Tores holen. Als er mich danach wieder auf das Rad nahm, stand plötzlich ein Polizist neben uns. Uns rutschte "das Herz bis in die Hose", denn wir wussten, dass auch Kinder nicht zu zweit auf einem Fahrrad fahren durften. Eine entsprechende, strenge Belehrung erhielten wir. Richtig Rad fahren lernte ich erst nach 1949 in Hann. Münden, als ich ein eigenes Fahrrad besaß.

Erinnerungen bestehen aus vielen Einzelereignissen, die kaum untereinander in direktem Zusammenhang stehen, sondern nur locker in Beziehung gesetzt werden können, ihre Chronologie kann oft kaum noch hergestellt werden, das merkt man besonders, wenn man sich dieser vielen kleinen Erlebnisse erinnert, wie ich sie gerade schildere. Einmal spielten wir fröhlich - ich weiß nicht mehr was - auf dem hinteren Teil des Geländes der Viehverwertung auf der Wiese am Rande der Böschung zur Kleinbahn. Auf dem Bahndamm droben stand eine frisch angeheizte Lokomotive, die sehr viel schwarzen Rauch entwickelte und uns darin einhüllte. Aber anstatt aus dem Bereich des Rauches herauszulaufen, blieben wir ganz bewusst darin, sind vermutlich möglichst in den dicksten Rauch gegangen. Als die Lok dann fortfuhr und sich der Rauch verzogen hatte, sahen wir einander an und stellten fest, dass wir im wahrsten Sinne des Wortes "kohlrabenschwarz" aussahen". Wir jubelten darüber. Doch dann kam der Gedanke hoch, wie dieses Aussehen zu Hause aufgenommen werden würde. An die Reaktion meiner Mutter bei meinem Anblick kann ich mich nicht mehr genau entsinnen, aber es lässt sich erahnen.


9. Meine Geburtstage - Happy Birthdays

Etwas Besonderes stellten naturgemäß die Geburtstage dar. Meiner fiel, ebenfalls naturgemäß, immer in eine schöne Jahreszeit, meistens warm und trocken, vielleicht mal Gewitter. Der Kreis der Eingeladenen war aber nie sehr groß, alle Freunde waren wohl nicht dabei, wie ich aus einem Foto von 1941 ersehe, vielleicht sollte das so sein oder die anderen waren schon in die Ferien gereist. Dabei waren Horst Kriefall, Adolf Tattenberg, Helma Winkel, meine Oma mit meiner Cousine Elisabeth, dann noch Frau Henze, die Frau des Direktors des Ein- und Verkaufsvereins. Zu einem Geburtstag erhielt ich zufällig zwei gleiche Spielzeugsegelboote, geeignet für die Badewanne oder zum Spielen an der See, eines war wohl von Tante Trude Kasiske, der Freundin meiner Mutter, das andere von Frau Henze.

An die Nenn-Tante Trude habe ich sehr viele Erinnerungen. Sie war ledig. Sie war oft bei uns zu Besuch oder wir bei ihr. Ich vermute, dass sie bei uns, als wir klein waren, öfter mal eingehütet hat, wenn mein Eltern ausgegangen waren. Sie wohnte mit ihrer Mutter in der Luisenstraße Nr.19 in einem eigenen, großen Haus. Der Vater war früh verstorben, war Besitzer oder Mitbesitzer der Kalksandsteinfabrik bei Belgard gewesen. Bei Tante Trude stand in der Weihnachtszeit immer ein großer Weihnachtsbaum, dessen Ständer eine Spieluhr enthielt, die Weihnachtslieder spielte, während sich der Baum drehte. Das fanden wir Kinder faszinierend. Ich meine auch, dass Bellins Jungen, Peter und Jürgen, einmal oder mehrmals zum Geburtstag bei mir waren. Vielleicht verwechsele ich das jetzt aber auch mit einer normalen Einladung, denn gegenseitige Besuche haben stattgefunden, daran erinnere ich mich ganz genau. Peter ist mein Jahrgang und ging in meine Parallelklasse, Jürgen ein Jahr jünger. Frau Bellin war eine Schulfreundin meiner Mutter, heiratete in eine Mühle in Belgard.

Zum Geburtstag kam auch immer ein Päckchen von meiner Großmutter aus Klein-Zapplin. Ich weiß dazu nicht mehr viele Einzelheiten, nur dass darin mindestens immer eine Leberwurst war, die ich so gerne mochte. Ich bin noch im Besitz eines kleinen, bunten Kärtchens, das sie wohl einer solchen Sendung beigefügt hatte, darauf steht: "Dem lieben kleinen Friedrich Christoph von uns allen die besten Wünsche zu seinem Geburtstage und ein süßes Küßchen von Großmutti".


10. Sommer in Pommern: Pack' die Badehose ein....

An heißen Sommertagen ging' s ins Schwimmbad, immer ein schönes Erlebnis. Allerdings war der Weg weit. Das Bad lag am anderen Ende der Stadt. Wir mussten durch die ganze Stadt und dann noch ein Stück Weg, den Poetensteig, unter Bäumen an der Leitznitz entlanglaufen. Das Schwimmbad war großzügig gebaut, wies fünf Becken auf, davon zwei für Nichtschwimmer. Wir tobten immer sehr im Wasser und auf der großen Liegewiese umher, sodass sich beim langen Heimweg bald Müdigkeit bemerkbar machte. Bevor Belgard dieses moderne Schwimmbad erhielt, gingen die badefreudigen Belgarder - nach dem Erzählen meiner Mutter - in der Persante baden; es hätte früher in der Nähe von Vorwerk eine für Herren und Damen getrennte Badeanlage gegeben. Wir Kinder haben so gut wie nie in der Persante gebadet, das Baden darin war auch nicht ungefährlich wegen Untiefen und Strudeln. Ich sehe allerdings vor mir, dass wir an den Ackerhöfer Weiden, in Nähe der Kleinbahn-Brücke, dort, wo die Kühe die Persante als Tränke nutzten, mal gebadet haben, das kann möglicherweise im Sommer 1945 gewesen sein oder zur Zeit des Osteinsatzes meiner Mutter im Sommer 1944.

In den Sommerferien fuhr meine Mutter mit uns gelegentlich über Tag mit der Bahn nach Kolberg an die Ostsee. (Wir hielten uns damit nicht an den Nazi-Propagandaspruch "Räder müssen rollen für den Sieg, unnötige Reisen verlängern den Krieg"). Von Belgard bis Kolberg sind es 36 km, der Bummelzug fuhr eine Stunde. Der Fußweg dort vom Bahnhof zum Strand zog sich ein Stück hin, jedenfalls kam er mir immer "ewig" lang vor. Der Strand war herrlich. Es fiel mir immer schwer, gegen Abend Strand und Meer zu verlassen, um die Rückfahrt anzutreten.

Es kam die Zeit, da wurde es Zeit für mich, Schwimmen zu lernen, und ich wollte es selber auch; aber von ganz alleine wurde es bei mir nichts, so viel ich mich auch bemühte. So wurde ich zum Schwimmkurs angemeldet. Meine Schwester begleitete mich zur ersten Stunde; doch nachdem alle Namen aufgerufen waren, blieb ich als Einziger unaufgerufen übrig. Es stellte sich heraus, dass meine Anmeldung irgendwie untergegangen war; es gab kein Pardon, ich durfte am Kurs nicht teilnehmen, und so lernte ich in Belgard das Schwimmen nicht mehr. Meine Schwester hat sich zwar in der laufenden Saison, das war wohl 1944, bemüht, mir das Schwimmen beizubringen. Kleine Fortschritte erreichte sie bei mir; aber als ich dann unter ihrer Aufsicht einen ernsten Test in einem der Schwimmerbecken unternahm, am Rand entlang versteht sich, da sackte ich nach etwa zehn oder zwölf Metern ab und musste schnell von ihr aus dem Wasser gezogen werden.


11. Selige Weihnachten

Das Weihnachtsfest stellte immer den Höhepunkt des Jahres dar. Die Spannung auf das Fest war enorm, denn wir erwarteten gute und reichliche Gaben, aber welche sich einstellten, das war das besonders Spannende. Meine Mutter verstand es, die Spannung immer weiter steigen zu lassen. Bereits der Adventskalender war für uns Kinder faszinierend, obgleich er nicht wie heute Süßigkeiten enthielt, sondern nur Bildchen hinter den Türchen aufwies, und jedes Jahr derselbe Kalender aufgehängt wurde. Hinzu kam, dass in der Adventszeit jeden Morgen für jedes Familienmitglied auf dem Frühstückstisch eine blaue Kerze in einem verzierten, kleinen Kerzenständer hinter einem weihnachtlichen Transparentbild brannte. Am Heiligen Abend selbst stieg die Spannung ins Unermessliche.

Wir Kinder mussten uns während der Vorbereitung der Bescherung im Kinderzimmer aufhalten. Meine Mutter schaffte die Geschenke aus den - uns natürlich nicht bekannten - diversen Verstecken aus dem Schlafzimmer, Fremdenzimmer und Flurschränken zum Weihnachtsbaum im Esszimmer. Beim Laufen durch den Flur und die Zimmer täuschte sie Gespräche mit dem "Weihnachtsmann" vor; so glaubten wir, dieser befände sich tatsächlich im Haus, es war geradezu unheimlich, aber schön. Ich weiß nicht mehr, wann wir zur Kirche gingen, vermutlich am Nachmittag. Aber ehrlich gesagt, ich kann mich an gar keinen Weihnachtsgottesdienst entsinnen. Die Zeit war wahrscheinlich dazu immer zu knapp, weil wir nach der Bescherung bei uns noch nach Ackerhof gingen und dort von meiner Oma und Tante Christel ebenfalls beschert wurden. Wahrscheinlich ab 1942 erfolgte in Ackerhof eine getrennte Bescherung, zunächst bei Tante Christel im Haus, dann bei meiner Oma, die sich in jenem Jahr dem Gutshaus schräg gegenüber ein eigenes Haus gebaut hatte und nun ihrerseits noch alle Kinder und Kindeskinder gesondert beschenkte. Das waren noch Zeiten!

Als ich - so meine ich aus der Erinnerung heraus - vier oder fünf Jahre alt war, bekam ich in Ackerhof ein Schaukelpferd zu Weihnachten geschenkt. Ich begann sofort, damit zu schaukeln, erst langsam, dann immer schneller und wilder, bis ich mich plötzlich mit dem Pferd rückwärts überschlug. Da war das Entsetzen bei den Erwachsenen groß; ich hatte natürlich auch einen mächtigen Schreck bekommen und wahrscheinlich habe ich durchdringend geschrien und es hat jemand die mögliche Beule am Kopf bepustet. Das Schaukelgestell konnte man abmontieren und dann das Pferd auf Rollen bewegen, nur davon durfte ich an jenem Heiligen Abend noch Gebrauch machen, weiteres Schaukeln wurde verboten. Allerdings trügt hier wohl meine Erinnerung etwas. Denn wie ich im Nachhinein aus dem Fotoalbum ersehe, besaß ich dieses Schaukelpferd schon im Sommer 1937, muss es dann doch schon Weihnachten 1936 erhalten haben, also mit zweieinhalb Jahren. Kann ich mich an ein so frühes Ereignis tatsächlich so genau entsinnen oder ist das nur die vom Hörensagen angeregte Fantasie, die sich so festgesetzt hat? Hoffentlich ist das mit anderen angeblichen Erinnerungen nicht auch so. Oder hat sich das Ganze vielleicht gar nicht Weihnachten, sondern am Geburtstag zuvor abgespielt?

An die vielen Weihnachtsgeschenke im Laufe der Jahre kann ich mich im Einzelnen natürlich kaum noch erinnern; Spielzeug war selbstverständlich immer dabei, z.B. eine Autobahn in Achterform mit Ampeln an der Kreuzung und mit einem roten und einem blauen Auto, die nach mechanischem Aufziehen die Bahn entlang rasten, an der Ampel konnten man sie zum Halten bringen. Dies war meiner Erinnerung nach Weihnachten 1943 und ich durfte erstmals nach der Rückkehr aus Ackerhof noch bis 24 Uhr aufbleiben. Eine elektrische Eisenbahn habe ich nie besessen und ich war immer ganz neidisch auf einige Freunde, wie Hans und Horst Kriefall sowie Ulli Beise, die eine solche besaßen. Ich hatte nur eine Bahn mit einer Lokomotive zum mechanischen Aufziehen, dazu drei oder vier Personenwaggons und einen Gepäckwagen. Ich glaube, Weihnachten 1944 sah es mit den Geschenken schon karger aus, es gab nichts Ausgefallenes mehr zu kaufen. An einem Weihnachtsfest stellte sich eine besondere Überraschung ein, es wird wahrscheinlich 1943 gewesen sein: Wir waren nach unserer Bescherung zu Hause gerade in Ackerhof eingetroffen, als mein Vater plötzlich dort in die Tür trat; er hatte überraschend Weihnachtsurlaub erhalten.

Etwas Besonderes neben den Geschenken war immer der bunte Teller, gefüllt mit Pfefferkuchen und Süßigkeiten, den jedes Kind bekam. Wir waren bevorzugt, weil wir in Ackerhof nochmals einen solchen vorfanden. Mir reichten natürlich keine zwei, ich ging heimlich noch an Dörtes Teller, was immer irgendwann entdeckt wurde und zu Ärger führte; ich konnte allerdings nichts mehr zurückgeben, denn mein Vorrat war verbraucht. Dieses Verhalten erinnert mich daran, dass ich auch bei vielen anderen Gelegenheiten frech zu meiner Schwester war; in meiner Wut, die in irgend etwas zurecht oder zu unrecht - wahrscheinlich eher das Letztere - gründete, zog ich hinterhältig an ihren schönen, langen Zöpfen, wobei ich mir meistens ganz schnell ein paar Ohrfeigen einfing.


