| Bericht über die Vertreibung aus dem Kreise Belgard in Pommern Von Otto Holznagel, Kaufmann in Belgard (1947) |
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| Den nachfolgenden Tatsachenbericht gebe ich
aus eigener Anschauung: 1. als Lebensmittelkaufmann, 2. als Oberfeldwebel des Infanterie-Ersatz-Bataillons 374 in Belgard, einer Stadt in der ich all die Jahre vor dem Kriege und auch die letzten Jahre vor der Vertreibung gewohnt und gewirkt habe. Für die Zeit meiner Abwesenheit aus Belgard vom 4. März 1945 bis 25. Mai 1945 berichtet meine Ehefrau, die ich der Reihenfolge nach zu Wort kommen lasse. Mein Bericht wurde bereits am 28. Dezember 1947 verfaßt, also unmittelbar nach der Vertreibung mit guter Gedächtnisfrische. Der Bericht ist in den Nürnberger Prozessen verwendet worden, so daß nach Prüfung durch höchste Stellen der Sachverhalt als erwiesen anerkannt wird.
Die Stadt Belgard ist Jahrhunderte (Red.: seit 1721) Garnisonsstadt gewesen. Als die Russen Anfang März 1945 Belgard besetzten, waren die drei Kasernen in der Stadt - die Artilleriekaserne in der Körliner Straße mit Infanterie, die Von-Hindersin-Kaserne an der Polziner Chaussee mit Artillerie und die Von-Scholtz-Kaserne in der Kösliner Straße mit Heeresflak voll besetzt. Wir Kaufleute wurden ca. drei Wochen vor dem Einmarsch der Russen zu einer Sitzung zusammengerufen mit der Maßnahme festzustellen, wie lange sich die Stadt in der Eingeschlossenheit durch die Russen mit Lebensgütern halten könne. Es wurde mir als Soldat beim Stab des Infanterie-Ersatz-Bataillons 374 bekannt, daß die Stadt verteidigt werden sollte. Zur Verteidigung wurde ein Major mit seinem Adjutanten, Hauptmann Plötz, berufen. Im Ort regierte die Kreisleistung der NSDAP in allen Teilen. Noch am 3. März 1945 wurde durch die Kreisleitung auf Plakaten an den Anschlagsäulen bekanntgegeben, daß keine Gefahr bestehe, jeder habe auszuhalten und seine Pflicht zu erfüllen. Ich fuhr gegen 13 Uhr am 3. März 1945 zum Mittagessen aus der Artilleriekaserne in der Körliner Straße durch die Friedrichstraße in meine Wohnung in der Hindenburgstraße. Es standen mehr Menschen als gewöhnlich auf der Straße. Jeder fragte, was los sei, was getan werden müsse, doch niemand war in der Lage, irgendeine ausreichende Antwort zu geben. Ich selbst wurde auch in der Kaserne nicht unterrichtet. Für mich lag nur der Befehl vor, sämtliche Bekleidungsstücke zur Verladung fertigzumachen, da unsere Truppe nach Neubrandenburg verlegt werden sollte. Bereits Anfang Februar 1945 war alles klar verpackt, doch auch auf Fragen, wann verladen werden solle, kam kein Befehl. Inzwischen war das Bataillon 374 nach Schneidemühl versetzt worden, doch die Truppe kam nicht mehr in den Ort, da dieser bereits sehr stark von russischen Truppen beschossen wurde. Umgehend kam die Truppe wieder nach Belgard zurück. Mir wurde bekannt, daß für die Post eine Ausweichstelle in Garz / Rügen angeordnet war. Da der Belgarder Bahnhof bereits am 3. März 1945 von allen fahrbaren Eisenbahnteilen geräumt wurde, scheint hier ein Befehl vorgelegen haben. Später erfuhr ich, daß auch die Kreissparkasse ein Ausweichquartier gehabt haben soll, wo hin sie aber nicht gekommen ist (hierüber kann der letzte Landrat, Dr. E. Mehliß, Linz / Rhein, Oberwick 10, der erst am Sonntag, dem 4. März 1945 Belgard verließ, Auskunft geben). Die sämtlichen Unterlagen der Kreissparkasse wurden per Auto nach Kolberg überführt. Hier mußte das Auto auf offener Straße abgeladen werden und einer Truppe für den Transport ihrer Sachen dienen. Der Fahrer für die Übernahme war unser Landsmann Max Basilius, der heute in Hennef / Sieg, Bonner Straße 41, lebt. Er hat die Papiere auf der Straße in Kolberg liegen sehen. Der Panzeralarm am 3. März 1945 gegen 18.30 Uhr durch Läuten der Kirchenglocken kam für die gesamte Bevölkerung völlig überraschend. In aller Eile packte die Bevölkerung ihre wenigen mitzunehmenden Habseligkeiten, teils auf dem Rücken, teils auf Handwagen, teils auf Pferdefuhrwerke und teils auf Autos. Die Straßen waren mit einem Schlage überfüllt von Menschen und Fahrzeugen. Alles wurde in die Ausfallstraße, die Körliner Straße, geleitet. Ich selbst war unter diesen Menschen mit einem Handwagen meiner Familie, die ich in die Kaserne mitnahm, um von dort aus eine Fahrgelegenheit zu bekommen. In der Kaserne waren inzwischen schon mehrere Truppenteile eingetroffen. Unentwegt zogen nun die Belgarder an der Artilleriekaserne vorbei oder suchten in der Kaserne Schutz. Wir Soldaten hatten keine Alarmbereitschaft erhalten, jedenfalls ist mir eine solche nicht bekannt geworden. Nachdem ich meine Familie auf einen Lkw verladen hatte, mit welchem auch mein Stabsintendant Kamin Platz genommen hatte, legte ich mich in der Kaserne schlafen. Gegen 6 Uhr früh am 4. März 1945 besuchte ich meine Mutter noch einmal in der Hindenburgstraße. Die Stadt war fast menschenleer. Als ich gegen 8 Uhr wieder in die Kaserne fuhr, begegneten mir bereits wieder die ersten Belgarder, die von der Flucht zurückkehrten. Es war Schneetreiben und kalt; die Kinder froren und die Erwachsenen schimpften erbost. In der Artilleriekaserne traf ich vor meiner Bekleidungskammer den Volkssturm auf Befehl wartend. Ich selbst gab die Kammer von mir aus frei, kleidete die Soldaten ein und bot dem Volkssturm ebenso Kleidung an. Hier und da verpaßten sich die Männer Stiefel, da sie nur Halbschuhe trugen. Nur Kaufmann Beyer ließ sich von mir ganz einkleiden und durch meine Vermittlung einer Kompanie zuteilen. Der Volkssturm bekam Befehl, die Straße nach Körlin bei Komet zu sichern. Eine Kompanie vom Infanterie-Bataillon mußte auf die Straße nach Lenzen und eine auf die Straße nach Klempin. Gegen Mittag am 4. März stellte ich fest, daß nicht ein Offizier von unserer Truppe mehr in der Kaserne war. Gegen 17 Uhr baten wir unseren Zahlmeister Gerhard Höfs, jetzt wohnhaft in Köln, er möge doch dafür sorgen, daß wir Verpflegung u. a. m. vom voll gelagerten Proviantamt an der Polziner Chaussee erhielten. Zahlmeister Höfs hat dies telefonisch mehrere Male versucht, doch stets die Antwort erhalten, das Amt dürfe nichts herausgeben. Gegen 18 Uhr betrat unser Adjutant, Oberleutnant Hellermann, unser Stabsgebäude und erklärte, er müsse zum Befehlsempfang zum Standort. Wir, zwei Zahlmeister, einige Feldwebel und einige Soldaten saßen beieinander und warten auf den Befehl. Um 19 Uhr kam Oberleutnant Hellermann zurück, setzte sich kurz zu uns und verschwand mit den Worten: "Auf Wiedersehen, meine Herren, wir treffen uns dann gegen 22 Uhr auf der Straße Klempin-Polzin", und raus war er. Wir versuchten nun, unserer Truppe von dem Aufbruch Mitteilung zu machen. Als wir auf den Kasernenhof kamen, war jeder Flecken mit irgendeiner Truppe besetzt. Alles lief durcheinander, alles drängte durch das Kasernentor. Leider vergaß man, der Genesungskompanie und dem Personal der Küche vom Aufbruch Mitteilung zu machen. Die Kriegsbeschädigten, die sich zum Teil nicht selbst helfen konnten, wurden dem Russen in die Hand gespielt und mußten sehr leiden. Um 19.30 Uhr verließ ich mit dem Zahlmeister Gerhard Höfs, Zahlmeister Stephan Nordershäuser aus Polzin die Kaserne. Bis zur Überfahrt über die Bahngleise ging es ziemlich glatt. Dicht gedrängt lief alles breitreihig nebeneinander. Auf dem Bahnübergang stadteinwärts bekamen wir plötzlich von Lenzen-Vorwerk Beschuß, doch ohne Verluste. Wir mußten den Weg über die Friedrichstraße nehmen. Hier ging es wie eine Ziehharmonika hin und zurück (Red.: weil die Sowjets bereits bis zum Alten Amt vorgedrungen waren). Hier sahen wir auch, daß das Gebäude des Schuhmachermeisters Henke brannte, auch war Feuer in der Wiesen-Burgstraße zu sehen. Die Schaufenster waren fast schon alle geplatzt bzw. zersplittert. Auf der Ecke von Kaufmann Kühl lag der erste Tote. Auf der Ecke Drogerie Breidenbach gab es einen kurzen Halt. Dann weiter die Heerstraße über den Markt durch die Marienstraße auf die Torstraße zu. In der Marienstraße übernahm ich die Führung durch die Stadt für alle Truppen. Ich führte die Truppen durch die Wilhelmstraße, weiter zum Poetensteig (Fahrradweg). Von hier ab übernahm ich auch die gesicherte Spitze. Unser Weg führte über den Sportplatz auf Klempin zu. Neben der Badeanstalt lag das Pferdefuhrwerk des Standortältesten, Major Nagel, fest; der Wagen blieb liegen. Auf der Klempiner Straße angelangt, marschierten wir weiter in Richtung Bad Polzin bis Bolkow, wo eine Pause eingelegt wurde. Beim Wiederantreten unseres Bataillons traf ich zwei junge Offiziere von uns, die dann den Befehl über die Truppe übernahmen. Als Richtung war Groß Rambin vorgegeben. Es herrschte Schneetreiben. Wir mußten ab Bolkow schwenken, weil der Russe bereits in Polzin, 4 Kilometer entfernt, war. Es wurde marschiert, marschiert.... Die Truppen lösten sich in der Sicherung der Seiten und rückwärts ab. Hin und wieder gab es ein "Halt" mit der Parole, es müsse erst freigekämpft werden. Man sagte uns, gleich sind wir durch, nur noch ein Kessel, doch aus diesem einen wurden sieben, wo wir auf feindlichen Widerstand stießen, doch wir konnten uns jedes Mal befreien. Oft hatte vor uns der Russe die Dörfer schon besetzt; oft waren die Straßen verstopft. Wir trafen auf Flüchtende mit und ohne Wagen, und immer wieder mußten die armen Menschen uns Soldaten Platz machen. Die Flüchtlinge wurden auf Seitenwege geleitet - und saßen fest. Auf dem Marsch kam man zu Nachdenken. Hierbei stellte ich fest: Die Belgarder Bevölkerung wurde in Richtung Körlin geführt, während wir Soldaten die Stadt in entgegengesetzter Richtung verlassen hatten. Das sagt: Die Bevölkerung mußte die Straßen versperren, damit sich der Soldat retten konnte. Unterwegs traf ich auch die Belgarder Hitlerjugend, die oftmals zum Einsatz kam und hierbei einen Toten und einen Vermißten hatte. Die Belgarder Polizei kämpfte an der Seite unserer Truppe. Wir trafen ein Auto mit der Führung des Belgarder Roten Kreuzes, doch bald ging das Auto nicht mehr, alle Insassen mußten laufen. Unter den Sanitätern war auch der Kreisleiter der NSDAP Aschenbrenner in Sanitätsuniform. Bald nahmen wir den Weg auf der Seestraße auf Horst zu. Doch die Straßen waren voll. Der Russe hatte die Bewegung erkannt, er schoß auf die Straße. Eine Unteroffiziersschule kam zum Einsatz und hatte schwere Verluste. Während des Kampfes drängte man weiter, und da dies nicht ging, nahmen die Menschen den Weg unmittelbar am Strand entlang. Sonntag, der 11. März 1945 wurde zu einem Todestag. Der Russe schoß auf den Strand und in die Dünen, wo es kein Ausweichen gab. Es gab schwere Verluste. Dazu ein trauriges Erlebnis: Unmittelbar am Strand saß eine Frau, je zur Seite an die Hand gefaßt ein Kind von ca. vier und sechs Jahren. Wir wollten sie zum Gehen veranlassen, doch die Frau war tot. Wir mußten ihr die Kinder aus den Händen ihrer Mutter nehmen; Soldaten nahmen sich der Kinder an. Ein beherzter Zahlmeister gab den Befehl: "Alle Mann auf die Düne und in den Wald schießen (von da her kamen die Geschosse). Daraufhin ließ das Feuer auf uns nach und verstummte auch bald ganz. Unsere Infanterie 374 ging nach erzwungenem Durchbruch nach Dievenow, wo sie mit der Korpsgruppe von Tettau wieder Anschluß an die deutsche Front fand, auf der Insel gegenüber der Stadt Wollin in Stellung. Wenige Tage später wurde ich als AV-Soldat in die Garnisonstadt Neubrandenburg, dann nach Bergen auf Rügen versetzt und aus der Wehrmacht entlassen. Am 11. Mai 1945 kam der Russe auf die Insel. Am 16. Mai 1945 erhielten wir durch einen Deutschen den Befehl der Russen: "Jeder müsse sofort wieder in seine Heimat und dort arbeiten, es passiere ihm nichts." Auf ausdrückliche Rückfrage "Wir aus Ostpommern auch?", hieß es "Ja!" Die Belgarder Garnison unterstand ab 3. März 1945 dem Befehl des Generals von Tettau. Die Korpsgruppe von Tettau (und mit ihr die Garnison Belgard) konnte bei Horst an die Ostsee gelangen und Tage später die sowjetischen Sperriegel entlang der Ostseeküste durchbrechen und bei Dievenow Anschluß an die deutsche Verteidigungslinie gewinnen (siehe bitte Näheres dazu in Murawski, Erich: Die Eroberung Pommerns durch die Rote Armee, Harald Bold Verlag, Boppard am Rhein 1969; Lindenblatt, Helmut: Pommern 1945, Verlag Gerhard Rautenberg, Leer, 1993, auch widmet sich der Beitrag Belgard an der Persante: 4. März 1945 von Emil Behling diesem Thema).
