Kolonialwarengeschäfte, Gaststätten,
Ausspannungen, Kohlenhandlungen

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Der Markt- und Stadttag in Pommern prägte ein Stück städtisch-bäuerlicher Kultur. Noch im frühen Mittelalter war der städtische Markt Dreh- und Angelpunkt des Warenumschlags. In den folgenden Jahrhunderten verlor der Markt diese Funktion unmerklich und zu Beginn der Neuzeit, namentlich in den letzten Jahrzehnten, stellte er nur noch eine Randerscheinung im Wirtschaftsgeschehen dar: Nur noch wenige Markttreibende (Gärtner, Gewerbetreibende, vielleicht auch noch mal Bauern) boten auf dem Markt ihre Waren feil. Welche Bedeutung der Markt für die städtische und ländliche Wirtschaft einst hatte, wird deutlich, wenn wir die Chroniken aufschlagen; so berichtet Ludewig Wilhelm Brüggemann in seiner "Ausführlichen Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes des Königl. Preußischen Herzogthums Vor- und Hinter-Pommern 1784" über Belgard folgendes: "Das Privilegium des Herzogs Bogislaus Vl. von 1307 an dem Tage Himmelfahrt Jesu Christi, welches der Stadt die Niederlage von allen Waaren schenket, so daß niemand das Vorkaufsrecht wider ihren Willen ausüben soll." Diese Privilegien wurden von dem Herzoge Erich II. 1463, nach dem Tage der Enthauptung des heiligen Johannes bestätigt.

Und 1784? "Die Märkte werden gehalten: den 20. und 21. März Kram-, Pferde- und Viehmarkt. Die ersten beiden Tage sind zugleich Vieh- und Pferde- und alle 3 Tage Krammärkte. Noch sind 2 große Wochenmärkte, neimlich am Mittwoche nach Invocavit und auf Georgii. Vorzüglich berühmt sind die Pferde- und Viehmärkte, die auf öffentlichen Stadtfelde gehalten werden und zu welchen sich Personen von weit entfernten Orten einfinden." Der Markttag war immer auch bäuerlicher Stadttag. Während die Bäuerin die Produkte des Hofs (Butter, Gemüse, Obst, Kartoffeln, Geflügel usw.) auf dem Markte anbot, ging der Bauer seinen Besorgungen nach, suchte den Sattler, Seiler, Eisenhändler und Schmied auf. Sein Gespann führte er, sobald entbehrlich, in die Ausspannung "seines" Kaufmanns, wo er es in die Obhut des Peerplägers (Pferdepflegers) gab. Sobald dann auch die Laufgeschäfte besorgt waren, fanden sich Bauer und Bäuerin in der Bierstube ihres Kaufmanns ein zu Begegnung und Gespräch mit hier versammelten Bauersleuten aus den städtischen Dörfern. Dabei ging es nicht nur "um de Swien", sondern die mittlerweile auf den Höfen eingekehrten modernen Arbeits- und Entwicklungsmethoden. Ein- und Verkaufsgenossenschaften, Molkereien, Viehhändler usw. kauften verstärkt seit den zwanziger Jahren die landwirtschaftlichen Produkte auf, bündelten und reichten sie Großhändlern weiter. Die Lebensmittelbewirtschaftung im Kriege schließlich ließ den Markt völlig erlahmen. Und dennoch, viele Bauern - besonders aus dem nahen Stadtbereich - wollten auf ihren "Stadttag" nicht verzichten. So wandelte sich der Markttag zu einen "reinen" Stadttag.

