Die höhere Mädchenschule in Belgard

Von
Anfänge

Aus alten Aufzeichnungen wissen wir, daß es in Belgard schon im 15. Jahrhundert eine Lateinschule gegeben hat. Im Jahr 1442 wird diese als "blühend" bezeichnet. Daneben entstand später in der Stadt eine Schule, in der in deutscher Schrift und Sprache unterrichtet wurde. Hier lernten Jungen und Mädchen gemeinsam Lesen, Schreiben, Rechnen, Erdkunde und Naturgeschichte. Sie wurden auch in Religion unterwiesen. Die Räume, die genutzt wurden, lagen beim St. Spiritusstift an der Marienkirche, in der früheren Hospitalgasse, der späteren Karlstraße. Daneben war es üblich, daß Honoratioren ihre Töchter zu Hause unterrichten ließen. Auch gab es in der noch kleinen Stadt neben der Latein- und der deutschen Schule eine private "Höhere Töchterschule" mit einem eigenen Alumnat.


Die Entwicklung der Schule im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts

1819 richteten die Belgarder in der Gemeinschaftsschule - neben der weiterhin gemischten Grundklasse - eine Klasse nur für Jungen und eine besondere für Mädchen ein. Das war der Beginn zur Entwicklung einer Mädchenschule in der Stadt. Die Zahl der Schülerinnen wuchs so schnell an, daß die bisherigen Räume nicht mehr ausreichten. An der Ecke der Karl- zur Kirchstraße wurde ein großes Gebäude mit 12 Schulräumen errichtet, das 1856 bezogen werden konnte. Hier richtete die Stadt eine reine Mädchenschule ein. Von dieser wurden schon bald 2 Klassen nach dem Plan einer gehobenen Töchterschule abgezweigt. In beiden wurde zunächst als Fremdsprache Französisch gelehrt; in der ersten Klasse außerdem Englisch. Der Schulleiter war ein Diakonus, der jeweilige Superintendent der Revisor und der Magistrat der Patron dieser Schule. Sehr schnell wuchs die Zahl der Mädchen in den Sonderklassen auf 100 an, so daß es 1884 schon 5 "höhere Töchter"-Klassen in Belgard gab. 1886 richtete die Stadt nun eine Rektoratsschule ein. Als Leiter berief sie einen aus Pillau kommenden Rektor. Als dessen ausführliche Lehrpläne von der Regierung genehmigt worden waren, sprach man in Belgard erstmals von der "Höheren Töchterschule".

1892 erwarb die Stadt von der Kirche das baufällige St. Spiritusstift, riß es ab und errichtete an seiner statt den roten Backsteinbau, der dann die neue Töchterschule aufnahm. Nachdem es 1908 weithin eine Neuordnung des "Höheren Töchterschulwesens" gegeben hatte, wurden auch in Belgard neue Lehrpläne ausgearbeitet und 1910 die ersten 9 Klassen (X-II) eingerichtet. Die städtischen Körperschaften beschlossen nun, die Schule ganz selbstständig zu machen und mit eigenen Lehrkräften zu besetzen. Als sich die Zahl der Schülerinnen auf 163 erhöht hatte, wurde 1914 die erste Oberlehrerin eingestellt. Ein Jahr später besuchten schon 180 Mädchen diese Schule. Nun wurde auch die 10. Klasse (Nr. I) geschaffen. Acht eigene Lehrkräfte erteilten jetzt in 10 Klassen den Unterricht. Weitere Neuerungen gab es 1920 mit der Einrichtung eines Elternbeirates, der selbstständigen Kreisschulinspektion und der Einstellung einer zweite Oberlehrerin. Nachdem sich 1921 erste Schülerinnen an der Fürstin-Bismarck-Schule in Köslin einer Prüfung unterzogen hatten, um das Abschlußzeugnis eines Lyzeums zu erlangen, wuchs die Zahl der Mädchen, die auch in Belgard ein anerkanntes Examen ablegen wollten.