Mit uns gingen nun viele Deutsche den Weg nach Pommern: Zunächst nach Stralsund. Hier erfuhren wir, daß alle Deutschen sofort zur Arbeit angehalten würden, und zwar müßten sie das zweite Bahngleis aufnehmen. Wir drückten uns bei einem Bauern am Stadtrand rum. Täglich versuchte ich, eine Fahrgelegenheit zu bekommen, denn meine Tochter konnte den Weg nicht gehen, ohne Schaden zu erleiden. Wir gingen zum Hafen, und am Da noch keine Züge verkehrten, waren wir gezwungen, den Weg nach unserer Heimatstadt auf der Landstraße zurückzulegen. Wir wanderten auf Richtung Plathe zu. Die erste Nacht hatten wir Unterkunft in einem fast ganz abgebrannten Dorf, wo wir nur eine einzige Familie antrafen. Wir wurden hier gut verpflegt, ja, wir hatten den Eindruck, daß sich die Menschen freuten, daß sie die Nacht nicht ganz alleine waren. Früh aber ging es weiter. Vor uns lag die Stadt Plathe. Vor dem Eingang der Stadt wurden wir von Deutschen gewarnt, nicht durch die Stadt zu gehen, denn die Polen verhafteten alle. Da die Brücken größtenteils gesprengt waren, fanden wir keinen Übergang über den Fluß, wir mußten durch die Stadt. Und richtig, wir wurden verhaftet. Wir trugen wohl etwas Habe, doch es war alter Trödel, den besonders meine Tochter mitnahm, um evtl. Kleidung davon nähen zu können. In der polnischen Wache mußten wir uns beide bis auf das Hemd ausziehen und auch das Hemd wurde noch befühlt. Ich hatte den Ehering versteckt, er wurde gefunden. Sämtliche Familienbilder, die meine Tochter noch bei sich hatte, wurden ihr abgenommen. Jeden Pfennig Geld auf den Fußboden geschüttet. Ausgesprochene Lumpen sollten wir uns wieder einpacken. In unserer Tasche steckten wir dann diese und nahmen ungesehen von dem guten Haufen noch etwas mit. Wir wurden jedoch nicht entlassen, sondern man stellte uns unter Polizeibewachung auf dem Hof, wo wir warten sollten. Hier kam der Drogist Troike vorbei, der sein Quartier auf dem Heuboden hatte. Der Posten von uns hatte sehr schlechte Stiefel an. Da ich noch meine guten Militärstiefel hatte, bot ich ihm diese zum Tausch an. Er ging darauf ein und führte uns abseits. Unmöglich konnte dieser in den Stiefeln laufen, denn ihm waren sie viel zu klein, doch er behielt sie und wir durften verschwinden. Wieder waren wir der Gefangennahme entkommen und die Landstraße zeigte uns den weiteren weg zurück der Heimat zu. Während es schon dunkelte, suchten wir das nächste Nachtquartier. In einer Scheune abseits von allen Menschen konnten wir dann die Nacht ruhig durchschlafen. Wieder eine Straßenkreuzung und wieder ein Posten! Wir konnten nicht mehr ausweichen und wieder wurden wir verhaftet. Der Pole führte uns einem Russen vor, der uns verhörte. Unsere Sachen wurden untersucht und - oh Schreck - bei meiner Tochter fand man ein Bild von mir in Umform, wo ich gerade ausgesagt hatte, ich sei nicht Soldat gewesen. Wegen Lügens sollte ich sofort erschossen werden. Ich bat, erst meine Tochter und dann mich. Meine Tochter fing zu weinen an. Daraufhin fragte der Russe, warum Kind weint, und ich erklärte, daß ich nicht gelogen hätte, ich hätte vielmehr gesagt, ich sei nicht mehr Soldat! Ich wurde zu vier Wochen Zwangsarbeit verurteilt und sollte danach dem Russen wieder vorgeführt werden. Wir wurden beide von dem Posten abgeführt zu einem Gutshof. Mit Schrecken stellten wir fest, daß der polnische Verwalter betrunken war. Er fragte uns, was wir wollten, worauf ich ihm antwortete: "Schnaps wollen wir haben." Er antwortete: "Schnaps nicht, aber Milch." Darauf ich: "Dann hol her" was er sofort tat. Wir tranken die Milch. Der Pole sagte dann zu uns, wir sollten nach Hause gehen, worauf ich erwiderte, wir sollten doch arbeiten. Durch Vermittlung dieses Polen kamen wir schließlich frei. Wir liefen auf die Gegend von Körlin zu. Körlin an der Persante und Radue war schwer zu umgehen, und wir mußten über die Brücke auf Redlin zu, die Tag und Nacht bewacht wurde. Ein kaum zu fassendes Glück wurde uns zuteil. Niemand stand dort und gehetzt - nicht die Straße entlang - liefen wir auf den Eisenbahnschienen nach Belgard. Bald trafen wir eine uns bekannte Frau aus Belgard, und diese berichtete zu unserer Freude, daß meine Mutter und Frau lebten. Wenngleich müde und kaputt liefen wir immer schneller, erreichten das Stadtholz und nahmen Kurs auf die Zimmerstraße, Schwedenstraße und das Wohnhaus des Artur Krüger in der Adlerstraße, wo unsere Angehörigen zwischenzeitlich Unterkunft gefunden hatten. Trotz aller erschwerenden Umstände war die Freude über das Wiedersehen riesig. Meine Frau hatte ihr Kind wieder, woran man schon nicht mehr glauben wollte; denn Karl Bartschart hatte gehört, daß unsere Tochter in Kolberg einen Volltreffer erhalten hätte und ich in Gefangenschaft geraten und schon in Rußland sei. Nur der Hauswirt selbst lief wie ein gestochenes Kalb herum, doch davon später. Ich möchte jetzt erst meine Frau Elise Holznagel berichten lassen, die die Zeit vom Abzug der Garnison am 3. März 1945 bis zu meinem Eintreffen am 26. Mai 1945 in Belgard erlebte: Die Autokolonne fuhr am 3. März 1945 mit uns in Richtung Kolberg. Alle Fahrzeuge waren stark beladen, die Straßen mit Flüchtlingen verstopft, es war kein Durchkommen. Vor Groß Jestin bekamen wir das erste Feuer der Russen, Stalinorgel und Tieffliegerangriff beschossen unser Umfeld. Die Wagen suchten am Straßenrand Deckung und rutschten dabei in den Graben; wir saßen fest. Die Fahrzeuge wurden von Letten gesteuert, die an uns kein sonderliches Interesse hatten und suchten sich durch die Flucht zu retten. Schnell wurden einige Sachen gegriffen - und alles wanderte weiter auf der Straße. Ich und meine Schwester kehrten noch einmal um, während unsere Tochter an der Seite des Stabsintendanten Kamin der Straße nach Kolberg zustrebte. Das letzte Brot sollte meine Tochter mit Kamin teilen. Meine Frau kam nur bis zum ersten Gehöft in Groß Jestin, da sahen sie schon die Russen kommen. Ich aber konnte vor Ermattung nicht weiter und suchte ein Haus auf, in dem schon 40 Flüchtlinge eingekehrt waren. Der Russe kam, umstellte das Gehöft und bewaffnet traten sie in das Haus ein: Uhren, Goldsachen, Ringe abgeben, waren die ersten Wort, dann "Frau komm!" Die ersten Soldaten hatten das Haus verlassen, da kamen schon die nächsten. 10 Tage ging es so, dann konnten wir uns endlich entschließen, den Weg nach Belgard zu suchen. In der Nacht erreichten wir Belgard - als die südliche Marktseite Wolter abbrannte. Noch konnten alle in ihre eigenen Wohnungen. Meine Frau wagte jedoch nicht den Schritt in unsere Wohnung, weil im Haus - und vor allem auf unserem Hof - sich viele Russen aufhielten. Gemeinsam berichteten meine Mutter Martha Holznagel, verstorben am Mit der Zeit wagten sich die Menschen mehr auf die Straße, weil sie zu essen suchten. Auch einige Deutsche nahmen an der Plünderung teil. So ist u. a. auch unser Lebensmittelgeschäft aufgesucht worden, wo Deutsche trotz Anwesenheit meiner Angehörigen in den Laden eindrangen. Die Russen befahlen, sofort Radios, Uhren, Postermöbel und anderes mehr abzuliefern. Die Deutschen mußten dabei helfen. Häufig wurden die abzuliefernden Sachen mit Hilfe eines Messers oder Schere beschädigt, das Pendel der Standuhr weggeworfen, das Schiffchen der Nähmaschinen entfernt. Die Polen hatten sich gute Wohnungen ausgesucht und in diesen Wohnungen Raubgut zusammengetragen. Die Deutschen wurden auf ein Zimmer verdrängt oder ganz aus der Wohnung hinausgeworfen. Die deutschen Familien hielten die Wohnungstüren verschlossen, verstellten nicht selten die Eingangstür, um den überraschenden Eintritt Fremder zu behindern. Beide Siegermächte - Russen und Polen - suchten Arbeitskräfte. Besonders die Frauen holte man aus den Häusern, holte sie von der Straße fort. Bereits früh um 5 Uhr ging das Geklopfte an den Türen mit Fäusten und Gewehrkolben los, bis geöffnet wurde. Oft hieß es, für 10 Minuten arbeiten, doch daraus wurde dann ein ganzer Tag. Die Frauen mußten die Häuser von Schmutz reinigen, die bereits die Russen und Polen hinterlassen hatten, sie mußten die Straßen fegen, die Klosetts reinigen, die man verdreckt hatte. Für diese Arbeiten wurden alle weiblichen Personen, gleich welchen Standes, Alters und Krankheitszustandes verwendet. Ein besonders Kapitel war das Fortschaffen der in unheimlich großer Menge lagernden Waren in den Speichern an der Neustettiner Strecke. Tag und Nacht wurde hier gearbeitet, alle Wagen mußten in Eisenbahnwaggons verladen werden und gingen in den Osten. Inzwischen war eine hochgefährliche Kommission unterwegs. Die Verschleppung der deutschen Männer begann. Jede Wohnung wurde durchsucht, die Männer des Nachts aus den Betten geholt. Zusammengetrieben ging es auf den Weg nach Rußland, auf den Schreckensweg aller. Verhältnismäßig sicher war man sich im Krankenhaus, wo wenige der gefährdeten Personen Unterkunft fanden und sich so retten konnten. Neben den Bäckereien, die unter der Aufsicht von Polen standen, wurden wenige Geschäfte geöffnet. Die Deutschen wurden erfinderisch, sie machten aus dem Wenigen Etwas. Die Schicksalsgemeinschaft half sich gegenseitig, und oft wurde das Letzte geteilt. Schlachten wurden durchgeführt trotz Verbots. Von Seiten der russischen und polnischen Wehrmacht wurden Häuser für das Militär beschlagnahmt, so auch unser Haus für einen russischen Stab unter Führung eines Generals. Vor allen diesen beschlagnahmten Häusern stand ein Posten. Eigentlich saß er mehr, rauchte. Da das Gefängnis des Amtsgerichts und Rathauses überfüllt war, wurden weitere Räume als Gefängnis eingerichtet, so in den Kellern von Robert Langjahr, Hindenburgstraße 6, und Franz Schuck in der Luisenstraße, Kaufmann Franz Krüger, Luisenstraße. Ohne Decken und nicht oder mangelhaft versorgt mußten die Menschen dort Tag und Nacht, Tage und Nächte, ja Woche für Woche dort zubringen. In den Nächten wurde verhört und nicht selten unter Qualen. Es wurde geschlagen und die Verhörten mit schweren Verletzungen erst freigelassen, bis die Wunden verheilt waren. Bei einer möglichen Entlassung mußten die Häftlinge ein Dokument unterschreiben, daß sie über das Erlebte nicht sprechen würden. Einige wurden zu Spitzeln verpflichtet mit der Auflage, sich jede Woche bei der GPU zu melden und zu berichten. Es mußte berichtet werden 1. Welche Deutschen sich gegen Polen vergangen hätten; 2. Wer als Wachmann Gefangene bewacht hätte; 3. Wer von den Deutschen neu nach Belgard gekommen sei; 4. Wer sich besonders für die NSDAP eingesetzt hätte. Bei unzureichender Tätigkeit wurden die Spitzel verhaftet. So war stets ein gefährliches Druckmittel vorhanden, und in der Angst ist so mancher wieder zur GPU gelaufen und hat Tatsachen, auch irgend etwas berichtet. Es stellte sich bald heraus, daß noch sehr viele Belgarder in der Stadt lebten, daß sich auch viele Flüchtlingsfamilien, die in Belgard von den Russen überrollt worden waren, eingerichtet hatten und daß auch noch viele evakuierte