Das Schicksal einer "Flüchtlingsfrau" und "-mutter"

Tante Erika Schmidt geb. Holz ist tot

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Sie war die "Tante Erika" nicht nur im Verwandtenkreis, Bekannte und alle, die sie in ihr Herz geschlossen hatten, nannten sie liebevoll so. Tante Erika war die jüngste von drei Geschwistern, nach Meta (verh. Schneider) und meiner Mutter Frieda (verh. Pleger). Ich habe Tante Erika verehrt, ja geliebt und habe in ihr immer einen Teil meiner Mutter gesehen, wie sich die Geschwister überhaupt sehr ähnelten. Ich wollte wesentliche Daten von Tante Erika schon immer aufgeschrieben haben; als Tante Erika im September 2008 Pflegefall wurde, besuchte ich sie noch einmal, und so konnte ich sie auf ihrem Sterbebett sprechen und ihre Lebensgeschichte - namentlich die Zeit nach 1945 - niederschreiben. Wie von ihr nicht anders gewohnt: geistig frisch, keine 99jährige hinter ihren Worten vermutend, berichtete sie knapp, chronologisch geordnet, pointiert, wenn auch geschwächt, die Unterhaltung immer wieder unterbrechend, Luft und Kraft schöpfend, um dann fortzufahren.

Verheiratet seit 4. Januar 1934 in erster Ehe mit dem studierten Landwirt und Gutsinspektor Ernst Pumplun, geboren am 21. September 1897 in Körlin, kauften die jungvermählten Eheleute in Lensin, Kreis Greifenberg, einen großen Hof, den sie in wenigen Jahre zum Blühen brachten. Das Glück wurde unterbrochen durch den Tod ihres Sohnes Karl Ernst, geboren am 24. Juli 1935; ein Pferd erschlug ihn am 5. Juli 1940 auf der Weide. Das Leben, das mit dem tragischen Tod ihres Jungen anbrach, hätte Tante Erika sich gern erspart. Und selbst auf dem Sterbebett klagte sie, daß sie lieber nicht auf die Welt gekommen wäre, verbittert, wo wir sie doch als lebensfrohe Frau kannten und schätzten. Ihr Mann Ernst Pumplun wurde am 22. März 1945 von den Russen verschleppt und starb am 22. September 1945 schon auf dem Rücktransport in der Sowjetunion an der russisch-polnischen Grenze. Tante Erika mit ihren Kindern Magdalene (acht Jahre) und Harald (zwei Jahre) und die Lensiner wurden am 22. März 1945 von den Russen zum Bau eines Behelfsflugplatzes für den Großangriff auf Groß Berlin nach Muddelmow in die Nähe der Oder verschleppt. Hier mußten sie Steine zertrümmern, die für den Bau der Startbahnen verwandt wurden. Schon Tage sann die Gruppe darauf, wie sie fliehen könne. Am 8. Mai 1945, ohne davon zu wissen, daß die Deutsche Wehrmacht an diesem Tage kapitulierte, versteckte sich die Gruppe Lensiner in einer Mulde. Sie beobachteten, daß die Russen abzogen, d. h. sie waren damit frei und zogen angsterfüllt nach Lensin zurück.

Nur - wie sah es hier aus! Alles war geplündert, das Vieh ebenso wie der Hausrat. Mit mehreren Lensinern zog Tante Erika mit ihren Kindern wieder in ihr Haus. Abgesehen von der prekären Versorgung waren die Frauen vor dem vergewaltigenden Russen in ständiger Gefahr. Einmal hatte ein Russe Tante Erika im Dorf entdeckt; sie flüchtete auf die Weide, versteckte sich hier im Strauch; zwar fand der Russe sie nicht, er kam ihr aber so nahe, daß sie ihn atmen hörte. Ein andermal packte sie ein Russe; sie verweigerte sich, der Russe wollte sie erschießen, doch sie kam mit dem Schrecken davon. Nun traten die Polen verstärkt auf - die neuen Herrenmenschen machten sich breit! Am 15. Juli 1945 hieß es, alle hätten sich in 10 Minuten auf der Straße zu versammeln für den Abmarsch über die Oder. In der Eile hatten die Menschen nicht einmal Zeit gehabt, sich für den Marsch anzuziehen; z.T. standen sie in Holzpantoffeln und Latschen da. Diese Schikane diente der Ausplünderung; die Polen ließen die Lensiner das, was sie noch in Taschen, Säcken, Rucksäcken hatten stecken können, auf die Straße schütten und nahmen, was ihnen davon gefiel. Die Polen ließen die Lensiner bis in die Abendstunden auf der Straße stehen, dann hieß es, alles wieder zurück. Dies geschah in Abständen von wenigen Tagen noch zweimal.

