Meine Heimatstadt Belgard

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Die Kreisstadt Belgard a.d. Persante liegt am Schnittpunkt des 16. Längengrades mit dem 54. Breitengrad. Hier kam ich 1926 als 4. Kind der Familie zur Welt. Meine Eltern sind Max Dumjahn und Ehefrau Gertrud geb. Krüger, die beide in Greifenberg / Rega aufwuchsen. Im Jahr vor meiner Geburt hatte mein Vater am Gymnasium der Persantestadt seinen Dienst angetreten. So waren meine älteren Geschwister nicht in diesem Ort in Hinterpommern geboren worden. Mir wurde später erzählt, dass das Wasser zu meiner Haustaufe aus der Persante geholt worden ist. Ob es dieses Taufwasser ist, das mich so sehr an meine Heimatstadt bindet?

Als ich 2 Jahre alt war, zogen die Eltern mit ihrem 6-jährigen Sohn, den 4 Jahre alten Zwillingsmädchen und mir zur Belgarder Kleiststraße 27, der früheren Ackerstraße, ins eigene Haus. Dahinter lag ein großer Garten mit reichlich Platz für uns Kinder. Aber schon bald nahmen mich die Geschwister gerne mit um die Ecke zum Amtsdamm. Von der Kleiststraße bis an den Amtsberg hinan wuchsen hier zu beiden Seiten große Kastanienbäume. Links standen dazwischen einige Bänke, und seitlich neben den Bäumen gab es auch noch freien Raum. So ließ es sich mit Nachbarskindern hier herrlich spielen und toben. Ein Freund meines Bruders nahm mich auch einige Häuser weiter mit zu seiner kleinen Schwester. Dieses Haus, Kleiststraße 17, zu dem von 2 Seiten Steintreppen hinaufführten, machte auf mich immer wieder großen Eindruck, denn vor gar nicht langer Zeit war es eine richtige Schule gewesen. Hier hatte mein Bruder 1928 seine erste Schulzeit erlebt. Inzwischen ging er nun zur neuerrichteten Hindenburgschule und hatte bis zur Pankniner Straße einen weiten Weg. Zu dieser Zeit bedeutete der Straßenverkehr in Belgard keine große Gefahr für Kinder. Auf dem Straßenpflaster waren die Pferdefuhrwerke weithin zu hören und ebenso auch das Rattern und Knattern der wenigen Autos, die zudem damals noch langsam fuhren. So ließen mich die Eltern unbesorgt - zunächst mit den Zwillingen, später dann alleine - zum Gemeindehaus an der Luisenstraße gehen. Dort wurde die Spielschule - heute Kindergarten - von Diakonissen geleitet. Gerne denke ich an das Basteln, Singen sowie an viele Kreis- und Bewegungsspiele mit Schwester Margarete und ihrer Helferin zurück.

Auch die Weihnachtsfeiern hinten im großen Saal sind unvergessen. Dabei saßen Erwachsene mit uns Kindern an langen festlich gedeckten Kaffeetafeln. Nach dem Festschmaus wurden das Krippenspiel aufgeführt, Gedichte vorgetragen und Geschichten vorgelesen oder erzählt. Auch wir Kinder hatten unsere Aufgaben und Auftritte oben auf der Bühne. Viele Weihnachtslieder umrahmten diese Feststunden; einige davon klingen noch heute in mir nach. Sonntags gingen wir 4 Geschwister zum Kindergottesdienst. Mit meinen Schwestern gehörte ich zur Mädchengruppe, die in der Marienkirche rechts im ersten Bogen der Empore zum Altar hin ihre Plätze hatte. Unser Bruder saß zwischen den Jungen auf der linken Emporenseite uns gegenüber. Von den Pastoren, die den Gottesdienst leiteten, sehe ich Pastor Wendt und Pastor Bartholomäus in Gedanken noch jetzt vor dem hohen Altarbild.

Einmal im Jahr wanderten wir in einem langen Zug hinaus zur Klarstiftung an der Körliner Chaussee. Mit Pastoren und Helfern wurde dort das Johannisfest gefeiert. Das war ein Tag, auf den wir uns schon lange freuten. Dass die beiden großen von sehr schönen Anlagen umgebenen Gebäude mit einer angebauten Kapelle Sozialeinrichtungen der Kirchengemeinde waren, wurde mir erst später bewusst. Um die Jahrhundertwende hatte sich der Superintendent Dr. Otto Emil Klar für deren Bau eingesetzt. Als Johannishaus und Ernst-Flos-Hof standen beide weit über Belgard hinaus in sehr gutem Ruf. An kirchlichen Festtagen hörten auch wir Kinder im Hauptgottesdienst den vollen Klang des Kirchenchores, der vom Kantor Albrecht Reichelt geleitet wurde. Dessen ausgezeichnetes Orgelspiel und der gut geführte Chor waren allgemein bekannt und wurden geschätzt, so dass zu Orgelkonzerten und Chorgesang nicht nur Belgarder unsere Marienkirche besuchten.