Der pommersche Bauer war an schwere Arbeit gewöhnt, er war Herr auf seinem Hofe und Knecht zugleich. Und die Bäuerin hatte in Küche, Haus und Garten viel zu tun. Um so mehr hatten die Bauersleute das Bedürfnis, einmal in der Woche - wenn auch nur für Stunden - ihrer kleinen Welt und ihrem anstrengenden Arbeitsalltag zu entfliehen. Und so erlebte ich, daß mein Vater Walter Pleger jeden Sonnabend außer in der Erntezeit den Stadtwagen (vorne zweisitzig, hinten mit einem Kasten drauf) als Einspänner (weil ein Pferd einfacher in der Ausspannung unterzubringen war) schirrte und mit meiner Mutter Frieda geborenen Holz in die Stadt fuhr. Sie kauften ein, was sie für die Woche brauchten, kehrten dann - wie zu früherer Zeit - bei unserem Kaufmann Willi Pleger (einem Bruder meines Vaters) ein. Die Begegnung hier hat ihnen viel gegeben. Es war nicht nur die heitere Stimmung, die bei einem Getränk und noch einem Getränk aufkam, es war vor allem das Gespräch unter ihresgleichen. Fortschritt wehte nach der Jahrhundertwende durch die bäuerlichen Wirtschaften: Saat-, Pflanz- und Tierzuchtveredelung wie Düngung führten zu höheren Erträgen und vermehrten den Wohlstand. Die Landwirtschaftliche Schule Belgard, die seit 1. Oktober 1919 bestand und von Direktor Heinrich Enß geleitet wurde, vermittelte neue Erkenntnisse, die die Bauern willig aufgriffen und umsetzten. Der "Reichsnährstand" unterstützte die Landwirtschaft.

Die Kolonialwarengeschäfte wurden mehr und mehr zur Kommunikationsbörse und Nahtstelle zwischen städtischer und bäuerlicher Kultur mit hohem Wert für das Landleben; denn aus der Begegnung mit der Stadt, ihren Menschen und Institutionen - auch dank engagierter und verdienstvoller Dorfschullehrer - profitierten die Landleute, Bildung und Moderne zogen in die Dörfer ein. Die Kolonialwarengeschäfte (Lebensmittelgeschäfte) boten Lebensmittel und Waren aus den Kolonien (Südfrüchte etc.) und hielten - für damalige Verhältnisse außergewöhnlich - Delikatessen, auch Wildbret vor; sie handelten mit Kohlen und Brikett, und die Ausspannung gehörte dazu. Die Kolonialwarengeschäfte mit ihrem breiten Angebot waren ein bedeutender Wirtschaftszweig. In Belgard waren dies: Otto Bannatz, Ritterstraße 10; Walter Beyer und Hertha geb. Nitz (vorher Emil Batt), Markt 10; Erwin Dumjahn, Friedrichstraße 64; Franz Krüger, Luisenstraße 43; Karl Rackow (vorher Hensel), Wilhelmstraße 49; Gustav Holznagel, Hindenburgstraße 8; Erich Kühl, Friedrichstraße 71; Willi Pleger (früher Kunst), Wilhelmstraße 18/19; Erwin Maaß, Marienstraße 15/16; Erich Manzke, Friedrichstraße 14; Albert Manke, Markt 15; Gustav Müller, Friedrichstraße 68; Arthur Paske, Friedrichstraße 4; Paul-Otto Venzke, Wilhelmstraße 15; Erwin Tonn, Friedrichstraße 84; Ernst Fischer, Leitznitzpromenade 4; Max Wutschke, Karlstraße 27; Bernhard Reichow (später Stoptka), Heerstraße; Dittberner, Wilhelmstraße; Timm, Lindenstraße; Gehrke (vorher Neitzel), Friedrichstraße; August Buske, Karlstraße.

Woraus bestanden nun die Geschäfte, wer waren die Kunden, wer die Inhaber und wie das Warenangebot? Insbesondere folgende Geschäfte möchte ich eingehender betrachten: Artur und Horst Paske und Franz Krüger; auch über Erwin Maaß, Albert Manke und Willi Pleger habe ich - soweit mir nicht schon bekannt - einiges erfahren können. Allen ist gemeinsam: sie bestanden aus einem Kolonialwarengeschäft (Laden), aus zwei, drei oder mehr Bierstuben, einer Kaffee-Rösterei, einer Ausspannung auf dem Hofe, die teils überdacht in Peerboxen unterteilt, teils nicht überdacht war. Und auf dem Hofe lagerten in Schuppen Brikett, Kohlen und Koks; und einige Wirtschaften besaßen eine Destillation und einen Weinabzug. Eheleute Artur Paske und Frieda geborene Gutzke mit Sohn Horst als stillem Inhaber besaßen das größte Geschäft und die größte Ausspannung in Belgard; allein der Schuppen war so groß, daß er 45 bis 50 Wagen mit Pferden faßte. Daneben stand ein Stall, in dem zehn Pferde untergebracht und versorgt werden konnten. War Pferdemarkt in Belgard, so diente der Stall Paskes der Unterbringung der auf dem Markt dargebotenen Pferde. Außerdem, so berichtet Horst Paske, hatten sie mehrere Horden für Koks, Brikett und Steinkohlen, zwei Garagen, eine Kutsche, einen Jagdwagen, einen Schlitten - und einen Hühnerstall. Und darüber hinaus gehörten zu jedem Betrieb Mietwohnungen: 1937 wohnte bei Artur Paske der Rechtsanwalt und Notar Dr. Hans Voß; Franz Krüger vermietete an Lehrer Paul Gauger, Käthe Droysen, Oberschullehrerin Helene Meyer und Wilhelmine Maaß; bei Willi Pleger wohnten Schneiderin Elise Benz, Bauunternehmer Otto Beilfuß und Verwaltungs-Obersekretär Karl Staepke.

