Kolonialwaren Bernhard Maaß

Von Eleonore Gürge geb. Maaß
Mein Großvater Bernhard Maaß wurde am 30. Oktober 1867 in Alt-Lülfitz nordöstlich von Belgard an der Persante als Sohn des Bauern und Ortsvorstehers Johann Eduard Leopold Maaß und seiner Ehefrau Ernestine Luise Maaß geb. Kaske geboren, verließ als junger Mann sein Heimatdorf und ging für eine Kaufmannslehre nach Berlin zu einem Hoflieferanten des Kaisers, in dessen Kontor die Angestellten nur mit Cutaway und Zylinder kamen. Nach Abschluß seiner Lehre kaufte er mit seinem Erbe in der Marienstraße in Belgard ein Haus, in dem er in den neunziger Jahren ein Lebensmittelgeschäft einrichtete. Als etwas später das Nachbarhaus abbrannte, erwarb er das Grundstück und ließ es mit einem Gebäude im Stil seines ersten Hauses bebauen, so daß die Adresse nun Marienstraße 15/16 lautete. Baumeister war Wilhelm Utech, der Vater des Belgarder Bildhauers Joachim Utech, der auch mein Zeichenlehrer an der Oberschule war. Mein Großvater war ein tüchtiger Geschäftsmann, der sich nicht scheute, bereits morgens um sechs Uhr in seinem Laden zu stehen, um die Kunden zu bedienen, die auf dem Weg zur Arbeit bei ihm etwas kaufen wollten. Andererseits aber brachte er, durch den Aufenthalt in Berlin dazu befähigt, auch etwas "savoir vivre" nach Belgard, was sich u. a. an der Einführung von damals in unserer Stadt noch unbekannten Lebens- und Genußmitteln - etwa Ananas, französische Weine und neue Kaffeemischungen - zeigte. In dem mittlerweile vergrößerten Anwesen konnte er bald auch zwei Bierstuben einrichten. Im Hof des Hauses befand sich eine Ausspannung, die vor allem für die Kunden aus den umliegenden Dörfern Bedeutung hatte, denn hier konnten sie - wie auch bei verschiedenen anderen Geschäften der Stadt - ihre Pferde ausspannen und während des Einkaufs unterstellen.

Bei Fritz Schulze, Redakteur der ehemaligen Belgarder Zeitung ("Presse-Schulze"), findet man nach dem Kriege im Heimat-Rundbrief Aus dem Lande Belgard, Nr. 37 / Okt. 1972 auf Seite 3 die Zuschrift eines Belgarders, der seine Lehre in unserem Geschäft 1914 beendet hatte, zu einer Zeit, als Lehrjahre noch keine Herrenjahre waren und die Geschäfte vor dem Ersten Weltkrieg oft noch bis 9 Uhr abends geöffnet hatten, so daß lediglich die Sonntage der Jugend gehörten: "Lehrlingsausbildung in Belgard hat sich bewährt. Rundbrief-Leser Karl Beihl in Lübeck schreibt. 'Als Dank für die immer so schönen Belgarder Rundbriefe sende ich Ihnen ein Foto von dem bekannten Kolberger Merkurhaus a. d. 17. Jahrhundert. Meiner damaligen guten Ausbildung bei Herrn Kaufmann Bernhard Maaß in Belgard, Marienstr. 15/16, verdanke ich es, daß ich in diesem Kolberger Haus 27 Jahre mit großem Erfolg gearbeitet habe.'"