Familien aus dem Rheinland, Berlin, Stettin usw. da waren. Meine Tochter Margarete Schiemann geb. Holznagel, jetzt wohnhaft in Sterzenbach bei Eitorf / Siegkreis berichtete, daß sie die Schulen aus Bochum, die bis dahin in Belgard evakuiert waren, in Kolberg angetroffen habe, die mit ihr auf ein Schiff verladen worden seien. Man hatte also auch diese Schulen nicht rechtzeitig abreisen lassen. Die in unserem Haushalt lebende Else Schmidt aus Bochum hatte ich auf eigene Verantwortung auf die Bahn gesetzt; sie erreichte tatsächlich nach vielen Irrfahrten wieder ihre Heimat. Das Lazarett aus Belgard wurde nach Thüringen verlagert, einige Frauen hatten mitfahren können. So u. a. die Familie des Ersten Ortsgruppenleiters Waltraut Pascheke, Pankniner Straße. Nach diesem Bericht meiner Frau und Mutter möchte nun ich, wieder in Belgard angekommen, weiterberichten: Unser Hauswirt Artur Krüger war verpflichtet worden über Veränderungen zu berichten, also auch meine Rückkehr anzuzeigen. Ich beruhigte ihn mit den Worten: "Laß mir Zeit, ich gehe von selbst hin." Am 29. Mai 1945 meldete ich mich bei der polnischen Polizei im Rathaus. Ich wurde sofort von den dort mir bekannten Polen begrüßt, man reichte mir eine Zigarette mit den Worten, ich solle nach Hause gehen, jedoch nicht auf die Straße gehen. Die Polen wollten sich erkenntlich dafür zeigen, daß sie in meinem Geschäft während des Krieges gut bedient worden wären. Ich bat um eine Bescheinigung, damit ich nicht wieder verhaftet würde. Daraufhin wurde ich für den nächsten Tag bestellt. Nur für fünf Minuten sollte ich ins Gefängnis, dann würde man mir die Freiheit geben wollen. Da ich krank war, konnte ich meinen Spazierstock mitnehmen. Ich landete in der tiefsten Zelle weit im Keller ohne jegliches Licht, geschweige denn Tageslicht. Hier waren bereits 13 Leidensgenossen untergekommen in einem Raum von ca. 16 qm. Bei uns war eine mir bekannte Frau, die schwachsinnig wurde. So wurde mir der Aufenthalt furchtbar. Wir durften auch zum Austreten (ob klein oder gar groß) den Raum nicht verlassen; dafür stand ein alter Eimer in der Ecke, der einmal am Tage morgens geleert wurde. Das Essen, bestehend aus einer Wassersuppe, wurde uns abends von der Küche gereicht. Hier kochte Frau Anna Götzke, Ehefrau des Hausmeisters Karl Götzke, Ich wollte einfach nur raus aus diesem Loch und klopfte mit meinem Handstock gegen die Eisentür. Die Mitinsassen wurden unruhig und sagten mir den Kampf an. Ausdauer siegt, und so kam dann der Wärter und fragte nach meinem Anliegen. "Ich brauche Medizin für meine Krankheit", erläuterte ich ihm. Der Wachmann suchte gemeinsam mit mir meine Frau auf, wo ich zunächst aß und sie bat, alles zu versuchen, damit ich der Hölle entweichen könne. Mit einer Wolldecke versehen, mußte ich mich wieder zurück ins Gefängnis bewegen. Ich kam jetzt in eine Zelle eine Treppe höher zu ehemaligen Soldaten. Jetzt konnte ich mehr Luft schnappen und brachten nachts nicht mehr auf dem Zementboden liegen. Aber auch hier war es so eng, daß wir uns nachts kaum bewegen konnten. Die Männer wurden laufend zu Arbeiten geholt und schmuggelten auf ihrer Arbeitsstätte erbeutete Lebensmittel, auch Zigaretten in die Zelle. Eines Abends fand eine Kontrolle statt. Mit dem Ruf "Achtung!" und strammer Haltung wurde die Aufsicht begrüßt. Ich stand neben den Soldaten krumm. Als sich die Aufsicht wieder entfernt hatte, fragte mich ein Lette, der in der Deutschen Wehrmacht gedient hatte und polnisch verstand, ob ich Holznagel heiße; ich würde morgen entlassen. Der nächste Tag kam, doch ich wurde nicht entlassen. So meldete ich mich krank. Mit noch zwei Insassen wurden wir mit großen "militärischen Ehren" zum Krankenhaus gebracht. Wir trafen vor dem Friedhof auf einen Leichenzug. Die ehemaligen deutschen Soldaten grüßten den Toten mit Anlegen der rechten Hand an die Kopfbedeckung. Als Chef des Krankenhauses war der Arzt Dr. Helmut Grams tätig. Ihm stellte ich mein Los vor, und er entschied, ich müsse zur Behandlung im Krankenhaus bleiben. Der mich begleitende Polen brachte mich auf die Krankenhausstation, wo ich mein Krankenbett einnahm. Ich konnte jeden Tag Besuch empfangen. Meine Familie machte davon reichlich Gebrauch. Ich durfte auch vor dem Krankenhaus spazieren gehen. Hinter dem Krankenhaus war eine Kranken-Gefangenen-Baracke, in die ich auch hätte gehen müssen. Hier sah ich u. a. Lehrer Frenz aus Belgard. Nach acht Tagen erklärte mir Dr. Grams, er könne mich nicht länger halten, sonst käme er in Verlegenheit. Auf meinen Wunsch erhielt ich von ihm ein Attest in russischer Sprache, daß ich unheilbar entlassen werde. Mit diesem Attest ging ich zunächst nach Hause und dann zur Polizei aufs Rathaus. Nach langer Verhandlung in Gegenwart meiner Tochter erhielt ich vom Polizei-Leutnant ein Beurlaubungsschreiben, gültig bis zu meiner Gesundheit. So kam ich frei, mußte mich aber jeden Donnerstag um 9 Uhr bei der Polizei melden. Hier saß mit allen Ehren der deutsche Kriminal-Assistent Richard Köhler, Wilhelmstraße, der sich restlos der Feindmacht zur Verfügung stellte.
Mittlerweile begannen die Austreibungen. Zunächst wurden die Deutschen Straßenweise aus ihren Wohnungen ohne jede Habe möglichst in Minuten entfernt und auf dem Land zur Erntearbeit eingesetzt. Die Räumung geschah unangekündigt plötzlich und am frühen Tage. Die Menschen wurden auf den Schulhof in der Karlstraße getrieben und von dort per Fahrzeug aufs Land gebracht. Die Transporte über die Oder begannen. Auf völlig unzureichenden Bahnwagen, oft auch offenen Loren mußten die bedauernswerten Menschen mit ihren Kleinstkindern und Kindern Platz suchen, gleichgültig, ob es kalt war und regnerisch. Was nicht von den wenigen Sachen auf dem Wege zur Bahn verlorenging, wurde ihnen auf dem Bahnhof - Viehbahnhof oder Güterbahnhof - gestohlen. Es war ein Schreien und Jammern, wenn die Polen in die Wagen einfielen und das Allerletzte den Leuten nahmen. Es kam nicht selten vor, daß die Güterwagen mit Viehmist verschmutzt waren und stanken. Am 18. Juli 1945 wurde die erste und größte Austreibung aus den Wohnungen vorgenommen. Es hieß, zur Erntearbeit. In Wirklichkeit diente dieser Vorwand dazu, daß sie den Menschen auch das Letzte ihrer Habe nehmen konnten. Ich wohnte inzwischen in der Zimmerstraße im Hause Krüger auf dem Hinterhof. Auch dorthin kamen die Polen, doch meine Frau und ich hatten uns versteckt. Meine Tochter sagte, wir seien noch auf der Arbeit, und so blieben wir zunächst. Doch die Häuser wurden ein weiteres Mal durchkämmt, wo sie dann auch uns erfaßten. Zum Glück ließ man uns den Weg zum Sammelplatz an der Schule ohne Aufsicht machen. Wir überlegten schnell und verschwanden zu Frau A. Venzke in der Jägerstraße 3/4. Hier lebten wir unter dem Schutz des russischen Oberleutnants Viktor Mischkowski. Frau Venzke stand mit diesem in engerer Verbindung, und so wurden wir auch in Ruhe gelassen. Wenngleich auch dieser Russe alles nahm und uns oft das Essen fortnahm, so trugen wir dies mit Gelassenheit. Wir suchten unser Brot, und man half sich gegenseitig immer wieder, wenn der eine nichts mehr hatte. Manche Häuser wurden verschont, weil die Einwohner ein Schild mit der Aufschrift "Ansteckungsgefahr!" rausgehängt hatten. Die Deutschen fanden immer wieder eine Unterkunft, und wenn es in ihrem eigenen Hühnerstall war. Die Behörden fingen an zu arbeiten. Der Landrat (Starost) forderte die deutschen Gewerbetreibenden auf, sich von ihm eine Bescheinigung zur Eröffnung des eigenen Geschäfts zu holen, wofür 50 Zloty zu zahlen waren. Wir meldeten uns auch, doch eine Bescheinigung erhielten wir nicht. Das Einwohnermeldeamt nahm seine Arbeit auf. Jeder Deutsche mußte sich dort melden. Mir sagte eine gut deutsch sprechende Polin, man arbeite besser und genauer als die Deutschen. Aber auch ein Arbeitsamt war tätig. Jeder mußte sich eine Arbeitskarte holen und damit Arbeit nachweisen. Für mich begann jetzt die Zeit, die ich nicht haben wollte, und zwar hatte ich mir vorgenommen, keinen Finger für Russen und Polen zu krümmen. Und ich konnte diese Vorstellung wahrmachen. Ich traf Superintendent Johannes Zitzke, der mir die Stelle als Heimleiter anbot. Ich sagte zu. Und damit begann für mich eine Zeit, die ich als die größte Aufgabe meines Lebens bezeichne: Ich konnte mich aktiv für meine deutschen Landsleute auf einem verantwortlichen Posten einsetzen, auch wenn diese Tätigkeit Gefahr bedeutete. Superintendent Zitzke, der gleich nach dem Einmarsch der Russen sich vorbehaltlos und ungeachtet aller evtl. schlimmen Folgen für seine Gemeinde einsetzte, sammelte vorerst in dem Umsiedlungslager an der Trieschmann-Straße zum Sportplatz (Red.: es dürfte sich hier um das Maria-Martha-Haus handeln) die obdachlosen Deutschen. Hin und wieder liefen auch Transporte mit Deutschen über die Oder. Dann wurden die Obdachlosen, weil zahlreicher, in das größere St.-Gertrud-Stift in der Wilhelmstraße 61 verlegt. Bei der Übernahme der Heimleitung am In Friedenszeiten lebten in dem Stift 36 alte Personen, jetzt war das Heim überfüllt. Längere Zeit fanden dort 350 bis 400 Menschen Unterkunft. Sie kamen nicht ausschließlich aus dem Kreis Belgard, sondern auch aus den Nachbarkreisen; sie hatten erfahren, daß sie sich bei uns sicher fühlen konnten. Wir lebten äußerst beengt. Selbst der große Trockenboden war überfüllt; dennoch lebten die Menschen auf, wurden sie doch hier nicht terrorisiert. Ich habe im Heim keinen Zank erlebt, auch zeigte niemand ein böses Gesicht. Allerdings sorgte ich mit Nachdruck - und wenn es sein mußte, mit eiserner Hand - für Frieden und Eintracht. Zuerst verpflegten sich die Menschen selbst. Doch mit zunehmender Überfüllung fanden die Menschen keine Kochgelegenheit mehr, so daß wir in der ehemaligen Waschküche eine Kochküche einrichteten, die unter der verantwortlichen Leitung von Frau Emma Holz, ihrer Tochter und Frau Götzke stand. Das Notwendige für die Küche bettelten wir zusammen. Zum Teil organisierten wir in einer Weise, die nicht erlaubt war. Die Bauern halfen und auch das deutsche Personal auf dem Schlachthof unterstützte uns in der Lebensmittelbeschaffung. Ganz besonders möchte ich hier Ernst Röbke nennen. Brauchbare Viehknochen gab es aus dem Schlachthof Pferdewagen voll. Gemüse holten wir uns aus der Gärtnerei Priebe. Auch für die Einrichtung des Hauses wurde gesorgt. Wir durchsuchten die verlassenen Häuser und nahmen alles mit, denn wir konnten eben alles gebrauchen. Leider waren wir bald nicht mehr ungezieferfrei. Besonders die Flöhe peinigten uns. Daß Menschen mit ansteckender Krankheit ins Heim kamen, konnte nicht vermieden werden, ob es sich nun um Geschlechts- oder Typhuskranke u. a. handelte. Des Ungeziefers wurden wir Herr, indem wir uns vom Kreishaus Insektenpulver holten, das sofort Abhilfe brachte. Die Kranken wurden von dem sehr hilfsbereiten und beweglichen Dr. med. Diedrich behandelt. Hier sei besonders der Gemeindeschwester