Jeder Bauer hatte "seinen" Kaufmann; das Vertrauensverhältnis währte Jahrzehnte und übertrug sich in der Regel auf die nachfolgende Generation. Doch wie bildete sich der feste Kundenstamm? - Häufig stammte die bäuerliche Kundschaft ganz einfach aus den Dörfern, die dem Kolonialwarengeschäft am nächsten lagen. So kehrten z.B. aus meinem Heimatdorf Denzin die Bauern bei Kühl, Gehrke, Tonn und Paske ein. Horst Paske schreibt mir, daß ihre Kundschaft aus Boissin, Roggow, Denzin, Lenzen, Kammissow, Redlin, Komet, Neu-Lülfitz, Alt-Lülfitz, Buchhorst, Bahnhof Nassow, Grüssow, Siedkow mit dem Gutsbesitzer von Kleist, Klein Reichow, Groß Reichow, Rostin, Rostin-Abbau, Darkow, Bulgrin und Panknin gekommen sei. Die Tochter von Franz Krüger, Magrit-Ilse Lattko berichtet, ihre bäuerliche Kundschaft hätte aus Panknin, Kösternitz und Pustchow gestammt. Die Nähe zum eigenen Dorf, wenn auch nur begrenzt, ersparte Wege, war bequem und man war - wollte man nach Hause - bereits auf halbem Wege.... Bauer Willi Borghardt und Ehefrau Gisela geb. Gützlaff-Wutzow aus Ristow spannten bei Albert und Marie Manke, Markt 15, aus. Und mit ihnen weitere Bauern aus Ristow; denn der Stammhof der Mankes lag in Pustchow, und verwandte Bauern dieser Familie wohnten in Ristow. "Urgemütlich war es bei Mankes", sagen Borghardts. "Im Gästezimmer (ein von den Bierstuben abgeteilter, freundlich eingerichteter Raum) stand eine Kanne mit Kaffee; wer Kaffee zu trinken wünschte, bediente sich. Bei einem Bier, einem Wein- oder Rumgrog, einen Koks (Rum mit einem Stück Zucker und einer Kaffeebohne), einem Korn mit Punkt (Himbeersaft) - je nach Jahreszeit - unterhielten wir uns angeregt mit bekannten Bauern. Wer warme Würstchen mit Brot oder Kartoffelsalat, ein Solei (hartgekochtes Ei in Salzwasser gelegt) oder eine Dose Ölsardinen verzehren wollte, erhielt dies gereicht. Es war aber auch nicht ungewöhnlich, daß die Gäste ihr Brot mitbrachten oder sich Brötchen beim nahen Bäcker holten und sich dazu ein Stück Käse mit Mostrich aus dem Laden reichen ließen. Waren Kinder mitgekommen (und welches Kind wünschte nichts seliger, als mit in die Stadt zu fahren!), so schmatzten sich diese - wunschlos glücklich - an einer Selter, die es in verschiedenen Farben gab. Mankes hatten einen Raum als Weinstube ausgebaut. Und wer in die Weinstube wollte, holte sich den Schlüssel und zog sich hierher mit einer Karaffe oder Flasche Wein zurück."