Nachdem dann mein Vater nach dem Tode seines Vaters Bernhard 1927 einige Jahre als Geschäftsführer für seine Mutter Elsbeth tätig gewesen war, übernahm er Mitte der dreißiger Jahre die familieneigene Kolonialwaren-, Delikatessen- und Weinhandlung als selbstständiger Kaufmann. Die Geschäftsräume befanden sich im Erdgeschoß des Hauses Marienstraße 15/16, zwei Bierstuben waren dem Laden angeschlossenen; an der Hauswand neben den Schaufenstern hingen große emaillierte Blechschilder, darunter Werbung für "Hildebrand Schokolade & Kakao", "Kathreiner Malzkaffee", "Liebigs Fleischextrakt", "Bensdorp Cacao", "Knorr Hafermehl beste Kindernahrung", "Zuntz geröstete Kaffees", "Kohlstock-Bier" und auch für "Spratts Hundekuchen", ein übergroßes Emailleschild mit dem Kopf eines Bernhardiners (nach einem Entwurf von Hans Lindenstaedt, einem der bedeutendsten deutschen Gebrauchsgraphiker des frühen 20. Jahrhunderts), das mir als Kind besonders gut gefiel. Wir entdeckten dieses Schild 1989 in einem Hühnerstall hinter dem Haus und kauften es auf einer weiteren Reise nach Pommern im Jahre 1992 einer polnischen Familie ab, die damals in einer Wohnung des Gebäudes Marienstraße 15/16 lebte. Das Geschäft war bereits seit langem auf Kaffee, Weine und Spirituosen spezialisiert. Natürlich führte man auch alle anderen Lebensmittel. Schon mein Großvater Bernhard Maaß hatte neue Kaffeemischungen hergestellt. Der Rohkaffee wurde damals in einem Gasröster gemischt und geröstet. Später schaffte mein Vater einen großen elektrischen Kaffeeröster an. Ich habe oft davor gestanden und durch eine Glasscheibe die Bewegungen der Kaffeebohnen in der großen Rösttrommel verfolgen und danach beobachten, wie der Kaffee in einem großen, offenen Behälter zum Abkühlen durch ein Rührwerk bewegt wurde. Alle Räume waren dann von herrlichem Kaffeeduft durchzogen. Wahrscheinlich kam dieser elektrische Kaffeeröster im Zuge einer Kampagne der Überlandzentrale zur Umstellung von Gas auf elektrischen Strom in den Laden. Dafür warben auch Transparente über den Straßen mit der Aufschrift "Belgard kocht elektrisch" und eine elektrische Illumination des Mükeparks, die mir als Kind besonders gut gefiel. Im Jahre 1935 wies sogar der Belgarder Poststempel darauf hin. Im Zuge dieser Umstellung wurden bisher gasbetriebene Geräte wie beispielsweise Kocher, Waffel- und Bügeleisen während einer gewissen Übergangsphase kostenlos gegen elektrische Modelle eingetauscht, auch wir bekamen damals einige Haushaltsgeräte unentgeltlich umgetauscht.

Mein Vater handelte auch mit Briketts (en detail) und Brennspiritus. Diese Geschäfte lagen in den Händen von Herrn Rettig, dem Hofarbeiter. Im Herbst und Winter wurde auch Wild - Hirsche, Rehe, Hasen und Wildschweine - verkauft, das an großen Haken unter der Holzgalerie im Hof aufgehängt war und von Herrn Rettig fachgerecht zerlegt wurde. Das Häuten der Hasen übernahm unsere langjährige Hausgehilfin Olga, die darin ebenso wie im Spicken eine große Fertigkeit erlangt hatte. In Hinblick auf die in unserem Geschäft verkauften Lebensmittel erinnere ich mich an Artikel von Knorr und Maggi, Blauband-Margarine, Sarotti-, Hildebrand-, Mauxion-, Hachez- und Cailler-Schokolade, Camembert "Stolper Jungchen", geräucherte Gänsebrust (Spickbrust), Teewurst von der Firma Wilhelm Brandenburg aus Rügenwalde und Kathreiner Malzkaffee. Senf - bei uns Mostrich genannt - kam von der Firma Kühne und wurde aus großen grau-blauen Keramikgefäßen in die von den Kunden mitgebrachten Gefäße gezapft. Ebenso verfuhr man mit "Kreude", dem schwarz-glänzenden Zuckerrübensirup. Marmelade gab es lose aus Blecheimern oder als Konfitüre in gedrungenen, rundlichen Gläsern der Firma Bourzutschky. Nährmittel, Zucker und Salz wurde in Säcken angeliefert, vom Personal abgewogen und eingetütet. Die Salzsäcke waren weiß und hatten einen hellblauen seitlichen Streifen, sie wurden nach dem Auftrennen als Handtücher in Laden und Bierstube benutzt. Zigaretten befanden sich in einem etwas höher aufgehängten Wandschrank, unter dem ein kleiner Holztritt stand. Ich erinnere mich an die Marken "Eckstein", "R6" und "Muratti Gold". Meine Mutter rauchte nur Zigaretten mit Goldmundstück und sammelte für mich die den Packungen beiliegenden Bilderschecks, die ich dann nach Hamburg-Bahrenfeld zum Zigarettenbilderdienst sandte, um dafür Bilder einzutauschen und die entsprechenden Sammelalben - etwa "Märchen", "Tiere des Waldes", "Blütenpflanzen" oder "Malerei der Renaissance" - zu bestellen. Wasch- und Putzmittel gab es damals noch nicht in dieser Vielfalt wie heute, jedoch sind mir "Persil", "Sil", "Henko", Kernseife, Seifenflocken und Ata-Scheuerpulver in Erinnerung geblieben. Zeitweise hatte die Firma Maaß auch eine Filiale an der Ecke Lindenstraße/Bahnhofstraße.