12. Pommerscher Winter:
      Gefroren hat es heuer, noch gar kein festes Eis....


Im Winter waren Schlitten fahren und Schlittschuh laufen angesagt und die pommerschen Winter waren kalt und lang. Ich erinnere mich noch ziemlich genau an meine ersten Schlittschuhlaufversuche auf einem Weiher oder überschwemmten Wiesen bei der Belgarder Lederfabrik; meine Schwester musste mir - weil ich nicht so recht gut mit Schlittschuhen umgehen konnte - ständig helfen, was sie vermutlich gar nicht gerne tat, denn sie wollte sicherlich lieber mit ihren Freundinnen zusammen sein. Mit den Schlittschuhen gab es damals immer das Problem, dass sie erst vor Ort unter die Schuhe geschnallt werden konnten, allzu leicht lösten sie sich beim Laufen, mussten erneut befestigt werden. Schnell gab es kalte Hände, kalte Füße und man wurde quengelig. Dann war man schließlich froh, wenn man wieder zu Hause am warmen Ofen saß und Hände und Füße unter heftigem Prickeln "auftauten". Dennoch konnten wir oft kein Ende finden, am liebsten wären wir bis in die Dunkelheit geblieben.

Ich besaß einen tollen Schlitten, er stammte noch aus meines Vaters Kinderzeit, war vorne etwas gehörnt, der Sitz bestand aus dickem, festem graugrünen Leinen, vorne am Schlitten war ein Messingglöckchen angebracht. Das Schlittenfahren beherrschte ich gut, vorwärts, rückwärts sitzend oder liegend auf dem Bauch oder Rücken, alles wurde probiert, möglichst noch jemand oben drauf. Das war herrlich. Wir rodelten meistens an einem Abhang auf dem Gelände der Klein-Bahn ganz in unserer Nähe. Die Rodelbahn mündete in eine kleine Wiese, die an den Leitznitzbach grenzte, der eine Breite von vielleicht 5-6 m und eine Tiefe von etwa 70-80 cm aufwies. Wir mussten achtgeben, dass wir rechtzeitig vor dem Bach zum Stehen kamen, sofern der Bach nicht zugefroren war. Das rechtzeitige Abbremsen an diesem Hang war uns schon in Fleisch und Blut übergegangen, nur einmal habe ich bei eisglatter Rodelbahn nicht aufgepasst und landete samt Schlitten im eiskalten Wasser. Ich war nass bis an den Bauch. Schleunigst stieg ich aus dem Bach, ich glaube, meine Schwester brachte mich eiligst nach Hause, wo ich nach dem Ausziehen von meiner Mutter erst einmal ins wärmende Bett gesteckt wurde. Der Schlitten hatte sich verselbstständigt und war mit der Strömung des Baches abgetrieben worden. Es konnte niemand direkt hinterher, weil schon nach wenigen Metern der Bach wie in einen Kanal sich wandelte infolge einer sehr breiten, aber niedrigen Eisenbahnüberführung. Um den Schlitten zu retten und zu verhindern, dass er nach einigen Kilometern den Weg in die stark strömende Persante gen Ostsee nahm, sind meine Freunde - es waren wohl Horst Kriefall und Ulli Beise - einen großen Umweg gelaufen, um den Schlitten noch rechtzeitig am anderen Ende der Bahnüberführung abzufangen, mit Erfolg. Das war Glück im Unglück. Der schöne Schlitten ist dann im März 1945 ein Raub der bösen Flammen geworden.

Im Winter herrschte immer starker Frost, Eis und viel Schnee. Dann machte es so richtig Spaß, sich in der Landschaft zu tummeln. Gefahr drohte, wenn Tauwetter kam, dann war mit großen Überschwemmungen zu rechnen. Als Kind schwärmte man im Winter von einer Fahrt mit einem Pferdeschlitten. In Ackerhof gab es einen Kutschschlitten, worin ich auch mal mitgenommen wurde, als die Landschaft ganz tief verschneit war. Ich spüre noch das herrliche Gefühl, so gleichmäßig, ruhig durch den Schnee zu gleiten und nur das Läuten der Schlittenglöckchen und das Schnaufen des Pferdes zu hören.


13. Kinderstreiche - und manchmal mehr als das

Im Haus Friedrichstraße 44 a wohnten unten in einer kleinen Wohnung Schneidermeister Hammermeister und seine Frau, beide waren in unseren Kinderaugen alte Leute, aber tatsächlich waren sie vielleicht erst um die 60 Jahre alt. Er benutzte zum Aufbügeln der geschneiderten Anzüge mit Holzkohle beheizte Bügeleisen. Die Holzkohle wurde zunächst mit Hilfe entzündeter Holzwolle oder Holzspäne zum Glühen gebracht. Um das Durchglühen zu beschleunigen, stellte Herr Hammermeister das frisch gefüllte und in anfänglicher Glut sich befindende Bügeleisen aufgeklappt in die Zugluft vor die Haustür, deren Eingangsbereich überdacht war, und begab sich wieder in seine Schneiderei, von wo er wohl den Hof, aber nicht den Hauseingang übersehen konnte. Also Regen konnte die aufkeimende Glut nicht löschen, aber Egon Dahlke und ich spielten eines Tages Petrus und pinkelten mit jugendlichem Strahl in das Bügeleisen, bis die Glut erlosch! Wir verschwanden sofort, wohin, weiß ich nicht mehr. Wir haben Herrn Hammermeister noch auf andere Weise geärgert, z.B. indem wir ihm Dreck oder Steine in das Bügeleisen warfen. Er beschwerte sich dann immer wütend bei meiner Mutter; denn zumindest meine Mittäterschaft stand für ihn fest. Mit Sicherheit gingen wir danach dem Schneidermeister tagelang aus dem Weg. Ich traute mich kaum durch den Hausflur, denn dieser führte direkt an seiner Wohnung vorbei. Egon war da besser dran, er wohnte im Nachbarhaus.

Auf dem Grundstück der Viehverwertung stand außer dem Mehrfamilienhaus, in dem wir wohnten, noch ein kleineres Haus, darin wohnte Familie Holz. Herr Holz war der Hofmeister für die gesamte Anlage der Viehverwertung und des benachbarten Ein- und Verkaufsvereins. Unten links in diesem Haus befand sich die Waschküche, in der auch wir wuschen, damals noch nach alter Art: Einweichen der Wäsche in großen Bottichen, Stampfen der Wäsche, Kochen in einem mit Holz und Kohle befeuerten Kessel. Ich weiß allerdings nicht, ob meine Mutter die Wäsche alleine wusch oder ob sie eine Hilfe dabei hatte. Die Wäsche wurde auf der Wäschewiese oder auf dem Hausboden getrocknet. Auf der Wäschewiese konnte es passieren, dass die Wäsche durch den Ruß der vorbeifahrenden Kleinbahn verschmutzt wurde, dann waren die Hausfrauen sehr ärgerlich. Waschtag war der Montag, aber ich glaube, für jede Familie nur alle vier oder sechs Wochen. Der Waschtag stellte jedes Mal ein großes Ereignis dar, weil damit harte Arbeit verbunden war.

Herr Holz war ein sehr umgänglicher Mann; ihn haben wir, so meine ich mich zu erinnern, nicht direkt geärgert, indirekt allerdings dadurch, dass wir auf dem Gelände insgesamt viel Unfug trieben und er für die Ordnung verantwortlich war. Der Sohn Heinz, der etliche Jahre älter war als wir Kinder, wurde früh Soldat. Stolz erzählten seine Eltern von seinem Einsatz in General Rommels Panzerkorps in Afrika und später wohl in Russland; und dann kam die traurige Vermisstenmeldung, ein tiefer Einbruch für die Familie. Eine Tochter war in Kolberg verheiratet, deren Sohn Rudi Kath kam in den Ferien immer zu seinen Großeltern nach Belgard zu Besuch und schloss sich uns spielenden Kindern an. Manchmal war er etwas Außenseiter, weil er nicht zum Kern der Gruppe gehörte. So habe ich ihn einmal, als es Unstimmigkeiten gab, vor Wut in die Backe gebissen. Er schrie sofort ganz mächtig los, stürzte davon und lief zum großelterlichen Haus. Die Oma hörte das Geschrei schon von weitem, riss das Fenster auf, begriff das Vorgefallene sofort und kam aus dem Haus gelaufen. Egon und ich stahlen uns eilends von dannen. Die Oma mit Rudi im Schlepptau suchte daraufhin meine Mutter auf. Das Nähere erfuhr mein "Hinterteil" vermutlich bei meiner Heimkehr!

Die körperlichen Züchtigungen, die ich während meiner ersten zehn Lebensjahre oftmals "genießen" durfte, haben mich im Prinzip nicht von weiteren Untaten abgehalten. In der Regel gab es Klapse auf das Hinterteil, ihre Zahl war nicht festgelegt. Den größten Respekt hatte ich vor meinem Vater, denn er griff bei Strafaktionen zu einem dünnen Rohrstock und damit tat es dann wirklich weh, sodass ich immer möglichst schnell Besserung gelobte. Später im Krieg war die Situation anders. Auch meine Mutter versuchte manchmal, den Rohrstock anzuwenden, aber ich war da schon etwas kräftiger, griff danach und hielt ihn fest, sodass die Wirkung ausblieb oder sich zumindest abmilderte. Ich meine, ich habe den Stock irgendwann sogar entwendet und versteckt. Aber vielleicht geht jetzt die Fantasie mit mir durch - der Mensch möchte ja immer mal Held (gewesen) sein. Allerdings bestanden Sanktionen nicht immer oder nicht nur aus körperlichen Züchtigungen; es gab mit zunehmendem Kindesalter vor allem das Ausgehverbot oder sogar das generelle Spielverbot mit anderen Kindern, Letzteres war besonders hart.

Herr Holz hielt sich Zwerghühner, dazu gehörte auch ein Hahn, den wir auf alle mögliche Weise ärgerten; mit der Zeit wurde dieser so wild, dass er begann, uns Kinder anzugreifen, sobald wir in seine Nähe kamen. Schließlich flog er auf Kinderköpfe und hackte zu. Das wurde gefährlich, Herr Holz ließ den Hahn nun in den Suppentopf wandern; sein Nachfolger war friedlicher, wir haben auch nicht versucht, ihn zu ärgern.

Auf dem Gelände des benachbarten Ein- und Verkaufsvereins wohnte in einem kleinen Häuschen neben dem Maschinenschuppen der ehemalige Hofmeister namens Pauseback mit seiner Frau. Unseren Kinderaugen erschienen die beiden uralt. Es kam hinzu, dass Herr Pauseback immer mit einer hohen, bis ins Gesicht hinuntergezogenen Pelzmütze herumlief, seine Frau meistens in ein ganz weißes, weites Gewand gekleidet war und damit wie ein Geist aussah. So gruselten wir uns vor ihnen. Herrn Pauseback haben wir versucht zu ärgern, indem wir irgendetwas hinter ihm herriefen, etwa "Pauseback, steck' uns in den Sack" und dann wegliefen oder dies sogar aus einem Versteck heraus riefen. Aber einmal waren wir dann doch ganz überrascht. Wir spielten in der Nähe seines kleinen Hauses, als die Frau hervortrat und uns etwas zu essen oder trinken anbot. Uns überkam zunächst die Furcht Hänsels und Gretels beim Anblick der Hexe vor dem Pfefferkuchenhaus. Wir überwanden uns aber und betraten das bescheidene Häuschen, es ist uns nichts passiert!

Geärgert haben wir ab und zu mal den Opa Schulz (Kriefall). Ich weiß aber nicht mehr wie, was und wo, vielleicht hat er sich auch nur über unsere allgemeinen Dummheiten, die er gesehen hatte, geärgert. Jedenfalls weiß ich noch, dass er mich einmal verfolgte, ich die Haustreppe hochraste und mich in einem ganz kleinen Kabäuschen, das sich unter der zum zweiten Stock führenden Treppe genau gegenüber unserer Wohnungstür befand, versteckte. Der Opa kam tatsächlich bis zu unserer Wohnungstür und schellte; er befand sich praktisch nur 1 m von mir entfernt, kannte aber wohl diesen Unterschlupf nicht. So konnte ich bibbernden Herzens alles aus allernächster Nähe mit anhören. Meine Mutter nahm auch diese Beschwerde auf, betrübt über ihren ungezogenen Sohn, ungestraft kam ich bestimmt nicht davon. Im Übrigen habe ich mehr als einmal in diesem Kabäuschen Zuflucht gesucht.

Auf dem Viehverwertungsgelände wurde jeden Montagvormittag durch die Bauern aus der Umgebung Belgards Schlachtvieh angeliefert, vor allem Schweine und Kälber, aber auch Kühe und Schafe. Die Bauern fuhren mit ihren Pferdewagen - im Winter mit Pferdeschlitten - an die Rampe, das Vieh wurde abgeladen, gewogen und in die Stallungen getrieben. Nachmittags wurden die gesammelten und zu bestimmten Partien zusammengestellten Tiere auf einem großen, langen, von Pferden gezogenen Viehtransportwagen zum nahe gelegenen Güterbahnhof gebracht und in Richtung Stettin verladen. Bei den Schweinen herrschte immer ein großes Gequieke, oft hervorgerufen durch den batteriegeladenen Treiberstock (der Fachausdruck ist mir entfallen, das Gerät benutzt man heutzutage zum Selbstschutz), der den Tieren einen leichten elektrischen Schlag versetzte, um sie zum Gehen in die vorgesehene Richtung zu bewegen. Beschäftigt mit der Abwicklung dieser Vermarktung waren Herr Mök, der die Annahme und Abfuhr leitete, der erwähnte Herr Holz und immer noch ein junger Viehtreiber. Das Pferdegespann, das im Stall auf unserem Gelände untergebracht war, wurde von Herrn Woitschnick betreut (es mag sein, dass es in früheren Jahren sogar zwei Gespanne waren, die dort standen).