Zu Ostern 1932 begann meine Schulzeit in der Mädchenschule an der Kirchstraße. Die Aufteilung in Parallelklassen erfolgte alphabetisch. Darum fingen in unserer Klasse alle Nachnamen mit Buchstaben von A bis H an. In Belgard kam u.a. der Name Hackbarth häufiger vor. So gehörten zwei Mädchen zu uns, die Anneliese Hackbarth hießen. Schnell setzte Klassenlehrer Frenz eine 1 zum Namen des einen und teilte dem anderen eine 2 zu. Diese Zahlen haben sich so mit den Namen der Mädchen verbunden, dass es meines Wissens nie Verwechslungen gegeben hat. Meine neue Schulfreundin wohnte in dem Haus, dass schräge zur Ecke Bahnhofstraße - Hindenburgstraße steht. Was ich dort erleben konnte, ließ mich immer wieder staunen: weil der Vater Bezirksschornsteinfeger war, kamen dort nach der Arbeit "Schwarze Männer" in den Hof. Diese Zeit sehnte ich immer sehr herbei. So wie ich Schornsteinfeger kannte, suchten sie hinter dem Haus mir fremde Räume auf. Nach etlicher Zeit erschienen aber immer "ganz normale" Männer im Hof und gingen fort! Recht lange hat es gedauert, bis mir dieses Verwandlungswunder keines mehr war. Doch jeder Schornsteinfeger erinnert mich bis heute an den Belgarder "Wunderhof".

Es gibt auch ein Lied, das mich beim Hören sofort an meine erste Schulzeit zurückführt. Inzwischen weiß ich, dass es auch anderen Belgarder Mädchen von einst so geht: Wir sehen uns zu dritt nebeneinander in blauen ganzteiligen Turnanzügen über die Kirchstraße und Leitznitzbrücke zum Sportplatz am Gymnasium gehen. An beiden Seiten fassen wir die nach außen gekehrten Hosentaschen, die seitlich eingesetzt sind, mit den Händen. Unsere Sportlehrerin "Schwippi" Kapitzke hat nach dem Verlassen des Schulhofes zum Singen aufgefordert. Laut klingt auf Straße und Leitznitzbrücke: "Es zogen auf sonnigen Wegen drei lachende Mädchen vorbei. Sie schwenkten die Röcke verwegen und sangen so lustig, die drei. Juwiwalleralla - ralla - ralla - la - a." Dazu schwenken wir die Hosentaschen vor und zurück und singen weiter, bis wir auf dem Sportplatz angekommen sind. Und das wiederholt sich genau so jedes Mal, wenn eine Klasse dieser Schule mit Turnlehrerin Kapitzke zum Sportplatz geht! Untrennbar ist diese Leitznitzbrücke mit "Schwippi" und ihrem Lied verbunden.

1934 gab es zu Hause ein aufregendes Erlebnis: Zu uns 4 Schulkindern war nachts ein kleines Schwesterchen ins Haus gekommen, das morgens gar nicht genug beguckt werden konnte. So brachte ich dann gleich aus der Schule ein Mädel mit ans Babykörbchen, das mit mir die lebendige Puppe anhaltend bestaunte. - Auch weiterhin beschäftigten wir uns gerne mit dem Baby und späteren Kleinkind. Nach Siedkow zu waren Anfang der dreißiger Jahre vor der Stadt viel genutzte Sportstätten entstanden. Neben einer großen Kampfbahn mit umlaufenden Tribünen lag ein kleinerer Sportplatz. Ein Freibad, nahe der Leitznitz, mit einer 100m-Bahn, einem Sprungturm und einem Kinderbecken gehörte ebenso zur Anlage wie eine Eisbahn. Dazwischen lud ein gut gepflegter Steingarten rund um eine hohe Skulptur von Joachim Utech, mit dem Titel "Frühling und Herbst", zum Verweilen ein.

Unser "Väti" hatte uns zeitig das Schwimmen gelehrt. So nutzte auch ich die Jahreskarte für das Freibad immer tüchtig aus. Mit den großen Schwestern oder anderen Begleiterinnen wanderte ich gerne von der Wilhelmstraße aus den Poetensteig an der Leitznitz entlang zur Badeanstalt. Auf dem Rückweg füllte ich oft ein Einkaufsnetz mit Löwenzahn, der hier an der baumbestandenen Promenade - seitlich zu den Wiesen hin - so üppig wuchs. Denn das Grünfutterholen für viele Angorakaninchen, die bei uns neben Hühnern und Tauben gehalten wurden, gehörte zu den Aufgaben für uns Kinder. Unsere Eltern führten ein sehr offenes Haus. Sie selbst hatten Freunde, Verwandte und Bekannte, zu denen sie gemeinsam oder einzeln gingen, oder die zu uns ins Haus kamen. Auch uns Kindern war das Mitbringen von Freunden oder Bekannten und unser Besuch bei ihnen immer erlaubt. Im Rückblick weiß ich, dass ich durch diese Freiheit besonders viel von, in und um Belgard wahrnehmen konnte.