Eleonore Gürge geborene Maaß, Tochter des Kaufmanns Erwin Maaß und dessen Ehefrau Bertha geborene Alverdes schreibt: "Seit 1894 war das Grundstück Marienstraße 15 im Besitz der Familie Maaß. Bernhard Maaß war der älteste Sohn des Ortsvorstehers von Alt-Lülfitz. Er verzichtete auf das Erbe in Lülfitz, lernte in Berlin Kaufmann, erwarb das Grundstück Marienstraße 15, kaufte das daneben liegende Haus Marienstraße 16 hinzu und gründete das Geschäft 'Kolonialwaren und Spirituosen' verbunden mit einem Kohlenhandel und einer Ausspannung. Nach dem Tode meines Großvaters übernahm mein Vater Erwin Maaß das Geschäft; es bestand bis 1940. Meine Mutter Bertha geborene Alverdes, Tochter des Oberrentmeisters Johannes Alverdes, Pankniner Straße 10, konnte es nach der Einberufung meines Vaters nur ein halbes Jahr weiterführen. Ab 1941/42 beschlagnahmte die NSDAP die Bierstuben und richtete dort ein Büro ein."

Die Kaufleute bemühten sich sehr um ihre Kundschaft, so daß es wohl nur ausnahmsweise vorkam, daß ein Kunde unzufrieden seinem Kaufmann den Rücken kehrte. Allenfalls mochten verwandtschaftliche Beziehungen und hoher Bekanntheitsgrad einen Wechsel bedingen. Übernahm ein Kaufmann ein Kolonialwarengeschäft, so blieb der größte Teil der alten Kundschaft dem neuen Geschäftsinhaber treu. Stammte der Kaufmann aus einem stadtnahen Dorf, so gewann er als neue Kunden die verwandten Familien hinzu, vielleicht auch einige weitere Bauern seines Heimatdorfs. Elsbeth Blödorn geborene Naffin aus Denzin berichtet, sie wären Kunde bei Artur Paske gewesen, hätten aber zu Gehrke gewechselt, als eine Verwandte in die Großfamilie Gehrke einheiratete. Artur Paske hätte gefragt: "Frau Blödorn, warum sind sie gegangen? Haben wir etwas falsch gemacht? Womit waren sie nicht zufrieden....?" Worauf Frau Blödorn nur entgegnen konnte, daß sie sehr zufrieden gewesen seien. Die Schwester von Frau Blödorn indes, Margarete Kruggel geb. Naffin, ebenfalls aus Denzin, blieb trotz des Verwandtschaftsverhältnisses zu Gehrke dem Geschäft Artur Paskes treu. Mit vielen ihrer Kunden waren die Kaufleute freundschaftlich so eng verbunden, daß sie im weitesten Sinne zur Familie gehörten. So fand ich auf mehreren Roggower Hochzeitsbildern Kaufmann Horst Paske als Hochzeitsgast.

Aber natürlich waren die Kaufleute nicht nur um die bäuerliche Bevölkerung bemüht. Belgard zählte 16.000 Einwohner, und dahinter verbarg sich beträchtliche Kaufkraft. So gehörte zur Führung des Geschäfts, sollte es mit bäuerlicher und städtischer Kundschaft gedeihen, nicht nur freundschaftlicher oder höflicher persönlicher Umgang: Vertrauen und Dienst am Kunden waren die herausgehobenen Merkmale ehrbaren Kaufmannsgeistes. Der städtische Kunde kaufte allgemein weniger als der bäuerliche, der eine Großfamilie und Arbeitnehmer ernährte, dafür aber kam der städtische Kunde häufiger und nicht nur an festen Wochentagen. Teils aus persönlichen, teils aus geschäftlichen Gründen traten die Kaufleute Vereinen bei; hier fanden sie Kontakte zu Einwohnern und neuer Kundschaft. So war z.B. Franz Krüger aktives Mitglied im Kirchenchor und Männergesangverein "Liedertafel". Auch war er Vorsitzender des Belgarder Schachklubs, dessen Gründung er auch initiiert haben dürfte.

