Ein Naturschauspiel - wenn Flüsse
und Bäche über die Ufer traten

Von
Pommern ist ein von der Schöpfung gesegnetes Land! Was hat es doch landschaftlich alles zu bieten: Fruchtbare Äcker, Wiesen, Moore und Wälder; Berge und Täler, Seen und Flüsse; der Süden des Landes ist mit einer Seenplatte mit Hunderten von Seen verziert, und ungefähr in der Mitte durchzieht das Urstromtal von Ost nach West, schöne Landschaftsformen zaubernd, das Land; und es hat die pommersche Ostsee mit einer 500 Kilometer langen Küste, an der sich die Badeorte wie Perlen reihen. Doch was macht Pommern von allen schöpferischen Elementen so reizvoll? Für mich ist es das Wasser, sind es die leuchtenden Seen, die sich da hin schlängelnden, verträumten Flüsse und Bäche mit ihren breiten Tälern und die Ostsee, die Pommersche Ostsee!

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang gern des Erdkundeunterrichts mit Lehrer Willi Brümmel in der Denziner Schule, die große farbige Wandkarte Pommerns vor Augen, mit dem Stock auf die Details des Landes weisend. Wir kannten Hinterpommern, wir kannten Vorpommern, obgleich wir das Wenigste je sahen, so einprägend war der Unterricht. Als ich dann nach 1970 z. B. Vorpommern besuchte, fand ich tatsächlich das, was sich in meiner Vorstellungswelt aus dem Unterricht erhalten hatte. Neben vielem weiß ich die Flüsse Pommerns noch heute aufzuzählen, so von Hinterpommern: Leba, Lupe, Stolpe, Wipper, Radue, Persante, Rega, Oder, die in die Ostsee münden, Küddow und Drage, die sich südlich in die Netze ergießen. Aber es sind diese Flüsse nicht allein; nicht selten übertreffen die Bäche, die immer auch Mühlenbäche waren, die großen Ströme an Anmut und Schönheit.

Nur in Zeiten, wenn die Flüsse und Bäche über die Ufer traten, holte sich das Wasser zurück, was ihm an Macht und Fülle genommen und machte die Landschaft zu einem einzig' großen See. Nun, die großen Überschwemmungen traten zwar jährlich nicht regelmäßig und nicht in gleicher Wucht auf, doch in der Regel im Frühjahr mit der Schneeschmelze und im Herbst, auch schon im Spätsommer, wenn der Regen geradezu vom Himmel stürzte. Unsere Eltern, die um ihre Äcker und Wiesen und die Ernte bangten, auch den Schaden an Bauten und Brücken fürchteten, waren besorgt, wir Kinder indessen waren schon allein von dem Bild des unendlichen Wassers fasziniert und begeistert darüber, was man nunmehr nicht alles anstellen konnte, und sei es, daß wir nur hineinfielen und uns 'ne nasse Büx holten.

Im Belgard-Polzin'schen Kreis haben wir als Ströme die Persante und die Radue und auf einem kurzen Stück die in der Fünf-Seen-Landschaft entspringende Drage; im Schivelbeiner Land ist es die Rega. Daneben sind es die Nebenflüsse, die Kautel (Kautelbach), die Hassel, die Wugger, der Taubenbach, die Damitz, der Nonnenbach (früher Fließ), die Muglitz und die Leitznitz. Und für sie alle gilt, daß sie einst mächtige Ströme waren, später verkümmerten, sich auf ihr heutiges Strombett zurückzogen und der Natur ein breites Tal schenkten, die sich hier weidlich, von Grün erfüllt und mit viel Leben einrichtete. Nicht immer hielten sich die Überschwemmungen in den einstigen Tälern gefangen; sie erreichten, wenn es schlimm kam, einen Wasserstand, der sie in die Ortschaften eindringen ließ. Der höchste Wasserstand in Belgard im Jahre 1888 reichte bis auf die halbe Höhe der Poststraße, so daß das Wasser in den Gebäuden der Acker- und Gartenstraße (ein Teil davon ist die später entstandene Kleiststraße) bis ins erste Stockwerk reichte. An einem der Gebäude in der Poststraße war der Stand an einer Wassermarke abzulesen.