Nach 2 Schuljahren bei Lehrer Frenz und je einem Jahr bei den Lehrerinnen Borghardt und Beermann war ich inzwischen zum Lyzeum gewechselt. Hier gehörten außer einigen vertrauten Mitschülerinnen auch Mädel der früheren Parallelklassen und Fahrschülerinnen aus verschiedenen Orten des Belgarder Umlandes zur Klassengemeinschaft. Unser Schulleiter war Dr. Hermann Claus. Von ihm wusste ich durch die Zwillinge, dass er mit dem Heimatmuseum in enger Verbindung stand, das gerade in oberen Räumen des Alten Rathauses eingerichtet worden war. Unter seiner Anleitung hatten die Schwestern 1935 beim Umzug aus der früheren Wachstube im Hohen Tor unempfindliche Gegenstände im Handwagen befördern und die Treppe hier hinauftragen dürfen. Inzwischen war nun wieder alles wohlgeordnet worden. Stolz auf ihr damaliges Mithelfen nahmen mich die Schwestern mit in das Alte Rathaus. In Schaukästen, Vitrinen, an Wänden, in Regalen, hängend und freistehend gab es hier so viel anzusehen, dass es für mich nicht bei einem Besuch bleiben konnte. Studienrat "Püppchen" Schultze trafen wir meistens am Sonntagvormittag an und wir freuten uns über seine Geduld, mit der er uns die zusammengetragenen Schätze erklärte und von den Zeiten sprach, denen sie jeweils zugeordnet werden konnten. Auch jetzt gab es bei Grabungen an verschiedenen Orten im Kreis Belgard immer noch wertvolle Funde zu bergen. So war z.B. in Denzin 1936/37 ein Gräberfeld aus dem 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. entdeckt worden. Rektor i. R. Carl Klemz, Stud.-Dir. Dr. Hermann Claus und Stud.-Rat Schultze setzten sich gemeinsam für alle Belange des Museums ein. Sie veranlassten, dass auch in Denzin in mühevoller Feinarbeit ein ganzes Skelett geborgen und präpariert werden konnte. Mit allen Beigaben wurde es später in einem großen Holzkasten mit Glasdeckel im Sandbett liegend hier ins Museum gebracht. Ein Einbaum aus der Zeit, als die Persante ein wichtiger Handelsweg gewesen ist, gehörte ebenfalls zu den Ausstellungsstücken, die vielen Platz benötigten. Durch Urnen- und Schalenscherben, Schmuck- und Werkzeugteile, Münzen, Waffen- und Kleidungsreste u.a. konnten wir bei unseren Besuchen Einblicke in verschiedene Kulturepochen im Kreis Belgard gewinnen.