Die beiden Bierstuben lagen rechts neben dem Laden und hatten zwei bzw. drei Fenster zur Marienstraße. Man konnte sie vom Laden, vom Hausflur und vom Hofgang aus betreten. In der ersten Bierstube stand eine kurze Theke mit den Bierzapfhähnen, die vom Keller aus gespeist wurden. In späterer Zeit waren die Zapfstellen in einer hinter der Theke vom Packraum abgeschlagenen Nische, wo sich auch das Spülbecken befand. Auf der alten Theke standen von da an Gläser mit Salzstangen und ähnliches. An einer Seitenwand neben dem Hinterausgang befand sich ein Schränkchen für verschiedene weitere Utensilien; in einem Hängeschränkchen lagerten Zigarren. Vom Packraum war ein schmaler Gang durch Holzplatten abgeteilt, der die benachbarte erste Bierstube mit dem Ausgang zum Hof verband. In diesem Durchgang stand der Geschirrschrank. Die Einrichtung bestand aus zwei großen, langen Tischen mit gepolsterten Bänken und Stühlen aus Holz. Die zweite Bierstube hatte drei große und einen kleinen Tisch, sowie Sofas und gepolsterte Stühle mit Armlehnen. Ein Mantelständer und eine Reihe von Haken für Zeitungen und Zeitschriften, etwa die "Belgarder Zeitung" oder die "Berliner Illustrierte", vervollständigten die Ausstattung. Meine Mutter versuchte in den letzten Jahren, die triste Einrichtung durch Blumen etwas aufzuhellen. Ich habe für die kleinen Keramikvasen im Sommer oft Wiesenblumen gepflückt. An Getränken gab es Bier vom Faß - u.a. Dortmunder Unionsbräu, wahrscheinlich auch Kohlstock-Bier - Spirituosen und Kaffee. Man konnte dazu warme Würstchen mit Brot und Tilsiter oder Schweizer Käse, der in Streifen geschnitten und mit Senf serviert wurde, verzehren. Einmal im Jahr im Winter gab es einen großen Topf "Königsberger Fleck", eine Suppe, die aus Rinder- und Schweinemagen gekocht war und deren Brühe viele kleine Magenwürfel enthielt.In der Fastnachtszeit wurde zu einem Bockbierfest eingeladen, bei dem auch entsprechende Dekorationen, Kappen und Pappnasen eine Rolle spielten. Die Betreuung der Bierstube erfolgte tagsüber wohl durch Angestellte vom Laden aus. Abends kamen nur wenige Gäste, es waren fast alles Stammgäste. Mein Vater bediente sie selbst, und wenn er im Kontor Schreib- oder Buchführungsarbeiten zu erledigen hatte, saß meine Mutter in der Bierstube und versorgte die Gäste. Später wurde ein Buffetier eingestellt, der jedoch im Herbst 1939 kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen nach Westpreußen ging, um dort selbst ein Lokal zu eröffnen. Ich vermute, daß im letzten Jahr die Bierstuben am Abend geschlossen waren, denn mein Vater war ja schon zu Kriegsbeginn eingezogen worden, so daß meine Mutter sich allein um das Geschäft kümmern mußte und bereits damit überlastet war.