Minna gedacht. Sie besuchte alle Kranken und Siechen in der Stadt und versuchte Elend und Not zu lindern. Das Heim unterstand einem Evakuierungs-Büro unter der Leitung des Polen Malinowski. Er verschwand aber bald. Der lange Zeit unser Vorgesetzte war, nannte sich Szczawinski. Dieser Kommissar war einsichtig und hilfsbereit. Er ging jeder Beschwerde nach und schaffte Abhilfe. Wurde zu Anfang das Heim ständig von Polen aufgesucht, die sich Arbeitskräfte rausholten, die sie schlecht behandelten und bezahlten, ließ der Kommissar dies abstellen. Kein Pole außer der BO (Geheime Staatspolizei) durfte das Lager betreten, nicht einmal die Polizei. Auch wenn wir keine Insel des Friedens waren, so ging es den Menschen hier doch besser als draußen. Bei uns trafen sich alle Deutschen, um auszuruhen oder auch um zu feiern. Wir erlebten Geburtstage, Hochzeiten, Taufen usw. Hatten wir als Geburtshelfer zunächst einen Arzt, war es später eine Frau, die als Geburtshelferin eintrat. Dr. Diedrich war in das Lager nach Schivelbein geholt worden. Ich wüßte nicht, in welchem Geburtsfall ich nicht Pate hätte werden sollen. Aber es traten auch Sterbefälle auf. Wenn wir keinen Sarg beschaffen konnten, bauten wir aus alten Kleiderschränken einen solchen. Konnten wir den Leichenwagen nicht bekommen bzw. nicht bezahlen, nahmen wir einen Handwagen und beförderten den Sarg auf diese Weise zum Friedhof. Ganz wie in Friedenszeiten, begleiteten die Angehörigen den Trauerzug; der Pastor schritt hinter dem Wagen voran und Deutsche in großer Anzahl folgten. An den Abenden sangen wir, und das junge Volk vergnügte sich mit allerlei Heiterkeiten. Schlimm war es gelegentlich um die Sauberkeit bestellt. Die Kloanlage war häufig verstopft. Als Notbehelf hatten wir in einer Ecke ein Freiklosett gebaut, wohin in erste Linie die Männer gehen sollten. Eines Tages wurde ich durch ein großes Geschrei aufgeschreckt. Ein Junge war in die Kuhle gefallen. Wir retteten ihn. Mit einem Wasserschlauch wurde er auf dem Hof unter Beteiligung zahlreicher Heimgenossen gereinigt. Das Lager wurde von Zeit zu Zeit auf Sauberkeit von dem Kreisarzt, einem in der polnischen Armee gedienten Gefreiten der Tierabteilung besichtigt. Einmal behauptete er, es sei unsauber. Er wolle Gefängnis für mich beantragen, würde aber mit sich reden lassen, wenn ich 1.000 Zloty Strafe zahle. Ich habe diese dann gezahlt. Dieser "Arztgefreite" untersuchte einmal unsere Kranken auf Transportfähigkeit. Er schrieb Frau Molzahn geb. Baller aus Lülfitz gesund, tatsächlich aber war sie schwerkrank und starb auch bald darauf. Ich mußte die Sterbefälle notieren, Pan Szczawinski, der Evakuierungskommissar, indessen sagte "Unsinn, nicht schreiben." Das Aber zurück zum Heim. Hatte ich die verhältnismäßige Freiheit gepriesen, so war doch eines von Übel: der ständige Besuch der Geheimen Staatspolizei. Jeder Ankömmling wurde strengstens überprüft und ich mitverantwortlich gemacht. Jene Personen, die die Staatspolizei mitnahm, sah ich allerdings wieder bis auf einen Schwerbeschädigten aus Groß Tychow, der im Krieg Wachmann war und für immer verschwunden blieb. Einmal wurde ich aufgefordert, 50 Menschen aus dem Lager für den Ernteeinsatz zu stellen. Ich erklärte, daß ich so viele arbeitsfähige Leute gar nicht beherberge. Darauf durchsuchte man die Räume mit dem Ergebnis, daß die Quote höher war als ursprünglich genannt. Mir und besonders Frau Johanna Pagel gelang es, einige wieder frei zu bekommen. Ein Mädchen widersetzte sich, da spuckte der Pole ihr vor die Füße und sagte, das sei Verrat, sie müßte bestraft werden. So handelten auch die Russen. Sie mißhandelten die Menschen und nutzten sie schamlos aus. Meine Arbeit im Heim begann früh um fünf, gelegentlich auch um sechs Uhr, und endete erst gegen 23 Uhr, das heißt, ich war der Erste und der Letzte auf den Beinen. Ich mußte immer auf der Hut sein. Da Krankheiten im Heim umgingen, versuchte man sich mit Alkohol zu desinfizieren. Die Deutschen lebten sich schnell im Heim ein und einige von ihnen wollten gar nicht wieder raus. Es gab Familien, die ihren Aufenthalt im Heim sechs Monate behaupteten. Wir aber mußten bei jedem Transport das Heim leer haben, damit wir aufnahmefähig blieben. Der Andrang war so groß, daß wir selbst den Stall für die Unterbringung nutzen mußten. Hier hauste ein geistig Behinderter mit Namen Erich K., der uns zu schaffen machte. Ich möchte bei der Hilfe, die uns von Polen angediehen wurde, doch bemerken, daß sie es nur gegen Belohnung taten. Je höher die Stellung, desto größer mußte das "Geschenk" ausfallen. Ein uns bekannter Pastor (es muß sich um einen Pfarrer gehandelt haben, der im Dienst der Polnisch-Katholischen Kirche stand, Red.) hatte die Russen und Polen wegen ihrer Bestechlichkeit in der Predigt angegriffen. Er sollte daraufhin verhaftet werden. Wir nahmen uns des Falles an und bestachen einen polnischen Beamten mit einer goldenen Uhr. Er stellte dem Pfarrer daraufhin Ausweisungspapier aus, und so konnte er mit einem Transport verschwinden. Später suchte man ihn bei uns im Lager. Er aber war inzwischen heil über die Grenze gekommen. Man wies uns auch Menschen zu, die längere Zeit im Gefängnis gesessen hatten. Sie waren natürlich immer bettelarm und bedurften unserer besonderen Betreuung angesichts ihres erlebten traurigen Schicksals. Auch der Adel aus dem Kreis Belgard fand bei uns Unterkunft. Wir verschwiegen in den Papieren das "von" (auch wenn sie sich gelegentlich dagegen wehrten); sie hätten andernfalls Schwierigkeiten bekommen können. Häufig mußten wir Insassen in das Hauptlager nach Schivelbein überweisen, wo ein Erzpole als Kommandant wirkte. Darüber später. Im Heim hatten wir eine Bücherei angelegt, die gut gelesen wurde. Wir mußten acht geben, daß dort nicht Bücher eingebracht wurden, die den Unwillen der "Befreier" hätten hervorrufen können. Da kamen einmal Russen, die die Bücherei stundenlang durchsuchten. Ich fragte, einige Zeit abwartend, was sie denn suchten: man gab mir eine klare Antwort: "Hitler, Mein Kampf". Sie wollten gut dafür bezahlen, wenn ich es ihnen beschaffen könne. Für die Körperpflege der Frauen stellten wir ihnen nach Feierabend unser Geschäftszimmer zur Verfügung. Die Enge führte dazu, daß Menschen des Nachts aufstanden und sich reinigten. Punkt 22 Uhr war im Heim Im Lager des Stifts lebten auch Insassen, die ihren Lebensunterhalt während ihres Aufenthalts nicht aus eigenen Mitteln bestreiten konnten. Sie mußten auf Arbeit gehen, doch oft sehr lange und gegen sehr schlechte Bezahlung. Da kamen die Polizisten oder Polen und holten einfach die Menschen heraus. Es hieß oft genug: für fünf Minuten, dann mußten die Menschen zwölf und mehr Stunden schuften. Durch den Wechsel bei der Evakuierungsstelle im Kreishaus, wo Pan Szczawinski das Regieren hatte, kam mit ihm auch mehr Ordnung hinein. Superintendent Zitzke und ich schafften es, daß auch zur Arbeit niemand ohne Erlaubnis geholt werden durfte und daß niemand unter "Tarif' arbeiten mußte. Wurden bisher 20 bis 30 Zloty für den Tag gezahlt, verlangten wir jetzt stets über 50 Zloty. In den Erntetagen mußte der Bauer auf drei Personen noch einen Korb Kartoffeln dazugeben. Wer schlechter bezahlte oder die Person zu lange festhielt, der bekam einfach keine Kraft mehr. Da ich dadurch zu einer "Persönlichkeit" für die Polen wurde, ergab es sich, daß der Pole in Zukunft mit dem Hut in der Hand vor meiner Tür stand und um Kräfte bat. Alle diese Errungenschaften machten sich weit über den Kreis Belgard bekannt. Wir wunderten uns nicht mehr, daß so von Ferne die Deutschen zu uns ins Lager kamen und den nächsten Transport bei uns abwarten wollten. Ich erlebte es, daß es vereinzelt auch Deutsche gab, die nicht in Frieden leben konnten und andere Menschen angriffen. Durch reine Gutmütigkeit ließen sich Superintendent Zitzke und ich verleiten, als Hausmeister einen Karl Bartschart einzustellen. Er war ein alter Mann, der im Grunde sehr dankbar hätten sein müssen. Er war aber das Schreckgespenst des Lagers, und leider konnten wir ihn auf gute Art nicht loswerden. Er war zu allem fähig, und deshalb mußten wir angesichts der allgemeinen Umstände Rücksicht auf ihn nehmen. So geschah es, daß der Genannte Reisepässe stahl und in der Stadt verkaufte. Er übernahm Waren für uns, die er dann veruntreute. Bartschart versuchte, Frau Ilse Gierschewski, heute Siegburg, Ringstraße 1, zu überreden, mich der OB zu melden, damit ich abgeholt würde, denn nur gegenüber dieser Stelle hätte ich Angst. Was in Mittel- und Westdeutschland los war, wußten wir nicht. Wir schickten deshalb Frau Elli Nemitz geb. Röbke über die Oder, um Informationen einzuholen. Sie kam auch wieder, und ich höre es noch heute in meinen Ohren klingen, wie Bartschart im Flur des Heims herumlief und rief: "Eine Spionin ist im Hause, ich werde dies melden!" Und wieder ist es meiner Gutmütigkeit zuzuschreiben, sonst hätten ihn die aufgebrachten Insassen ins Jenseits befördert. Mit gelegentlich leichten Fällen dieser Art hatten wir ohnehin zu tun. Dafür hatten wir im Lager einen Ehrenrat gebildet, das aus Superintendent Johannes Zitzke, Willy Schwantes, Gerhard Holz, Richard Köhler und meiner Person bestand. Ein besonderes Ereignis sei hier festgehalten: Eines Tages kam ein sehr kranker Junge in das Lager, den wir - Gerhard Holz und ich - aus dem Lager Schivelbein in einem Wäschekorb abholten. Aus einer ostpreußischen Familie, Mutter mit fünf Kindern, war dieser Junge mit Namen Kurt Graf mit seinem gesunden Bruder Heinz übrig geblieben; alle anderen waren an Typhus in Belgard in der Rostiner Straße verstorben. Kurt war ein Häufchen Unglück, sterbenskrank. Eine mir namentlich nicht mehr bekannte deutsche Krankenschwester aus dem Krankenhaus zu Belgard nahm ihn zu sich und pflegte ihn. Nach ungefähr drei Monaten wurde ich von den Kindern gerufen: "Kurt kommt!" was ich als einen schlechten Scherz auffaßte. Und tatsächlich, er kam allein, wenn auch noch steif auf den Beinen. Sein Zustand besserte sich weiter, und bald konnte er ordentlich gehen. Kurt wurde der Liebling im Heim und von allen verwöhnt. Heute ist er in einer Lehre. Für den Kreis Belgard war das Hauptlager Schivelbein. Von hier aus sollten auch die Transporte unmittelbar über die Oder gehen. So konnten wir in Belgard immer erst wieder neue Vertriebene aufnehmen, sobald Schivelbein uns die Menschen abnahm. Die Registrierung in Schivelbein lag in der Zuständigkeit eines Polen, der kein deutsch verstand und auch nichts von Deutsch wissen wollte. Für die Deutschen sah es deshalb hier auch nicht gut aus. Für den Polen waren die Deutschen Nummern, er behandelte sie unfreundlich und häufig herabwürdigend. Ich hatte die Erlaubnis zum Besuch des Lagers Schivelbein und somit auch die Erlaubnis, die Bahn benutzen zu dürfen. Die Begrüßung unter uns beiden war lächerlich: "Morgen, Herr Kommandant!" Er stellte mir im Lager ein gutes Zimmer zur Verfügung, das ich