Im Sommer 1937 vergrößerte sich unsere Familie noch einmal durch ein kleines Mädchen. Auch dieses Schwesterchen nahmen wir "Großen" schon bald im Wagen, in der Sportkarre, oder auch beide Kleinen - warm eingepackt auf dem Schlitten - auf unseren Wegen mit. Solange sie zuhören mochten, gab ich später mein Wissen von Belgard weiter. Sie hörten, warum die Treppe neben unserem nahen Rodelberg den Namen Hexentreppe hatte und bekamen die zugemauerte Amtspforte in der Stadtmauer daneben gezeigt und erklärt. Oben an der Dienerstraße freuten wir uns am lauten Ausruf der Fischverkäuferinnen und an ihren Gesten. Doch an sehr warmen Tagen hielten wir uns manchmal die Nasen zu und beeilten uns, auf den Marktplatz zu kommen. Hier beeindruckte immer wieder der hohe Turm der Marienkirche, der schräg gegenüber an der Marktecke seinen Platz hat. Bevor wir uns die Bauten rundum ansahen, besuchten wir den knienden Krieger, der als Denkmal auf einem eckigen Sockel - umgeben von einem kleinen Rasenbeet - mitten auf der großen freien Fläche ruhend, mahnte. Nach unseren Rundgängen wusste die 4 - 5jährige Schwester, dass es außer verschiedenen Geschäftshäusern an unserem Marktplatz 2 Rathäuser, 2 Apotheken, 2 große Hotels und eine Sparkasse gab. Bevor wir uns den goldenen Engel über der Türe der Marienkirche ansahen, begrüßten wir den ins Pflaster des Bürgersteigs eingelegten Greif vor den flachen Stufen, die ins neue Rathaus führen. Meinen kleinen Schwestern zeigte ich das große Kirchenschiff, das Hohe Tor mit dem im Durchgang hängenden Steigbügel, gerne auch unsere Schulen und immer wieder den Leitznitzbach. Im Mükepark war meist Rast. Jetzt wurde, am liebsten von der Brücke über dem Karpfenteich aus, den Enten und Fischen im Wasser zugeguckt. Natürlich mussten wir auch immer wieder das weiße Haus mit flachem Dach und dem offenen Balkon ansehen, das so ganz anders gebaut war als alle anderen Häuser in Belgard. Das Ehepaar Utech und dessen Tochter, die darin wohnten, kannte ich durch unsere Eltern schon lange. Nun war der Studienrat Utech mein Lehrer im Fach Kunsterziehung. Die Bedeutung und Größe des Künstlers und Granitbildhauers Joachim Utech, von dem u.a. schon Werke auf der Biennale 1936 in Venedig Aufsehen erregt und Anerkennung gefunden hatten, war mir damals aber noch nicht klar. Auf dem Heimweg durch den Mühlengang, an der Leitznitz der Heerstraße zu, hörten wir manchmal laute Musik. Dann übte in dem freistehenden Haus vor der hohen Schlossmühle die Kapelle Klemz für einen ihrer vielen Auftritte. Kapellmeister Ernst Klemz bildete hier auch Musiker aus, die bei viel besuchten Konzerten am Sonntagmorgen auf dem Markt oder am Mükepark ihr Können beweisen konnten.

Am Maifeiertag und Schützenfest gesellte ich mich zu Gleichaltrigen. Beide Ereignisse erlebten wir in unserm weitläufigen Stadtholz, das im Nordwesten hinter der Gabelung der Bahnstrecken nach Kolberg und Köslin gelegen ist. Am 1. Mai war der prächtig geschmückte Wagen mit der neu gekürten Maikönigin die Hauptattraktion des bunten Festumzuges. In festlich-weißem Gewand saß sie inmitten ihrer kleinen blumenbekränzten Maijungfern. Mit lautem Spiel schritt vor ihnen die Musikkapelle Klemz vom Marktplatz durch die Innenstadt, Friedrich- und Hindenburgstraße zu den Festplätzen im Stadtholz. Gliederungen der verschiedenen Zünfte folgten dem farbenfrohen Wagen. Den Gruppen vorangetragene Zeichen gaben Auskunft über das jeweilige Handwerk. Auch Glieder anderer Berufszweige gingen mit im Maiumzug. An der Gaststätte des Schützenhofes, auf dem Sportplatz, vor der Sängerhalle und überall im weiten Stadtholzgelände herrschte bald buntes Treiben. Spiele, Wettkämpfe, Konzerte und Darbietungen verschiedenster Art sorgten außer Sprengers Kinderkarussell und Hugo Klaukes Eisbude für Unterhaltung und Vergnügen der alten und jungen Belgarder. Die Maikönigin mit ihren fröhlichen Begleiterinnen schien an diesem Tag überall dabei zu sein. Mit Tanz im Schützenhaussaal klang der Maitag, wie auch das Schützenfest,erst am frühen Morgen aus. In Belgard ist die Schützengesellschaft seit 1553 bekannt. Nun wurde das Schützenfest jeweils am 2. Pfingsttag gefeiert. Zum Vortag waren traditionsgemäß die Häuser unserer Stadt mit Birkengrün und Kalmus geschmückt. Die Musikkapelle Klemz marschierte auch jetzt mit lautem Spiel dem Festzug auf gleichem Weg wie am 1. Mai voran. Ihr folgte, ausgezeichnet mit der Schützenkette, der Schützenkönig des Vorjahres. Die Kolonne der Schützen folgte, viele von ihnen ordengeschmückt. Wir Mädchen begleiteten auch diesen Zug. Mit vielen Belgardern warteten wir dann im Stadtholz darauf, wer in diesem Jahr Sieger beim Schießen im Schießstand werden würde. Endlich brach der Jubel los. Dann wurde der formelle Wechsel der Würdezeichen aufmerksam beobachtet und am Ende des Festaktes laut in die Hochrufe eingestimmt. Danach nahm wieder jeder an dem ihm gebotenen Vergnügen teil. Als spezielles Kinderfest schloss sich am 3. Pfingsttag, ebenfalls im Stadtholz ausgerichtet, der "Blumentag" an. Ihn gestalteten vor allem die Väter, die ihn nach dem 1. Weltkrieg in Belgard eingeführt hatten. Durch die Festtage im Stadtholz war mir und meinen Freundinnen der Weg dorthin vertraut geworden. Gerne sahen wir den Spielern auf den Tennisplätzen zu, bummelten auf dem Waldweg fast bis Lülfitz oder gingen über die gewölbte Holzbrücke zur Bank auf der kleinen, baumbewachsenen "Liebesinsel" im Teich hinter dem Sportplatz. Im Frühling brachten wir dicke Anemonensträuße aus dem Stadtholz mit ins Haus.