Im Frühjahr 1921 zog die "Höhere Töchterschule" aus der Karlstraße in das Gebäude der aufgelösten Präparandenanstalt an der Luisenstraße um. Das war jedoch viel zu klein und es gab weder Physikzimmer, Zeichensaal, Handarbeitsraum, Konferenz-, Bücherei- und Lehrerzimmer. Auf Verlangen der Schulaufsichtsbehörde und Drängen des Elternbeirates wie auch des Lehrerkollegiums mußte sich die Stadt Belgard zu einem Erweiterungsbau entschließen. Mit den Bauarbeiten wurde auch noch im selben Jahr begonnen. Von der Regierung kamen 1923 neue "ministerielle Richtlinien für die Umgestaltung der Lyzeen und Oberlyzeen" heraus. Diese machten für die Belgarder "Höhere Töchterschule" weitgehende Änderungen im Lehrplan nötig, wenn sie der neuzeitlichen Entwicklung folgend, zum Abschlußexamen führen sollte.

Gemeinsam richteten der Elternrat und das Schulkollegium Eingaben an die städtischen Körperschaften, um die Schaffung eines anerkannten Lyzeums zu erreichen. Diesen Begehren folgte die Stadtverwaltung im Oktober 1924. Deren Antrag - unter dem Bürgermeister Müke - folgte schon im Dezember 1924 die Besichtigung durch einen Dezernenten vom Provinzialschulkollegium und einem Vertreter der Kösliner Regierung. Mit der Durchführung der schwierigen Umgestaltung der Lehranstalt wurde der Studienrat vom Belgarder Gymnasium, Herr Dr. Hermann Claus, betraut. Er ersetzte den bisher tätigen Rektor der Schule. Nach Forderung der Schulaufsichtsbehörde war der Lehrkörper bis Ostern 1925 weitgehend durch akademisch gebildete Lehrkräfte ersetzt worden. Kurz nach dem Richtfest des Schulanbaus fand am 19. September 1925 die Einweihung des städtischen Lyzeums in Belgard statt. In Anwesenheit von Bürgermeister Müke, vieler hoher Gäste aus anderen Orten und der Belgarder Prominenz erhielt Herr Dr. Hermann Claus vom Regierungsrat seine Berufungsurkunde als Studiendirektor zur Leitung der Schule. Damit war das voll anerkannte Lyzeum in Belgard in ganz Pommern die erste Lehranstalt für Mädchen, die allen Ministerialerlassen von 1923 nachkam!

Zunächst erschwerten die geräuschvollen Arbeiten am Schulgebäude und mehrfacher Lehrerwechsel das Unterrichten. Erst im Schuljahr 1927/28 konnten alle Räume in dem Lyzeum ihrer Bestimmung übergeben werden. Geldnot hatte die Fertigstellung verzögert und auch die Bewilligung der Einrichtungsgegenstände hatte auf sich warten lassen. Nun wurden sämtliche Lehr- und Lernmittel von Grund auf neu geordnet und katalogisiert. Neben der Lehrer- und Schülerinnenbücherei richtete das Kollegium eine Hilfsbücherei für bedürftige Mädchen ein, die kostenlos von ihnen benutzt werden konnte. Sammlungen von Karten und Bildern für den Geschichts- und Erdkundeunterricht wurden angelegt und mit weiterem Anschauungsmaterial in Schränken und Gestellen in den fertiggestellten Räumen im Schulanbau untergebracht. Der Unterricht konnte nun ungestörten Verlauf nehmen. Im Lehrplan wurde wieder einiges geändert, nachdem neue Richtlinien für die Lehrpläne der höheren Schulen Preußens herausgekommen waren.

Das Belgarder Lyzeum war eine 6-stufige Schule mit den Klassen Sexta bis Untersekunda. Mit dem erfolgreichen Abschlußzeugnis konnte ohne jede Prüfung die Oberstufe eines Oberlyzeums besucht werden. Die Aula der Schule lag im Anbau, der im rechten Winkel zum Hauptgebäude angefügt worden war. Der Sport fand auf dem Sportplatz oder in der Turnhalle des benachbarten Gymnasiums statt. Der Stolz der Schülerinnen war eine flache Mütze aus schwarzem Samt, an der schmale Ripsbänder in unterschiedlichen Farben die Klassenzugehörigkeit anzeigten. So war der Weg zum Kürschner Matzner, der das neue Farbband anheftete, oft der erste Gang der Schülerinnen nach der Versetzung. Weil der Schulbesuch Geld kostete, wurde in Belgard zuweilen von einer Standesschule gesprochen. Das war sie bei steigenden Schülerinnenzahlen jedoch nicht. 1929 besuchten 210 Mädchen das Lyzeum. Diese wurden in 6 Klassen von 2 männlichen und 6 weiblichen Lehrkräften unterrichtet. 1934 mußten die letzten 3 Oberlehrerinnen das Belgarder Lyzeum verlassen. Für sie wurden Akademikerinnen an die Schule berufen.