Die Abbildung des Kolonialwaren- (Laden-) -geschäfts Franz Krüger ist auf andere Geschäfte übertragbar: Der Ladenraum war langgestreckt; denn nicht nur zur Ablage der Waren, auch um viele Kunden auf einmal bedienen zu können, brauchte man einen langen Ladentisch. Die Bedienung dauerte, denn nur ein Teil der losen Waren konnten im voraus abgewogen und eingeschlagen werden. Die Fülle des Warenangebots war - aus heutiger Sicht - überraschend umfangreich. Als Franz Krüger das Kolonialwarengeschäft 1932 eröffnete, beschäftigte er einen Angestellten. Hernach waren es bis zu acht: Lehrlinge, Verkäufer, einen Kontoristen und Hausmeister und eine Hausangestellte. Sehen wir auf dem Bild noch als Beheizung den Bullerofen, so baute Krüger das Geschäft schon 1933/34 aus, richtete ein Weinzimmer ein, ein Kontor und verlegte eine Zentralheizung. In einem besonders dafür vorgesehenen Raum wurde die lose Ware, die in großen Gebinden, in Säcken, Eimern, Tonnen, angeliefert wurde, eingewogen und getütet. Ja, selbst der Rohkaffee wurde noch von den Kaufleuten selber gebrannt. Auf dem weiteren Bild sehen wir eine der drei Bierstuben Krügers: die Stube mit dem Ausschank. Es ist eine verhältnismäßig kleine Theke; ich kenne sie größer, länglich oder rundlich, an der die Kunden auf einem Hocker Platz nahmen, ihr Getränk genossen und sich mit dem Nebenmann unterhielten. Es war allgemein eine einfache Ausstattung: die Dielen waren aus Brettern gezimmert und zum Sitzen luden blankgescheuerte Holzstühle und Tische ein. Die Wände waren hell tapeziert bzw. gemalt; da viel geraucht wurde, bedeckte die Wände alsbald ein bräunlicher Schleier. Eine der Bierstuben war in der Regel komfortabel ausgestattet, die Stühle gepolstert - manchmal schmückten sogar Polstersessel den Raum - und die Tische fein gedeckt. Auch ein Billardtisch fand sich in einer der Bierstuben. Und was noch bemerkenswert ist: wenn nicht im Laden, dann befand sich in der Bierstube hoch unter der Decke ein abschließbares Fach mit Rauchwaren, vornehmlich Zigarren in größerer Menge, die hier ablagerten; denn je abgelagerter, um so besser schmeckt die Zigarre. Die Kolonialwarengeschäfte waren beachtliche Wirtschaftsbetriebe; sie paßten sich in ihrer Führung ständig dem Fortschritt an. Alles, was die durch die Geschäfte strömende Kundschaft für den täglichen oder häufigen Bedarf benötigte, wurde bereitgehalten. So für die bäuerliche Kundschaft Peitschen, Leinen, Stricke, Säcke, Haushaltsgerät, Holzlöffel, Reiben und vieles mehr - eben Dinge, die man schnell mal mitnahm. Die Verkaufsstrategie, wie sie heute den Superläden zugrunde liegt, wurde schon hier mit Erfolg praktiziert.

Woher stammten die Kaufleute, und wie war ihr beruflicher Werdegang? Die hier genannten Kaufleute kamen vom Lande, sie waren vielfach Bauernsöhne: Arthur Paske stammte aus Roggow, Franz Krüger aus Kranken, Kreis Neustettin; Willi Pleger kam aus der Kösliner Straße in Belgard, auch er war Ackerbürgersohn. - Nur ein Kind konnte den elterlichen Hof übernehmen, die weiteren (bei Krügers waren es vier, bei Plegers fünf weitere Kinder) mußten sich anderweitig verdingen; wenn sie nicht auf einem Hof einheiraten konnten, erlernten sie ein Handwerk oder einen kaufmännischen Beruf. Die Aussteuer, die ihnen der Hof bei den vielen Kindern mitgab, war nicht erheblich, doch reichte sie mit dem Ersparten als Kapitalstock zu einem eigenen Geschäft. Die alte Generation der Kaufleute waren Volksschüler; sie bildeten sich intensiv fort und waren selbst noch im fortgeschrittenen Alter auf Fortbildung bedacht. Bei Franz Krüger wird dies besonders deutlich. Er absolvierte ab 1. April 1913 eine kaufmännische Lehre, kehrte mit Ordens- und Ehrenzeichen aus dem Erste Weltkrieg zurück, war Buchhalter bei einer Großhandelsfirma in Stettin, arbeitete im Einzelhandel in Greifenberg, Tempelburg, Treptow und Stralsund. Im November 1925 übernahm Krüger ein Delikatessengeschäft in Stolp, betrieb danach ein gepachtetes Kolonialwarengeschäft in Stolp in der Goldstraße und erwarb 1932 das Kolonialwarengeschäft in Belgard, Luisenstraße 43 / Ecke Pankniner Straße von dem Kaufmann Paul Otto Gromoll, später Pankniner Straße 1. Krüger besuchte Berufskurse, Weinseminare und nahm an Wettbewerben in der Schaufensterdekoration teil. Und er unterrichtete ehrenamtlich an der Beruflichen Schule in Belgard den kaufmännischem Nachwuchs in den einschlägigen Fächern, wie Warenkunde, Werbung, Buchführung und Fenstergestaltung. Wie sehr die Kaufleute nicht nur persönliche, sondern auch öffentliche Anerkennung und Wertschätzung genossen, entnehme ich Aufzeichnungen von Franz Krüger: Obgleich nicht Belgarder von Geburt und nur wenige Jahre ansässig, bekleidete er mehrere Ehrenämter: In der Industrie- und Handelskammer war K. Mitglied in der Kommission für die Gehilfenprüfung und in der Städtischen Berufsschule Belgard Vorsitzender im Berufswettkampf der Lehrlinge im Einzelhandel; außerdem war er im Verband der Kaufmannschaft und des Kohlenhandels und im Vorstand der Dr. Emil Klar-Stiftung und des Johannishauses.