Zuweilen gingen wir Mädel von der Kleiststraße aus am Leitznitzbach an neu gebauten Häusern entlang zur Brücke an der Georgenstraße. Wir wollten nicht zur Stadt, deshalb bogen wir nach links in die Georgenstraße ein. Nachdem wir Kleinbahn- und Reichsbahnschienen überquert hatten, waren wir schnell auf der Persantebrücke. Hier sahen wir nun deutlich, warum es Belgard "an der Persante" heißt, denn das jenseitige Ufer gehörte schon zum Ort Vorwerk. Gleich das erste Haus auf der rechten Seite hinter der Brücke war die Schule in Vorwerk. Vom Hörensagen wussten wir, dass das Nachbargebäude, das beliebte "Persanteschlösschen", mit Kegelbahn und Versammlungsräumen oft auch Belgarder nach Vorwerk lockte. Wir blieben auf der linken Brückenseite stehen und sahen runter auf die Persante, deren Wasser uns von Süden her entgegenkam. In Sichtweite hatte sie den Durchlass im Kleinbahndamm, auf dem Züge in Richtung Rarfin fuhren, durchflossen. Die mehrbogige Brücke überspannte neben der Persante auch Gleise der Reichsbahn nach Neustettin und weitere Schienenstränge. Damit er die notwendige Höhe bekam, stieg der Damm - links von uns beginnend - in weitem Bogen bis zu dem Bauwerk an, das sich sehr gut in die ebene Wiesenlandschaft einfügte. Mit den Fahrplänen in Händen warteten wir auf Züge, die entweder auf dem Kleinbahndamm über die Persante oder als Normalspurbahn neben ihr herfahren mussten. Langeweile hatten wir nicht, denn in unserem Blickfeld lag links gleich hinter dem Bahndamm der Amtsberg mit seinen Gebäuden vor der Innenstadt und weiter hinten sahen wir den Wasserturm. Da gab es zwischendurch viel zu beobachten. Auf dem Heimweg gingen wir meist von der Leitznitz aus den Amtsdamm entlang, an dem neben dem Berg nun einige Baustellen lagen.

Einmal entdeckte ich den Poststempel "Belgarder Hausfrauen kochen elektrisch". Dazu erfuhr ich dann, dass die Gasanstalt links an der Straße nahe dem Stadtholz gelegen, einst viele Betriebe und Häuser mit Gas beliefert hatte. 1910 war zwischen den Bahngleisen nach Stettin und denen nach Neustettin, westlich der Altstadt, an der Persante ein Dampfkraftwerk zur Erzeugung von elektrischem Strom errichtet worden. Diese sogenannte Überlandzentrale versorgte nun mehrere ganze Kreise in Mittelhinterpommern mit Elektrizität. Als das Gaswerk später abgebaut werden sollte, gab es in der Stadt eine große Umtauschaktion: Jeder gasversorgte Haushalt erhielt kostenlos einen Elektroherd mit gleicher Kochstellenanzahl wie zuvor. Natürlich durfte der neue Herd auch größer oder kleiner gewünscht werden; dann wurde zugezahlt oder rückvergütet. Selbst die Anschlüsse gab es in diesen Häusern umsonst. Diese Aktion lief etwa im Jahr 1935. Danach kochten also alle Belgarder Hausfrauen elektrisch. Auch die Betriebe waren auf Elektrizität umgerüstet und das Gaswerk kam fort. Auf einer Wanderung gelangten wir im Sommer 1938 an das erste Unterwasserkraftwerk der Welt. Etwa 6 km westlich von Belgard liegt es unter einem künstlich angelegten Wasserfall der Persante. Im August 1936 war es in Betrieb genommen worden und - so wurde mir im April 1998 in Belgard gesagt - es würde auch jetzt noch Strom liefern.

1938 gab es in Pommern Reformen, die u.a. die amtliche Bezeichnung unserer Stadt und auch uns Schüler betrafen. "Belgard / Pers." hieß von nun an "Belgard i. Pom." Aus dem Gymnasium wurde eine Oberschule für Jungen = O.f.J. und aus dem Lyzeum die Oberschule für Mädchen, hauswirtschaftliche Form = O.f.M.H. Außerdem reduzierte sich die Schulzeit bis zur Reifeprüfung von 13 auf 12 Jahre, und Klassenwechsel und Einschulung fanden nicht mehr Ostern, sondern nach den Sommerferien statt.