Meine eigene Zeit an der Schule (1936-1944)

Zu Ostern 1936 wurde ich nach 4 Grundschuljahren an der Kirchstraße - nach einer allgemeinen Aufnahmeprüfung - selbst eine von 35 Schülerinnen der Sexta des Belgarder Lyzeums. Neben Französisch als erster Fremdsprache erlebten wir "Neuen" den Unterricht in Deutsch, Rechnen, Erdkunde und Religion in unserem Klassenraum. Für die Biologiestunde, zum Zeichen- und Kunstunterricht und zur Nadelarbeit suchten wir die entsprechenden Fachräume auf, von denen einige Nebenräume mit entsprechenden Geräten und Anschauungsmaterial hatten. Zum Turnen gingen wir rüber zum Gymnasium, und die Musikstunden verbrachten wir in der mit einem Flügel ausgestatteten Aula. Bis 1938 wurde in ihr für die ganze Schulgemeinschaft am Montagmorgen jeweils von einer Lehrkraft eine Andacht gehalten. Die große Aula war der Versammlungsraum für die verschiedenen Schulfeiern und für Vorträge in Wort und Musik. Am Ende der Schulzeit fand auch die festliche Entlassung der Schülerinnen in ihr statt. Die Karten für die Erdkundestunde und später auch für den Geschichtsunterricht holten wir aus dem Kartenzimmer. Wir lernten die Räume des Schulleiters und das Lehrerzimmer kennen, in dem auch Konferenzen abgehalten wurden. Während wir Schülerinnen einen Eingang zur Schule im Winkel des Anbaus an das alte Gebäude benutzten, erreichten die Lehrkräfte und die Familie des Hausmeisters die Räume durch den Eingang der früheren Präparandenanstalt. Die Toiletten lagen am Ende des Neubaus. Sie hatten Zugänge vom Schulhof und vom Innenflur. Den Chemie- und Physikraum mit dem Nebengelaß erlebten wir erst später. Unvergessen sind mir die Entdeckungserlebnisse in meiner neuen Schule, in der ich mich schon bald sehr wohl gefühlt habe.

Im Zuge der Oberschulreform wurde "unser" Lyzeum 1938 eine "Oberschule für Mädchen, Hauswirtschaftliche Form". Sie führte nun nach 8 Schuljahren zum Abitur. An die Stelle der bisherigen lateinischen Klassenbezeichnungen trat die Nummerierung von 1 in der Eingangsstufe bis zur Klasse 8 am Ende der Schulzeit. In Klasse 6 setzte die hauswirtschaftliche Form mit speziellen Fächern ein: Zum gewohnten Unterricht kamen nun Hauswirtschaft und Kochen, mehr Handarbeitsunterricht, Gartenbau und die Fächer Pflege und Beschäftigungslehre hinzu. Das Kochen fand zunächst in der Hindenburgschule statt, danach in einem Haus neben dem "Capitol". Im Jahr 1943 waren im Keller des Schulgebäudes Hauswirtschaftsräume eingerichtet worden. In ihnen wurde nun der theoretische Unterricht erteilt und dort wurde auch gekocht. Der erste Schulgarten lag an der Wilhelmstraße, nahe der Luisenstraße. Später wurde im Garten am Fahrradweg des Poetensteiges - kurz hinter der August-Petri-Allee - unter Anleitung gegraben, gesät, gegossen, gejätet und geerntet. Dazu gab es auch Pflanzenkunde und theoretischen Unterricht. Zu weiteren Neuerungen durch die hauswirtschaftliche Form der Schule gehörte in den 3 oberen Klassen jährlich ein 4-wöchentlicher praktischer Dienst. Dieser wurde in der Klasse 6 in einem Kindergarten, in der 7. Klasse in einem Säuglingsheim und in der Abschlußklasse in einem bäuerlichen Haushalt, in einem Landschulheim oder einer ähnlichen Einrichtung geleistet. Diese Einsätze wurden beobachtet und in den Zeugnissen bewertet.

