Das Kreishaus Belgard vor 100 Jahren, 1905/06 erbaut

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Das Kreishaus in Belgard, von Landesbaurat Drews - Stettin entworfen und von Architekt Kettner - Stettin gebaut, ist wohl eines der schönsten pommerschen Verwaltungsgebäude, die nach der Jahrhundertwende errichtet wurden. Der Kreis Belgard begann mit dem Bau 1905 und konnte das Kreishaus bereits 1906 seiner Bestimmung übergeben. Es ist ein zweckmäßiger und zugleich repräsentativer Bau und Ausdruck wirtschaftlichen Wohlstandes des Kreises um die Jahrhundertwende. Noch heute ist das Verwaltungsgebäude ein Schmuckstück Belgards. Beachtlich für jene Zeit, daß der Kreis Belgard, als er (nur) aus dem Altkreis, dem früheren Belgard-Polzin'schen Kreis, bestand, so großzügig baute; denn er konnte damals nicht ahnen, daß ihm 1932 der Altkreis Schivelbein angegliedert würde.

Die Zuckerseite des Kreishauses ist die dreigegliederte Vorderseite des Baues zur Hindenburgstraße. An der Ecke Hindenburg- / Luisenstraße war die Behörde "Kreisausschuß" als Selbstverwaltung und auf der anderen Seite die Behörde "Landrat" als staatliche Auftragsverwaltung untergebracht; der Landrat stand in Personalunion beiden Behörden vor; er war Chef der Gesamtverwaltung und Vorsitzender des Kreisausschusses; auch die Personal- und Wirtschaftsführung waren einheitlich, lediglich die Kassen wurden bis 1933 getrennt verwaltet. Der kleine Mittelbau der Vorderfront ist zurückversetzt und verbindet die beiden Behördenfassaden zu einer dreigliedrigen Ansicht.

Wir verfügen über keine Bauzeichnungen, können damit auch die Zahl, Art und Größe der Räume nicht nennen. Größter und repräsentativer Innenraum ist zweifellos der in weißem Gips gewölbte Saal, der zur Gartenseite (Rückseite) fünf bunte Bogenfenster hat, geschmückt mit den Wappen der Adelsgeschlechter des Kreises Belgard. Ein zwölfarmiger Kristallkronleuchter mit passenden Wandleuchten an der 1,5 m hohen Holztäfelung schmückte den Saal zusätzlich. Auch der glänzende Parkettfußboden und die dunkeleichenen grünbefilzten Tische und das dazu passende Gestühl vermittelten einen erhabenen Eindruck.

Paul Scheiwe, der in der Kreisverwaltung lernte, als das Kreishaus eingeweiht wurde (später diente er ihr als Stadtsekretär), berichtet in der Pommerschen Zeitung vom 30. Dezember 1961 / Seite 10 unter dem Titel


Als das Kreishaus eingeweiht wurde
Was die Lehrlinge der Kreisverwaltung dabei zu tun hatten

"Die Einweihung im Jahre 1906, zu der viele Prominente aus Stadt, Kreis und Provinz geladen waren, war ein großer Tag. Die Einladungs-Adressen wurden von Angestellten und Lehrlingen der Kreisverwaltung, die sich durch eine schöne Handschrift auszeichneten, nach Diktat des hohen Chefs der Kreisbehörde, Landrat von Kleist-Retzow, geschrieben. Bei all den großen Namen, die manchmal etwas schwierig zu schreiben waren, wie Itzenplitz, Köckeritz und Zitzewitz, konnte es nicht ausbleiben, daß die jungen, unerfahrenen Schreiber aufgeregt wurden und hilfesuchend um sich schauten, ob es nun ein Wohlgeboren, Hochwohlgeboren, ein Hochgeboren, oder ein Graf oder eine Exzellenz war, was man ihnen manchmal etwas zu schnell diktiert hatte. Da geschah es, daß im Eifer des Gefechts ein Tintenfaß umgeworfen wurde, und der Inhalt ergoß sich über die vornehmen und abgezählten Einladungskarten. Das war ein großes Malheur. Denn nun war ein beträchtlicher Teil der Karten verdorben und in aller Eile mußten neue bei der Fürstentümer Zeitung in Köslin bestellt werden. Es war kein Wunder (damals), daß der Herr Chef seinen Lehrlingen einige Ohrfeigen verabreichte. Aber dafür hielten sie sich schadlos....

Zur Einweihung und zu besonderen Anlässen wehten auf dem Kreishaus die altdeutsche Reichsfahne schwarz-weiß-rot, vom Dache des Landratsgebäudes die Preußenfahne schwarz-weiß und vom Verwaltungsgebäude (Kreisausschuß) die Pommernfahne blau-weiß mit rotem Greif.

Das Festessen fand im großen Saal mit dem von Balduin Schultze - Stettin hergestellten hohen Bogenfenstern statt, u. a. von Braunschweig, von Kleist, von Manteufel, von Oppenfeld, von Werder, von Wulfscrona. Es wurden viele Reden gehalten und viele Hochrufe ausgebracht auf den Kaiser und König, so vom Oberpräsidenten Freiherr von Maltzahn-Gülz, Landeshauptmann von Eisenhardt-Rothe und Regierungspräsident Graf Schwerin. Das Essen war ausgezeichnet von der Schildkrötensuppe am Anfang bis zum Fürst-Pückler-Eis am Ende. Noch besser die Getränke, und die Kapelle der Reitenden Abteilung des Artillerie Regts. 2 unter der Leitung von Max Schäbitz sorgte dafür, daß bald eine forsche, fröhliche Stimmung herrschte.

Die Lehrlinge hatten dabei im Festsaal natürlich nichts zu tun, aber sie mußten im Keller des Kreishauses die leeren Flaschen sortieren (nach Mosel, Rheinwein, Rotwein und Sekt) und dann in Kisten packen, auf daß sie gleich ordnungsgemäß zurückgeschickt werden konnten, denn im Keller eines Kreishauses hatten ja leere Flaschen nichts zu suchen. Bei dieser Tätigkeit stellten die jungen Leute fest, daß manche Flaschen noch ganz ansehnliche Reste enthielten. Auch die trinkfestesten Leute schienen ihre Flaschen nicht ganz geleert zu haben, und sonderbar - je länger das Fest dauerte, desto häufiger landete eine Flasche im tiefen Keller, die fast noch halb voll war. Natürlich durften die Lehrlinge nur leere Flaschen verpacken. Wein und Sekt stieg ihnen zu Kopf. Auch im Keller wurde es lustig, aber schließlich wurden sie von der vielen Arbeit müde.

Das Kreishaus diente bisher vier Zeitepochen: der Monarchie bis November 1918, der Ersten Republik bis 1933, dem Dritten Reich bis 1945 und nun dies!"


[Dai Schulteknüppel Nr. 50, S. 49-51]