Nun, welches Schicksal war den Kaufleuten durch Krieg und Vertreibung beschieden? Willi Pleger fiel 1943 in der Normandie. Von den Kaufleuten, die den Krieg überlebten, wurde wohl niemand wieder Kaufmann; es fehlte das Geld. Familie Franz Krüger wurde 1945 aus Belgard vertrieben und blieb in Hagenow hängen, in der damaligen SBZ und späteren DDR. Gelang es Krüger zunächst, als Buchhalter tätig zu sein, so brauchte das Regime bald seine Fähigkeiten nicht mehr; man bezweifelte seine politische Zuverlässigkeit. Im Kirchenbüro schließlich fand er kleines Brot. Ärmlich starb er am 19. August 1986 in Hagenow. Zum 70. Geburtstag am 8. September 1964 gratulierte Erich Münchow Marta Krüger geborenen Haack: "Unter dem Namen 'Tante Marta' war sie die herzensgute und lebenslustige Wirtin von 'Krügers Bierstuben'. Ihr Witz und Humor, ihre gute Küche und das wohlgekühlte und gut eingemessene Bier wurde von allen Kunden sehr geschätzt. War Franz Krüger der 'gute Kaufmann', so war Tante Marta die 'Seele des Geschäfts'." Berufsschuldirektor Dr. Siegfried Schmolke (†) schrieb am 21.11.1978 an Krüger: "Ich denke noch immer gern an das Bierstübchen zurück, wo ich mit Papa Dahnke (Gewerbelehrer Friedrich Dahnke, Luisenstraße 34) auf dem Heimweg von der Schule einkehrte." In seinen Aufzeichnungen dankt Krüger den treuen Kunden, den Angestellten des W.M.A., den Kollegen der Höheren Schulen, der Berufsschule und der Sparkassen sowie dem Unteroffizierschor. Und er bedankt sich bei seinem Personal: Er erwähnt seine Schwiegermutter Bertha Haack geborene Behnke, die mit der Küchenangestellten Anna Zastrow, Luisenstraße, die Küche für die Großfamilie besorgte; denn das Personal wurde im Hause beköstigt. Bei Paskes waren eine Kassiererin, zwei Verkäufer, ein Dienstmädchen für den Betrieb, ein Arbeiter, drei Lehrlinge, ein Laufbursche und für den Privathaushalt eine Haushälterin beschäftigt; daß die Eheleute Paske, Horst Paske und dessen Ehefrau Rita geborene Braatz unermüdlich dem Geschäft dienten, war selbstverständlich. Horst Paske erinnert sich namentlich dankbar der langjährigen Angestellten seines Hauses, Kassiererin Trude Messeck geborene Kamke, und des Arbeiters Ernst Koglin. Die Bier- und Weinstuben müssen fröhliche Stunden erlebt haben, lesen wir die Sprüche in den Bierstuben von Willi Pleger: "Trink solang' der Becher winkt, nütze Deine Tage, ob Du oben auch noch trinkst, ist die große Frage!" Und: "Ob Bier, ob Wein, dazu ein Jungfräulein, ist ja ein Stein, der nicht wollt lustig sein!"