Die im Persantetal gelegenen Ortschaften (und dies dürfte sicherlich auch für die Täler der Rega und aller Nebenflüsse gegolten haben) erlebten die folgenden Hochwasserkatastrophen:
1602, 25.12.: Große Überschwemmung
1849 (Januar): Große Überschwemmung mit Dammbruch bei Vorwerk
1888, 28. bis 31. 3.: Große Überschwemmung: Die Acker-, Garten- und Chausseestraße werden überflutet (die Sammlung für die durch die Überschwemmung Geschädigten ergibt 1.100 Mark).
Juli 1937: Hilfeschrei aus Bad Polzin: "Der Brodesee droht durchzubrechen!" Das entfesselte letzte Kräfte, das Schrecklichste zu vermeiden. Und weiter heißt es in dem Brief: "Aber viel schlimmer ist es von Freitag auf Sonnabend in und um Belgard gewesen. An der Persantebrücke hat das Militär Kette gestanden und die Roggengarben (die von dem strömenden Regen erfaßt und in den Fluß getrieben worden waren) aus dem Wasser gefischt; sogar ein 3-Zentner-Schwein haben sie herausgeholt, natürlich tot. Ihr könnt es Euch nicht vorstellen, wie traurig es mit der Ernte aussieht. Aber die Menschen glauben heute nicht mehr an Gott. Möchten doch alle, die das große Wort im Munde führen, der Sonne gebieten, daß dieselbe scheint!"

Belgarder Zeitung vom 24. und 28. April 1931: "Gefährliches Hochwasser. Der Höchststand von 1888 fast erreicht. Die anliegenden Grundstücke in Vorwerk, so das Schulgrundstück, der Garten des Persanteschlößchens sowie die an dem Bahndamm weiter angrenzenden Grundstücke stehen sämtlich unter Wasser, namentlich sind auch die Keller der Wohngrundstücke meterhoch mit Wasser gefüllt." Und über das Hochwasser im Bad Polzin im Juli 1937 lesen wir in der Kreischronik (auszugsweise), aus einem Brief aus dem Nachlaß der Familie Klöditz übernommen, folgendes: "[....] Nun hört und staunt! Am Donnerstag hatten wir Hochwasser. Aber wie! Unser Garten ist ganz mit Sand und Erde überschwemmt. Das Wasser stand schon bis zum Ufer. Dazu kam der Ruf 'Der Brodesee droht durchzubrechen!' Mit Gottes Hilfe ist es gelungen, den Durchbruch zu verhindern. Es sind 80 Sandsäcke gepackt, dazu mit Heu verstopft worden. Von zehn Uhr abends bis Freitag früh vier Uhr hat die Arbeit gedauert. Um zehn Uhr kam auch von Teskes wieder das Wasser über den Klapsberg die Straße herunter und bei Karls Schuppen rein in den Garten. Da wurden Sandsäcke gepackt, und das Wasser lief die Straße runter und bei Gärtner Wegner an der Ecke in unseren Garten. Da hat es einen Graben gerissen. Karls Ziegen, unsere Ziegen und acht Enten waren bei uns im Keller; die Enten erst mit unseren Ferkeln in der Stube. Aber viel schlimmer ist es von Freitag auf Sonnabend in und um Belgard gewesen. An der Persantebrücke hat das Militär Kette gestanden und die Roggengarben aus dem Wasser gefischt; sogar ein Drei-Zentner-Schwein haben sie rausgeholt, natürlich tot. Ihr könnte Euch nicht vorstellen, wie traurig es mit der Ernte aussieht. Aber die Menschen glauben schon nicht mehr an Gott. Möchten doch alle, die das große Wort im Munde führen, der Sonne gebieten, das dieselbe scheint!"