Wir Kinder haben das Arbeitsleben und - treiben auf diesem Gelände immer mit großem Interesse verfolgt, mitunter auch ein wenig geholfen. Aber bei uns Kindern überwogen meistens die dummen Gedanken. So eilten wir einige Male, sobald am Montagnachmittag die Arbeiter sich mit dem ersten Viehtransporter zu den Verladearbeiten in Richtung Güterbahnhof aufgemacht hatten, zum Büro- und Wiegehäuschen, um uns dort mit Wiegekarten, Abrechnungsblöcken oder vielleicht Bleistiften einzudecken. Denn wir hatten für solche Utensilien, beispielsweise als Spielzeug zum Bürospielen, immer Bedarf. Als unsere Räubereien bemerkt wurden, war der Raum immer abgeschlossen. Da ersannen Egon, Rudi und ich folgenden Plan: Oberhalb der Stallungen befand sich Bodenraum, teilweise Heu- und Strohvorräte, teilweise irgendwelche Abstellkammern. In einer dieser Kammern waren alte Büromaterialien deponiert. Der Raum wirkte von außen wie vergessen. Die Tür war verschlossen, an einen Schlüssel kamen wir nicht. So beschlossen wir, an einem geeigneten Tage das kleine Fenster, das wir von einem Dach eines angrenzenden, niedrigeren Gebäudes erreichen konnten, einzuschlagen. Wir setzten den Plan in die Tat um. Erst drängte sich Egon durch das Loch, dann ich oder umgekehrt, als letzter jedenfalls Rudi. Dabei passierte das Unglück, er schnitt sich an den im Fensterrahmen verbliebenen Glasresten den Oberschenkel auf und das Blut begann recht schnell und stark zu rinnen. Was nun? Nichts als Abbruch der Aktion. Wir mussten sofort zurück, vorsichtig, damit nicht noch mehr Unheil geschah. Egon und ich schnappten zwar noch schnell ein paar alte Rechnungsblöcke, aber das war auch alles. Wie nun die Wunde behandeln? Wir wussten, dass Horst zu Hause bei den Schulaufgaben saß, wir schellten dort und er half mit Hansaplast aus. Das reichte fürs Erste, denn das Bluten hatte aufgehört. Was das Ende vom Lied war, weiß ich nicht mehr. Für Rudis Opa und Oma wäre die Wahrheit sicherlich nicht angenehm gewesen, für Rudi selbst noch weniger.

Einen anderen Streich verübten wir von unserem Garten aus, dem kleineren, wie der andere auch an der Friedrichstraße gelegen. Zur Straße hin war er mit einem relativ hohen Lattenzaun und dahinter mit dichtem Gebüsch, Sträuchern abgegrenzt. Die Straße führte u.a. zum Friedhof. Alle Leichenzüge aus der Stadt kamen bei uns am Haus vorbeigezogen. Auf dem Rückweg vom Friedhof gingen dann kleinere oder größere Personengruppen der Trauergemeinde direkt auf unserer Seite am Zaun entlang. Wir kamen auf die Idee, die Trauernden etwas "aufzumuntern". Dazu warfen wir ein altes Portemonnaie, befestigt an einer Schnur, auf den Bürgersteig und legten uns im Gebüsch auf die Lauer. Wir passten eine kleine Gruppe ab. Wie erwartet, bückte sich eine Person, ein Herr mit Zylinder, nach dem Gegenstand, ich zog flugs die Schnur zurück, der Herr griff ins Leere - zum Zaun hin lächelnd, diesen Moment passten Egon und Klein-Ulli ab, um ihm eine Handvoll schmutzigen Sandes ins Gesicht zu schleudern. Wir hörten nur noch ein Fluchen, dann waren wir verschwunden, denn wir mussten rennen, um aus dem Garten zu kommen, bevor uns vielleicht ein Kenner der Örtlichkeit den Fluchtweg abgeschnitten hätte. Aber es ging für uns mal gut aus.

Einmal haben wir aus einem ganz anderen Grunde die Missstimmung der Eltern hervorgerufen, da war ich aber eigentlich nicht die treibende Kraft. Einer der älteren Spielkameraden hatte Streichhölzer bei sich, und wir beschlossen, ein kleines Feuer zu machen. Wir gingen dazu ganz ans Ende des Grundstücks, in die Wiesenecke hinter Kriefalls Garten. Hier konnten wir praktisch nicht gesehen werden, jedenfalls nach drei Seiten waren wir voll gedeckt und vom Bahndamm her war es unwahrscheinlich, dass sich jemand für uns interessierte, außerdem war da noch ein Graben und ein hoher Zaun dazwischen. Gebäude waren nicht in der Nähe. So machten wir ein kleines Feuerchen aus trockenem Gras und vielleicht etwas Holz. Aber wir hatten nicht mit dem Unmöglichen gerechnet. Oben auf dem Bahndamm erschien plötzlich Familie Winkel aus unserem Hause, Vater, Mutter und Helma, sie hatten einen Spaziergang gemacht, denn Herr Winkel war just an diesem Tage auf Urlaub gekommen, trug sogar noch seine Zahlmeisteruniform (Rang eines Leutnants). Der erfasste die Situation; in militärischem Ton forderte er uns zur sofortigen Einstellung unserer Feueraktion auf und kündigte in scharfem Ton an, umgehend unsere Eltern zu informieren, damit sie uns entsprechend maßregeln könnten. Wir waren nun ganz betreten, löschten das Feuer und zogen von dannen. Aber wohin? Jetzt auf keinen Fall nach Hause, bis zum Abendbrot waren es bestimmt noch zwei Stunden. So haben wir uns irgendwie die Zeit auf dem Viehverwertungsgelände vertrieben. Schließlich fassten wir den Mut, nach Hause zu gehen. Nachdem meine Mutter mir die Tür geöffnet hatte und ich in den Wohnungsflur getreten war, begann sie an mir zu schnüffeln und sagte etwas spöttisch: "Du riechst nach Rauch, habt Ihr mit Feuer gespielt?" Ich verneinte das, sie beroch mich nochmals, fasste mich dann beim Schopfe und verhaute mir das Hinterteil. Ob ich sehr geschrien habe, weiß ich nicht. Es hätte einen Grund gegeben, nicht zu schreien, nämlich den über uns wohnenden Winkels den Triumph nicht zu gönnen. Einmal brannte es tatsächlich ganz in der Nähe, bei dem Landwarenhandel Utech in der Friedrichstraße, es war an einem Sommerabend, wir waren gerade dabei, zu Bett zu gehen, da tönten die Sirenen. Wir erkannten schnell, dass das in unserer Nähe sein musste, zogen uns an und stürmten in die Richtung der Rauchwolken. Dort hatte sich neben der Feuerwehr schon eine größere Menschenmenge versammelt, darunter alle meine Spielkameraden. Es brannten meiner Erinnerung nach der Pferdestall mit Heu- und Strohboden sowie eine angrenzende Lagerhalle. Die Pferde wurden wohl gerettet. Der Brandgeruch lag noch ein paar Tage über unserer Gegend.

Auf dem Gelände der Viehverwertung und des Ein- und Verkaufsvereins gab es viele Spielmöglichkeiten, auf Wagen, Maschinen und Geräten, in Ställen und Lagern, auf Heu- und Strohböden. Selbst in dem großen Speicher, einer mehrstöckigen Lagerhalle, tobten wir uns zwischen den bis fast zur Decke gestapelten Gütern, wie z.B. abgepackte Bindegarnrollen, aus, wenn wir die Türen mal unverschlossen fanden, immer in der Sorge, jemand könnte uns einschließen und wir müssten dann dort die Nacht verbringen. Viele unserer Aktivitäten wurden von den Erwachsenen nicht gerne gesehen, vieles war auch wirklich zu gefährlich, aber diese Gefahren sahen wir Kinder nicht so, hinzu kamen unsere begangenen Dummheiten und Frechheiten. So waren wir zeitweilig bei den Arbeitern, Angestellten und bei einigen Hausbewohnern hüben wie drüben nicht gut gelitten. Wir liefen nach einer Untat immer eine Zeit lang vorsichtig umher, gingen gewissen Personen aus dem Wege, aber nach ein paar Tagen lebten und bewegten wir uns wieder "normal". Wenn wir in der Straße allerdings einen Polizisten sahen, machten wir einen großen Bogen um ihn, denn er könnte vielleicht zu uns wollen, so schlecht war unser Gewissen.

Einige Male gab es auch Kämpfe zwischen Kindergruppen aus verschiedenen Straßen, wieso, warum weiß ich nicht mehr, vielleicht durch irgendeine Bemerkung mal ausgelöst, eskaliert oder nur so aus Lust, Laune und Langeweile. Jedenfalls näherten sich eines Nachmittages eine Gruppe Jungen aus der Adler- oder Schmiedestraße und wollte uns Jungen von der Viehverwertung und dem Ein- und Verkaufsverein verprügeln. Wahrscheinlich war das morgens in der Schulpause schon angekündigt worden. So waren wir bereits mit Knüppeln und Stangen bewaffnet, schlossen, verbarrikadierten schleunigst das Tor zu unserem Gelände und gingen dahinter in Stellung. Mit unseren "Waffen" verhinderten wir, dass die Bande das Tor öffnete oder überstieg. Wir wehrten den Angriff mit Erfolg ab. Nach einer Weile erfolgloser Versuche gaben die Angreifer auf und zogen unter unserem Gelächter ab. Verletzte gab es nicht.

Einmal verletzte ich mich jedoch beim wilden Herumtoben in den Büschen des gegenüberliegenden Bahnhofsparkes. Dort hatte ich einen Stacheldrahtzaun übersehen, rannte da hinein und riss mir das rechte Bein von der Wade bis hoch zum Oberschenkel auf. Natürlich lief ich nach Hause und ließ mich von meiner Mutter "ärztlich" versorgen. Hier im Bahnhofspark auf der Seite zur Bahn und auf der anderen Seite zur Bismarck-Allee standen zahlreiche Kastanienbäume, wo wir im Herbst immer die heruntergefallenen Kastanien sammelten; natürlich halfen wir dem Prozeß der Natur nach, indem wir Knüppel in die Zweige schleuderten, was nicht ungefährlich war, weil die Knüppel uns wiederum auf den Kopf fallen konnten. Die gesammelten Kastanien verkauften wir manchmal auch an Händler für die Wildfütterung.

Hinten auf dem Hof des Viehwertungsgeländes neben dem großen Speicher lag immer ein riesiger Sandhaufen, schöner, feiner Sand, der wohl für die Stallungen oder Bauarbeiten benötigt wurde. In diesem Sandhaufen haben wir immer mit großer Begeisterung stundenlang gespielt, überwiegend friedlich. Wir bauten Burgen und Straßen, holten dazu unser gutes Spielzeug aus dem Haus; manches Spielzeug litt durch den Sand oder ging darin verloren. Wir bauten uns auch im Sand ein Auto und ließen es "im Geiste" mit viel Gebrumm durch die Gegend fahren. Dieser Platz lag den ganzen Tag über so herrlich in der Sonne.

In der Regel haben wir jedoch mit unserem Spielzeug im Haus gespielt, oft bei uns, aber auch bei den anderen Freunden. Ich besaß viel Spielzeug, aber auch die anderen Kinder waren sehr gut bestückt; teilweise hatten sie wesentlich interessantere Spielsachen als ich, wie z.B. eine elektrische Eisenbahn oder raffinierte Autos. So besaß Ulli Beise einen relativ großen Lastzug aus Holz, den ihm sein Opa in Vorwerk, der Tischler von Beruf war, gebastelt hatte, dieser Laster war mit Anhänger und allerlei Raffinessen ausgestattet. Bei meinem Spielzeug erinnere ich mich noch an einen kleinen roten Sportwagen, der schon sehr viele bewegliche Teile aufwies, natürlich immer zum mechanischen Aufziehen, noch nicht mit Batterie betrieben. Im übrigen besaß ich viele andere Autos, Soldaten zu Fuß und zu Pferde, eine Burg, dann einen Bauernhof mit Vieh, das "Futter" dafür besorgte ich mir aus der großen Futterkiste des Pferdestalles in Ackerhof, meine Tiere bekamen echtes Futter! Manches Spielzeug haben wir aus technischem Interesse auseinandergenommen, dann konnte es passieren, dass wir es nicht wieder zusammengesetzt bekamen, weil es nämlich zum Auseinandernehmen gar nicht gedacht war. Es war besser, solch Interesse mit dem Stabil-Baukasten zu stillen. Aber wir haben auch manchmal gebastelt, z.B. kleine Segelschiffchen aus Kiefernborke oder Flitzebogen mit Pfeilen. Aus Flaschenkorken konnten man Fliegenkäfige erstellen; dazu schnitt man in einen Korken eine Aushöhlung, Stecknadeln bildeten das Gitter und fertig war der Käfig, dann fingen wir uns Fliegen, die es zu Genüge gab. Apropos Fliegen: In unserer Wohnung waren im Sommer in allen Zimmern Fliegenfänger aufgehängt, das waren so lange, gewundene, klebrige, eklig riechende Streifen. Als ich einmal mitten auf dem Kindertisch herumsprang, berührte ich den etwas zu tief von der Lampe herabhängenden Fliegenfänger und blieb sofort daran kleben; beim Versuch, ihn abzuschütteln, riss er von der Lampe ab und fiel mir noch zusätzlich auf den Kopf, blieb also auch noch an meinen Haaren kleben. Schließlich befreite mich irgendjemand von dem klebrigen Etwas.

Mein häufigster Spielkamerad war Egon Dahlke, derselbe Geburtsjahrgang wie ich, in der Schule saßen wir in Parallelklassen. Wir verbrachten viele gemeinsame Stunden mit Spielen bei uns, bei ihm oder auf dem Hof zu. Im Nachhinein sehe ich uns beide wie Max und Moritz. Die Dummheiten heckten wir gemeinsam aus. Mir gegenüber hatte er den Vorteil der besseren Beziehungen zu den Lkw-Fahrern, weil diese seinem Vater unterstanden; so wurde er in den Ferien oft schon morgens auf größere Fahrten aufs Land hinaus oder in die nächsten Kleinstädte mitgenommen; ich durfte lediglich mal bis zum Belgarder Kornhaus am Bahnhof mitfahren.


14. Maikäfer flieg', mein Vater ist im Krieg....

Ich erinnere mich an den Beginn des Krieges. Mein Vater war Hauptmann und Chef einer Artillerie-Batterie. Das blieb er bis zum Schluss des Krieges, allerdings an verschiedenen Frontabschnitten. Es begann am 1. September 1939 in Polen. Wir haben meinen Vater am 26. August während der Verladung der Truppen auf dem Belgarder Bahnhof noch verabschiedet. Es herrschte ganz lockere Stimmung, jedenfalls äußerlich. Ich erinnere mich, dass wir wegen des Kriegsbeginns und der zu erwartenden längeren Abwesenheit meines Vaters (oder es mag auch erst nach der Rückkehr vom schnell beendeten Polenfeldzug und vor Verlegung an die Westfront gewesen sein) das Weihnachtsfest um einige Monate vorgefeiert haben, jedenfalls bekamen wir Kinder schon weit vor dem Fest unsere Geschenke. Für mich gab es Spielzeug; so sehe ich einen von zwei kräftigen Kaltblütern gezogenen gelben Möbelwagen aus Blech mit der Aufschrift "Knauer Berlin" noch genau vor mir.

