| König Friedrich Wilhelm IV. besuchte Belgard
vor 150 Jahren am 28. August 1852 und hob damit den Männergesangverein,
die Liedertafel Belgard von 1852 e.V., aus der Taufe Von |
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| Lehrer und Kantor Ferdinand Podewils war Dirigent
der Liedertafel seit ihrer Gründung 1852 bis 1865 und in den ersten
Jahren auch ihr Vorsitzender. Es war der Liedertafel Ehrenpflicht, das Grab
ihres Gründungsdirigenten auf dem (alten) Eisenbahnfriedhof zu pflegen
(bis 1945). Die schon 1847 bestehende Vereinigung von Sängern ging in den bewegten Zeiten von 1848 unter. Vier Jahre später bildete sich abermals ein Gesangverein aus Anlaß des bevorstehenden Besuchs des Preußischen Königs, dem Ersten Pommerschen Königsfest in Belgard. Am 6. Juni 1852 wurde die Stadt von einer großen Feuersbrunst heimgesucht, die Die Liedertafel sollte sich zeit ihres Bestehens als ein lebenskräftiger Verein erweisen. Mit 29 Mitgliedern begonnen, hatte sie in ihrer Blütezeit mit den Ehrenvorsitzenden und -mitgliedern und den passiven Mitgliedern mehr als 200 Mitglieder. Der 28. August wurde als Stiftungstag des Vereins alljährlich mit einem Stiftungsfest gefeiert. Das erste Stiftungsfest feierte der Verein - nun schon mit 63 Mitgliedern - mit einem Festessen für 7 Silbergroschen Das 25. Stiftungsfest der Liedertafel fiel zusammen mit dem Die Feier anläßlich des 50. Stiftungsjahrs am 28. und 29. Juni 1902 war ein besonders glanzvolles Fest der Liedertafel, und daß der Sängerbund bis auf vier Vereine vollständig vertreten war, machte es zu einem Bundessängerfest. Die Stadt war festlich gekleidet, in den Hauptstraßen prangte fast jedes Haus im Schmuck Girlanden von Eichenlaub und Tannengrün zogen sich über die Straßen; hier sah man Kränze, dort Kronen, hier eine Lyra mit der Zahl 50, dort einen anderen herzlichen Willkommensgruß. Das Programm begann mit einem Festkommers. Die Frauen stifteten ein goldgesticktes Fahnenband; ein zweites Fahnenband schenkte der krankheitshalber verhinderter Sangesbruder Varchmin. An den Festgottesdienst in der Marienkirche schloß sich der Festakt auf dem Marktplatz an. Der Bundesvorsitzende, Bürgermeister Sachse aus Belgard, überreichte ein blaues goldgesticktes Fahnenband und als Geschenk der vier Kösliner Vereine ein Gedenkblatt. 15 Fahnennägel wurden dem Jubilar dargebracht. Nach dem Festessen fand ein Gartenkonzert statt. Die Festschrift brachte als Festgruß einen poetischen Erguß der Handarbeitslehrerin Julie Ludwig. Als dichterisch begabt, humorvoll und allen edlen Bestrebungen geöffnet, widmete sie der Liedertafel ein Gedicht, hier die Verse 3 und 4: Im sanften Säuseln wie im Sturmgebraus / hat Sangeszauber jedes Herz bezwungen. / Ja, wo man singt, da ist man gleich zu Haus, / da fühlt man sich von Liebe ganz durchdrungen. // Nicht Niedres und Gemeines darf ihm nahn, / es will gepflegt sein stets mit zarten Händen. / O deutsches Volk, es ist kein leerer Wahn, / in deinen Liedern kannst du dich vollenden. Auch die Jahre von 1903 bis 1913, in der Claus Klemz die Liedertafel leitete, waren eine schöne Zeit. Die Mitgliederzahl stieg auf über 200. Unter den üblichen Festen und Begegnungen des Jahres fanden namentlich die Fastnachtsfeste ungeteilte Anerkennung und großen Zuspruch. So erinnere er sich (so Klemz) an das Kostüm-(Ernte)-Fest am 28. Februar 1911 mit dem Singspiel Die Leibspeis, Bauernquadrille, Schnitterinnenreigen, Froschkantate und Bauernlümmeltanz. Am 28. und 29. Juni 1913 feierte der Sängerbund das 26. Bundesfest wieder in Belgard. Anfang November jeden Jahres hielt die Liedertafel ihre Jahreshauptversammlung ab. Diese und der Gesellschaftsball mit den gesanglichen Darbietungen am Fastnachtsdienstag bildeten die Höhepunkte der Liedertafel. Für diesen Tag beschlich den Vereinswirt die heimliche Sorge, die Oberteile für mindestens 120 Schweinefüße aufzutreiben; denn im Anschluß an die Jahreshauptversammlung gab es Eisbein mit Erbspüree und Sauerkraut und als Mundwasser einen zweistöckigen Richtenberger. Dieses Herrenmahl spendete die Vereinskasse ihren damals 84 aktiven Sängern, einiger Prominenz, den Ehrenmitgliedern und Inaktiven. Am Die Vorsitzenden und Dirigenten, die sich um die Liedertafel und die Kultur in unserer Heimatstadt verdient