Als im Herbst 1939 der Krieg begann, war ich Schülerin der 4. Klasse der Belgarder Oberschule für Mädchen. An unserem Unterricht änderte sich zunächst wenig. Im Frühjahr 1940 hätte zum ersten. Mal das Abitur an der Schule gemacht werden können. Die Schülerinnen der 8. Klasse verließen jedoch ohne die offiziellen mündlichen Prüfungen - wohl zeitbedingt - vorzeitig mit dem Abitur die Schule. Ebenso erlebten wir den Abgang der Abiturklasse 1941, die ohne obligatorische Prüfung mit dem Reifevermerk im Zeugnis vorzeitig verabschiedet wurde. Das Kriegsgeschehen hatte sich inzwischen auch in unserem Schulalltag bemerkbar gemacht. So waren männliche Lehrkräfte, die entweder in den Wehrdienst oder an Jungenschulen kamen, durch weibliche Kolleginnen ersetzt worden. Zunehmend erfuhren wir von Verlusten, die Familien verschiedener Schulkameradinnen getroffen hatten. Neben den Diensten, die der Lehrplan vorschrieb, nahmen wir als Helfer an verschiedenen Ernteeinsätzen teil. Im März 1942 fanden erstmals tatsächlich Abiturprüfungen an unserer Oberschule statt. Dazu waren Herren der Schulverwaltung aus Stettin angereist. Nachdem die schriftlichen Arbeiten längst eingereicht waren, wurde nun jede Schülerin in allen Unterrichtsfächern unter den Augen der Kommission mündlich geprüft. Diese besondere Herausforderung meisterten alle 9 Schülerinnen mit Erfolg. Wie es bei den Abiturienten des Gymnasiums üblich war, zeigten auch sie nun stolz ihre Schulmützen mit groß aufgestickten Monogrammen.

Im Juli 1943 kam aus Bochum die gesamte Freiherr-vom-Stein-Schule nach Belgard. Auch sie war eine Oberschule für Mädchen, hauswirtschaftliche Form. Mit den eigenen Lehrkräften hielten die in Westdeutschland Bombenbedrohten nachmittags ihren Unterricht in den Räumen unserer Schule. Im Schulbetrieb merkte ich wenig von dieser Neuerung, im häuslichen Bereich jedoch eine Menge. Auch in unserer Familie hatten 3 jüngere Bochumer Schülerinnen Aufnahme gefunden. Wenn ich verschiedentlich den Wechsel von Lehrkräften ansprach, so muß auch gesagt werden, daß wir daneben Lehrerinnen und auch Lehrer gehabt haben, die uns durch alle 8 Jahre in der Schule an der Luisenstraße begleitet und geleitet haben. So war es der als Künstler wie als Mensch großartige Studienrat Joachim Utech, der uns und auch die Jungen im Gymnasium zunächst das Zeichnen und Malen lehrte und später mit der Kunstbetrachtung vertraut machte. Bei der Studienassessorin und späteren Studienrätin Gertrud Ellmann lernten wir in den ersten Klassen Französisch und später Englisch. Wegen ihrer mütterlichen Art schätzten wir sie sehr. Als Religions- und Deutschlehrerin, die dann auch den Unterricht in Beschäftigungslehre gab, bleibt sicher allen Schülerinnen die großherzige Studienrätin Margarete Wallis unvergessen. Und endlich bleibt uns Herr Dr. Claus vom Beginn bis zum Ende als zeitweilige Lehrkraft in Erdkunde und Geschichte und als Oberstudiendirektor mit allen Schuljahren verbunden. Unter seiner Leitung konnten im März 1943 die 9 Schülerinnen der 8. Klasse und im Februar 1944 wir 17 die Prüfungen ablegen und als Abiturientinnen ins Leben entlassen werden. Als wir im Keller des alten Rathauses unseren Schulabschluß feierten, ahnten wir nicht, daß es nur ein Jahr danach in unserer Heimatstadt keine deutsche Schule mehr geben würde.


[Vortrag auf dem 8. Belgard-Seminar 2004 "Belgard und seine Schulen" vom 23. - 26.02.2004 an der Ost-Akademie in Lüneburg]