Auch nur örtlich begrenzte Überschwemmungen sind überliefert, so die Kautel im Sommer 1925. Doch wie kam es hierzu? Hierüber erzählt die Alt Buckower Ortschronik: "In der Nacht vom 16. zum 17. Juli - Sonntag zum Montag - setzte ein orkanartiges Unwetter ein, daß auch die älteren Leute so etwas nicht denken konnten. Kein Dach war dicht genug, um den Regen abzuhalten. Ein Schulhalten montags war unmöglich, da es in die Schule förmlich hinein regnete. Die Decke fiel teilweise ab. Die beiden Bäche Kautel und Hassel schwollen zusehends an und konnten die gewaltigen Wassermassen nicht fortschaffen und überschwemmten ihre Ufer. Als der Regen am Nachmittag nachließ und man sich vor die Tür wagen konnte, vernahm man ein unheimliches Rauschen und Brausen. Diesem Getöse gingen wir nach und bemerkten dann zu unserem Schrecken, daß der Hasselbach durchgebrochen war und sein ganzes Wasser in die Kautel goß, so daß der Kautelbach in wenigen Stunden ein blanker See war. [....]"

Bei den zahlreichen Flüssen und Bächen, die unsere nähere Heimat durchfließen, hat wohl jeder von uns eine innigliche Beziehung zu seinem "ganz eigenen Bach!" So wird jeder von uns gedanklich an den nacheiszeitlichen Uferrändern entlang wandern und sich von der landschaftlichen Schönheit der See- und Flußtäler verzaubern lassen. In Denzin treten die (einstigen) nacheiszeitlichen Ufer sowohl der Persante als auch der Muglitz deutlich hervor: Das nacheiszeitliche Ufer der Muglitz reicht bis unmittelbar an das bebaute Dorf und verläuft hinter den Grundstücken von Maaß, Münchow bis Behling, ebenso das nacheiszeitliche Ufer der Persante parallel zum Dorf bis ans Dorfende (Flöt) bei Erich Scheiwe. Uns wird beim Anblick der Landschaft bewußt, welche schöpferische Kraft das Wasser entfaltete, wie sehr es dazu beitrug, den Raum, "seinen Raum" mit Baum und Strauch, Gräsern und Wildblumen landschaftlich zu gestalten und mit Leben innerhalb und außerhalb des Wasser zu füllen; und die Flüsse sind geschichtsträchtig.

Schon als die Germanen Jahrhunderte vor Christi Geburt Pommern besiedelten (die Gotischen Völker östlich der Persante, die Rugier an der Küste, die Burgunder, zunächst südlich von Netze und Warthe, dann auch westlich der Persante) blieb ihnen, die sie aus dem Norden (Gotland bzw. Bornholm) kamen, nur der Weg auf den Flüssen; denn Landwege gab es nicht, das Land war Urwald, undurchdringliches Dickicht. So muß gerade mein Heimatort Denzin mit der Persante und der einmündenden Muglitz den Siedlerstrom wegen der schützenden Landlage (rings von Wasser umgeben) angezogen haben, wohl auch der Fischreichtum verlockend gewesen sein. Den Beweis dafür liefern die vielen prähistorischen Funde an der Muglitz und in der Feldmark, von der Urne bis zum germanischen Gräberfeld. Die Polen behaupten sogar im Zusammenhang mit den Ausgrabungen auf dem Burgberg in Belgard (Altes Amt), daß Denzin die Mutter Belgards gewesen sei - was allerdings noch zu beweisen wäre! Auch früh gegründete Städte verdanken ihrer Entstehung ihrer Lage am Wasser bzw. an einem Fluß. Das gilt für Belgard als der an der schiffbaren Persante gelegenen Hansestadt, das gilt für Schivelbein, wenn auch unter anderen Vorzeichen; hier waren es der seichte Übergang und die schützende Flußinsel; aber auch Polzin wäre nicht zum Bad geboren, hätte es nicht die Eisen- und Solquellen aufzuweisen gehabt! Wasser, Wasser - ein Lebenselixier, und auch wir Menschen bestehen zum größten Teil aus Wasser.