Werner Pagel, Sohn von Reinhard Pagel, dem letzten Bürgermeister von Roggow (einem Dorf etwa vier Kilometer südlich von Belgard), erinnert sich an einen Besuch in den Bierstuben unseres Geschäftes: "Bis Mitte der dreißiger Jahre lief alles in ruhigen Bahnen. Mein Vater konnte damals noch alles mit dem Fahrrad, auch zu den Ämtern in Belgard, erledigen. Gelegentlich nahm er auch Pferd und Wagen und verband damit einiges, so beim Einkaufsverein, beim Sattler, in Geschäften usw. Ich fuhr oft mit; wir spannten bei Kaufmann Bernhard Maaß am Ende der Heerstraße, in der Nähe des Hohen Tors aus. Wenn die Besorgungen erledigt waren, saß man noch etwas in der Gaststube, wo in der Regel Bekannte aus anderen Dörfern anzutreffen waren. Das erste Getränk meines Vater war ein "Koks", ein hochprozentiger Rum (?) mit einem Stück Würfelzucker und einer Kaffeebohne darin. Dann - je nach Wetter - eine Tasse Kaffee oder ein Bier. Für mich nach Wunsch eine gelbe, rote oder grüne Limonade. Auch den kleinen Imbiß vergesse ich nicht. Unterhalb von Kaufmann Maaß - Richtung Marktplatz - in der Heerstraße war eine Bäckerei. Ich meine, es war die Bäckerei Sellnow. Von dort mußte ich dann für 20 Pfennig vier Brötchen holen. Aus dem Laden wurde auf einem Teller ein Keil Tilsiter Käse in Streifen geschnitten mit Mostrich gebracht. Für mich war dieses zweite Frühstück ein Erlebnis. Die Fahrt zurück nach Roggow führte meistens über Sternkrug. Mein Vater konnte hier dann noch amtliche Erledigungen machen."
[Quelle: http://www.Belgard.org/Ortsgesch/Fotos/Roggow/Pagel.htm]