machten, sollen hier in ehrendem Gedenken genannt werden: Die Vorsitzenden: Lehrer Podewils, Lehrer Hellwig, Lehrer Frost, Kreisrichter Hildebrandt, Sekretär Bernhard, Apotheker Fuchs, Kreisrichter Dedolph, Oberlehrer Dr. Conradt, Gymnasiallehrer Klewe, Dr. Ratzlaff, Konrektor Schmurr, Schornsteinfegermeister A. Hoppe, Brauereibesitzer G. Kittelmann, Studienrat H. Heeger. Die Dirigenten: Lehrer Podewils, Musikdirektor Winkelmann, Gymnasiallehrer Schröder, Kantor Podewils, Apotheker Fuchs, Kantor Riemer, Lehrer Böttcher, Gymnasiallehrer Zimmermann, Lehrer F. Winkel, Lehrer Das erste Gesanglokal war Enghardts Gasthof (1852 - 1870); er hieß später Deutsches Haus von J. Prinz; dann war Faucks Restaurant das Gesanglokal, einst das feinste Lokal der Stadt; später hieß es An der Blauen Donau. Dann sang die Liedertafel in Butzkes Restaurant, Wilhelmstraße, und entschied sich 1882 für das Kamecke'sche Lokal. 1889 konnte Butzke die Sänger wieder gewinnen, doch wählte bereits 1900 die Mehrheit der Sänger E. Falks Gesellschaftshaus zum Sängerheim, wo sie dann auch - wegen der günstigen Voraussetzungen u. a. dem angeschlossenen großen Saalbetrieb - blieben. Nicht nur E. Falk war ein liebenswürdiger Sängerwirt, auch sein Schwiegersohn und Nachfolger Ernst Wolter wußte zu schätzen, was er an und mit den Sängern hatte. Erst ab 1898 standen die Lokale unentgeltlich zur Verfügung, Falks Gesellschaftshaus spendierte darüber hinaus das Festessen zur Jahreshauptversammlung kostenlos. Nur bruchstückhaft ist hier aus der Lebensgeschichte der Liedertafel erzählt. Als künstlerischer Höhepunkt sind auch die Veranstaltungen zu Ehren des Tonschöpfers Kreutzer, Mozart, Fr. Mendelssohn Bartholdy, Silcher, Zöllner, Radecke und Kücken zu nennen; der Staatsmänner Bismarck und Friedrich des Großen; auch der 100. Todestag der Königin Luise wurde durch ein Festspiel für gemischten Chor würdevoll gefeiert. Ein Sänger soll noch erwähnt werden: Brauereibesitzer und langjähriger Vorsitzender der Liedertafel Gotthelf Kittelmann. Kittelmann war schon in Polzin und Pollnow den Gesangvereinen treu und aktiv verbunden gewesen. Als er 1882 nach Belgard ging, gab die Liedertafel Pollnow eine Abschiedsfeier. Seine Wertschätzung in Pollnow kam auch darin zum Ausdruck, daß ihm die Damen eine Fahne stickten und überreichten. Wurde er schon zu seinem 70. Geburtstag 1923 zum Ehrenvorsitzenden ernannt, so ehrte ihn die Liedertafel zu seinem 75. Geburtstag mit einer großen Feier, zu der aus alter Verbundenheit auch die Männergesangvereine von Pollnow, Polzin, Körlin und Köslin und die befreundeten Vereine Belgards erschienen. (Kittelmann wurde um die Jahrhundertwende Brauereibesitzer in Belgard und brachte in seiner in der Kämpenstraße gelegenen Bierbrauerei als Verehrer Bismarcks ein vorzügliches Kanzlerbräu heraus. Und so begann die Liedertafel nicht selten mit einem Glas Bier stets auf das Wohl des Vorsitzenden und späteren Ehrenvorsitzenden Vater Kittelmann, Bier, das er in einem Fäßle spendiert hatte.) Abschließend (gerafft) ein Stimmungsbild aus der Belgarder Zeitung vom Dieser bruchstückhafte Vortrag aus dem Vereinsleben der Liedertafel atmet Geschichte, ungeahnte Lebensfreude und Glückseligkeit unserer Eltern- und Vorelterngeneration. Wir Pommern waren nicht das Ende der Welt, wir waren ein arbeitsames, christliches, kulturliebendes Völkchen, dessen Wirken und Schaffen mich immer wieder fasziniert und in bezug auf die heutige Leere des Puschenkinos nachdenklich stimmt. Dabei war die Liefertafel ja (nur erst) ein Verein der Lied- und Kulturpflege; Belgard hatte weitere Gesangvereine, und man bedenke einen Konzert- und Theaterverein mit über 1000 Mitgliedern. Die meisten der ungefähr 100 Belgarder Vereine waren immer auch zugleich kulturpflegend. Welches kulturliebendes Belgard! Sie hätte das Prädikat Stadt der Kultur verdient gehabt! Literatur: 1. Klemz, Carl: 75 Jahre Belgarder Liedertafel. In: Aus dem Lande Belgrad, 2. Gauger: Ein Sängerverein. In: Aus dem Lande Belgrad, 7. J., S. 86. 3. Belgarder Zeitung vom 18.2.1931 4. Ausschnitte aus den Schulze-Briefen Die Zeitungsausschnitte stellte freundlicherweise Frau Barbara Haverland zur Verfügung. [Dai Schulteknüppel Nr. 46, S. 29-32] |
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