Dann wurde Tante Erika mit ihren Kindern und weiteren Lensinern vertrieben. Sie zogen zu Fuß mit Kinder und Handwagen bis Kanitz, übernachteten auf einem großen Hof (kann auch ein Schloß gewesen sein) und wurden abermals nach Wert- und brauchbaren Sachen abgesucht. Am nächsten Tag kamen sie nach Dievenow. Die Polen wollten sie hier halten, sie sollten hier für ein Kinderheim nähen. "Bleibt doch", so warben verlogen die Polen, "Ihr kommt doch alle wieder zurück!". Ein Pole unter ihnen, der Verwandte in Deutschland hatte, riet Tante Erika zu gehen. Am Vorabend hatte sie noch polnische Fahnen für einen Feiertag nähen müssen. In den frühen Morgenstunden des folgenden Tages nutzte sie die letzte Möglichkeit, den Grenzübergang zu passieren. Noch einmal hieß es, alle Sachen auf den Boden schütten; die letzte Plünderung, sofern überhaupt noch etwas zu plündern war. Der rot-weiße Schlagbaum hob sich, "mir fiel", so Tante Erika, "ein Stein vom Herzen, daß wir dieser Hölle entkommen waren."

Was sie nun erwartete, war allerdings nicht das Paradies. Ihre Erlebnisse der ersten Jahre in Vorpommern / Mecklenburg sind enttäuschend und entbehren nicht der Dramaturgie. Immer wieder hieß es in den Dörfern: "Sei könne överall hin; nur hier könnes nicht bliewe!" Auch im pommerschen Wolgast wollte sie niemand haben: An der Greifswalder Chausseen übernachteten sie in einem Kuhstall, den sie zunächst ausmisten mußten; sonst boten Scheunen ein unwürdiges Nachtquartier. In Anklam herrschte Typhus und ließ die Lensiner Gruppe überstürzt weiterziehen. In Boldekow bei Anklam, am 25. Juli 1945 angekommen, ließ sich die Gruppe nicht weiterschieben und widerstand selbst der Drohung des Dorfbürgermeisters: "Wir konnten einfach nicht mehr, wir waren völlig erschöpft, und wenn der Bürgermeister uns nicht endlich in Ruhe gelassen hätte, hätten wir uns nicht gescheut, gewaltsam zu wehren." In einem leeren Zimmer des von den Einheimischen ausgeplünderten Gutshauses fand Tante Erika mit ihren Kindern Unterkunft. Sie ernährten sich von Kartoffeln, die sie im Keller des Gutshauses fanden. Die Kartoffeln kochten sie bis in den Herbst hinein im Freien auf einer aus drei Ziegelsteinen mit Lehm verschmierten Kochstelle. Als Feuerung dienten Strauch und Kienäppel (Kiefernzapfen), die sie im Wald sammelten. Doch die Not war groß; bald war der Wald wie leer gefegt, und der Winter stand vor der Tür. "Wir erbaten Milch", so Tante Erika; "wir suchten den Bürgermeister in Anklam auf: 'Es sind doch so viele Kühe in den Ställen, weshalb bekommen wir keine Milch?'" Doch - an der Versorgung änderte sich nichts.

Es war schon Ende August, die neuen Kartoffeln waren herangereift. Doch neue Kartoffeln verwehrte man ihnen; sie sollten gefälligst die alten Kartoffeln aus der Miete fressen. Tante Erika half die Ernte auf dem Gut einzubringen. Für wochenlange Arbeit erhielt sie als Lohn Kartoffeln, einen Sack Hafer und 10 Mark. Während der Kartoffelernte war noch eine einheimische Frau mit dem Kratzer auf Tante Erika losgegangen, nachdem sie erzählt hatte, daß sie einen Hof gehabt hätten, sinngemäß auf platt: nun wollen die Flüchtlinge auch noch alle einen großen Hof gehabt haben.... Lebensmittelkarten erhielten sie erst nach dieser Zeit, und zwar Lebensmittelkarten als "Selbstversorger"; nur hatten sie nichts, womit sie sich selbst versorgen konnten. Auf den Lebensmittelkarten gab es selten mal eine Zuteilung. Tante Erika sammelte mit weiteren Flüchtlingen auf den abgeernteten Roggenfeldern Ähren, was auch noch verboten war. Mit der Ährenausbeute gingen sie zur Mühle Friedland. Der Müller weigerte sich, die Ähren für Mehl einzutauschen; er dürfe nur für die Russen mahlen. Zu Weihnachten 1945 wurde im Dorf geschlachtet; alle Familien erhielten drei Pfund Fleisch, bemerkenswert: auch die Flüchtlinge. Bis 1. Januar 1946 hat es kaum einmal einen Liter Milch für die Kinder gegeben. So bestand die Ernährung hauptsächlich nur aus Kartoffeln, fast nur aus Kartoffeln, und wenn die Kartoffel, wie wir heute wissen, nicht so nahrhaft wäre, hätten Pumpluns diese Monate nicht überstehen können; "sie waren", wie Tante Erika sagt, "auch so fertig; sie konnten nicht mehr." Harald wachte des Nachts häufiger vor Hunger auf und jammerte, er wolle "Lieben" (Klieben) und meinte damit eine Milchsuppe, nur - ich konnte ihm nichts geben. Indessen blühte der Schwarzmarkt. Die Grenze zu Westberlin war ja in diesen Jahren noch offen. Hamsterer zogen in Scharen durch die Dörfer. Die Bauern prahlten damit, daß sie 300 Mark für ein Pfund Butter erhalten hätten, für ein Huhn gar einen (ganzen) Anzug usw.