Unter dem Laden und den Bierstuben befanden sich die Kellerräume, zum Teil mit Gewölben. Hier wurden Käselaibe, Essig und Weine - aus dem Rheingau, von der Mosel und aus Frankreich - gelagert. Es gab auch einen Abfüllapparat und eine Verkorkungsmaschine für Weine, die im Faß geliefert wurden. Heringe lagerten in einer großen Tonne im Packraum hinter dem Laden, wo auch die Materialien für die Schaufenstergestaltung in einem Wandregal lagen. Ein großer Tisch vor dem Hoffenster war der Ort, wo die Lebensmittel für die Hauslieferungen zusammengestellt und verpackt wurden. Auf diesem Tisch wurde auch das Wild zerlegt, das vorher an Haken unter der Holzgalerie "abhing". Ich erinnere mich auch an lebende Karpfen, die man zu Weihnachten und Sylvester anbot. Sie wurden in der Waschküche in mehreren Tonnen unter ständigem Zufluß von Leitungswasser gehalten. Einmal geschah es, daß einige Karpfen übrig blieben. Diese wurden dann in unsere Badewanne umquartiert und nach und nach an Freunde und Bekannte verschenkt. Natürlich kamen sie auch bei uns als "Karpfen blau" oder "Karpfen in Biersoße" auf den Tisch. In einem zum Hof gelegenen, vom Hausflur aus zugänglichen Zimmer hielten sich am Sonnabend, dem Einkaufstag der Landkundschaft, oft Bauersfrauen auf, die nach Erledigung ihrer Einkäufe sich nur ungern zu ihren Männern in die Bierstuben setzten und deshalb hier auf die Heimfahrt warteten (die Wagen der Bauern standen während des Einkaufs in der Mauerstraße hinter unserem Haus und die Pferde im großen Pferdestall am hinteren Hoftor). Dieses hintere Zimmer war in den dreißiger Jahren zeitweise an Ernst Hardt, einen Vertreter der Kohlstock-Brauerei vermietet, der hier sein Büro hatte. Die Kohlstockfässer lagerten in einem separaten Keller, der Anfang des Krieges zum Luftschutzkeller ausgebaut wurde. Das dicke Kaltblutpferd, das den Brauereiwagen zog, hatte einen kleinen Stall im hinteren Teil des Hofes. Bis zum Jahre 1936 verfügte auch unser Geschäft noch über ein Pferd, das den Rollwagen (einen Tafelwagen mit niedrigen Seitenwänden) zog, wenn Waren von der Güterabfertigung der Bahn abgeholt oder zu Kunden gebracht werden mußten. Später wurden die Auslieferungen an die Kundschaft dann mit einem Geschäftsrad mit Anhänger durchgeführt. Im Geschäft arbeiteten in den dreißiger Jahren meistens einige "junge Männer" (Angestellte) und zwei Lehrlinge, dazu Fräulein Emma Kunst als Kassiererin. Mitte der zwanziger Jahre war u.a. Hilmar Kramp als Lehrling im Maaßschen Geschäft, der Sohn des Stationsvorstehers von Nassow und Bruder von Grete Kramp, meinem Kindermädchen bis Anfang der dreißiger Jahre und erste Frau meines Onkels Karl Alverdes (der sie bei uns im Hause kennenlernte); letzter kaufmännischer Lehrling war Anfang der vierziger Jahre Bruno Giese.

Während das ehemalige Geschäftshaus Marienstraße 15/16 bei unseren Besuchen in den Jahren 1985, 1989 und 1992 noch relativ gut erhalten und vollständig bewohnt war, zeigte es sich bereits 1996 seit mehreren Jahren unbewohnt und einschließlich der Nebengebäude nahezu völlig zerstört, d.h. die Zwischendecken und Fachwerkfüllungen herausgebrochen, die Fenster zugemauert, das Mauerwerk zum Hof teilweise eingerissen und lediglich die Fassade zur Marienstraße noch erhalten. Schließlich stürzte das Haus in der Nacht vom 6. auf den 7.8.2001 in sich zusammen. Über die näheren Umstände schrieb die Tageszeitung Glos Koszalinski aus Koszalin (ehemals Köslin) in ihrer Ausgabe vom 9.8.2001 unter der Überschrift "Und die Mauer stürzte ein...." sinngemäß:

"Ein Großalarm hielt gestern Abend die Rettungskräfte Bialogards in Atem. Ein Gebäude, in dem sich sieben Kinder aufhielten, stürzte ein. Sofort wurde Hilfe geleistet. Aus Gdansk [ehemals Danzig] wurden Spezialkräfte der Feuerwehr angefordert.

Kurz nach 21 Uhr stürzte ein Teil eines abbruchreifen Hauses in der Najswietszey Marii Panny [ehemalige Marienstraße] ein. Nach Angaben der Nachbarn wurden dort noch kurz vor dem Einsturz sieben Kinder gesehen. Die Rettungskräfte befürchteten schon das schlimmste. Zum Glück wurden die vermißten Kinder von der Polizei bereits zu Hause angetroffen. '100-prozentige Sicherheit gibt es aber nicht, wir müssen weitersuchen' sagte Jacek Wielinski, Kommandant der PSP Bialogard. Die benachbarten Straßen wurden gesperrt und die Unglücksstelle beleuchtet. Die Bewohner der benachbarten Häuser mußten ihre Wohnungen verlassen; erst nach vier Stunden durften sie nach Hause zurück.