Nach Beendigung des Polenfeldzuges verbrachte mein Vater mit seiner Einheit längere Zeit bei Freiburg/Breisgau, gegenüber auf der anderen Rheinseite lagen die Franzosen. Zunächst herrschten dort noch keine Kämpfe, ich weiß auch gar nicht, ob an diesem Frontabschnitt überhaupt größere Kampfhandlungen stattgefunden haben. So haben er und seine Truppe hier anscheinend nicht zu unangenehme Tage verbracht. Die Artillerie-Stellungen befanden sich im Tuniberg am Kaiserstuhl, nach deren Resten er später, lange nach dem Krieg, vielleicht um 1960, nochmals Ausschau gehalten hat. Er traf dabei auf einen Winzer, der ihn dem Namen nach noch kannte. Aus Freiburg schickte uns unser Vati zur Kriegszeit schöne Geschenke. Ich erinnere mich, dass meine Schwester eine Schwarzwälder Trachtenpuppe bekam und ich eine kleine, bläuliche Holzkanone, die von zwei Holzpferdchen gezogen wurde. Spielzeug machte mich immer glücklich; noch mit zehn Jahren konnte ich mir nicht vorstellen, dass sich das je ändern könnte.

Ich habe mich immer sehr gefreut, wenn mein Vater auf Urlaub kam, denn dann standen interessante Tage an. Er unternahm mit mir bestimmt eine Radtour und Geschenke brachte er auch mit. Aus Dänemark hat er mal sehr viel mitgebracht oder auch per Post gesandt. Allerdings war für mich einmal ein brauner Pullover dabei, aus oder zumindest aus großen Teilen Holzwolle gestrickt, der so kratzte, pikte und ich darüber so meckerte, dass meine Oma sich erbarmte, ihn aufräufelte und vermischt mit anderer Wolle umstrickte, aber das half nicht viel, er kratzte immer noch. Den Urlauben meines Vaters sah ich aber manchmal auch mit gemischten Gefühlen entgegen, denn oft waren gerade meine Taten oder Untaten akut, von denen er besser nichts erfahren sollte, auch wusste ich nie so genau, was meine Mutter an ihn geschrieben hatte, deswegen war ich oft etwas verunsichert, wenn er auf Urlaub kam. Mein Vater war ein fleißiger Brief- und Kartenschreiber. Aus dem Kriege kamen viele Feldpostbriefe - bestimmt alle drei bis vier Tage-, die meine Mutter uns Kindern immer laut vorlas und auch schnell beantwortete. Uns Kindern schrieb er auch gesonderte Briefe. Ich erinnere mich an einen Brief, in dem er mir eine lange Auskunft über die Entstehung des Weltalls und den Verlauf der Gestirne schrieb, ich war sehr interessiert an diesen Zusammenhängen. Eine Karte an mich hat "überlebt", sie stammt aus Rheinsheim/Baden bei Bruchsal (geschrieben im Gasthaus zum Löwen, Inh. Alfons Rau), das Jahr auf dem Stempel lässt sich nicht erkennen, ich vermute aber 1940:

"Mein lieber Stepke! Vati schickt Dir von hier einen lieben Gruß und ein herzliches Schmätzchen. Mutti und Dörte mußt Du sehr grüßen. Dein Vati. - Schöne Grüße von einem Kameraden Deines Papas. Oberltn. Hase. - Sitzt der Vati an der Kanone u. sitzt der Sohn auf dem Zündloch der Kanone, so ist es nicht ohne. Noch ein Vati. - Gruß Friedel Rau."

Ich habe vor wenigen Jahren versucht, dieses Gasthaus in Rheinsheim ausfindig zu machen, das Haus existierte noch, aber leider nicht mehr die Gastwirtschaft darin.

Von Freiburg (vermutlich nach Beendigung des Krieges mit Frankreich) wurde mein Vater mit seiner Truppe an den Ärmelkanal/ Straße von Dover bei Calais verlegt, dann später nördlicher in die Nähe von Hoek van Holland. Die Angehörigen seiner Batterie "Ramien" schenkten ihm aus irgendeinem Anlass ein großes Gemälde, das eine stürmische See zeigte; dieses Bild hing bei uns in Belgard im Esszimmer über dem Buffet. Auch ein silbernes Zigaretten-Etui erhielt er als Geschenk, das er durch die Gefangenschaft hindurch retten konnte und das sich jetzt in meinem Besitz befindet. Es trägt eine eingravierte Widmung: "Flandern 13. 1. 1942 Batterie Ramien". Der 13. Januar war sein Geburtstag, er wurde damals 44 Jahre alt.


15. Der Ernst des Lebens beginnt: Die Schule

Nach Ostern 1940 wurde ich eingeschult, ich war also noch nicht sechs Jahre alt, eigentlich hätte man mich noch ein Jahr warten lassen sollen, so meinte ich später, der Stichtag war der 30. Juni, ich lag zwei Tage darüber! Wie ich damals darüber dachte, weiß ich nicht; aber vermutlich wollte ich dem einige Monate älteren Freund Egon Dahlke nicht nachstehen. Meine Eltern waren sicherlich froh, dass ich "von der Straße kam". Ich erinnere mich, dass mir am Tage der Einschulung zwei Schultüten überreicht wurden, eine von meiner Mutter, die andere von meiner Oma. Das war ein schöner Beginn, aber so schön blieb es leider nicht immer. Ich kam in die Hindenburg-Schule, mein erster Klassenlehrer hieß Zuther (den ich später, 1949, in Hann. Münden wiedertreffen sollte), danach der junge Rektor namens Brandt, denn Herr Zuther wurde schon bald als Soldat eingezogen. Rektor Brandt war streng (rein zufällig stellte sich Jahrzehnte später heraus, dass Rektor Brandt verschwägert ist mit einer Familie hier im Impekovener Oberdorf, wo ich seit 1973 wohne). Ich erinnere mich an ein Nachsitzen in einer größeren Gruppe. Wir hatten - Rektor Brandt selbst verließ den Klassenraum - eine bestimmte Aufgabe zu lösen, womit wir bald fertig waren, aber keiner traute sich, den Raum und die Schule zu verlassen und so blieben wir, auf ein erlösendes Wort wartend, sitzen, aber es kam nicht. So sind wir dann irgendwann unsicher nach Hause geschlichen. Meine Mutter hatte sich bereits große Sorgen über mein Ausbleiben gemacht. Am nächsten Tag erfuhren wir, Rektor Brandt war in sein Büro oder nach Hause gegangen in der Annahme, er hätte uns gesagt, wir könnten unmittelbar nach Fertigstellung der Arbeit die Schule verlassen.

Zur Hindenburg-Schule gehörten eine moderne Turnhalle und ein Rasensportplatz, ich sehe mich dort Schlagball spielen, eine Sportart, die ich gar nicht liebte. Ich sehe mich auch auf dem großen Schulhof, wie wir uns nach der Pause alle in Reih' und Glied aufstellen mussten, um diszipliniert und geschlossen wieder in die Klasse zu marschieren, ich erinnere mich, dass ich immer ein dumpfes Gefühl im Magen spürte, die Angst vor der nächsten Stunde. Der Weg zur Hindenburgschule war recht weit, ich glaube, ich ging fast eine halbe Stunde. Oft haben wir auf dem Rückweg getrödelt und so wurde eine ganze Stunde daraus.

Das Konzentrieren in der Schule fiel mir schwer, ob Rechnen oder Schreiben, alles war recht mühselig. Vor allem zu Schularbeiten und zum Üben hatte ich keine Lust. Wie oft habe ich zu Hause auf der Schiefertafel die ersten Buchstaben und Worte probiert, nie wollten sie so recht gleichmäßig gelingen, vom vielen Auswischen war zu allem Unheil dann sowieso die ganze Tafel verschmiert und sah nach nichts mehr aus, selbst wenn nun endlich die Dinge richtig waren. Mit Schularbeiten konnte man sich den ganzen schönen Nachmittag verderben! Das erste Schuljahr, das im übrigen wegen der Umstellung auf den Herbsteinschulungstermin eineinhalb Jahre währte, lief von meiner Leistung her, so würde ich es einschätzen, mittelmäßig. Hinzu kam, dass wir eines Tages neben den zunächst gelernten lateinischen Buchstaben die deutsche Schrift (Sütterlinschrift) auch noch beherrschen lernen mussten.

Das zweite Schuljahr hingegen verlief wesentlich besser und die Schule begann, mir Spaß zu machen. Wir hatten einen neuen Klassenlehrer bekommen, Herrn Beilfuß, und der verstand es, mich, aber auch viele andere Mitschüler besser zu motivieren. Wir wurden gemäß Leistung in die Bankreihen gesetzt: Der Beste hinten links - vom Lehrerpult aus gesehen-, der Schlechteste vorne rechts oder links. Ich befand mich zu Beginn mehr in der vorderen Region. Durch die Ergebnisse der Klassenarbeiten, die ja nur in größeren Abständen geschrieben wurden, aber besonders durch mündliche Leistungen während des Unterrichtes konnte man etwas für seine Rangfolge tun. Da wurde ich wach. Besonders Vorlesen (auch rückwärts) und Kopfrechnen waren dafür gute Gelegenheiten, die ich eifrig zu nutzen begann, mit Erfolg. So bin ich im Laufe des Schuljahres in die hinteren Reihen hochgerutscht. Aber man musste aufpassen, innerhalb eines Schultages konnte man sowohl in der "Rangliste" zunächst hoch-, dann wieder abrutschen oder umgekehrt. Es war im wahrsten Sinne des Wortes immer Bewegung in der Klasse.

Höhepunkte waren die Ausflüge mit Herrn Beilfuß, er ließ sich da immer etwas Besonderes einfallen. Ein- oder zweimal veranstaltete er mit uns sogar nachmittags Ausflüge zu Kriegsspielen, wir waren begeistert. Ich erinnere mich genau an einen Nachmittag, als die ganze Klasse "militärisch gekleidet und bewaffnet" singend in den Vorwerker Forst zog. Jeder hatte sich zu Hause Sachen gesucht, die ein wenig uniformmäßig aussahen. Auf dem Kopf hatte ich wahrscheinlich einen alten Blechhelm, vielleicht aber auch meines Vaters Mütze aus dem Ersten Weltkrieg oder sogar die alte, feine Reitermütze meines Urgroßvaters vom Celler Landgestüt. Die "Bewaffnung" bestand natürlich nur aus Spielzeugpistolen und - gewehren, auch selbstgebastelten. Als schweres Maschinengewehr galt schon eine längere, etwas dickere Holzleiste, an der am vorderen Ende ein V-förmiger Holzfuß angebracht war. Die "Kämpfe" dauerten bis gegen Abend. Am Schluss wurden Orden verliehen. Mir schlug das Herz empor, als mir an die wohl von meiner Schwester stammende, ausgediente BDM-Jacke das Eiserne Kreuz I. Klasse - aus Pappe wohlgemerkt - geheftet wurde. Ich trug es voll Stolz, besonders als ich nach meiner Heimkehr im Auftrag meiner Mutter noch schnell bei Kaufmann Krey ein paar Lebensmittel einkaufen musste. Ich glaube, dass wir Kinder über die Wirklichkeit eines Krieges auch nicht im Mindesten eine Vorstellung hatten.

Irgendwann in diesen Jahren wurde unsere schöne neue Hindenburg-Schule Lazarett für die verwundeten Soldaten. Wir mussten in die Räume der alten Volksschule unter Einbeziehung der angrenzenden Räume der ehemaligen Höheren Töchterschule ziehen. So kann es sein, dass ich auf der Schulbank gesessen habe, die auch meine Mutter dreißig Jahre vorher "gedrückt" hat. Ich kann mich aber auch entsinnen, kurze Zeit in Vorwerk zur Schule gegangen zu sein, und zwar bei Lehrer Nagel. Ich weiß genau, dass ich bei ihm das Kleine Einmaleins dort gelernt habe. Wahrscheinlich wurde Platz für einige Klassen benötigt, der dort verfügbar war. Nachdem Lehrer Beilfuß Soldat geworden war, bekamen wir den reaktivierten Rektor a.D. Zuther - nicht zu verwechseln mit dem o.g. Lehrer Zuther - als Klassenlehrer. Rektor Zuther war eigentlich ein recht umgänglicher alter Herr, er besaß nur die "schlechte" Eigenschaft, uns - und ich fiel oft darunter - in seinem großen Garten am Rande der Stadt nachsitzen zu lassen. Er verteilte die Delinquenten über den ganzen Garten in der Weise, dass kaum einer den anderen sehen, geschweige denn mit den "Mitinsassen" reden konnte. Da saß man dann in schöner sommerlicher Wärme oder sogar Hitze unter einem Stachelbeerstrauch oder Kirschbaum und quälte sich mit schulischen Strafarbeiten herum, während die Freunde zu Hause bereits fröhlich spielten.

Die Gründe für dieses Nachsitzen mögen vielfältig gewesen sein: Ungebührliches Benehmen im Unterricht oder in der Pause, unvollendete Schularbeiten oder gar keine sowie vielleicht auch Rückstände im Lernstoff. Warum genau ich so oft bei Rektor Zuther nachsitzen musste, weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich hat es mir insgesamt an der richtigen schulischen Einstellung gefehlt. Entlassen wurde man von ihm erst nach Fertigstellung der vorgegebenen Aufgaben, schaffte man sie nicht bis 18 oder 19 Uhr, hieß es Fortsetzung der "Veranstaltung" am nächsten Nachmittag. Meine Mutter war oft über mein spätes Kommen entsetzt. Ich muss ehrlich sagen, dass mir diese spezielle "Gartenarbeit" nicht besonders lag und ich an solchem Nachmittag mehr döste als nachdachte. So fielen meine Leistungen während des dritten Schuljahrs wieder ab. Auch im vierten fand kein so ganz besonderer Aufschwung statt, wobei es doch allmählich um den Zugang zum Gymnasium ging. Ich erinnere mich noch, dass ich eine Reihe von Vieren schrieb und das immer mit einer liederlichen Handschrift, die wiederum auch nur mit einer Vier benotet wurde.