aber nicht benutzte; denn es war mir zuwider, ein ganzes Zimmer zu belegen, während im Lager 20 bis 30 Menschen in einem kleinen Raum hineingepfercht wurden. Leider holte dieser unseren sehr geschätzten praktischen Arzt Dr. Diedrich ins Lager nach Schivelbein zur Behandlung kranker Menschen. In Belgard hätten wir ihn nicht weniger dringend benötigt. Auch aus dem Lager Schivelbein mußten die Menschen zur Arbeit in die Stadt und auch auf das Land. Allerdings waren die Menschen hier nicht in dem Maße geschützt wie in Belgard. In beiden Lagern hielt Superintendent Zitzke Gottesdienste. Soweit es uns möglich war, unterstützen wir die Lagerinsassen in Schivelbein mit Geld und Sachleistungen. Erkrankte Personen waren insoweit besonders betroffen, als der Kommandant sie nicht in den Transport über die Oder geben wollte. Die Vertreibung der Deutschen über die Oder aus unserem Bereich geschah - nach einiger Zeit - vornehmlich aus dem Lager Schivelbein. Im Jahr 1945 gingen erst hin und wieder Transporte über die Oder. Die Eisenbahn stellte dafür nur Viehwagen und Güterwagen - und gelegentlich auch offene Loren - zur Verfügung. Für jeden Transport waren 1.200 Menschen vorgesehen, die vorher registriert wurden. Die Person erhielt von unserem Büro einen in polnisch abgefaßten Evakuierungs-Umsiedlungsschein. Der Inhalt lautete dahin, daß sich die Person für den Transport über die Oder freiwillig gemeldet hätte ("freiwillig" ist natürlich Unsinn, denn niemand ging freiwillig). Nicht selten konnten wir die Zahl 1.200 erreichen, da wir aber die Zahl vorweisen mußten, ergänzten wir die Listen mir erdichteten Namen. Wenn jemand bei uns vorsprach, der polnischerseits gesucht wurde oder dessen Name aus anderen Gründen nicht genannt werden durfte, setzten wir einen anderen Namen ein. In einigen Fällen widersprachen Deutsche dieser Praxis. Wir erklärten den Anzeigenden dann, daß wir den Fall vor deutschen Gerichten klären lassen wollten; die Anzeigenden gaben sich damit dann allgemein zufrieden. Nur in einem Fall hatte man doch einen Zettel bei der russischen Kommandantur eingereicht mit dem Hinweis, daß Insasse Hans Rux verdächtig werde, ein Nazi zu sein. Noch in der Nacht konnte ich Rux warnen, er versteckte sich, bis ihm dann sicher als blinder Reisender der Abtransport gelang. Die schlimmste Art, die Züge füllen zu müssen, war die Austreibung der Deutschen straßenweise und ihre Abführung zum Bahnhof des Nachts bzw. am frühen Morgen. Die Miliz ließ den Menschen für die Räumung ihrer Wohnung höchsten zehn Minuten Zeit. In der Bestürzung und Hektik packten die Menschen nicht selten minderwertiges Zeug ein. Der uns bekannte Fritze Schmieder griff in seiner Aufregung nach einem Nachttopf, mit dem er auf die Straße lief. Da, wie wir feststellten, jeder Pole bestechlich war, haben wir mit Erfolg versucht, die Vertreibungsaktionen vorher zu erfahren, um die betreffenden Menschen warnen zu können. Es kam vor, daß bei der straßenweise Austreibung kaum noch jemand in der Straße wohnte; sie waren entweder schon fort oder zu uns ins Lager gekommen. Wir, Superintendent Zitzke und ich, hatten miteinander vereinbart: Sollte jemand von uns verhaftet oder auf andere Weise festgesetzt werden, sollten bis zu 25.000 Zloty Lösegeld als genehmigt gelten. Wir taten alles, nutzten jede Möglichkeit, Gefahren von unseren Insassen abzuwehren bzw. Störungen zu beheben. Superintendent Zitzke und ich wagten uns in dieser gefahrvollen Mission immer weiter vor trotz der damit für uns verbundenen riesigen Gefahr. Wir wußten von einem KZ-Lager in Kolberg, in dem auch Belgarder Männer inhaftiert waren. Für 12.000 Zloty kauften wir sie hintenrum frei, steckten sie unter falschen Namen ins Lager Schivelbein, um sie schnell über die Oder zu bringen. Und siehe da: Diese Aktion wurde bekannt. Superintendent Zitzke und ich wurden verhaftet (ins Rollen gebracht hatte dies unabsichtlich Emil Scharfschwerdt; er hatte gegen die zwingende Vereinbarung, nicht nach Belgard zurückzukehren, dennoch Belgard aufgesucht, dabei wurde er gefaßt). Superintendent Zitzke kam bald wieder frei. Ich indessen wurde zur Bahnhofskommandantur gebracht und dann zum Verhör ins Bahnhofbüro. Am nächsten Tag stand ich vor einem Schnellgericht. Ich sollte mit zwei Jahren Gefängnis bestraft werden; der OB-Mann, der mich ins Gefängnis bringen sollte, wartete schon auf mich. Als rettender Engel erwies sich der plötzlich erscheinende Bahnhofskommandant. Er fragte nach den Umständen, seine Antwort "warten!". Dann verschwand der Bahnhofskommandant mit dem Richter. Stundenlang mußte ich warten, bis beide betrunken wiedererschienen. Ich solle mich äußern, dann wurde ich freigesprochen. Ich dankte, doch meinen Dank wollten sie gar nicht; sie wollten eine Belohnung von 5.000 Zloty, die sie sich dann anderntags abholten. Die Kasse des Lagers wurde von Frl. Rehbein geführt, verfügungsberechtigt über die Mittel war allein Superintendent Zitzke. Für jeden, den wir zum Transport meldeten, mußten wir ein Schmiergeld von Doch noch zu den Transporten: Zum Güterbahnhof in Belgard waren die Menschen hinbestellt bzw. hingetrieben worden. Was sie nur tragen konnten, schleppten sie mit sich. Allgemein stand zu der angegebenen Zeit kein Zug bereit, dafür aber die "Schwarzen polnischen Raben". Sie brachten große Unruhe unter die Menschen und stahlen gewaltsam, was sie nur fassen konnten. Die Menschen schrien und machten Lärm, aber nur selten ließ sich ein Polizist sehen. Nach Stunden dann, oft auch erst in der Nacht, wurde dann der Zug bereitgestellt. Dann hieß es: Sofort einladen! Dann kam die OB, kontrollierte und suchte nach verdächtigen Personen (fuhr ein ehemals begüterter Deutscher und hatte er sich nicht "erkenntlich" gezeigt, mußte er mit seinem Gepäck den Zug verlassen, kam ins Gefängnis und wurde hier geplündert). Weitere Zeit verging, bis sich der Zug in Bewegung setzte. Die Türen wurden von den Insassen von innen verrammelt, denn auf dem Transport warteten weitere Spitzbuben. Die Transporte, die in der ersten Zeit unmittelbar von Belgard ausgingen, landeten in Scheune bei Stettin. Hier wurde alles ausgeladen, die Menschen mußten in die ehemaligen Zuckerfabrik. Wer nicht gehen konnte, blieb liegen, wer sein Gepäck nicht tragen konnte, warf es fort. Später willigte man darin ein, Gebrechliche und Kranke mit auf den Transport geben zu dürfen. Wir durften einen Eisenbahnwagen für diese Menschen reservieren und entsprechend kennzeichnen. Dieser Wagen sollte in Stettin umgeleitet werden und so unmittelbar ins Restdeutschland gelangen. Doch dieses Einverständnis war Lüge. Die gebrechlichen und alten Menschen wurden irgendwo in ein Heim gesteckt und sind dort verendet; wir haben niemand von ihnen wiedergesehen. Dies alles erfuhr ich aber erst, als ich selbst in Stettin landete. Verließ im Jahr 1945 monatlich ein Transport Belgard, so waren dies 1946 wöchentlich ein Transport. Wöchentlich mußten wir zum Landrat (Starost) und den Befehl für den Transport abholen. Es kam nicht selten vor, daß er zu mir sagte, heute oder morgen geht ein Transport, um 14.30 Uhr hätte alles auf dem Bahnhof zu sein. Möglich war es aber auch, daß dann kein Zug dastand, weil Kohlen fehlten bzw. die Kohlen gestohlen worden waren. Wir waren indessen bestrebt, die Zeit des Abtransports zu sichern und verhandelten mit dem Eisenbahnrat Pan Adamscheck. Zu seinen Ehren müssen wir feststellen, daß er uns stets zuverlässige Auskunft gab, sich nicht scheute, mit der Eisenbahndirektion Stettin und Stargard zu telefonieren. Gab es entgegen dem Befehl zu der angegebenen Zeit keinen Zug, so konnten wir jetzt die Bereitstellung des Abtransports vermeiden. Das war für die sonst betroffenen Menschen eine wesentliche Verbesserung. Wir haben uns Eisenbahnrat Adamscheck dankbar erwiesen. Der unmenschlichste Transport, den ich erlebte, war der Transport mit vielen Kleinkindern am 26. November 1945 in offenen Loren bei strenger Kälte. Erst als es schon dunkel war, konnten wir einladen. Wie immer, war auch Superintendent Zitzke zur Stelle und half besonders beim Verladen der Kleinkinder. Ein polnischer Spitzbube brachte es fertig, mir bei dieser Tätigkeit zunächst den Mantel und dann die Jacke auszuziehen. Die Gefahr für mich wuchs, ich mußte verschwinden. Dieser Pole war mit großer Soldatenuniform bekleidet und mit vielen Orden dekoriert. Eine Gegenwehr schied besonders unter diesen Umständen aus. Ich konnte auch - um die Plünderung weitgehend zu unterbinden - die Miliz bestechen; künftig waren die Abtransporte sicherer. Bei allen Abtransporten mußte ich zugegen sein und dem OB Rede und Antwort gestehen. Die OB und auch der Starost erhielten eine Reiseliste mit allen Namen, die handschriftlich gefertigt worden war. Oft waren die Namen von uns undeutlich geschrieben, so daß wir vorgaben, sie nicht entziffern zu können. Auch hier half wie immer die Bestechlichkeit. Wir brauchten nur Geld und Ware, um die Raben abzufüttern. So gingen Superintendent Zitzke und ich mit Zloty zur Bahn und kamen arm wie die Kirchenmaus zurück. Mußten die Ausgewiesenen zunächst ihr Gepäck tragen, so durften sie sich später eines Rollers bedienen. Der Roller mit kleinen Röllchen, niedrigem Gestell und einer Deichsel war eine Erfindung von uns und für 200 Zloty zu haben. Mit dem Roller konnte man allerlei befördern, aber wehe, ein Rad brach, dann konnte niemand helfen. Der Erlös aus dem Verkauf war für uns eine zusätzliche Einnahmequelle, wie hätten wir auch sonst die vielen Zloty aufbringen sollen! Es gab auch eine Zeit, da ging kein Transport. Unser Lager war dann absolut überfüllt, das Essen wurde knapp und ebenso das Geld. Wir halfen uns dann gegenseitig. Für den Notfall hatten wir auch ein wenig vorsorgen können. Die Menschen, die zu uns kommen wollten und sich vorher informierten, hatten wir nachdrücklich aufgegeben, nichts im Hause zu lassen, sondern alles Brauch- und Verwertbare mitzubringen. So hatten die Insassen und wir mit ihnen auch immer wieder die Möglichkeit, etwas zu verkaufen, Zloty zu erwerben. So rollten Zug um Zug aus Belgard, und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß ich alles in allem ca. 40.000 Deutsche zum Abtransport nach Westdeutschland verholfen habe. Zum Stichwort "Deutsche". Wir durften nur Deutsche betreuen und befördern. Und wir dachten, nach Gottes Gesetz handelnd, nur an unsere Deutschen, selbst wenn wir uns immer wieder in große Gefahr begaben. Pan Malinowski erhielt als Bestechung für einen Transport zunächst 10.000 Zloty, dann verlangte er 20.000, dann 30.000, dann 40.000, und zum Schluß 80.000 Zloty. Dieses Geld konnten wir nicht mehr aufbringen. Also handeln! Ich legte dem Starost für einen Transport die Fahrensliste vor und gleichzeitig den Bestechungsbetrag an Malinowski, worauf der Starost fragte, was das solle. Daraufhin wurde Malinowski verhaftet, und wir waren ihn los und erhielten unser Geld für sinnvolle Maßnahmen zurück.