Der Einsatzleiter der Feuerwehr, Tadeusz Reszko, setzte sich mit dem Bauamt in Verbindung. Dieses empfahl, mit dem Abriß bis zum Morgen zu warten. 'Da wir jetzt wissen, daß sich keine Personen mehr im Gebäude befinden, würde dies ein zu großes Risiko für unsere Leute bedeuten. Die Lampen blenden und es kann leicht zu einem Unfall kommen' warnte Bauinspektor Andrzej Kazirod. Um Mitternacht kam der Leiter der PSP Bialogard, Stanislaw Lenard, zur Unglücksstelle: 'Die Lage ist sehr ernst. Im Inneren des Gebäudes hängen noch die Reste der Decken, die Arbeiten fortzusetzen ist von daher unmöglich.' Das Gebäude steht im Privateigentum. Seit Monaten versuchen die Behörden, mit dem Besitzer Kontakt aufzunehmen, dieser ist jedoch verschwunden. Jetzt droht ihm eine satte Strafe oder sogar Gefängnis. Auch die Kosten des Einsatzes muß er tragen.

Es bestehen keine Zweifel, wie es zu dem Unglück kommen konnte - das Holz des Gebäudes wurde demontiert und als Brennmaterial verwandt; Kinder sollen Backsteine entfernt und dafür 5 Zloty bekommen haben, von wem ist noch unklar. Am nächsten Morgen begann man schließlich mit dem Abriß."

Als mein Vater 1939 bereits einige Tage vor Beginn des Krieges eingezogen wurde, übertrug er meiner Mutter die Geschäftsleitung. Da auch unsere Angestellten zur Wehrmacht einberufen wurden, unterstützten sie nur noch der Lehrling Bruno Giese und Fräulein Emma Kunst, ein älteres Fräulein, das schon früher bei uns zeitweise als Kassiererin ausgeholfen hatte. Zu den Schwierigkeiten durch die Abwesenheit des Geschäftsinhabers und die fehlenden Mitarbeiter kamen die zahlreichen Vorschriften der Kriegswirtschaft wie etwa Lebensmittelkarten und Lieferbeschränkungen. Das alles führte zu einer erheblichen Steigerung des Arbeitsaufwandes und bedeutete damit eine große Belastung für uns alle. So sehe ich uns heute noch - meine Mutter, meine Großmutter, unsere Hausangestellte Grete und mich - in unserem Wohnzimmer auf dem großen Eßtisch unter einer dunkelroten Hängelampe mit Fransen die unzähligen Lebensmittelmarken aus unserem Geschäft auf große Packpapierbögen in Reihen abgezählt und nach Kategorien geordnet mit Leim und Pinsel aufkleben. Dazu kam die immer weiter verschärfte Preisauszeichnungspflicht. Anläßlich einer Kontrolle in unserem Geschäft hatte meine Mutter eine äußerst unangenehme Begegnung mit einem anmaßenden Beamten von der Preisüberwachung, der sie des Betruges verdächtigte, weil sie in Unkenntnis der Gepflogenheiten im Wildhandel das Fleisch eines Spießbockes nicht richtig ausgezeichnet hatte. Nach Gesprächen mit Hertha Beyer vom gleichnamigen Kolonialwarengeschäft am Markt / Ecke Poststraße über die unter allen Einzelhändlern unbeliebten Praktiken der Preisüberwachungsbehörde und eingehender Beratung mit meinem Vater schloß meine Mutter im November 1940 das Geschäft. Die bewirtschafteten Waren übernahm die Firma Beyer am Markt / Ecke Poststraße und der Lehrling beendete seine Ausbildung bei Kolonialwaren Banatz am Markt / Ecke Jägerstraße. Die finanzielle Lage unserer Familie war gesichert, weil mein Vater nach der Schließung des Geschäftes neben seinem Zahlmeistergehalt eine Familienunterhaltszahlung erhielt.

- weitere Erinnerungen von Eleonore Gürge geb. Maaß einschließlich
  zahlreicher Abbildungen finden sich unter www.Maass-Belgard.de