Ich erinnere mich an einen Besuch unserer Klasse im Belgarder Heimatmuseum, das im alten Rathaus am Markt untergebracht war. So etwas interessierte mich damals schon sehr. Etwas unheimlich wurde mir nur bei dem in einer flachen Glasvitrine ausgestellten Menschenskelett aus einem Steinzeit- oder Bronzezeitgrab, ich hatte bis dahin so etwas noch nie gesehen. Wie ich später erfuhr, sollen sich in diesem Museum auch zwei alte Eisenplatten mit Inschrift befunden haben, die aus Ackerhof stammten und dort ursprünglich an den Steinpfosten rechts und links des Gartenportals angebracht gewesen waren; sie sind auf einem Foto aus Ackerhof von 1926 noch zu sehen. Alter, Inschrift und Bedeutung der Platten sind mir nicht bekannt.

In der Schule existierte damals noch die Prügelstrafe; im Klassenschrank war immer ein Rohrstock deponiert. Allerdings kann ich mich im Moment seltsamerweise an ganz konkrete Situationen in der Klasse bezüglich der Vollziehung der Prügelstrafe an mir oder Mitschülern nicht erinnern, aber es hat sie gegeben entweder auf den Hosenboden oder auf die Hände, jeder Lehrer hatte da seine Spezialität, vielleicht gehörte das so zum damaligen Schulalltag, dass sich das nicht im Einzelfall eingeprägt hat.

In der Schule ist es ja immer so eine Kunst, mit und in der Klassengemeinschaft ständig gut zurechtzukommen, ist man zu strebsam - damals bei mir keine Gefahr - eckt man an, tönt man herum und markiert den starken Mann, kann das auch falsch sein, ebenso, wenn man zu viele Kameraden verprügelt, aber so stark war ich nicht, in Bezug auf meine körperliche Stärke lag ich im Mittelfeld. Ab und zu musste ich Hänseleien über mich ergehen lassen, das hing mit meinem Namen zusammen. Man neckte mich gerne mit dem Liedchen "Blase nur Herr Pustemeier, dafür geb' ich keinen Dreier".

Auf einem noch existierenden Klassenbild vom 2. Schuljahr im Jahre 1942 zähle ich neben Lehrer Beilfuß 45 Schüler, eine an Zahl große Klasse. Von meinen 44 Mitschülern erinnere ich mich nur oder immerhin an 20 Namen, und zwar fast nur die Nachnamen, denn nur mit dem wurde man angeredet, auch unter den Schülern selber; nur an zwei Vornamen erinnere ich mich im Moment: Adolf Tattenberg, Jürgen Rasinski, dann Raddatz, Völz, Vanselow (alle drei aus der Friedrichstraße, der Vater Völz hatte ein Friseurgeschäft, Vanselow eine Fleischerei), Taubenheim (Kempenstraße, mit ihm ging ich immer zusammen den Weg zur Hindenburgschule), Scheunemann (er wohnte hinter der Bahn, Körliner Straße, wir trafen uns oft auf dem Weg zur Schule), Potschuhn, Burow, Bolduan (alle aus Vorwerk), Roosen (Vater war hoher Offizier), Rosin (ihn traf ich im Sommer 1945 auf der Persantebrücke zwischen Belgard und Vorwerk, ich klagte ihm mein Leid über den fast totalen Verlust meines Spielzeugs), Streit, Wachhorst, Pieper, Steffen, Wegener, Vollmer, Rüger (Vater war Chefredakteur der Tageszeitung "Belgarder Kreiszeitung"), Wermelskirch (sein Vater hatte mit Jagd und Wald zu tun, war auch öfter in Ackerhof, dieser erzählte mir seine Vermutung bezüglich der Herkunft meines Namens, dass dieser wohl soviel bedeute wie rüsten, Rüstung, ich also ein "Rüstemeyer" sei). Ein Teil dieser Mitschüler war nachher mit mir auch auf dem Gymnasium in einer Klasse. Aber von all den oben genannten habe ich nach 1945 nur Jürgen Rasinski wiedergesehen, sonst niemand!!

Irgendwann meldete meine Mutter mich zum Religionsunterricht an, ich glaube, Christenlehre haben wir das genannt. Ich weiß nicht, wann das war, wahrscheinlich parallel zur Schulzeit, denn in der Schule gab es zur Nazi-Zeit sicherlich keinen solchen Unterricht. Er wurde von einem Fräulein von der Goltz gegeben in einem verklinkerten Gebäude; ich weiß nicht, ob es ihr Privatgebäude oder ein Haus der Kirche war. Das Haus lag in der Lindenstraße gleich neben dem Milchgeschäft, hatte aber den Haupteingang wohl von der Parallelstraße, der Kempenstraße. Diesen Unterricht, der meiner Erinnerung nach immer sonntags um 11 Uhr stattfand, habe ich in ganz guter Erinnerung und einige Bilder des Religionsbuches sehe ich noch vor mir, z.B. Gott in Person über den Wolken schwebend. So wird Gott heute bestimmt nicht mehr im Religionsbuch präsentiert. Unsere Mutter hat mit uns von den ersten Kindertagen an ein Morgen- und ein Abendgebet gesprochen, es war zwar durchgehend fast immer dasselbe Gebet, aber das hat uns nicht gestört, auch bei Tisch wurde stets gebetet. Das Beten hat mich geformt, hat eine Grundlage für den Glauben geschaffen, für den man dann eines Tages selbst verantwortlich wurde.

Meine Schwester begann schon früh zu musizieren, vor allem spielte sie bald recht gut Schifferklavier (Akkordeon) wie auch Klavier. Als sie ihr erstes, noch recht kleines Schifferklavier ablegte und ein größeres mit 32 Bässen zum Geburtstag oder zu Weihnachten geschenkt bekam, wurde ich bei der gleichen Klavierlehrerin angemeldet. Aber da diese sehr gefragt war, begann für mich der Unterricht erst Mitte 1944, und dann auch nur alle 14 Tage eine halbe Stunde, zuerst wohl Klavier, ich sehe mich jedenfalls bei uns zu Hause am Klavier sitzen und üben: "Summ, Summ, Summ, Bienchen summ herum....". Anschließend versuchte ich dann, die Stücke auf dem Schifferklavier zu spielen. Aber dieses "Summen" dauerte nicht lange, denn es näherte sich allmählich von Osten das große "Summen" der sowjetischen Panzer, und so lief der Unterricht irgendwann um die Jahreswende 1944/45 aus, wahrscheinlich als die Kohlen zum Heizen knapp wurden und es nur noch stundenweise elektrischen Strom gab. Mein erstes Notenbuch habe ich daher nur zum Teil absolvieren können. Ich meine, ich habe auch in Belgard noch begonnen, das Blockflötespielen zu erlernen, mag sein, dass das auch erst später der Fall war. Leider habe ich das Musizieren der Kinderzeit in der weiteren Jugend und erst recht nicht danach weitergeführt oder vertieft, leider, so fehlt mir heute sehr diese schöne Möglichkeit, Gefühle auszudrücken oder zu verarbeiten.


16. Krieg aus Kindersicht

Den Krieg haben wir Kinder genau verfolgt, soweit wir dazu in der Lage waren. In der Tageszeitung konnte man den Vormarsch der deutschen Truppen und ihre gewonnenen Schlachten nachlesen. Wir waren davon begeistert, natürlich auch vom Führer, wir wussten es nicht besser. Bald würde Deutschland die ganze Welt beherrschen. Hieß es doch in einem Lied: "....denn heute hört uns Deutschland und morgen die ganze Welt". Entsprechend begeistert spielten wir Soldat. Wir hatten dazu unsere "Ausrüstungen", der Rest war Fantasie. Das Viehverwertungsgelände bot uns genügend Manöverfläche. Als das nicht mehr reichte, nahmen wir die Gärten hinzu. So hoben wir in unserem Garten vor der Laube einen Schützengraben aus; das war meiner Mutter gar nicht recht, und er musste schnell wieder zugeschaufelt werden. Stolz waren wir auf den ersten Ritterkreuzträger unserer Stadt und erst recht auf den ersten General, Generalmajor Trowitz. Als sich der Krieg nach Afrika ausdehnte, wurden in einer Kfz-Werkstatt in unserer Nähe Militärfahrzeuge und "eingezogene" Privatkraftfahrzeuge sandfarben überlackiert, um dann nach Afrika transportiert zu werden. So strichen mein Freund Egon und ich einen Teil unserer Spielzeugautos in der gleichen Farbe an. Wir wollten up to date sein. Jedes Jahr im März gab es einen "Tag der Wehrmacht". Dann waren die Kasernen für die Bevölkerung geöffnet, es gab kleine militärische Vorführungen und man durfte auch selbst schießen mit Gewehren und Maschinengewehren, natürlich das alles nur mit Platzpatronen, aber dennoch fand ich das ganz toll. Gern sangen wir das Lied von der Lilly Marleen, "Vor der Kaserne, vor dem großen Tor, stand eine Laterne und steht sie noch davor....". Es gab auch eine illustrierte Zeitschrift mit dem Titel "Die Wehrmacht", die sammelte mein Vater. Als ich mal krank zu Bett lag, habe ich alle alten Exemplare mit Inbrunst durchgeschaut. Es wurde uns alles so präsentiert, dass keine Zweifel hochkamen. Hätten unsere Eltern in uns diese Zweifel nähren sollen? Was dachten sie selber?

Dass der Krieg auf Dauer kein "Pappenstiel" blieb, merkte ich, als Adolf Hitler der Sowjetunion im Juni 1941 den Krieg erklärte. An dem Tage war meine Oma auf dem Weg zum Friedhof zum Grabe meines Opas und schaute bei uns wie gewöhnlich vorbei. Als ich vom Spielen auf dem Hofe nach oben in die Wohnung kam, fand ich meine Mutter und meine Oma weinend vor, sie sahen in dieser Kriegserklärung - wie sich ja auch klar herausgestellt hat - ein böses Omen. Das Drama Stalingrad folgte bald. In jenem Winter 1942/43 wurden für die Soldaten, die den "Russischen Winter" erleiden mussten, bei der Bevölkerung jede Art von warmer Bekleidung und Decken gesammelt. Ich glaube, wir hatten schon etliches gespendet, da kam im Auftrage der Partei oder des Winterhilfswerkes ein Nachbar, um weitere Sachen für diesen Zweck zu sammeln. Meine Mutter druckste wohl herum, da sah er auf den kleinen Sesseln im Flur die Zierkissen liegen, stracks ging er darauf zu, nahm die Kissen und verließ die Wohnung. Meine Mutter war entsetzt, fügte sich aber diesem raubähnlichen Vorgang, vergaß ihn aber nie - so wie ich auch nicht.

Wir hatten mehrfach Einquartierung von Soldaten, weil in der nahen Artillerie-Kaserne manchmal der Platz für die Rekruten nicht reichte. Ich erinnere mich aber nur - und das ganz genau - an Schütze Krüger aus der Nähe von Litzmannstadt (Lodz), dem von Deutschen eroberten polnischen Gebiet, er war deutscher Abstammung, sein Name sagt das schon. Ich weiß allerdings nicht genau, welches Jahr wir schrieben, als er für ein paar Wochen zu uns kam; wir hatten das Fremdenzimmer dafür hergegeben. Wahrscheinlich war es 1941 im Zusammenhang mit dem beginnenden Russlandfeldzug. Schütze Krüger - den Vornamen weiß ich nicht, wurde auch bei der Anrede nicht benutzt - war noch blutjung, ich schätze 18 Jahre. Er war noch wie ein Junge, er spielte mit mir, und ich durfte seine militärische Ausrüstung anlegen, mit der ich dann durch die Wohnung stolzierte. Ich sehe noch sein Gewehr, das Seitengewehr (kurzer Dolch), das Kochgeschirr und das Koppel mit der Aufschrift "Gott mit uns" vor mir. Zum Essenholen musste er zur Stadt oder zur Kaserne. Ich kann mich noch an sein junges, aber etwas grobes Gesicht erinnern, seine Sprache war ostdeutsch hart. Irgendwann war die Zeit der Ausbildung zu Ende und er musste an die Front. Einige Monate danach klingelte es bei uns an der Wohnungstür, wir öffneten, ein Soldat stand davor und sagte: "Schütze Krüger ist tot". Diese Nachricht blieb mir als tiefe Erschütterung in Erinnerung bis auf den heutigen Tag.

Hans Kriefall musste Anfang 1944 mit gerade 15 Jahren wie die anderen Jungen seines Jahrganges und seiner Klasse in den Kriegseinsatz als Flakhelfer. Er hat überlebt. Wie er mir vor einigen Jahren erzählte, fand an einem Tage vormittags im Januar 1944 seine Konfirmation statt und abends ging es ab nach Norderney. Dort war sein Einsatz. Vor Fliegerangriffen blieben wir in Belgard verschont. Aber Belgard wurde doch oft von feindlichen Geschwadern von der Ostsee her kommend, vielleicht im Anflug auf Berlin oder Stettin, überflogen. Daher gab es auch bei uns Fliegeralarm. Wir mussten den Bunker im benachbarten Keller des Ein- und Verkaufsvereines aufsuchen. Das Heulen der Sirenen und das tiefe, gleichmäßige Brummen der Motoren der mit Bomben befrachteten Flugzeuge sind mir noch gegenwärtig. Generell war jetzt Verdunkelungspflicht, d.h. abends und nachts mussten alle Fenster abgedunkelt sein; so ließen wir an allen Fenstern Rollos anbringen. Diese Rollos bestellten wir bei einer Firma in Neuruppin, diese schickte aber versehentlich die doppelte Anzahl. Ich sehe mich noch beim Auspacken, Aufschneiden der Umverpackungen, denn dabei fiel mir die Schere 7-mal herunter. Meine Mutter, die immer leicht abergläubig war, rief sofort: "Das bedeutet Besuch!". Und prompt stand am frühen Nachmittag mein Vater vor der Tür, er hatte überraschend Urlaub erhalten.

Für "Führer, Volk und Vaterland" musste oft gespendet werden. So weiß ich noch, dass ich einmal meine Mutter ins Haus der NSDAP in der Luisenstraße begleitete, dort "durfte" man als Gegenleistung für eine Geldspende einen silberfarbigen Nagel für ein zu nagelndes, d.h. aus Nägeln sich dann ergebendes, großes Hakenkreuz einschlagen. Eine wirklich zweifelhafte Ehre, aber das war eben Diktatur. Auch der Abend des 20. Juli 1944 ist mir in Erinnerung geblieben, der Putsch auf den Führer empörte uns Kinder, das war klar, aus Zeitung und Schule entnahmen wir ja nur Propaganda, was wir nicht ahnten (wie unsere Eltern dachten, weiß ich nicht).