Dieser Beitrag soll vergnügt ausklingen, so heiter, wie die Bauern ihres Weges in kleinem Trab wieder in ihr Dorf zurückkutschierten. Denzin hatte wohl ein halbes Dutzend Originale, die das Tageslicht nicht scheuten, aber eben doch an den langen Abenden in der Schummerstunde und beim Schein der Petroleumlampe Vervollkommnung suchten und Witz und Humor fanden. Dies nun sind nicht erfundene, dies sind erlebte Dorfgeschichten: Richard M. und Richard G. aus Denzin sind unsere Akteure. Zu ihrer Ehre muß gesagt werden, sie waren keine Quartalssäufer, nein, um Gottes Willen, wohl aber lechzte ihnen dann und wann nach Wochen harter Arbeit nach einem kräftigen Schluck! Also spannten sie an, kehrten bei Walter Gehrke - Kolonialwaren Bierstuben Ausspannung - Friedrichstraße 72 ein und ließen klingend die Gläser füllen. Wieder einmal hatten sie über den Durst getrunken und sich anschließend auf dem Markt mit der wortgewaltigen, Flundern verkaufenden Fischfrau Laura eingelassen und sie angesichts ihres schlechten Verkaufs gerügt. Ein Wort gab das andere. Die Marktfrau, ein gerissenes Weib, wußte, wie sie Männer dieses Schlages herausforderte, und rumsdibums hatte sie den beiden zwei Kisten Flundern einschließlich ihrer Ausrufglocke aufgeschwatzt, verbunden und versüßt mit der Wette, ihnen das Geld zurückzugeben, falls sie die Flundern innerhalb drei Stunden, wie es die beiden Herren der Marktfrau vorgegeben hatten, verkaufen würden. Und so sah man die beiden mit ihrem Gespann und den Flundern zum Stadttor hinaus nach Lenzen ziehen. "Kauft Fische, frische Fische", so brüllten beide abwechselnd, kräftig die Glocke schlagend, die Dorfstraße in Lenzen hinauffahrend. Zwar sah man hier und da eine sich bewegende Gardine, doch das Kaufinteresse einer überwiegend bäuerlichen Gemeinde fehlte. Ein paar Kinder umliefen neugierig, das komische Gefährt betrachtend, den Wagen. Eine Fischportion verkauften M. und G., eine zweite reichten sie zum halben Preis, eine dritte verschenkten sie. Und als niemand - trotz des günstigen Preises - noch kaufen wollte, überwältigte G. die Wut. Er griff die Kisten und warf die Flundern im hohen Bogen in den Straßengraben - eingedenk später Erkenntnis: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen! Wieder einmal waren die beiden - jetzt bei Tonn, ebenfalls Friedrichstraße - Gast und wieder kreisten die Gläser zu immer größerer Runde. Not und Arbeitslosigkeit in den zwanziger Jahren waren groß, um so mehr ließ man sich gern bewirten, hatte Spaß an dem prahlerischen Geschwätz oder ließ dies schweigend über sich ergehen. Das Geld, das man für den verkauften Roggen eingenommen hatte, war schnell versoffen. Doch da die beiden über sich "hinauswuchsen", zechten sie in der Runde weiter; die Schulden wuchsen, und da sich jetzt auch noch ein Pferdehändler einfand, war schnell das Pferd, so wie es geschirrt, verkauft, die Nacht der kleinen Sünden gerettet. Als die beiden dann am Morgen, sie hatten einige Stunden im Ausspann auf Stroh den Rausch besänftigt, aufbrechen wollten, fehlte ihnen das Pferd. Nun, sie waren kräftig und beschlossen, den Wagen abwechselnd 300 m zu kutschieren und zu ziehen. Sie kamen Denzin über die Belgard-Grüssower Chaussee und dem Anschluß näher, und natürlich wollte jeder der beiden als Kutscher, nicht als Pferd, ins Dorf einfahren. M. konnte G. um 100 Schritte übertölpeln, und so kutschierte M. mit G. im Gespann, die Peitsche knallend, zum Gelächter der Denziner im Laufschritt ins Dorf. G. hatte diesmal das Nachsehen. Gewonnen indes hatten beide insofern, als sie ihre Stellung als Originale ein weiteres Mal in vornehmer Weise bestätigten. Und ganz selbstverständlich sann G. auf Revanche!


[700 Jahre Stadt Belgard an der Persante, S. 358-368]