In Belgard wohnte als Besitzer im Alten Amt die Familie von Rittmeister a.D. Fritz Mahncke. Diese nahm aus Daber / Kreis Naugard eine Nichte und einen Neffen der Frau Mahncke, geb. Reck, auf, damit sie hier die höheren Schulen besuchen konnten. Meine Schwestern bekamen neue Mitschülerin in ihre Klasse, die dann mit dem jüngeren Bruder zuweilen bei uns war. Auch wir gingen mit ihnen rauf ins Alte Amt und freuten uns, wenn Herr und Frau Mahncke uns von der Geschichte dieses Hauses berichteten. Wir lernten durch sie auch das ganze Gelände um das Gebäude kennen. Am meisten aber beeindruckte mich die Führung durch die Kellergewölbe unter der Wohnung. Solche dicken Natursteinmauern hatte ich bisher noch nicht gesehen. - Für mich sind die Begegnungen und Erzählungen im Alten Amt Anlass gewesen, mich intensiv mit der Bedeutung des Amtsberges in der Geschichte meiner Heimatstadt Belgard zu befassen. An seinem Fuß steht mein Elternhaus; aus meiner Kinder- und Jugendzeit ist er nicht fortzudenken.

Durch Funde ist eine Besiedlung hier um den Amtsberg bis in die Zeit 5000 v. Chr. sicher belegt. Weil die Persante schiffbar war, hatte es zu sehr früher Zeit Handelsverbindungen nach Norden zur Ostsee und auf dieser so genannten "Salzstraße" bis weit in den Süden des heutigen Europa gegeben. Zudem kreuzte hier der wichtige Landweg vom Westen - von der Oder her bis rauf nach Danzig - diese bedeutsame Wirtschaftsverbindung. Als germanische Stämme z. Zt. der Völkerwanderung dieses Gebiet verlassen hatten, drangen etwa von 500 - 1000 n. Chr. Slawen von Süden hierher vor. Diese Wenden waren verwandt mit anderen slawischen Stämmen, grenzten sich jedoch von ihnen ab. Damals mündete die Leitznitz nahe dem jetzigen Amtsberg in die Persante. In dem sumpfigen Wald- und Wiesengelände befand sich hier eine sandige Erhöhung. Weil diese durch die Wasserläufe geschützt war, wurde sie noch künstlich erhöht und zu einem mit Palisaden und Wällen umgebenen Burgwall als Schutz vor Feinden ausgebaut. Vielleicht waren viele Birkenstämme bei den ganz aus Holz innerhalb der Befestigungen errichteten Häuser und der Palisaden verwendet worden. Das könnte erklären, warum diese Zufluchtsstätte an der Persante den slawischen Namen Belgard = Weißenburg bekam. Zunehmender Handel führte zur Ansiedlung von Wenden auf einem weiteren Hügel nordöstlich des Burgwalls und durch Sumpfgebiet getrennt. Spätere Funde haben bewiesen, dass hier auch einfaches Gewerbe betrieben wurde. Die Wenden, die hier im Küstengebiet lebten, wurden von den Händlern als "pro morjane" = "die am Meer Wohnenden" bezeichnet. Einen weiter im Süden ansässigen Stamm nannte man ab etwa 900 nach Christus "Polen". Diese strebten zur Ostsee und fielen im 10. Jahrhundert und etwas später verschiedentlich in das hiesige Küstenland ein, konnten es jedoch nicht halten. Der Burgwall an der Persante wurde 1102 vom Polenherzog Boleslaw Hl. und seinen Mannen erstürmt, eingenommen und zerstört. Ein polnischer Schreiber schildert nach dem Rückzug in einem Bericht die Kastellanei Belgard als einen sehr reichen dichtbesiedelten Ort, in dem große Beute gemacht werden konnte. Die hier an der Persante lebenden Pomeranen bauten nach diesem Überfall den Ringwall vergrößert wieder auf und verbesserten die Bastionen und Wälle. Die Siedlergruppe außerhalb der Burg lebte weiterhin von einfacher Landwirtschaft, Viehzucht, Handel oder Gewerbe.