Über die Juden wusste ich als Kind nichts. Meine Mutter hat lediglich öfter erzählt, dass verschiedene Geschäfte in der Stadt vor dem Kriege Juden gehört hätten, sie kannte auch genau noch die Namen der früheren Geschäftsinhaber. Sie erwähnte besonders oft das große Textilgeschäft Diekmann, bei dem wir viel kauften, das vorher einer jüdischen Familie gehört hatte und wo sie eben früher auch - vielleicht schon mit ihren Eltern - eingekauft hatte. Zum Verbleib dieser Menschen wurde nichts geäußert, jedenfalls kann ich mich an keinen Hinweis entsinnen, vielleicht hat sie gesagt, dass diese Leute ihr Geschäft verkauft haben und fortgezogen sind. Sie hat aber nicht abfällig über diese Menschen gesprochen, vielleicht klang sogar ein Bedauern über den Weggang dieser Menschen durch, denn man hatte sich viele Jahre gekannt. - Schade, jetzt ist es zu spät, viel zu spät, meine Eltern danach zu fragen. Ich verstehe auch nicht, wieso ich nicht beizeiten nach diesen Dingen gefragt habe.

Wir erhielten auch Einquartierung von Evakuierten, das waren Menschen aus den bombengefährdeten Regionen Deutschlands. So mussten wir - ich schätze, das war Ende 1943 oder Anfang 1944 - eine Familie (Mutter mit einem Mädchen und einem Jungen) namens Lahr aus Bochum aufnehmen. Sie bekamen unser Fremdenzimmer und benutzten unsere Küche teilweise mit. Ich meine aber, dass meine Mutter ihnen auch eine kleine Kochgelegenheit im Zimmer schaffte. Man blieb möglichst auf Distanz. Auch die Kinder hatten es schwer, Anschluss zu bekommen. Im Herbst und Winter 1944/45 bekamen wir dann noch Flüchtlinge aus Ostpreußen zugewiesen, erst eine, dann eine zweite Familie. Dafür gaben wir zunächst das Elternschlafzimmer, kurz darauf unser Kinderzimmer ab. Wir lebten in den beiden restlichen Zimmern, mussten uns darin mit unseren Betten usw. einrichten. Die Küche wurde wahrscheinlich von allen mitbenutzt. Die Versorgungslage wurde mit Fortdauer des Krieges und der sich verschlechternden militärischen Lage immer dürftiger.


17. Ein Jungvolkjunge, aber kein Vorbild

1944 mußte ich in die Hitler-Jugend (HJ) eintreten, das war Pflicht und für uns selbstverständlich. Genau genommen hieß das für die 10-13-Jährigen das "Jungvolk", erst mit 14 Jahren wechselte man in die eigentliche HJ über. Schon lange hatten wir die uniformierten, älteren Jungen und Mädchen der HJ und des BDM (Bund Deutscher Mädchen) bewundert, wenn sie mit Fanfarenzug voran durch die Stadt marschierten. Die erste Enttäuschung für mich war das Einkleiden, wir mussten uns selbst die Kleidung in einem Textilgeschäft besorgen, aber da gab es nicht mehr alles zu kaufen, braunes Hemd und schwarzer Schlips ja, aber keine schwarze Hose, die musste dann unsere Schneiderin nähen. Nun gut, das ging. Ich meine mich zu entsinnen, auf dem linken Ärmel des braunen Hemdes war ein schwarzes Dreieck mit der Aufschrift "Ostpommern" aufgenäht, wahrscheinlich ein Hinweis auf den zugehörigen Gau.

Ich habe auch begeistert ein nächtliches Lagerfeuer mitgemacht und höre uns noch heute singen: "Ein Jungvolkjunge hält treu die Lagerwacht, ein jedes Sternlein ein toter Kamerad ....". Die Begeisterung ging soweit, dass ich einmal zu Hause eine Stunde lang um den runden Tisch im großen Esszimmer marschierte und 'zigmal alle Strophen des Liedes "Ein junges Volk steht auf, zum Sturm bereit...." sang, bis meine Mutter mich fragte, ob ich das Lied für die Schule lernte, was ich verneinte, es war einfach eine natürliche Begeisterung ohne Reflexion. Dennoch bekam ich Probleme im Jungvolk, denn es war Disziplin verlangt. Jeden Mittwoch- und Sonnabendnachmittag war "Dienst" angesagt. Erscheinen, Pünktlichkeit waren Pflicht, und man musste mit Ernst bei der Sache sein. Vor allem der Ernst lag mir nicht, ich habe wohl mit einigen anderen Jungen öfter Quatsch gemacht, gelacht, vielleicht auch nur gegrient. Das führte dazu, dass ich wie einige andere Jungen Strafmaßnahmen exerzieren musste, wie z.B. "Häschen-Hüpfen" auf dem Übungsgelände, dem Turnplatz des Gymnasiums, von der Turnhalle ab bis zum mitten auf dem Platz stehenden Feuerwehrturm (Entfernung schätzungsweise 50 m) hin und zurück, manchmal sogar mehrfach. Eines Tages nahm mich der Fähnleinführer zur Seite und sagte zu mir: "Wenn Du nicht so eine hübsche Schwester hättest, wärest Du schon längst im Straffähnlein". Ich glaube, danach habe ich mich zusammengerissen. Aber es blieb bei mir ein schaler Nachgeschmack, erste Zweifel?


18. Gymnasium: Chaotische Leistungen in chaotischer Zeit

Irgendwann vor den Sommerferien 1944 bestand ich die Aufnahmeprüfung für den Eintritt in das Gymnasium, sicherlich nicht überragend, aber ausreichend. Nach den Ferien hieß es dann, diesen neuen Lebensabschnitt mit Tatkraft anzugehen. Ich bemühte mich, den neuen Anforderungen gerecht zu werden; meine Mutter achtete von Beginn an darauf, dass ich keine Arbeitsrückstände aufkommen ließ. Nur dann ergab sich plötzlich eine ganz neue Situation:

Frauen und auch Mütter wurden zum sog. Osteinsatz beordert, das hieß Panzer- und Schützengräben per Hand ausheben, allerdings nicht an der damaligen Front, sondern im Hinterland, weil die Führung sicherlich ahnte, dass die Sowjets bald tief in Deutschland sein würden, darüber wurde sich so ganz allmählich auch die Bevölkerung klar. Meine Mutter hatte diesen Einsatz - wie ich aus der Beschriftung einiger kleiner Fotos von damals ersehen kann - vom 12. August bis zum 7. Oktober 1944 mit anderen Belgarder Frauen in Dolgen, Kreis Neustettin zu leisten, darunter auch einige Nachbarinnen. Dort mussten diese Frauen fast zwei Monate körperlich schwere und für viele Frauen doch ungewohnte Arbeit leisten. Ich habe aber so ein bisschen in Erinnerung, dass es die Frauen nicht ganz so hart und schlimm empfanden, einmal dadurch, dass sie sich in einer vertrauten Gemeinschaft befanden und zum anderen, dass sie vielleicht die Angelegenheit nicht so total ernst nahmen, denn wie wollte man und wer sollte mit solchen "Pippi-Gräben" die russische Panzerfront aufhalten, das war doch geradezu lächerlich!

Meine Schwester und ich wurden für diese Zeit bei meiner Oma in Ackerhof untergebracht. Von dort ließen sich das Lyzeum und das Gymnasium auch gut zu Fuß erreichen, schätzungsweise 1/2 Stunde Fußmarsch gegenüber 15 Minuten ab Friedrichstraße. Wir fanden das Ganze nicht so tragisch. Ich freute mich, der Landwirtschaft nahe zu sein, da konnte ich die Betriebsabläufe viel besser verfolgen. Aber das hatte Folgen für meine schulischen Leistungen, denn ich verwendete von Tag zu Tag mehr Zeit für die Beobachtung des Betriebes und immer weniger für die Schularbeiten. So kam ich allmählich in Rückstand. Beispielsweise führte das in Mathematik bei Oberstudienrat Dumjahn (den einzigen Lehrer des Gymnasiums, an den ich mich erinnern kann und den ich später in Celle beim Belgarder Treffen noch einmal wiedersah) dahin, dass ich die nicht gefertigten Hausaufgaben stets nachholen musste einschließlich zusätzlicher Strafaufgaben. Gut, das tat ich, unterließ dann aber die Fertigung der neu gestellten Aufgaben, die ich dann wiederum beim nächsten Male nachzuliefern hatte usw. usw., ich kam auf keinen grünen Zweig mehr. Um dem Übel zu entgehen, bin ich ein- oder zweimal der Mathestunde, als sie in der letzten Schulstunde lag, einfach ferngeblieben und nach Hause, sprich Ackerhof, gegangen. Dort wunderte man sich, dass ich so früh heimkam, ich sagte nur lapidar, dass die letzte Stunde heute ausgefallen sei.

Vokabeln lernen war für mich "Luxus", den ich mir nicht "leisten" konnte, wenn ich auf Ackerhof nachmittags überall dabei sein wollte. Den ersten oder zweiten Deutsch-Aufsatz, der in diese Zeit fiel, schrieb ich "6". Das bedeutete, die Arbeit zu Hause zu zeigen und unterschreiben zu lassen. Da hatte ich "Manschetten" vor, schämte mich vor Oma, Onkel und Tante. Da kam ich auf die "glorreiche" Idee, den Faksimile-Stempel meines Onkels zu verwenden. Gedacht, getan: Ich stempelte ganz dünn und zog dann die Schrift mit Tinte nach! Diese Sache ging gut, niemand hat's bemerkt, nicht die in Ackerhof und nicht der Lehrer. Im Übrigen schrieb ich den nächsten Aufsatz "3", den hätte ich nun daheim gut vorzeigen können, aber dann wäre der "Stempel" vom letzten Male aufgefallen, also musste ich darüber schweigen nach dem Motto "Das ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortwährend Böses muss gebären". Ich weiß nun nicht, was ich meiner Mutter nach ihrer Rückkehr darüber beichten musste oder ob es mir gelungen ist, diese besondere Missetat mit dem allgemeinen "Umsturz" 1944/45 untergehen zu lassen.

Einmal wurde ich während dieser Zeit in Ackerhof krank, ich hatte mir gründlich den Magen verdorben. Die Ursache lag darin, dass ich so gerne Leberwurst aß, mir von meiner Oma die Frühstücksstullen für die Schule immer recht dick bestreichen ließ und außerdem mir eine immer höhere Anzahl von Stullen erbat, ich glaube, bis zu acht Stück pro Schultag. Schließlich schaffte ich es gar nicht mehr, diese Menge aufzuessen und deponierte den Überschuss in der Wasserkaraffe in "meinem" Zimmer (das war übrigens das Jungmädchen-Zimmer meiner Mutter noch mit der früheren Ausstattung ganz in Weiß). Dann wurde mir eines Tages so übel, dass ich im Bett bleiben musste, dabei entdeckte meine Oma das Brotchaos in der Karaffe. Die Ursache des Übels konnte behoben werden. Ich aß von da ab nur noch "normale" Mengen Frühstücksbrote.

Nach der Rückkehr meiner Mutter vom Ost-Einsatz wurde sie unverzüglich zum Direktor des Gymnasiums bestellt, denn meine Leistungen waren inzwischen in mehreren Fächern völlig unzureichend; die Tendenz zeigte weiter abwärts und so war schon jetzt die Versetzung, obgleich noch nicht spruchreif, gefährdet. Meine Mutter war total entsetzt, das hatte sie nicht erwartet und ich hatte sie vor ihrem Gang zum Direktor auch nicht mehr entsprechend "aufgeklärt". Ich meine sogar, dass ich ihr gegenüber sogar meine angebliche Unwissenheit über das Anliegen des Direktors zum Ausdruck gebracht habe. An ihre mir nach ihrer Rückkehr vom Direktor gehaltene Standpauke kann ich mich gut erinnern! Von diesem Tage an gestaltete sich mein Leben total neu. Ich bekam zunächst vollständiges Spielverbot, durfte nur nach Fertigstellung aller Schularbeiten für eine begrenzte Zeit an die frische Luft. Das bedeutete, da die Tage im Herbst kürzer wurden, dass praktisch schon die Dunkelheit hereingebrochen war, wenn ich unten auf den Hof ging, da hatten die anderen Kinder das Spielen schon fast eingestellt. Im Übrigen arbeitete meine Mutter ganz hart mit mir, es wurde förmlich gepaukt. Es gab auch kein Erbarmen, denn ich hatte ja vieles nachzuholen, die entstandenen Lücken mussten geschlossen werden. Meine Mutter lernte sogar selbst mit, sie wollte dabei auch ihr Wissen erneuern und erweitern; sie war nämlich recht ehrgeizig, was bei mir damals bei weitem noch nicht der Fall war.

Welchen Erfolg dieses "neue" Leben und Arbeiten auf Dauer am Belgarder Gymnasium für mich gebracht hätte, konnte sich nicht mehr zeigen; kurzfristig hatten sich erste, kleine Verbesserungen gezeigt. Nach Weihnachten 1944 änderte sich das Leben aber aus anderen Gründen. Schon ab Herbst trafen mehr und mehr Flüchtlinge aus Ostpreußen ein. Nun aber wurde es immer krasser. Die Schulen wurden nach und nach in Flüchtlingslager oder Lazarette verwandelt, nachdem die privaten Unterbringungsmöglichkeiten ausgeschöpft waren. Erst wurde der Unterricht gekürzt, dann wurden die verbleibenden Schulen auch nachmittags genutzt. Schließlich brauchten wir nur noch einmal pro Woche zur Schule, um Schulaufgaben zu empfangen, die dann in der Woche darauf vorgezeigt oder abgegeben werden mussten, danach gab es neue Aufgaben bis zur folgenden Woche. Aus Schülersicht famos, aber dennoch wurden wir nachdenklicher!