Wie aber sah es in Belgard aus? Was war nur aus unserer sauberen Stadt geworden; sie war einfach in wenigen Wochen nicht wieder zu erkennen. Jeder Russe und Pole lud seinen Mist, wenn er es überhaupt tat, einfach an der nächsten Straßenecke ab. Es stank an allen Ecken und Enden und es herrschte alsbald eine Fliegen- und Rattenplage sondergleichen. Selbst im Polenkrieg habe ich nicht so viel Schmutz in Polen gesehen als in weniger Zeit in Belgard. Es ist einmal von der Ecke Mauer- / Karlstraße der Mist mit einem Zweispänner abgefahren worden, und es waren nicht weniger als Eine makabre Begebenheit: Als ich im Kreishaus auf Befehle warten mußte, hörte ich, wie sich Polen unterhielten. Ich verstand nur den Namen "Hitler". Man fragte mich, ob ich ihre Unterhaltung verstanden hätte. Als ich verneinte, erklärte man mir, Hitler sei ein schlechter Mensch gewesen, nur ein Gutes habe er getan: die Juden beseitigt. Und als Superintendent Zitzke und ich beim Evakuierungs-Kommissar für Deutsche, der gleichzeitig für die Polen zuständig war, warten mußten, fertigte er die Polen vordringlich ab. Später sagte er uns, die Polen wären deshalb so aufgeregt gewesen, weil er sie nicht in Belgard ansiedeln wolle, es seien Juden, und die wolle er nicht. Unsere schönen Parkanlagen waren bald Tummelplätze von groß und klein. Man machte daraus Fußballplätze. Sehr schmerzlich empfand ich, als eines Tages die Polenjugend die deutsche Schrift von dem Sockel des Ehrenmals 1870/71 abhaute. In der Beseitigung von Schrift und Bild, das an Deutsche erinnerte, waren die Polen meisterhaft. Über Nacht sah man bald keine deutschen Inschriften mehr. Radikal verschwanden die deutschen Straßenschilder, auch die deutschen Namen an Häusern und Geschäften wurden beseitigt. Vorgärten wurden nicht gepflegt, Blumen nicht gepflanzt, weder Rasen noch Hecke geschoren. Die Schwäne verschwanden in den Kochtöpfen der Russen. Zu allem Schmerz sah man hier und dort - verstreut in den Straßen - deutsche Gräber; man scharrte die Leichen dort ein, wo man die Menschen umgebracht hatte. Daß die Polen bei einem Umzug alle Möbel mitnahmen, verstand sich von selbst. Nach der Räumung der Kasernen von den Deutschen schafften die Polen das Inventar fort. Die Kasernen wurden dann bis oben hin mit russischen Soldaten belegt. Die Von-Hindersin-Kaserne hatte neben der sie umgebenden Mauer zusätzlich ein Stacheldrahtzaun, weil in ihr die Soldaten der allerniedrigsten Klasse untergebracht waren, die keine Freiheit genossen. Wenn dann einige ausbrachen, hausten sie unter den Deutschen wie Barbaren, plünderten und vergewaltigten Frauen und Mädchen. Die Sportplatzanlage im Osten der Stadt behielt der Russe für sich. Vor der Kampfbahn bauten sie eine Tribüne und spielten auf den Anlagen Fußball. Die daneben liegende Badeanstalt war alsbald verschmutzt, worauf das Lokal und die Umkleideräume abgerissen wurden. Von den öffentlichen Gebäuden waren das Kreishaus und das Rathaus von den Polen besetzt, der Schlachthof an der Polziner Straße hingegen von den Russen. Die Post arbeitete weiter, und zwar für die Polen. Das Finanzamt und die Reichsbank waren niedergebrannt. Die Schulen standen wohl, doch wurden sie zu dieser Zeit nicht benutzt. Eine weitere militärische Unterkunft mit schwerem Zaun umgeben, waren die Häuser der Baugesellschaft am Bahnhof, wohingegen die gegenüberliegenden gleichen Gebäude der Bahn dienten. Die Parkanlagen vor den Gebäuden waren in Ordnung, sogar der Springbrunnen; die Bahn führte hier die Verantwortung. Zahlreiche Häuser wurden von den Russen bewohnt, und zwar immer jene Gebäude, vor denen ein russischer Posten vor der Tür stand. Dort, wo die ganze Straße oder ein Straßenteil von den Russen belegt war, wurde die Straße für den öffentlichen Verkehr gesperrt, so besonders am Mükepark. Das Utech-Haus am Mükepark wurde von einem ungarischen Professor bewohnt, der die Kunstschätze betreute. Superintendent Zitzke und ich konnten uns von der Ordnung im Hause Utech überzeugen. Das Amtsgericht arbeitete, und das Gefängnis war überfüllt. Die "OB" hatten für ihre Zwecke ein eigenes Gefängnis eingerichtet, und zwar im Hause des Töpfermeisters Dombrowski in der Pankniner Straße. Dieses Haus war sehr gefürchtet. Die Deutschen wurden hier gequält. Der eine und andere hat hier auch sein Leben gelassen, so Lehrer Frenz. Auch die Zeugen wurden hier zur Vernehmung einbestellt. Ich selbst sollte einmal gegen einen Nationalpolen aussagen, was ich nicht konnte und erhielt tierische Schläge mit der Drohung: "Jetzt sagen oder Monate in den Keller." Die Leitung hier hatte der Pan Bolleck Jakowski, der angesichts seiner Brutalität berüchtigt war. Ich gestehe, daß ich die Listen für den Transport der Deutschen über die Oder nicht selber dort hin brachte, sondern stets Superintendent Zitzke den schweren Gang gehen ließ, weil er gegenüber den Polen doch eine "etwas" respekteinflößende Persönlichkeit war. Die Einrichtung der Molkerei wurde von den Russen demontiert. Ließ sich die Einrichtung bzw. die Maschinen nicht so entfernen, wurden die Wände einfach herausgebrochen. Als Molkerei diente fortan die Molkerei in Siedkow-Klempin. Das Elektrizitätswerk wurde in vollem Betrieb übernommen. Hier arbeiteten die deutschen Fachkräfte, die gleichzeitig Polen anlernen mußten. Die Russen brauchten die Stromabnahme nicht zu bezahlen, dagegen die Polen und Deutschen um so höher. Die Leitung des Werks stand unter Aufsicht eines Polen, dessen Frau als Stabshelferin bei dem Infanterie-Bataillon 374 beschäftigt gewesen war. Meine frühere Warnung an den Stabsintendanten bewahrheitete sich, sie war nicht "einwandfrei", nur überhörte man dies damals (hier sei noch eingeflochten, daß ich mehrere Kriegsjahre Der Bahnhof strotzte vor Dreck. Die Reisenden hielten sich nicht an Bahnsteig und Durchgänge; alles lief über die Gleise. Auf den Gleisen lag massenhaft Schmutz. Die Züge verkehrten unregelmäßig; alle Wagen fuhren mit glaslosen Fenstern. Bei den Bahnpreisen war es so, daß die Preise willkürlich für gleiche Fahrten berechnet wurden. Die Deutschen durften die Bahn nicht benutzen. In dringenden Fällen taten sie es doch; sie ließen sich die Karte von Polen kaufen. Man kam aus Ostpreußen, Westpreußen, auch aus den östlichen pommerschen Kreisen gefahren, in Belgard indessen war eine scharfe Zugkontrollen; alle Reisende mußten aussteigen. Wurden deutsche Reisende gefaßt, mußten sie ihr Gepäck abliefern und wurden in das Gefängnis der Bahnhof-Polizei gesteckt. Wurden sie entlassen, war der Rucksack geplündert. Zu essen gab es in dem Gefängnis nichts. Hier trieben wir vom Heim aus "Spionage" und halfen mit Lebensmitteln. Meine besten Kräfte für diese Versorgung waren Irmgard Röbke, Tochter des Fleischers Ernst Röbke, und meine Tochter Margarete. Wieder einmal griffen wir helfend ein, als ein Transport aus Stettin in Belgard einlief. In Stettin hatte man die wenigen Deutschen, die mit der Bahn über Belgard hinausgekommen waren, zusammengezogen und von :Polizisten bewacht wieder zurückgeschickt. Die Züge fuhren nicht mehr als 30 km/h durchschnittlich und nur des Nachts. Die Reisenden waren auf dieser langen Fahrt nicht versorgt worden, so halfen wir und linderten deren Hunger. Eine große Freude war es für uns alle, daß ein Zufall wieder zwei Menschen zusammenführte: Ein Mädchen aus unserem Lager fand unter den Zurückgeschickten ihre Mutter. Wir schmuggelten die Mutter aus dem Kreis der von der Polizei bewachten Rückreisenden hinaus und gliederten sie in unser Heim ein, wie auch einige ganz Schwache. Drüber und drunter ging es auch auf dem Schlachthof. Dort arbeiteten deutsche Fleischer. Die Russen mieden die Innereien, so erhielten wir große Mengen Herz, Leber usw. Auf einer Silberhochzeit aßen wir statt Kuchen Leber, und zwar ohne Brot. Ob sich Superintendent Zitzke noch daran erinnern kann? So waren wir rege. Wenn Superintendent Zitzke zum Erntedankfest Oktober 1946 das Leitwort ausgab: "Wir säen nicht und ernten doch....", so entsprach dies dankbarer und zugleich leidvoller Erfahrung. Der Zustand der Friedhöfe spottete jeder Beschreibung. Der Russe fuhr seinen Schmutz, wenn er es dennoch überhaupt tat, auf die Friedhöfe. Der Pole brach alle Denkmäler um. Auf unsere Särge wurden die Toten der Polen und Russen gesetzt. Keine Hecke usw. wurde beschnitten. Eine Verwahrlosung sondergleichen hielt ihren Einzug. Auf dem Friedhof an der Körliner Straße schuf der Russe ein großes Werk. In Tag- und Nachtschichten wurde ein Denkmal für die gefallenen Russen errichtet und dazu eine Anlage. Das Denkmal wurde nachts angestrahlt. Aber damit war auch "die Kunst" zu Ende, so schnell, wie alles geschaffen wurde, so schnell verkam auch alles wieder. Der Eisenbahnfriedhof am Rostiner Weg war den Polen vorbehalten. Den Deutschen erlaubte man, ihre Toten auf dem Mühlenfriedhof an der Polziner Chaussee in die heimische Erde zu bringen. Mit viel Liebe wurden die Gräber gepflegt; man pflegte auch jene Gräber, deren Angehörige nicht mehr am Ort waren. Die Petrikirche blieb ohne Auftrag, wohingegen die Georgenkirche den Deutschen zur Verfügung stand. Hier wurden regelmäßig Gottesdienste abgehalten, die unter polnischer Aufsicht standen. Der Pole sandte einen Vertreter, der auf jedes Wort achtete. Mit großer Hingabe predigte Superintendent Zitzke, und wenn er über Land war, hielt Gemeindeschwester Minna die Andacht. Die Kirche war stets gut besucht. Zwischenfälle gab es nicht. Unsere St.-Marien-Kirche nahmen sich die Polen. Vor der Übernahme hatten Polen das gesamte Gestühl aus der Kirche herausgerissen und daraus Brennholz gemacht. Der polnische Pastor war stadtbekannt. Er trug eine abgetragene Schiebermütze und gesellte sich häufig unter die schmutzigen Geschäfte. Ja, er war immer bereit, sich die Beute mit den Dieben zu teilen. Als das Denkmalumreißen (Grabmäler) nicht nachlassen wollte, hat einmal Superintendent Zitzke den polnischen Pastor zur Rede gestellt. Der polnische Pastor sprach von Barbarei und wollte das verbieten, doch es geschah nichts, der Frevel wurde vielmehr verstärkt fortgesetzt. Im KDF-Haus in der Bahnhofstraße saß die Umsiedlungsstelle der Polen. Die Müller'sche Druckerei war in Betrieb und druckte ein fürchterliches Hetzblatt gegen die Deutschen. Die Druckerei Johannsen war ausgebaut worden. Hier war das Gesundheitsamt eingerichtet worden. Im Geschäftshaus Paula Leiser war die Unterkunft für die Umsiedler der Polen. Im Altersheim an der Kösliner Straße (Wichernhaus) saßen die Russen mit ihrer Verwaltung. Im Café Langjahr und dem Lokal Bannatz waren Speiselokale für Beamte eingerichtet. Im Hause Werner, Markt, hatte sich die polnische Polizei ausgebreitet. Im Neubau der Kreissparkasse war täglich Markt, wo man rundweg alles kaufen konnte. Die polnischen Bauern boten ihre Waren in Körben an. Das Wirtschaftsleben ging ungeahnten "großen Tagen" entgegen. Fast in jedem Haus war bald ein Geschäft eingerichtet. Überwiegend handelten sie allerdings mit Alkohol. Man konnte bald alles kaufen. Die Preise waren gesalzen. Im Laufe des Jahres bekamen auch wir Lebensmittelkarten; doch das reichte nicht weit, und war fast nur für Brot vorgesehen. Folgende Preise wären zu nennen: Brot 75 Zloty, je kg Fleisch 500 Zloty, Butter Die Straßen waren auch, wenngleich das Elektrizitätswerk arbeitete, schlecht beleuchtet. Die Waren waren in den allermeisten Fällen deutsche Produkte; sie waren vorher gestohlen worden. Gelegentlich waren es auch Waren, die die Deutschen verkaufen mußten, um sich dringende Lebensmittel besorgen zu können. Die Geschäftsinhaber waren nur Polen, Deutsche durften mithelfen. Hier und da kam es zu Geschäftseinbrüchen; Diebe waren fast immer Russen. Die Russen standen sich sehr schlecht mit den Polen. Nicht selten kam es auf der Straße zu Schlägereien zwischen ihnen, wobei sich schnell die Polen zusammenrotteten und auf diese Art die Schlägerei beendeten. Knallte es einmal, was nicht selten vorkam, dann gab es aus Solidaritätsgründen ein "Staatsbegräbnis", und alle Polen folgten dem Trauerzug. Ein Pole sagte mir: "Polen ist wie der wilde Westen, damit müssen wir uns abfinden!" Was unser Interesse bewegte: Starb ein begüterter Pole, so wurde die Leiche nach Polen geschafft und dort bestattet. Die großen Möbeln, Polsterwaren, Uhren, Nähmaschinen usw., was man sich widerrechtlich angeeignet hatte, wurde ebenfalls nach Polen abtransportiert. So war oft Gesprächsgegenstand unter den Deutschen: "Seht, die Polen bleiben nicht hier, sie bringen ihre Toten raus." Und auch die Polen äußerten sich gelegentlich: "Wir bleiben nicht hier, ihr Deutschen kommt alle wieder zurück." Daß