Im Winter 1107/1108 belagerte Herzog Boleslaw III. erneut die Feste Belgard. Wieder konnte er sie einnehmen und ließ auch jetzt vor dem Abzug alles niederbrennen. Dass auch danach die Kastellanei wieder errichtet worden war, geht daraus hervor, dass der Bischof Otto von Bamberg am Ende seiner ersten Missionsreise in das Gebiet an der Ostsee nach Belgard kam, predigte und einen Altar weihte. Von hier aus kehrte er Anfang 1125 nach Gnesen zurück. Nachdem Herzog Boleslaw III. 1138 gestorben war, hörten im Gebiet um Belgard herum die Überfälle von Süden her auf. Um diese Zeit kam im Land der Pomeranen das Herzoggeschlecht der Greifen zur Geltung. Kaiser Friedrich I (Barbarossa) belehnte als deutscher König im August 1181 in Lübeck Bogislaw I mit dem Herzogtum Pommern. Dadurch war Pommern zu einem eigenständigen Land geworden, doch geriet es bald in Abhängigkeit, zunächst von den Dänen, dann wurde es als Vasall dem Markgrafen von Brandenburg unterstellt. Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen der Pommernherzöge mit verschiedenen Mächten.

Seit 1140 gab es in Wollin ein Bistum, das dem Papst direkt unterstellt und schon 1176 nach Cammin verlegt worden war. Nun entstanden westlich und auch östlich der Oder Klöster. Die Mönche zogen deutsche Bauern ins Land, die mit besseren Ackergeräten höhere Ernteerträge erwirtschafteten als die Slawen bisher. Durch den Zustrom von Menschen aus verschiedenen deutschen Landstrichen erfuhr auch das Land Belgard einen Aufschwung. Mit westlicher Kultur war auch Ziegesteinbau mit an die Persante gekommen. Schon 1266 und 1284 werden in Kolberger Urkunden die Namen Herman de Bellegarde und Dietrich de Belgard genannt. Als Pommern 1295 zwischen den Pommernherzögen geteilt wurde, gelangte das Land Belgard, das bis nahe an das spätere Neustettin reichte, unter Herzog Bogislaw IV. zum Herzogtum Wolgast. Vier Jahre später wurde dem Ort Belgard durch diesen Herzog, am 2. August 1299, das Lübische Stadtrecht verliehen und die Befreiung vom Persantezoll gewährt. Nach festgelegtem Plan wurde nun die Stadt Belgard aufgebaut. Funde, die bei Kanalarbeiten an der Dienerstraße ans Tageslicht kamen, zeigen, dass an etwa gleicher Stelle vorher die Wendensiedlung gelegen hat. Gemeinsam mit den Zuwanderern lebten die Wenden weiter hier. Auch auf dem Amtsberg wird ein festes Steinhaus errichtet worden sein. Dafür spricht, dass der Pommernherzog Wartislaw IV. 1315 seinen Sitz nach Belgard verlegte. Nicht lange blieb der Persanteort Residenz, doch viele Rechte im Handel und Freiheiten der Stadt brachten Wohlstand nach Belgard. Kleinere Brände in der Stadt, durch welche Häuser verloren gingen, konnten gelöscht und Häuser schnell wieder errichtet werden. Selbst als 1506 fast die gesamte Stadt mit Rathaus und Kirche niederbrannte, konnte der Neuaufbau bald durchgeführt werden. Das Haupthaus auf dem Amtsberg wurde 1526 ebenfalls durch Feuer vernichtet. Auch dieses wurde schon 1535 durch einen sehr massiven mehrstöckigen und gut ausgestatteten Neubau ersetzt. Auf dem Lubinschen Stich von ca. 1612 ist die festummauerte Stadt mit Kirche, Rathaus, Toren und vielen Bürgerhäusern gut zu erkennen. Sehr deutlich sieht man, wie prächtig sich das hohe Haus abseits präsentiert.

Diese Zeit war eine hohe Blüte der Stadt Belgard. Danach brachte der 30jährige Krieg auch diesem Ort viel Leid und Verwüstung: Von etwa 3000 Einwohnern verlor die Stadt durch Mord, Abwanderung und Pest, die 1630 eingeschleppt worden war, über 2000 Menschen. Nach dem Westfälischen Frieden wurde das stattliche Gebäude auf dem Amtsberg Sitz der Amtshauptmannschaft mit dem Burggericht. Später diente es dem Generalpächter der Ämter Körlin und Belgard als Wohn- und Verwaltungsgebäude. Außerdem war zu dieser Zeit das Gericht darin untergebracht. Der einst aufgeschüttete nachgebende Untergrund verursachte wohl den Verfall des hohen massiven Steinhauses, so dass um 1760 der Abriss und ein Neubau geplant wurden. Auf Anweisung des Königs sollte nach Möglichkeit das alte, noch brauchbare Baumaterial Verwendung finden. Darum ist um 1786 der Neubau weitgehend auf die vorhandenen starken Fundamente gesetzt worden. Das neue Amtshaus wurde nun - nach vortrefflichen Plänen von David Gully - jedoch nur zweigeschossig und als Fachwerkbau errichtet. Ein kleinerer Teil darin diente dem Amtsrat als Wohnung, der größere Teil wurde als Büroräume genutzt. Politische Veränderungen, u.a. auch im Rechtswesen, waren Anlass dafür, dass das Amtshaus - mit allen Nebengebäuden und dem Parkgelände des Amtsberges - in Privathand gegeben wurde. Nur noch bis 1880 diente der Amtsbau der Domänenverwaltung und dem Gericht. Dann zog auch das Gericht aus und blieb bis zur Fertigstellung des Belgarder Amtsgerichtes am 1. Juli 1892 zusammen mit dem Kreisgericht im Alten Rathaus. Beide Gerichte bekamen dann ihren Sitz in dem Gerichtsgebäude in der Lindenstraße 1. Die früheren Amtsräume waren nun Mietwohnungen geworden. Durch Verkauf kam das "Alte Amt" mit dem gesamten Grundstück 1906 an die Familie Mahncke, in deren Besitz es durch Vererben und Heirat bis 1945 geblieben ist.