Ja, die Zeiten wurden jetzt immer chaotischer. Meine Mutter beabsichtigte einmal während einer zeitweiligen Stromsperre, einen Kuchen im alten Kohleherd zu backen. Da die Küche nur spärlich durch eine Wachskerze erleuchtet war, vergriff sich meine Mutter und nahm statt Zucker Salz als Zutat. Den Fehler bemerkte sie erst, als sie den fertigen Kuchen probierte, er schmeckte geradezu abscheulich. Weil ihr das verbackene Mehl leid tat, weichte sie den Kuchen auf, tat eine Übermenge Zucker hinein und wiederholte den Backvorgang, aber ohne Erfolg qualitativer Verbesserung, der Kuchen blieb ungenießbar und musste weggeworfen werden. Ein anderes Malheur: Um unser verbliebenes Wohnzimmer von den Geräuschen abzuschirmen, die aus den an die Flüchtlinge abgetretenen, angrenzenden Räumen kamen, versuchten wir, vor die zweiflügelige Tür zum (ehemaligen) Kinderzimmer einen großen Teppich zu hängen, es gelang, aber unter Hinnahme eines Kurzschlusses, weil wir nämlich versehentlich einen Nagel in die Elektroleitung geschlagen hatten.

Es war im Januar 1945, als ich bei Dahlkes zum Geburtstag meines Freundes Egon eingeladen war, da diskutierten wir mit Frau Dahlke, wo denn der geographische Mittelpunkt Deutschlands sei; wir wollten feststellen, wo man zuletzt von den von Ost und West gleichzeitig heranrückenden Feinden erreicht würde (der Gedanke daran war eigentlich bereits verboten!), dahin meinten wir fliehen zu müssen. Wir zogen den Atlas zu Rate und stellten als günstigste Lage einen Ort in Thüringen fest. Der Gedanke, dass es in jedem Fall besser wäre, in westliche als in östliche Hände zu fallen, kam uns nicht, denn wir rechneten sowieso noch alle für den letzten Moment mit Hitlers Wunderwaffe, die uns schließlich doch retten würde, so verblendet waren wir durch die Nazi-Propaganda. Ich sehe noch, wie Herr Dahlke nach Feierabend zu dem Gespräch hinzukam; es war wenige Tage vor seiner Einberufung zum "Volkssturm", dem sozusagen letzten Aufgebot älterer oder ungedienter Männer (manchmal auch Jungen); er geriet in russische Gefangenschaft, wo er ums Leben kam, wie die Familie erst viel später erfuhr.


19. Einmarsch der sowjetischen Truppen:
      Viel Angst, Schrecken und Leid


Im Monat Februar 1945 stieg der Flüchtlingsstrom der Deutschen aus Ost- und Westpreußen sowie sicherlich auch schon aus dem östlichen Hinterpommern durch Belgard in Richtung Westen immer mehr an. Es wurde allmählich gespenstisch, täglich zogen mehr Pferdetrecks, die die Hauptmasse der Flüchtlingswagen ausmachten, durch die Stadt - alle unter unseren Fenstern in der Friedrichstraße entlang. Schweigen lag über diesem nicht mehr endenden Zug. Wir konnten uns aber immer noch nicht so recht vorstellen, dass wir uns selbst bald diesem Zug anschließen müssten. Aber dennoch trafen wir und die Verwandtschaft in Ackerhof Vorbereitungen, es wurde gepackt. In Ackerhof wurden die Wagen für den Treck gerüstet, für alle Familien des Gutes war Platz vorgesehen sowie für uns und die befreundete Familie Hoffmann. Noch am Samstag, dem 3. März, vormittags ging ich zusammen mit Horst Kriefall die Friedrichstraße entlang. An den Straßenbäumen waren Aufkleber angebracht mit der Überschrift "Für Belgard besteht kein Räumungsbefehl". Des Weiteren hieß es darin, dass es verboten wäre, die Stadt zu verlassen; Zuwiderhandelnden wurde das Kriegsrecht angedroht, das hieß sicherlich Tod durch Erschießen oder Ähnliches. Doch abends gegen 18 Uhr kam der Räumungsbefehl.

Von Ackerhof wurde der kleine, einspännige Milchwagen geschickt, um uns abzuholen. Nachdem wir ihn bepackt hatten, gingen meine Mutter und meine Schwester zu Fuß nach Ackerhof, während ich mit dem Kutscher, einem französischen Kriegsgefangenen, auf dem Wagen mitfuhr. Es war geradezu gespenstisch, stockfinster, Lichter durften nirgends brennen, aber der Abendhimmel am östlichen und südöstlichen Horizont war von Feuer rot gefärbt, als wir mit dem beladenen Einspänner von der Viehverwertung durch die Friedrich- und Georgenstraße, eine Abkürzung gab es nicht, nach Ackerhof fuhren. Die gesamte Flüchtlingswelle, bestehend aus Autos, Pferdewagen und Fußgängergruppen mit und ohne Handwagen, kam uns auf der gesamten Breite der Straße und der Bürgersteige entgegen. Niemand außer uns wollte in die Gegenrichtung. Es dauerte wohl zwei Stunden bis wir in Ackerhof waren. Und dann mussten wir nochmals los, weil wir so viel Sachen vorgesehen und gepackt hatten, die alle mit auf die Flucht genommen werden sollten. Zunächst sah es so aus, als ob die Verzögerung des Ackerhofer Trecks nur durch das Warten auf mich eingetreten war, aber es stellte sich dann heraus, dass mein Onkel noch unterwegs war und erst nach unserer zweiten Fuhre eintraf. Aber wer weiß, was gewesen wäre, wenn der Treck doch zu später Stunde noch losgegangen wäre. Die Lastwagen des Ein- und Verkaufsvereins, die mit den Familien all meiner Freunde wohl etwa schon gegen 19 Uhr gestartet waren, sind noch in derselben Nacht über die Oder gekommen und damit dem Zangenangriff der Russen zuvorgekommen, ähnlich wie unsere Verwandten aus Zapplin und Schellin. Andere Flüchtlinge haben in Kolberg noch Schiffe über die Ostsee erreicht. Aber andere Trecks sind von den sowjetischen Panzern eingeholt und überrollt worden. Viele Menschen sind umgekommen, andere wurden zur Umkehr gezwungen, haben dadurch überlebt. Für uns, glaube ich, war meines Onkels Entscheidung, nicht mehr zu starten, richtig, für ihn hat es durch die spätere Verschleppung allergrößte Entbehrungen, Qualen und dann den bitteren Tod gebracht.

Wir verblieben alle in Ackerhof. Nun kamen wirklich schlimme Zustände auf uns zu. Sowjetische Soldaten und ehemalige Kriegsgefangene plünderten Haus und Hof erheblich, jeder nahm sich, was er wollte, Tiere, Korn, Vorräte, wir konnten und durften uns nicht wehren. Wir waren froh, wenn Leib und Leben geschont blieben. Die Frauen waren besonders gefährdet, aber es ist alles gut gegangen, insoweit hat es einen Schutzengel über diesem Haus gegeben. Die Arbeit auf dem Hofe hatte aufgehört. Nur das Vieh, soweit noch vorhanden, wurde von meinem Onkel, der sich als Arbeiter verkleidet hatte, dem Melkermeister; der die Schweizer Staatsbürgerschaft besaß und somit als neutralisiert galt, und dem Hofmeister Nimz gefüttert, die Kühe gemolken.

Vermutlich durch ehemalige ausländische Kriegsgefangene wurde mein Onkel verraten. Nach 14 Tagen wurde er von einem Polen mit aufgepflanztem Bajonett abgeholt. Mit ihm zugleich wurden Martin Hoffmanns Vater und ein Flüchtling verhaftet und abgeführt. Sie wurden ins Amtsgericht Belgard gebracht. Hier befanden sich weitere Belgarder Männer in Haft. Die Verschleppungsaktion hatte begonnen. Weil Herr Hoffmann einen sehr schweren Husten hatte, wurde er von einem russischen Offizier zurückgeschickt. Die Frauen der Gefangenen hatten noch die Gelegenheit, Essen hinzubringen. Auf einem solchen Wege war meine Tante von Russen abgefangen worden und hatte in einer Militärküche Kartoffeln schälen müssen. Die Gefangenen wurden am dritten Tage mit unbekanntem Ziel in Marsch gesetzt. Es hieß, sie sollten über Schneidemühl nach Russland gebracht werden. So war es wohl auch. In Russland ist mein Onkel in einem Lager an Entkräftung gestorben, wie ein zurückgekehrter Kamerad später berichtet hat.

Das Leben auf Ackerhof bis zum 20. April, als wir das Gut verlassen mussten, war von einer ungemeinen Anspannung. Jeden Moment musste mit den schlimmsten Dingen gerechnet werden, die Russen waren letztlich unberechenbar, vor allem, wenn sie betrunken waren. Auch wir Kinder erkannten das, obgleich wir uns unsere Nischen zum Spielen suchten, aber draußen haben wir in den ersten Wochen nicht gespielt, das war zu unsicher. Wenn Gefahr drohte, haben wir uns alle, Kinder und Erwachsene, in einem Raum des Gutshauses im ersten Stock versammelt. Meine Oma hat dann, wenn es unabdingbar war, die Haustür geöffnet oder wenn das nicht mehr nötig war, sich als Ansprechpartnerin direkt zur Verfügung gestellt. Sie hat wirklich Mut bewiesen.

Es hat einige ganz brenzlige Situationen gegeben, wo Leben und Gesundheit aller oder Einzelner auf dem Spiel gestanden haben. Ich erinnere mich daran, dass einige Russen nach Durchwühlen einiger alter Schränke ein Gewehr und eine Pistole fanden, die wohl noch vom Opa stammten, an die keiner mehr gedacht hatte, sonst hätten meine Oma oder Tante sie schon längst zur Seite gebracht, wahrscheinlich im Teich versenkt oder vergraben, ich glaube, das hatte mein Onkel mit seinen Jagdwaffen gemacht. Nun entstand daraus eine höchst gefährliche Situation. Die Russen drohten mit Erschießungen, aber da sprachliche Verständigung nicht möglich war, halfen Gesten und Gebärden, unsere Unschuld darzulegen. So ging der Schreck an uns vorüber. Ein anderes Mal kam ein stockbesoffener, junger russischer Soldat ins Haus und auch in das Zimmer, in dem wir alle saßen; mit einer Eierhandgranate in der Hand spielend schaute er sich die Frauen und Mädchen an. Schließlich musste ihm meine Schwester folgen. Das Entsetzen war groß. Viele bange Minuten vergingen. Nach einer halben Stunde betrat sie wieder das Zimmer, sie war unbehelligt geblieben.

Aber auch wir Jungen waren nicht ungefährdet. Es wurden von vielen Gütern und Bauernhöfen Kühe und junge Rinder fortgetrieben gen Osten, wohl in die Sowjetunion. Dazu suchte man Treiber und sah dafür halbwüchsige Knaben als geeignet an. Martin Hoffman, damals 13 Jahre alt, aus der befreundeten Familie, musste mit, er konnte aber schon nach wenigen Tagen die Flucht ergreifen (so erzählte er mir im Oktober 1995 bei unserem ersten Zusammentreffen seit 1945, ich selbst konnte mich daran nicht erinnern). Ich wurde an mehreren Tagen versteckt, und zwar oben auf dem Dachboden hinter den Bodenkammern in der Dachschräge, das war sehr beengt, aber ausreichend Luft bekam ich.

Ich erinnere mich noch an die russischen Soldaten mit den kleinen einspännigen Panje-Wagen, die immer im Trab vorgefahren kamen und sich mit allerhand Vorräten eindeckten. Einmal, nachdem die Zugpferde schon alle weggeholt waren (auf dem Felde begann man mit einem oder zwei Ochsenpaaren auf 800 Morgen die Frühjahrsbestellung) wurde der verbliebene 2-jährige Hengst, der aber natürlicherweise bisher weder angespannt noch eingeritten war, fortgenommen. Ein Russe schwang sich auf das junge Pferd, es wehrte sich dagegen, bäumte sich mehrfach mächtig auf, der Reiter kam schwer in Bedrängnis, schaffte es aber nach einigen Minuten, das Pferd in den Griff zu bekommen und im Galopp davonzurasen.

Es muss einige Wochen später, wahrscheinlich April, gewesen sein, als Martin Hoffman und ich uns schon etwas weiter weg von Ackerhof bewegten, und zwar bis zum Sportplatz hinter der Kleinbahn-Persantebrücke. Dort durchstöberten wir ahnungs- und ziellos die Umkleidebaracke und stießen auf eine Menge Munition, vor allem die kleinen Granaten zur Flugzeugabwehr für die deutsche FLAK. Von diesen kleinen Granaten nahmen wir einige mit nach Hause; Martin verstand es, sie zu öffnen und das Schießpulver in kleinen Beuteln oder Stangen herauszunehmen! Ich schaute gespannt zu. Über den bodenlosen Leichtsinn waren wir uns sicherlich nicht im Klaren. Im Nachhinein laufen mir kalte Schauer über den Rücken. Wir haben einen Schutzengel gehabt.

Auch in dieser etwas späteren Zeit wurden noch Männer verschleppt, so drei ältere Gutsarbeiter. Am 20. April vormittags erschien ein russischer Major. Er verhörte meine Oma und schlug ihr ins Gesicht, als sie sagte, dass keine Lebensmittel mehr vorhanden seien. Schließlich befahl er die Räumung des Hauses bis zum Abend. Mitnehmen durften wir nur, was wir an Kleidung und Wäsche auf Handwagen mitnehmen konnten. Der polnische Bürgermeister wies uns eine Wohnung im Dorf zu, deren ehemalige Besitzer sich gemeinsam mit der Familie des gegenüber wohnenden Tierarztes in dessen Bunker beim Einmarsch der Russen das Leben genommen hatten. In dieser Wohnung von vier Zimmern lebten wir zu drei Familien mit zusammen 12 Personen, darunter 7 Kinder.