das Land im Besitz Polens bleiben würde, wollten selbst die Polen nicht glauben. Die Geschäftswelt mußte schwere Staatssteuern auf alles leisten. Luxusgüter, wie Klavier usw., wurden mit einer Luxussteuer belegt. Sehr viel Freude machte einmal der Verkauf eines Fracks. Der Pole zog das "komische Ding" an, stand und drehte sich, doch er blieb vorne ohne Zeug. Da faßte er doch den Mut und fragte: "Wo hier nicht ist, wo geblieben, wer abgeschnitten?" Er kaufte das dumme Ding nicht. Ebenso wunderlich war, daß von unseren Anzügen in jedem Fall die Weste hängen blieb, die wollten sie nicht tragen. So legten sie auch keinen Wert auf Tischtücher und Stickereien. Betrat man polnische Wohnungen - ich hatte häufig Anlaß dazu - dann sah man viel Unsauberkeit. Eine weitere Begebenheit: Ich besuchte den polnischen Bauernvertreter und sah an seiner Wand ein deutsches Reserve-Soldatenbild. Ich fragte ihn, weshalb das Bild da noch hänge, worauf er antwortete: "Das ist mein Soldatenbild aus der guten alten deutschen Zeit, die mir Ehre gemacht hat." Ich sagte darauf, daß er dadurch doch Schwierigkeiten bekommen könne, worauf er sagte, das sei ihm gleich, er ließe es hängen. Nach Meinung dieses Polen würden wir mit den Polen "gut fertig werden", wenn nicht die geringe Zahl der kommunistischen Polen ein Gewehr hätten und regieren würden, genau so, wie zu Hitlers Zeiten. Der Pole sei im Grunde sehr faul und müsse geleitet werden, und dazu brauchten sie die Deutschen. Auf dem Sportplatz im Stadtholz war ein Alteisengeschäft, auf dem alle alten Autos, ausrangierten Maschinen, alles Alteisen landete. Hinter der Molkerei standen in langen Reihen die landwirtschaftlichen Maschinen aufgereiht, die durch Regen, Zerstörung usw. unbrauchbar geworden waren. Dieser Schrottplatz lieferte Ersatzteile für die Reparatur. Die südliche Marktseite (mit dem Hotel Richard Wolter) war abgebrannt, der Schutt nur schleppend beseitigt worden. Allmählich konnte man auch für deutsches Geld einkaufen. Zunächst rechnete man im Verhältnis 1 zu 1 um, später zugunsten der Deutschen Mark 2 zu 3, auch 4. Es war verboten, Zloty über die Oder mitzunehmen. Verboten war vor allem die Mitnahme von Sparkassenbüchern. Auf diese war man besonders scharf; sie wurden uns, wenn man sie fand, abgenommen. Häufig kam es auch vor, daß ein Pole, wenn er umzog, seine Möbel aus den von Deutschen übernommenen Wohnungen verkaufte, sich eine neue Wohnung nahm und weiter so handelte. Der Handel mit Süßstoff war verboten, Zuwiderhandlung wurde schwer bestraft. Begangener Diebstahl durch Deutsche unterlag ebenfalls schwerer Bestrafung. So hatte sich eine Frau am Kleinbahnhof eine Bahnschwelle geholt und wurde dafür mit Wenn die polnischen Bauern mit ihren Pferdefuhrwerken in die Stadt kamen, fuhren sie im Galopp. Lebensgefährlich wurde es, wenn eine Hochzeitsgesellschaft vom Lande mit Pferdegespannen zur Trauung in die Stadt kam. Ein wildes Durcheinander sah man schon vor der Trauung; alles war schon in bester alkoholischer Stimmung (besoffen). Belgard wurde Sammelpunkt aller hier im Kriege arbeitenden Polen. Sie waren als polnische Schnitter oder "Maruschka" gekommen und kleideten sich jetzt ansehnlich. Die Russen-Frauen machten es nicht anders; der deutsche Schneider bzw. Schneiderin machte aus diesen unmöglichen Figuren eine "Dame", die jetzt das Regiment übernahm. Ein Ausspruch eines Polen: "Polnische Frauen Ich sah häufig die Felder um Belgard und im Kreis Belgard. Ich hatte die Erlaubnis, die Betreuung der Deutschen im Kreis durchzuführen und fuhr mit einem Pferdefuhrwerk über Land. Im Jahr 1945 waren noch alle Felder von den Deutschen bestellt worden. Vornehmlich der Russe, aber auch der Pole erntete die Felder ab; die Arbeit verrichteten die Deutschen. 1946 dagegen, war die Bestellung schon nicht mehr lückenlos, die Felder waren häufig auch nicht mehr bewirtschaftet worden, und was mich sehr wunderte, sie wurden nicht mehr vollständig abgeerntet. Das Getreide verkam. Nur an den Kartoffeln zeigte man großes Interesse. Sie landeten in den hergerichteten Spritfabriken. So war alles mit Sprit überfüllt. Mit der Einkellerung von Kartoffeln durch die Deutschen war es schlecht bestellt, auch wußten sie nicht, wielange sie noch zu Hause bleiben würden. Und doch wurde vorgesorgt. Wer die Kraft dazu nicht hatte, dem half man. Nahe Pumlow holte ich des Nachts aus einer Miete 5 Zentner, u. a. für eine kranke Frau. Nicht alle deutschen Familien verhielten sich, wie man es hätte erwarten können. Statt sich der Mühe zu unterziehen, sich selbst zu versorgen, gab sich die Frau den Russen und Polen hin; auch kam es vor, daß aus den Familien Kinder zur Verfügung gestellt wurden. Da gab es, daß deutsche Frauen mit Russen und Polen in einer häuslichen Gemeinschaft lebten, sich ihnen ebenfalls hingaben nur - weil sie damit besser versorgt waren und einen besseren Schutz genossen. Ein deutscher Kohlenhändler, mit dem ich im V.f.B. oft zusammengesessen hatte, der jetzt Pole werden wollte, erkannte mich auf der Straße nicht wieder. Einige waren als gute Deutsche (Volksdeutsche) zu schnell ins Deutsche Reich gekommen. Immer ging es um den Besitz, um das Irdische, davon wollten sie sich nicht trennen. Ja, die leidliche Moral, der Glaube fehlte hier, und das unter den Deutschen. Wohl hatten wir einen Seelsorger bei uns, der immer auf den Beinen war, der sehr lange Wege mit dem Fahrrad zurücklegte. Selbst bei Sturm und Regen mühte er sich auch über die Kreisgrenzen hinweg. Ihm, Herrn Superintendent Zitzke, sei hier und immer wieder für seine Hilfe gedankt. Wir versuchten vor allem, die Kinder und Jugendlichen zu erziehen, doch es war nicht nur schwer, sondern auch gefährlich, denn wir mußten damit rechnen, daß man uns wegen eines erfundenen Tatbestandes anzeigte. Niemand hätte uns für diesen Fall ans Tageslicht holen können, es wäre zu spät gewesen. Es gab ja keine Schule für unsere Kinder. Sie hatten damit viel Zeit für Dummheiten. Oft waren die Eltern, weitgehend die Mütter, weil der Vater fehlte, froh, daß wir uns auch um die Kinder kümmerten. Da stand dann z.B. ein Junge mit einer Zigarette und rauchte. Ich weiß von einer Jungengruppe, die war schwer bewaffnet. Zum Glück verhandelte nach einer Schießerei ein Pole über die Straftat. Er hatte während des Krieges gut bei einer deutschen Familie gelebt und zeigte sich jetzt darin dankbar, daß er den Vorfall glimpflich entschied. Die Jungen bekamen eine ordentliche Tracht Prügel und wurden dann laufengelassen. In Alt Lülfitz dagegen fiel die Strafe gegen Jungen schwerer aus. Da hatte die Jungen von Bauer Krüger, von Bahnarbeiter Barz und Arbeiter Röske den Ausspruch getan, man sollte die Scheune anstecken; jeder der Jungen bekam, wo sie nichts getan hatten, nicht einmal wirklich die Absicht gehabt hatten, die Scheune auch anzustecken 8 Monate Gefängnis. Mit nicht einmal 15 Jahren saßen sie in dem berüchtigten Gefängnis in Köslin. Auch Fleischermeister Paul Klemz saß dort ein. Er hatte als Strafe einmal 48 Stunden bis zum Bauch im Wasser stehen müssen. Kaufmann Venzke jr. aus der Wilhelmstraße berichtete: "Wir saßen im Zuchthaus Naugard in Einzelhaft, niemand kümmerte sich um uns, nach 3 Monaten wagte ich zu fragen, warum er dort einsitze; dann entließ man ihn nach Belgard zurück." Die Jugend machte uns viel Sorge, und wir konnten nichts oder nur bedingt dagegen etwas tun. Deshalb versuchten wir, die Familien zu bewegen, über die Oder zu gehen. Der Pole war auch scharf auf die Kinder. Sehr schnell hatte man ein Kinder-Waisenheim im evangelischen Gemeindehaus Luisenstraße eingerichtet. Da steckte man alles rein, was man ergreifen konnte. Wir versuchten, die Kinder in geschickten Verhandlungen zu befreien, um sie dann z.B. kinderlosen Familien zu unterstellen, die sie "offiziell" als eigene Kinder annahmen. Mir gelang dies für 4 Jungen. Wenn das Kind aber einen Familiennamen mit der Endung "ki" hatte, dann waren dies "Polenkinder". Superintendent Zitzke brachte das Kunststück fertig, das Erziehungsheim Kieckow geschlossen über die Oder zu bringen. Zunächst nahmen wir sie mit auf in unser Heim und unterstellten sie Familien, die mit den Kindern dann die Fahrt in den Westen antraten. Sehr glücklich waren wir, als im April 1946 die erste Post zu uns kam. Durch Verhandlungen mit der Postverwaltung wurden uns die Postsendungen an Deutsche ausgehändigt. Hatte die erste Postverteilung durch uns ihre Empfänger in der Kirche empfangen, so wurde später im Heim um 13.30 Uhr die Post verteilt. Das war stets eine große Freude für den Postempfänger. Wir erhielten so Fühlung mit der Außenwelt und konnten auch wieder schreiben. Der polnische Briefträger bekam von uns ein gutes Trinkgeld, denn sonst mußten wir befürchten, daß wir die Post nicht erhalten würden. Durch diese Post konnten wir manches Schicksal klären. Die nicht zustellbare Post nahm Superintendent Zitzke an sich. Er hatte vom Ehrenrat die Befugnis erhalten, diese Post zu öffnen und bei Vermittlung um Nachrichten und über den neuen Wohnort zu berichten. (?) Unwichtige Post wurde verbrannt. Die von Deutschen aufgegebene Post sammelten wir ein, das Polnische Rote Kreuz nahm sie uns kostenlos ab und versprach deren Beförderung. Später durften wir uns bei der Post Briefmarken kaufen und die Post öffentlich befördern lassen. Es kam vor, daß, wenn sich ein Ehemann aus dem Westen meldete, daß die Frau / Familie dann sofort Belgard verließ. Aber auch das kam in Einzelfällen vor: Der Ehemann saß an der Grenze bei Stettin, schrieb 5 und mehr Karten des Inhalts: "Kommt schnell"; doch die Frau hatte schon einen anderen gefunden und blieb. Wir versuchten dann, die Frau zur Fahrt zu bewegen, doch ohne Ergebnis. Es erreichte uns auch verrückte Post. Ein ehemaliger Offizier schrieb: "Sendet mir meine Soldatensachen sofort" Oder: "Achten sie auf meine Wohnung, ich komme bald dort hin!" Ein national gesinnter Mann schrieb: "Ich komme zurück und werde die Heimat aufbauen, die Nazis verjagen usw." So hatten wir gelegentlich dann auch zum Schmunzeln Gelegenheit. Trotz der Schwierigkeiten über die Oder nach Belgard zu kommen, gelang dies Männern und Frauen. Jeder wollte seine Familie holen und nahm dafür die gefährliche Fahrt in Kauf. Tauchten diese Menschen auf, steckte man sie ins Gefängnis, denn sie wollten ja "Spionage" betreiben. Dies war jedoch von den Polen nicht ernst gemeint, man ließ sie in Belgard und nahm sie als billigste Arbeitskräfte für sich in Anspruch. Einige konnten sich verstecken. Ein makaberer Fall wurde uns bekannt. Eine Frau hatte einen anderen Mann gefunden, um nun ihren eigentlichen Mann, der sie holen wollte, loszuwerden, zeigte sie ihn an. Auch das Militär der Russen und Polen möchte ich beleuchten. In vollkommen neuen Uniformen waren die Polen gekleidet. Sie traten dennoch wenig auf den Plan, der Russe beherrschte das Feld. Wenn die Polen Kirchgang hatten, gingen sie in voller Ausrüstung, auch mit dem Gewehr in die Kirche. Der Russe dagegen machte viel Aufsehen. Er marschierte oft in großen, aber auch in vielen kleinen Gruppen durch die Stadt Wie sie gingen, war interessant: Sie trugen keinen einheitlichen Anzug, gingen nicht in glatten Reihen, das Gewehr trugen sie verschieden. Es sang einer vor, und die anderen grölten nach. Eines Tages wurden wir aufgeschreckt. Wir hörten deutsche Märsche. Natürlich rannten wir an die Fenster, und siehe da, sie spielten nicht nur deutsche Märsche, sie spielten auch mit deutschen Instrumenten. Und sie spielten nicht schlecht. Ich erlebte die Beerdigung eines Stabsoffiziers. Er lag auf dem ersten Rollwagen im offenen Sarg mit seiner Waffe, der Sargdeckel lag auf dem zweiten Rollwagen. Die Russen marschierten vor und hinter dem Sarg. Nicht nach Rang, sondern durcheinander. Überhaupt schien sich der Soldat nichts aus dem Rang zu machen. Der Soldat grüßte, wen er wollte. Es kam auch vor, daß ein Soldat betrunken einem Offizier die Mütze vom Kopfe schlug. Im Schlachthaus haben wir dies erlebt, daß der Offizier das Fleisch trug und der Soldat machte die Stricheliste. Ob dies Verhalten Folgen hatte, weiß ich nicht. Aber ich muß auch sagen, daß ich strengsten Gehorsam und Disziplin erlebte. Die Posten standen durchweg 24 Stunden locker quälend umher. Soldaten mußten auch die Viehherden bewachen. Da kam es vor, daß sie tagelang nicht abgelöst wurden, man brachte ihnen auch nichts zu essen. Fanden Offiziersbesprechungen z.B. im großen Kino statt, dann waren die Hindenburg- und die Burgstraße für den öffentlichen Verkehr gesperrt. Und als ein General auf dem Sportplatz auftrat, stand in der Mitte des großen Sportplatzes ein Tisch mit