Zuweilen war ich in Belgard Gast einer Familie in der 1927/28 errichteten Siedlung nahe der Polziner Chaussee. Die Eltern und Kinder fühlten sich hier rundum wohl. Sie hatten aus einer engen Innenstadtwohnung hier ein Haus beziehen können, das mit einem etwa 200 qm großen Garten dahinter ihr Eigentum geworden war. Neben einem kleinen Stall hinten im Garten hatten mehrere Hühner ihren Auslauf. Auf den Nebengrundstücken war es ebenso. Das zweigeschossige Haus mit zur Rückseite abfallendem Flachdach lag in einer Zeile von mehreren nebeneinander gebauten gleichen Wohnungen. Vorspringende Wände zu beiden Seiten an der Vorderfront schirmten gegen Geräusche und Gerüche der Nachbarn ab. Von den Eltern erfuhr ich, dass lange Überlegungen seinerzeit dem Wohnungswechsel vorausgegangen waren. So hatten sie all ihre Ersparnisse einsetzen müssen, und die weitere Abzahlung war höher als die vorherige Miete. Darum musste nun sehr sparsam gelebt werden. Doch das war allen Familiengliedern das Leben hier draußen wert. Diese Häuser an der Birkenstraße nannten wir alle "Reichow-Siedlung", weil Dr. Hans Bernhard Reichow sie entworfen hat. Dieser Architekt wurde 1899 in Roggow nahe der Stadt Belgard geboren und besuchte hier das Gymnasium. Schon früh fiel der Sohn der Belgarder Kaufmannsfamilie auf, weil er naturverbundenes Wohnen in den Mittelpunkt all seiner Planungen stellte. Er schrieb Bücher über seine Vorstellungen von organischer Baukunst und wurde schon mit knapp 30 Jahren als Stadtplaner nach Dresden und später als Stadtbaurat nach Braunschweig berufen. Auch auf internationalen Ausstellungen und Kongressen brachte Dr. Reichow in dieser Zeit seine städtebaulichen Ideen ein und fand damit große Beachtung. Als städtischer Baudirektor von Stettin entwarf er Pläne für die Entwicklung der pommerschen Landeshauptstadt, die er 1940 als Buch herausgab. Diese Aufzeichnungen führten dazu, dass er als Planer und Gutachter u.a. von Brandenburg und Hamburg in Anspruch genommen wurde. Das Kriegsende verschlug Dr. Hans Bernhard Reichow mit seiner 6-köpfigen Familie von Stettin in einen Hamburger Vorort. Die enge Notunterkunft wurde nach und nach organisch zu einer naturverbundenen Heimstatt und Arbeitsstätte. Hans Bernhard Reichow schrieb hier weitere Bücher über organische Städtebaukunst und wurde mit großen Planungen betraut. So ist u.a. die Sennestadt Espelkamp nach seinen Plänen und unter seiner Gesamtleitung gebaut worden. Als Dr. Hans Bernhard Reichow 1974 starb, hatte seine Idee "Ursprünglich leben, organisch bauen" diesem Pommern aus dem Kreis Belgard weltweit Achtung und Anerkennung verschafft.

Ich freue mich, dass ich in Belgard als Heranwachsende erleben konnte, wie schon sein frühes Schaffen dem Wohlbefinden seiner Mitmenschen diente. Im Ratskeller feierte ich einige Tage nach dem 11. Februar 1944 mit meinen Klassenschwestern fröhlich unseren Schulabschluss. Nach 8 gemeinsamen Schuljahren nahmen wir unten im Alten Rathaus meiner Heimatstadt Abschied voneinander. Trotz Kriegszeit ahnte ich damals nicht, dass es schon ein Jahr später keine deutsche Schule mehr in Belgard geben würde.