Das Jahr 1946 begann zunächst, wie das alte Jahr geendet hatte. Die Bodenreform wurde eingeführt. Ein früherer polnischer Offizier nistete sich im Gutshaus ein. Tante Erika mußte mit ihren beiden Kindern in den Hühnerstall einziehen. Der Stall hatte immerhin einen kleinen Kochherd; er war schon vorher als Wohnraum genutzt worden. Den Stall mußten sie nach einjähriger Nutzung verlassen und zogen zu Frau Löwenhagen. Doch auch Frau Löwenhagen wollte sie nicht haben, sie konnte sich aber nur bedingt wehren, weil ihr Mann in der SS gewesen war. Die Wohnung hier im Hause bestand aus einem einzigen kleinen Raum auf dem Dachboden. Eine kleine Küche benutzte sie zusammen mit einer weiteren Flüchtlingsfamilie. Der Dorfbürgermeister hatte das vorgeschriebene Soll nicht erfüllt, sich nicht durchsetzten können, und wurde durch einen anderen, einen Stettiner abgelöst. Er ordnete an, daß jeder Bauer und Viehhalter etwas zur Versorgung der Flüchtlinge abliefern solle. So sollte ein Kuhbesitzer Tante Erika - zeiträumlich bestimmt - ein halbes Pfund Butter abgeben; die Frau sträubte sich mit Händen und Füßen, Tante Erika erhielt nichts, sie dächte nicht daran, dann stünde die Kuh trocken! Dann sollten alle Familien zwei Festmeter Brennholz bekommen. Als erste wurden die Einheimischen aufgerufen - und die Letzten (Flüchtlinge, und unter ihnen auch Tante Erika) gingen leer aus, weil das Holz nicht für alle reichte. Dann forderte der Bürgermeister eine Frau auf, Tante Erika einen Liter Magermilch abzugeben; sie verweigerte dies, sie brauche die Milch für ihre Kälber. Und ein anderer Halter mit zwei Kühen weigerte sich ebenso; die Frau palaverte in aller Öffentlichkeit: "Dann schütte sie die Milch in den Rinnstein, bevor sie sie dem Flüchtlingspack gäbe!" worauf Tante Erika antwortete, von den sie umringenden Flüchtlingen unterstützt: "sie solle man aufpassen, daß ihr die Butter nicht im Halse stecken bliebe!" Auf der Milchsammelstelle erhielt Tante Erika jetzt, wenn auch nicht immer, so doch häufig, täglich einen Viertel Liter Magermilch. Sie konnte hier Kontakt zu der Inhaberin, einer Stettinern, deren Mann schon gestorben war, finden und ihr ihre Hilfe anbieten, die gern von der Inhaberin angenommen wurde. Tante Erika bekam, das durfte natürlich niemand wissen, häufig einen Liter Vollmilch mit nach Hause.

Zwischenzeitlich hatte Tante Erika "ein Glückslos" gezogen, und zwar hatte sie sich auf eine Ausschreibung hin als Reinigungsfrau für das Rathaus beworben, die Stelle erhalten und damit jetzt ein festes Einkommen von 20 Mark im Monat; alle beneideten sie darum. Sie konnte jetzt wenigstens die überhöhte Miete bezahlen; Tante Erika mußte für das Wohnloch monatlich 10 Mark und für den Stromverbrauch nochmals 10 Mark entrichten. Die Versorgungslage war immer noch schlecht, doch sie hatte sich gebessert. Ja dadurch, daß Tante Erika Kartoffeln nachstoppeln ging, konnte sie sogar ihre Schwester Meta und deren hungernde Familie in Ost-Berlin ernähren helfen und ihnen mehrmals ein Paket mit acht Pfund Kartoffeln übersenden, die sie zu dem drei km entfernten Postamt trug. Die Milchsammelannahmestelle in Boldekow wurde, nachdem die Leiterin nach West-Berlin geflohen war, von dem Molkereimeister Herbert Schmidt übernommen. Tante Erika erhielt die zweite Stelle in der Sammelstelle und verdiente jetzt 85 Mark im Monat. 1948 wurde Herbert Schmidt als Leiter der Molkerei in Dennin eingesetzt. Er holte Tante Erika mit ihren Kindern im Frühjahr 1949 nach. Sie wohnte hier in der Meierei. Am 28. April 1950 heirateten beide einander; sie wollte doch endlich ihre Kinder ordentlich versorgen können. In Dennin hat Tante Erika von 1948 bis 1963 die Meiereilehrlinge und -gesellen, Hilfskräfte und Handwerker - schwankend 12 bis 17 Mann - voll versorgt, ohne dafür vergütet zu werden. Aus der Ehe mit Herbert Schmidt ging ein Sohn hervor: Wolfgang Schmidt, geboren am 2. November 1954.