Stühlen, die gesamte Anlage war abgesperrt. Als arbeitendes Personal hatte man deutsche Frauen und Männer, die durchweg ordentlich behandelt und vor den Polen beschützt wurden. Wo also der Russe regierte, hatte der Pole das Nachsehen. Es bestand ein gespanntes Verhältnis zwischen Russen und Polen. Der Russe scheute sich auch nicht, Polen einzusperren und hart zu bestrafen. Ich kenne einen Fall, in dem die Polen zur Strafe einen großen Garten umwühlen mußten. In der fortgeschrittenen Phase der Vertreibung liefen Parolen um, die den Zweck hatten, die Deutschen nicht so schnell über die Oder reisen zu lassen, weil das Arbeitspersonal sonst bei den Polen knapp würde, müßten sie dann doch selber arbeiten. Die Russen waren hier und da bereit, die Deutschen mit ihren Fahrzeugen über die Oder zu bringen. Allerdings mußte dafür kräftig gezahlt werden. Es kam dabei vor, daß sie die Deutschen auf dem Wege absetzten und mit den Sachen fort fuhren. In jedem Ort und jedem Stadtviertel wirkte ein Kommandant, der sein eigener Gesetzgeber war. Wenn jemand ein Dokument erhalten hatte, so galt dies nicht bei dem anderen Kommandanten. Zeigte man das Dokument, so war man es los. Ich wohnte ca. sechs Monate in einer Wohnung mit dem russischen Kommandanten Oberleutnant Viktor Mischkowski zusammen. Wir kamen oft ins Gespräch über vielerlei Dinge, so über den Zustand Rußlands selbst. Er kam aus dem Urlaub von Rußland und sagte uns, daß es dort nicht gut aussähe. Die Menschen haben nicht ausreichend zu essen, wohingegen den Deutschen viel erspart bliebe. Er als Stalinjünger und Pressemensch erzählte uns oft haarsträubende Dinge, die hier nicht aufgezählt werden sollen. Wenn ich dies dennoch bemerkte, so deshalb, weil er die russische Führung nicht für gut hielt. Wenn er seine Stiefel, deutsche Knobelbecher, auszog, kam viel Papier und keine Strümpfe zum Vorschein. Als er zu Weihnacht den deutschen Christbaum sah, sagte er, was der Wald in der Stube soll. Die Soldaten gingen viel auf Jagd, aßen das Erlegte aber nicht. Soldatisch ausgerichtet war auch die polnische Jugend. Zwischen der Hitlerjugend und der polnischen unterschieden sich äußerlich nur die Uniformen in der Farbe; sonst hatten sie die gleiche Aufmachung. Die polnische Jugend war radikal, entfernte alles Deutsche und schreckte vor nichts zurück. Wir Deutschen wurden mit unglaublichen Dingen beschimpft. Die Jugend rauchte von Kindheit an. Ich möchte jetzt einmal näher einen Transport über die Oder schildern. Dabei beschreibe ich den Zustand Ende 1946, als die Vertreibung der Deutschen weitgehend abgeschlossen war und die Transporte schon geordneter (als z.B. 1945) Pommern verließen. Da ja alle Transporte in diesen Monaten gleich waren, berichte ich über meinen Transport, den ich nach meinem Eintreffen in Westdeutschland schriftlich verfaßte: Superintendent Martin Zitzke und ich hatten vereinbart, daß ich, wenn ich fahre, dann das halbe Personal unseres Büros mitnehme. Mein Nachfolger wurde Johannes Krüger aus der Zimmerstraße. Die polnische Verwaltung genehmigte dies. Leider hat sich Krüger nicht der Mühe unterzogen, die zur Betreuung der Menschen gehört. Er hat auch dem Superintendenten große Schwierigkeiten gemacht. Der polnische Evakuierungs-Kommissar gab mir nach längerer Verhandlung die Ausreisegenehmigung. In dem Gespräch bat mich Pan Szczawinski zu bleiben und evtl. die polnische Staatsangehörigkeit anzunehmen, er wolle für mich sorgen. Als ich ihn fragte, ob er dies an meiner Stelle tun würde, verneinte er dies. So bereitete ich den nächsten Transport vor für Nach vielem Schmus und nach Zahlung von 500 Zloty verluden wir auf der Viehverkehrsrampe und besetzten fünf Waggons. Da erschien unser "Freund" Bodleck Jukowski zur Kontrolle. Sein erstes Wort: "Holznagel bleibt hier!" Aber ich nur allein, meine Familie sollte fahren. Superintendent Zitzke erreichte es, daß ich fahren durfte. Endlich um 17 Uhr kam der Ruf: "Abfahren!" Zitzke gab mir die Ehre und schickte sich an, uns bis Schivelbein zu begleiten. Auf der Fahrt stieg ein polnischer Miliz zu uns in den Zug und schlug zuerst den Superintendenten und dann mich, so daß wir umfielen. Der Superintendent stieg aus, er hatte genug des grausamen Spiels, während für mich erst alles von neuem begann. In Schivelbein angekommen, sagte man uns, wir kommen zunächst nicht weiter, wir bleiben in Schivelbein und kommen dort ins Lager. Ich raus zum Kommandanten. Ich verhandelte mit ihm, wir durften weiter fahren. Der geschlossene Transport ging ab, die Türen wurden verrammelt, in jedem Wagen nahm ein polnischer Miliz Platz. Am 29. Oktober um 6 Uhr landeten wir in Stettin-Frauendorf bei naßkaltem Wetter. Erst um 8.30 Uhr durften wir ausladen und - mit dem Gepäck auf dem Roller - zum Lager ziehen. Es wurde im Augenblick ein Transport abgefertigt, und so standen wir vor dem Lagertor. Und wir standen und standen im Regen bis 22.30 Uhr. Uns schliefen die Kinder ein. Dann kam die Zollkontrolle. Ruf durch die Reihen: Der Volkswagen (unser Roller) durfte nicht durch die Kontrolle genommen werden, allenfalls für die Alten. Ein Durcheinander, jeder schnallte ab und viele warfen weg, was sie nicht tragen konnten. Der Zweck der Aktion war wieder einmal erfüllt: Die Polen hatten wieder einmal Gelegenheit zum Plündern. Die Zöllner waren äußerlich freundlich und sprachen deutsch. Sie durchsuchten uns und fanden verstecktes Gut. Hier und da fanden auch Leibesuntersuchungen statt. Ich selbst traf auf einen verständnisvollen Zöllner. Da ich fünf Kinder hatte, vier Jungen als eigen angenommen, kamen wir unbeklaut durch. Unterkunft erhielt ich im 3. Stock. Für bestechliche 200 RM erhielt ich Zimmer im Erdgeschoß. Am nächsten Morgen antreten. Uns erklärte man, daß wir vorerst da bleiben würden. Wir wurden registriert und entlaust. Dann kam der Arbeitsdienst. Die Unterkunft mußte gesäubert werden. Hier fanden wir Nützliches, z. B. Kartoffeln, die wir mitnahmen. Es gab auch etwas zu essen, auch wenn dies ungenießbar war. Brot gab es 100 g / Tag und eine Art Kaffee. Unsere Vorräte aus Belgard gingen zu Ende. Im Lager konnten wir uns bewegen. So war ich in der ersten Nacht draußen. Ich hörte einen Menschen vor Schmerzen stöhnen, schleppte ihn in die Revierstube und erkannte in ihm den 80jährigen Hermann Müller aus Belgard, Wilhelmstraße 33. Erich Knop aus Pumlow stieß hinzu. Am nächsten Morgen suchte ich wieder das Revier auf, in dem ein deutscher Arzt Wache hatte. Man habe Müller, so der Arzt, in ein Altersheim geschafft. Auf mein Verlangen, Müller doch auf dem Transport mitnehmen zu dürfen, erwiderte er, wer erst im Altenheim ist, kommt nicht wieder heraus, und so wurde es dann auch. Der Arzt erklärte mir seine Lage. Er habe weder etwas zu bestimmen, noch die Mittel zu helfen, sonst verschwinde er. Ich stellte noch fest, daß man die Zollkontrolle durch den Kellerausgang umgehen könnte. Umsonst. Die Angst der Menschen ließ vieles ungeschehen. Der polnische Lagerkommandant ging mit Stock und Reitpeitsche durch das Lager. So ging es acht Tage lang. In die Stadt zu gehen, war uns verboten, doch tat man es. Eines Tages kam ein Transport Juden, ein gutes Zeichen insofern, als wir hofften, daß damit auch unser Transport weiter geht. So kam es auch. Über den Verlauf früherer Transporte war ich unterrichtet. Ich habe Superintendent Zitzke von unserem Transport unterrichtet. Am 4. November 1946 konnten wir weiter. Für uns stand ein Personenzug bereit, der von Russen begleitet wurde. Als sich der Zug in Bewegung setzte, sagten wir alle dem lieben Gott ein stilles Dankgebet. Über Pasewalk ging es nach Westdeutschland, erst dort fühlten wir, daß wir Menschen waren und nunmehr menschlich behandelt wurden. Leider ist uns noch in Stettin ein großes Mißgeschick passiert. Unserem lieben Mitbürger und immer hilfsbereiten Gerhard Holz wurde das gesamte Gepäck von Deutschen gestohlen. Freiwillig gab der Plünderer die Sachen nicht heraus, und eine Meldung wollten wir nicht machen, denn das hätte möglicherweise für uns unübersehbare Folgen gehabt. Sonst hatte dennoch der eine oder andere kostbare Dinge in den Sachen oder an seinem Körper verstecken können und so gerettet. Der Mensch ist in solchen Situationen erfinderisch. Mein Bericht wäre nicht vollständig, würde ich nicht an die deutschen Menschen denken, die sich uneigennützig für die Allgemeinheit in größter Gefahr verwandt haben. Ich möchte die Namen und deren Taten bzw. Beschäftigung festhalten: Niemand tue ich weh, wenn ich die Tochter des Superintendenten Zitzke, Frau Maria Münchow, zu allererst nenne. Sie war schon in Belgard eine kranke Frau und zu körperlicher Arbeit nicht mehr imstande. Dafür war ihr Geist gesund, und der war uns allen sehr von Nutzen. Wir hatten oft und zu allererst Dinge zu überlegen, wie wir hier und da helfen, wie wir den Siegern etwas abnehmen könnten, und dazu gehörte schon sehr viel Überlegung und Mut. Ihr Vater und auch ich haben bei unseren Planungen häufig Frau Münchow gefragt, und sie war sehr mutig in ihren Entscheidungen und gab uns Halt für viele Dinge. Sie ist nicht mehr unter uns, sie hat Gott geholt. Nicht eine bestimmte Reihenfolge will ich gehen, doch muß ich jetzt Superintendenten Zitzke nennen. Er liebt keine großen Worte, er ist Seelsorger und Verkünder Gottes. So nur eines: Er hat seine Pflicht ohne Rücksicht auf seine Gesundheit, auf seine Familie und sein Leben überhaupt getan. Ich möchte ihm und seiner Tochter besonderen Dank sagen. Bei Superintendent Zitzke saß Frl. Elli Neitzke. Sie erledigte die Post und half in Kirchensachen. Selten habe ich eine so gewandte Frau gesehen, die keine Weisungen brauchte, sondern von den Augen las und die Gedanken umsetzte. Frl. Elisabeth Rehbein war die nächste Hilfe, die neben den Kirchensachen auch dem Kindergottesdienst vorstand. Vor allem verwaltete sie die Kasse des Heimes ohne jede Beanstandung und in großer Treue und Sparsamkeit. Natürlich war auch Frau Zitzke tätig und half nach besten Kräften. Als treuer Helfer im Hause Zitzke nenne ich den Jungen Fritz Röbke. Er stand täglich bereit und machte das Fahrzeug für den Superintendenten fahrbereit. Ja, Fahrzeug, das Fahrzeug war das Fahrrad, welches sehr wichtig war. Mein Büro lag im Heim des St.-Gertrud-Stifts. Dort hatte ich ein Zimmer. Meine erste Kraft war hier Frau Johanna Pagel geb. Krause. Sie verstand es, mit den Polen umzugehen und erreichte viel Gutes für uns. Die Geschwister Drews, und zwar Elise, Elisabeth und Frau Felgenhauer, waren immer bei der Sache. Frau Elli Nemitz geb. Röbke, Frl. Irmgard Röbke, Frl. Klotz, Frl. Müseler, Frl. Gertrud Krause und meine Tochter Margarete standen weiter den Deutschen zur Verfügung. Bei Großbetrieb halfen noch Frau Röbke und meine Frau. Alle diese Genannten halfen im Büro, gingen in die Wohnungen der Deutschen und halfen, vordringlich mit den Transporten fertigzuwerden. Die aufrechten Deutschen Willy Schwantes und Gerhard Holz waren die männlichen Stützen, wobei Gerhard Holz sich häufig der Gefahr aussetzte. Es ging gut, sonst wäre er wohl lange eingesperrt worden. Leider drückt auch ihn schon der kühle Rasen. In der Küche und Reinigung waren tätig Frau Anna Holz mit ihrer Tochter, Frl. Schlak und Frl. Hinz, auch Frau Götzke mit ihrem Mann. Als Hausmeister sollte Karl Bartschart wirken, doch er wirkte auf der verkehrten Stelle bzw. vollkommen falsch und verwerflich. Um Gefahren für uns abzuwenden, habe ich ihm bald jede Tätigkeit abgenommen. Eine Last war die Anwesenheit des Kriminal-Ass. Richard Köhler aus der Wilhelmstraße, der ja bei der OB Arbeit fand. Er mußte sterben und wurde so dem irdischen Richter entzogen. Wir alle hatten einen besonderen Ausweis und standen nur für das Heim zur Verfügung. Verantwortlich und zeichnungsberechtigt waren Superintendent Zitzke und ich, wohingegen die Fahrtausweise nur ich unterschreiben durfte. Vielleicht ist es von Interesse, welche Titel wir führten: Der Superintendent erhielt den des Pastors. Ich wurde mit märchenhaften und schmeichelhaften Titeln behangen, und zwar von den Polen mit Kommandant, Pastor, Väterchen, Landrat, Lagerführer usw. (ich trug einen Vollbart und auch einen langen Schnauzbart, daher vielleicht einige meiner Titel). Der größte Dank gebührt dem Herrgott da oben. Nur er allein hat uns geleitet, er gab uns die Kraft und die Sicherheit zum Handeln. Rosbach / Siegkreise, Bergstraße 12, den 20. Februar 1947 gez. Otto Holznagel In: Dai Schulteknüppel Nr. 53, S. 31-33; Nr. 54, S. 40-44; Nr. 56, S. 56-59; Nr. 57, S. 41-44; Nr. 58, S. 56-59; Nr. 59, S. 65-67; Nr. 60, S. 67-69. |
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