Aber lassen Sie mich noch einmal nach Denzin zurückkehren. Was erlebte ich als Junge in den Tagen der Überschwemmung von Persante und Muglitz? Nun, wir, die wir damals noch Kinder waren, haben die dramatischen Überschwemmungen nicht miterlebt, wir erlebten (nur noch) die gemäßigten Hochwasser. Auch sie richteten zwar Schäden an, bedeuteten in der Regel aber keine Katastrophe. So war bei Hochwasser das ganze nördliche Wiesenareal bis an die Muglitz und Persante und darüber hinaus das Stadtfeld, die Denzin'schen Wischn, und das Persantetal bis nach Belgard an die Neustettiner Eisenbahnstrecke ein einziger See. Der Persantesteig (Kirchsteig) war dann unpassierbar. Der gesamte Verkehr nach und von Belgard lief über die Persantebrücke bei Vorwerk. Besonders auf dem Stadtfeld, das im Norden von der Persante und im Süden von der Muglitz begrenzt wird, richtete das strömende Wasser Schaden an. Besonders gefährdet waren innerhalb dieses Gebiets die Äcker. Sie waren schier umgewühlt. Trat das Hochwasser im Sommer vor der Ernte auf, so ging die Ernte verloren. Das waren für die betroffenen Bauern herbe Verluste. So berichtete Elsbeth Blödorn geborene Naffin, zu deren Hof Wiesen auf dem Stadtfeld gehörten, aber auch Ackerland, daß sie im Jahre 1937 auf dem Acker des Stadtfeldes die Ernte verloren hätten. Verloren hätten sie auch die Beete- und Wrukenernte. Der Staat half nicht. So half sich der Bauernstand im verwandten und eng befreundeten Bereich dadurch, daß man mit Früchten aushalf. Auch die Kösliner Verwandtschaft lieferte mehrere Fuhren Wruken. Da der Weg hin und zurück mit dem Fuhrwerk an einem Tage nicht zu schaffen war, teilte man sich die Strecke auf halbem Wege. So kamen die Rinder über den Winter. Willi Lübke berichtet, daß sich die Muglitz unterhalb Denzins wütend gebärdete, wenn sie in der Einmündung auf eine bereits überfüllte Persante traf, das Hochwasser der Persante also früher eingesetzt hatte als das der Muglitz. Sperrmauergleich wurde das Wasser aufstauend abgedrängt; die Hofstelle Münchow, die im flacheren Bereich aller Höfe an der Muglitz lag, war dann besonders gefährdet.

Wir Kinder trieben uns in diesen Tagen am Hochwasser herum, sprangen von seichter Insel zu Insel, durchwateten im Herbst die flachen Wasserränder. Und ein bootähnliches Geschütz mußte her. Als einziges Gefährt mochte da der Schlachttrog dienen, denn nur er war halbwegs wasserdicht. Und wenn das Hochwasser gefroren war, liefen wir Schlittschuh auf der unendlichen Eisfläche oder rutschen mit dem Pickschleere durch die weite vereiste Landschaft. Ich erinnere eines Frühjahrs, es kann 1941 gewesen sein, als das Eis zu schmelzen begann und zu Gummieis geriet, wir Kinder sausten immer noch mal wieder über das biegsame Eis hinweg und so eine wellige, uns nachlaufende Eisdecke erzeugten - bis dann irgendeiner (endlich mal) einbrach. Nun - das ist alles schon lange her, Kindheitstraum. Diese Winter, wie wir sie noch erlebten, gibt es heute in Pommern nicht mehr. Nur noch einmal soll es in den zurückliegenden Jahrzehnten Hochwasser gegeben haben, das sich aber nur deshalb so kräftig aufstaute, weil die in die Persante hineingestürzten Bäume während all der Jahre nicht beseitigt worden waren.

Mir will bei Besuchen scheinen, daß sich der Wasserspiegel der Flüsse gesenkt hat. Betrachtet man z. B. den Quellfluß der Persante, so ist von dem einstigen Bach nur ein Rinnsal geblieben. Möglicherweise ein Indiz dafür, daß der Grundwasserspiegel sank. Aber dies ist eben nur Vermutung. Bei diesen Gedanken wird mir bewußt, wie sehr unsere Kindheit doch mit unserem heimatlichen Fluß verbunden ist, wie sehr er Teil unseres Lebens ist - bis auf den heutigen Tag. Wir sind nicht nur mit dem Wasser "unseres" Flusses getauft worden, wir haben wahrhaft an ihnen und mit ihnen freudvoll gelebt, mögen wir nun Persante-, Rega- oder Wuggerkinder oder an einem der reizvollen Nebenflüsse großgeworden sein!


[Dai Schulteknüppel Nr. 52, S. 63-67]