20. Pellkartoffeln - morgens, mittags und abends

Nachdem wir dann vom Gut Ackerhof ins nahegelegene Dorf Vorwerk gezogen waren, wurde das Leben für uns etwas erträglicher, die ständigen Überfälle und Belästigungen hörten auf, das lag aber auch an der allgemeinen Situation. Die Polen versuchten, eine Verwaltung aufzubauen, die russischen Soldaten streunten nicht mehr durch die Gegend. Zwischenzeitlich war ja auch der Krieg zu Ende gegangen, was wir aber direkt nicht mitbekommen hatten, ich weiß nicht, wann wir es überhaupt erfuhren. Wir wussten nichts vom Tode Adolf Hitlers. Ende April hörten wir in Vorwerk hinter dem Stallgebäude, wo sich der Westwind fing, immer noch Geschützdonner; wir meinten, das käme von Kämpfen um Stettin, aber es kam vielleicht sogar vom Endkampf um Berlin. Jedenfalls standen diese Geräusche in keinem Zusammenhang mit dem sich hinter diesem Gebäude befindlichen Plumpsklo, das wir zeitweilig benutzten, denn oben in der Wohnetage reichte das WC nicht immer für alle, vielleicht gab es auch kein fließendes Wasser. Die Verhältnisse waren alles andere als normal.

Es gab keine offizielle Lebensmittelversorgung, keine Verkaufseinrichtungen, keine Schule, kein Radio, kein Telefon. Wie es um die Stromversorgung stand, kann ich mich nicht entsinnen; vielleicht saßen wir abends bei Kerzenschein. Im Garten des Hauses, in dem wir jetzt wohnten, und in dem des gegenüberliegenden Hauses, das der durch Selbstmord geendeten Tierarztfamilie gehört hatte, versuchten wir etwas Gemüse anzubauen. Mir lief es immer kalt über den Rücken, wenn ich an dem besagten Bunker hinter dem Haus vorbei musste, zumal davor immer noch ein blutverschmierter Armlehnstuhl stand. Brot gab es so gut wie überhaupt nicht. Wir lebten vor allem von Kartoffeln, Pellkartoffeln morgens, mittags und abends. Meine Oma hatte auch noch einige riesengroße Töpfe mit Schweine- und Gänseschmalz retten können, die haben uns weitergeholfen. Aus Kartoffeln gewannen wir Stärkemehl für die Speisen. Wir Kinder bekamen Langeweile, Spielzeug war nicht viel gerettet, Spielkameraden gab es kaum in der Nachbarschaft. Groß in der Gegend herumzustromern, war nicht angebracht. Wir durchkämmten einige leerstehende Häuser in der Nachbarschaft, aber die waren schon weitgehend ausgeplündert. Da konnte man von den verbliebenen Resten kaum noch etwas gebrauchen, nur Unmengen von Fotografien lagen verstreut auf den Fußböden der Häuser umher.

Im nahe gelegenen Persante-Schlösschen, eine ehemalige Gastwirtschaft, und der daneben liegenden Vorwerker Schule waren eine Zeit lang sowjetische Soldaten untergebracht. Wir Kinder nahmen sogar vorsichtig Kontakt zu ihnen auf, sie waren recht freundlich zu uns. Die Russen rauchten viel, drehten sich die Zigaretten selbst. Da kamen Martin Hoffmann und ich auf die Idee, ihnen heimlich trockene Baumblätter, die sich im Sommer schon an einigen Bäumen zeigten, als Tabak deklariert, anzubieten. Ich weiß nicht, ob wir dafür Nahrungsmittel oder Geld erwarteten, vielleicht war es von uns auch gar nicht ernst gemeint, jedenfalls haben die russischen Soldaten die zerriebenen Blätter ein-, zweimal entgegengenommen, dann aber kamen wir mal an den Falschen, der mir unter lautem Fluchen einen gewaltigen Tritt in den Hintern versetzte, so dass wir uns dort nicht mehr sehen ließen.

In dieser Zeit mussten die Frauen mehrfach zum Kartoffelsortieren oder - verladen auf den Kleinbahn-Bahnhof in Belgard. Ich erinnere mich an einen heißen Sommertag, als ich meine Mutter begleitete, um bei dieser Gelegenheit "unser" gleich daneben liegendes Viehverwertungsgelände in seinem Nachkriegszustand zu betrachten. Ich ging alleine auf das große Gelände und erblickte mit Schaudern die Ruinen unseres Hauses und der angrenzenden Stallungen. "In den öden Fensterhöhlen wohnt das Grauen". Es herrschte große Stille, denn Arbeitsleben gab es hier nicht mehr. Ich war innerlich ganz erregt, eine seltsame Spannung durchzog mich, denn so ein Bild kannte ich nicht aus der Wirklichkeit. Auf dem Gelände sollen nach den Kampfhandlungen mehrere tote deutsche Soldaten gelegen haben, sie hatten sich wohl dort verschanzt. Ich durchstreifte das Gelände und sah einen zerschossenen deutschen Jeep, ich setzte mich hinein und fing an, darin zu spielen; Steuerrad, Kuppelung, Bremse ließen sich bewegen, das allein gab einem Kind schon ein "Fahrgefühl". Dann ging ich zu dem großen Sandkasten, in dem wir so oft gespielt hatten, er war unversehrt und auch voll Sand, aber ich hatte kein Spielzeug, um darin viel anzufangen, das war unter den Trümmern des Hauses begraben, außerdem fehlten mir die Spielkameraden. Dennoch habe ich auf dem Gelände etwa 2-3 Stunden zugebracht, kein Mensch kam hinzu: Eine unheimliche Stimmung voll Angst, neugieriger Spannung und vielleicht der aufkeimenden Gewissheit, dass eine Welt zusammengebrochen und die Kindheitsidylle für immer beendet war.


21. Abschied von Belgard - eine abenteuerliche Reise

Dann kam die Zeit, da die ersten Polen aus den von der Sowjetunion okkupierten polnischen Ost-Gebieten in Hinterpommern eintrafen und wir Deutschen weichen mussten. Es begann die Ausweisung, die Vertreibung der deutschen Bevölkerung. Ich weiß nicht mehr, wie das im Einzelnen durch die Polen geregelt war, ob da ein genauer Termin oder ein Zeitraum für das Verlassen des Landes vorgegeben war. Jedenfalls beschlossen wir im Juni, nachdem wir von den Transporten nach jenseits der Oder erfahren hatten, dass zunächst meine Tante Christel mit ihren drei Mädchen sowie meine Schwester fahren sollten. Ziel für sie war Greifswald, denn da wohnte die Schwiegermutter meiner Tante. Wir anderen wollten noch ausharren. Irgendwie war da immer die Hoffnung, die Welt würde wieder heil und alles würde so wie früher. Die fünf sind dann auf offenen Güterwagen, sog. Flachwagen (meine Schwester erzählte mir jüngst, der Zug wäre nur langsam gefahren, die Beine hätte man an der Seite herunterhängen lassen), unter beschwerlichen Bedingungen ausgereist. Mit Gepäck waren die fünf kaum beladen, jeder hatte nur einen Rucksack, denn es galt ja vor allem, sich mit den kleinen Kindern durchzubringen, dafür mussten Hände frei sein. Die Fahrt haben sie heil überstanden, sie erreichten Vorpommern. Meiner Schwester wurde bei einem Halt des Zuges von einem Polen der Rucksack, auf dem sie saß, einfach weggerissen und geraubt. So begann für sie der neue Lebensabschnitt im wahrsten Sinne des Wortes nur mit dem, was sie auf dem Leib trug.

Dann kam auch bald für uns die Stunde des Abschieds von Belgard. Ich glaube, uns setzte man einen Termin, an dem wir auszureisen hätten. Es blieb uns ausreichend Zeit, obgleich wir uns sowieso darauf eingestellt hatten. Wir konnten ja praktisch nur das mitnehmen, was wir tragen konnten. Aber wir hatten große, mannshohe Säcke dabei, die mit Federbetten gefüllt waren. Wir haben versucht, überschüssige Sachen noch in Belgard an Polen zu verkaufen. So erinnere ich mich daran, dass meine Oma und ich einen Koffer mit Silberbesteck bei einer Polin, die in der Nähe vom Belgarder Schwimmbad/Poetensteig wohnte, für 3000 RM (oder Zloty?) verkauft haben. Wer die Verbindung zu dieser Frau hergestellt hatte, ist mir nicht in Erinnerung.

Ein Tag im September 1945: Auf Handwagen zogen wir unser Gepäck zum Belgarder Güterbahnhof vorbei an unserer Hausruine in der Friedrichstraße. Ich weiß nicht, ob uns noch jemand aus dem Dorf dabei geholfen hat. Hier am Güterbahnhof stand ein langer Zug mit Güterwaggons, so wie sie zum Transport von Kartoffeln oder Getreide verwendet wurden, also glücklicherweise geschlossene, nicht offene Wagen. Hier an dieser Stelle, kaum 150 m Luftlinie von der ehemaligen Viehverwertung entfernt, wurden noch vor einem halben Jahr Schweine und Rinder nach Stettin verladen, jetzt wir. Jetzt packten wir hier unsere Koffer, Rucksäcke und großen Bettsäcke in einen Güterwagen und setzten uns auf oder neben das Gepäck, viel Raum blieb nicht, denn wir waren mit mehreren Familien in so einem Waggon.

Ich setzte mich ganz oben auf den Stapel der Bettsäcke und schaute zu einer schmalen Seitenluke heraus. Von hier sah ich dem Treiben draußen zu. Da bemerkte ich plötzlich, dass ganz dicht neben meinem Kopf ein harter Gegenstand gegen die Metallfassung der Luke geprallt war. Ich zog mich sofort von der Luke zurück, denn hier hatte entweder jemand einen Stein nach mir geworfen oder es war sogar eine geschossene Kugel. Gnade des Schicksals? Darüber habe ich immer wieder nachgegrübelt, damals, auch später noch. Und dann irgendwann in der Nacht setzte sich der Zug in Bewegung.

Das war der Abschied von Belgard, aus Pommern östlich der Oder, Polen zur vorläufigen! Verwaltung überlassenes Gebiet. Unser Ziel war zunächst Greifswald in Vorpommern, damals zur sowjetisch besetzten Zone gehörend. Wir wussten vom Hörensagen, dass sich diese Fahrten dramatisch gestalteten, denn polnische Zivilisten versuchten, die Züge zu stoppen und auszuplündern, berüchtigt war der Ort Scheune bei Stettin. Es herrschte praktisch Anarchie. Die wenigen Männer in unserem Waggon hatten vorgesorgt, sie hatten dicken Draht und Ketten mitgenommen und verbarrikadierten den Waggon von innen. Tatsächlich wurde unser Zug mehrfach gestoppt, am längsten in der Nähe des Ortes Scheune. Immer, wenn sich polnische Trupps an unserem Waggon zu schaffen machten, hoben wir ein gewaltiges Geschrei an, bei Scheune schrie der ganze Zug, vielleicht tausend und mehr Menschen. Das war besonders schaurig, weil es meiner Erinnerung nach nachts geschah. Uns war das Schicksal gnädig, die Polen schafften es nicht, unseren Waggon zu knacken, so retteten wir unsere mitgenommene Habe über die Oder nach Vorpommern, in die sowjetisch besetzte Zone Deutschlands. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich die Oder überquerte, ich hätte nie geglaubt, dass das mal unter solch widrigen Umständen geschehen würde.

Jahre nach dem Krieg, 1956, erreichte uns in Hann. Münden ein Brief meines Vaters, den er am 16. April 1945 aus amerikanischer Gefangenschaft an uns nach Belgard gerichtet hatte, der uns natürlich bei den Verhältnissen dort nie erreicht hat. Solche unzustellbare Post war wohl in Westdeutschland angehalten, gesammelt und dann im Laufe der Jahre über die u.a. für die Klärung offener Fragen bei der Abwicklung des Lastenausgleichs eingerichteten Heimatortskarteien aufgearbeitet worden. Dieser Brief lautete:

"Meine liebe Lotti, Dörte und Stepke, liebe Mutter und alle Verwandten. Ich hoffe, daß Ihr diese Nachricht von mir bei guter Gesundheit erhaltet und mir recht bald antwortet. Mir geht es recht gut, ich bin gesund und wohlauf, habe sehr schmackhaft und reichlich zu essen. Nur Allezeit sind meine Gedanken mit ständiger, großer Sorge um Euch erfüllt. Eure letzten Nachrichten von Ende Februar habe ich noch erhalten, da wart Ihr noch alle zu Hause. Wie mag es Euch jetzt gehen und wo mögen Euch diese Zeilen erreichen. Macht Euch um mich gar keine Sorgen, Ihr könnt mir jederzeit unbeschränkt schreiben, ich warte sehr darauf. Dir, liebe Lotti, gebe ich hiermit Vollmacht über mein Giro- und Sparkonto. Euch Lieben allen gelten meine heißen Wünsche, besonders Dir, liebe Lotti, Dörte und Friedrich-Christoph und alles Gute dazu mit lieben Grüßen und innigen Küssen, Euer stets getreuer Vati. - Otto Rustemeyer."


22. ....aus der Ferne wendet sich zu Dir mein Sinn....

Wir ahnten damals nicht, dass das ein Abschied von der Heimat für immer war. Wir gaben jahrelang die Hoffnung auf die Rückkehr nach Pommern nicht auf, bis wir uns schließlich den politischen Realitäten beugen mussten. Schon lange wäre es sinnlos gewesen, dorthin zurückgehen zu wollen, selbst wenn es möglich gewesen wäre: Pommernland ist nun schon längst einem anderen Volk Lebensgrundlage und Heimat geworden. Es macht auch keinen Sinn mehr, sich über die Beschlüsse der Alliierten von Jalta und Potsdam aufzuregen, zu groß ist die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg. Wir, unsere Kinder und Kindeskinder haben da - wenngleich persönlich unverschuldet - keine Ansprüche mehr. Wir können dort nur nach Landschaft und Kultur schauen, auch nach der Geschichte suchen, sie aber nicht zurückdrehen wollen, andernfalls ergäbe sich eine neue explosive Spirale der Gewalt. Vielmehr haben wir und die kommenden Generationen die Verantwortung, mit Polen eine Aussöhnung auf Dauer zu erreichen, so wie es mit Frankreich gelungen ist. Es muss möglich sein, in einem gemeinsamen Europa die nationalen Spannungen und Vorurteile der Vergangenheit für immer zu überwinden, damit wir und die kommenden Generationen in Frieden leben können.

Am 1. Mai 2004 wurde Polen zusammen mit einer Reihe anderer ehemaliger Ostblockstaaten in die Europäische Union aufgenommen, ein wichtiger Schritt für dauerhaften Frieden, Freiheit sowie menschliche, kulturelle und wirtschaftliche Verbundenheit in Europa.