Doch die Leidenszeit sollte erst beginnen. Harald war im Frühjahr 1948 von einem Hund gebissen worden. Dieser Biß verursachte eine Infektion, die zu eitrigem Blut und schwerem Gelenkrheumatismus führte, wozu sich dann auch noch eine Herzbeutelentzündung gesellte; er konnte sich schon nicht mehr bewegen. Die Ärzte in Greifswald hatten ihn schon aufgegeben. Auch war fraglich, ob eine Penicillinkur bei dem fortgeschrittenen Krankheitsbild überhaupt noch helfen könne; Penicillin war aber in der SBZ nicht zu erhalten. Unterdessen hatte Tante Erika Kontakt zu einer früheren Boldekower, nämlich Frau Meritz, gewinnen können. Frau Meritz wohnte jetzt in Berlin-West; die Einheimischen hatten auch ihre Wohnung in ihrer Abwesenheit ausgeräumt, so daß sie sich vielleicht auch deshalb den Flüchtlingen verständnisvoll zuwendete. Frau Meritz nun hatte Kontakt zu einem Klinikarzt in Berlin und erreichte, daß Harald in einer West-Berliner-Klinik aufgenommen wurde. Hier wurde er von Mitte 1948 bis zum Frühjahr 1949 behandelt und - was bis dahin niemand hatte glauben wollen - wieder gesund. Kaum war die Sorge um den Jungen gewichen, erkrankte die Tochter Magdalene. Sie klagte über Schmerzen im Knie. Der Arzt hielt das für eine Lappalie, verschrieb Salben zum Einreiben Die Schmerzen indes nahmen zu. In der Klinik in Greifswald wurde das Knie untersucht und eine Gewebeprobe entnommen. Hatte schon der behandelnde Arzt eine notwendige Behandlung verschleppt, so dauerte es sechs Wochen, bis die Klinik Greifswald das Ergebnis mitteilte: das Bein muß ab. "Nun", Tante Erika, "sage einen Mädchen von 14 Jahren, das das ganze Leben noch vor sich haben sollte, das Bein muß ab" (als Tante Erika dies erzählte, weinte sie bitterlich). Das Bein wurde entfernt, es schien auch wieder aufwärts zu gehen - dann verschlechterte sich der Zustand; der Knochenkrebs hatte schon gestreut. Magdalene starb nach langem Krankenhausaufenthalt am 24. Mai 1952 einen qualvollen Tod.

Von 1963 bis 1966 war Herbert Schmidt Betriebsleiter der Molkerei Neubrandenburg und danach Betriebsleiter der Molkerei Krakow am See bis zu deren Schließung 1970. Herbert Schmidt verstarb am 25. April 1987. 1971 wurde Tante Erika nochmals berufstätig in einer HO-Lebensmittelverkaufsstelle in Krakow; als umsichtige, fleißige, rechenbegabte Frau war sie dort universell einsetzbar und blieb hier tätig bis zur Wende 1989 (sie war mittlerweile 80 Jahre alt). 1999 kaufte sie in Krakow noch eine kleine Eigentumswohnung. Hier hatte auch ihr Sohn Wolfgang Schmidt, der weiterhin in dieser Wohnung leben wird, durch sie eine behütete Heimstatt. In den letzten Lebensjahren unterstützten sie ihr Sohn Harald und dessen Familie, soweit dies die Entfernung von Weltzin nahe Neubrandenburg erlaubte. Tante Erika hatte auf dem Sterbebett immer noch ein starkes Herz; sie mußte sich quälen, endlich sterben zu können. "Mir kann nichts Besseres geschehen, als endlich zu sterben." Nun ist sie tot. Sie war eine begnadete Frau, das Schicksal, das ihr aufgelegt ward, war zuviel der Last. Sohn Harald Pumplun und dessen Ehefrau Krimhild haben Tante Erika bis zum Tode in vorbildlicher Weise versorgt; Ihnen Respekt und Anerkennung.

[Dai Schulteknüppel Nr. 58, S. 94-97]