Der Name "Belgard"

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Zum Namen "Belgard" (Beobachtungen eines Hobbyhistorikers):

Wir gehen davon aus, daß viele der pommerschen Ortsnamen wendische Namen sind, insbesondere jene mit den Endsilben -ow, -owe, -witz, -ves, -win, -in, -yn. Doch dies ist falsch: alle diese Endungen sind altgermanisch, althochdeutsch und mittelhochdeutsch (das schließt nicht aus, daß die polnische Sprache - weil ebenfalls indogermanisch - Endsilben dieser Art hat). - Lautverschiebung, Umlaut, Lautangleichungen, Auslautverkürzungen und andere Änderungen befähigten die Germanen zu außerordentlicher Sprachleistung. Die Entwicklung der deutschen Sprache vom Germanischen über das Altniederdeutsch, Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und Neuhochdeutsch ist beträchtlich. Allein durch die Lautverschiebung vom Mittel- zum Neuhochdeutschen veränderte sich unsere Sprache so stark, daß wir Schwierigkeiten haben, die alten Texte zu lesen. So wurde in neuhochdeutscher Zeit die Endung -owe entweder zu -au oder nach Wegfall des flexivischen -e zu -ow (Roggowe - Roggow). In mittelhochdeutscher Zeit wechselte z mit ts, s mit z und u mit v.

Die Wenden fanden, als sie Pommern besiedelten, viele Orte mit einer germanischen Restbevölkerung vor, und alle diese Orte hatten germanische Namen. Warum sollen die Wenden nicht diese Namen - vielleicht ihrem Sprachgebrauch angepaßt - übernommen haben. Aber auch dafür haben wir ein Beispiel: Wie sehr man Ortsnamen korrumpieren kann, zeigten uns die Polen 1945. Alle unsere pommerschen Städte und Gemeinden erhielten polonisierte Namen. Und nach mehr als 1000 Jahren vermutet dahinter niemand mehr deutsche Namen, wenn die Geschichte sie nicht als solche ausweisen würde. Für die Geschichte der Besiedelung Pommerns mit Wenden fehlen diese Nachweise. - Müssen deshalb die wendischen Ortsnamen rein wendischen Ursprungs gewesen sein?


Der Name "Belgard":

In wendischen und deutschen Urkunden wird Belgard in alter Zeit Belgradia, Belegarde, Bellegarde, Belgard, Belegart, Belgarden, Belgarten, Bellgardt genannt; in lateinischer Übersetzung polnischer Chronisten Alba, d.h. Weißenburg; bei den Annalisten in der frühesten Zeit ist Belgard eine der bedeutendsten Burgen des östlichen Pomorlandes. In einer Schrift zu den polnischen Ausgrabungen auf dem Burgberg in Belgard von Eugeniusz Cnotliwy Biblioteka Popularnonaukowa 4, Koszalin 1982 (auch nach der von Riemann verfaßten Geschichte Kolbergs) lebte im Jahre 1266 in Kolberg Hermann de Bellegarde (Hermann von Belgard), d.h. ihm war, um ihn näher zu bestimmen, der Beiname "Bellegard" beigelegt worden, was ja so viel hieß, wie er komme aus Belgard. Im Jahre 1284 wird weiter Ditrich de Belgard, also hier in der letzten Schreibweise unserer deutschen Stadt genannt.

Wir können diesen Nachweis auch urkundlich eindeutig führen: In der ersten uns bekannten Urkunde, die Belgard erwähnt "Verleihung eines Kruges und Wagenzolles an das Kloster Grobe" vom 8. Juni 1159 heißt es "in castro Belegarde [....]"; P U. B. I. Nr. 171, S. 129/130. Also hieß unser Belgard schon zu tiefer wendischer Zeit, 140 Jahre bevor Belgard das deutsche Stadtrecht erhielt, "Bellegarde". Am 29. Oktober 1285 bekennt sich Pribeko, Herr zu Belgard als Vasall der Markgrafen Otto und Konrad von Brandenburg und begibt sich in ihren Schutz; hier heißt es "Belegarte"; P U. B. Il. Nr. 1355, S. 571/2. In der Urkunde "Pribislaw, Herr von Belgard, urkundet für die Kloster Bukow und Dargun", wird Belgard "Belgarth", auch "Belegart" genannt; P U. B. III. Nr. 21504, S. 74. "Pribislav, Herr von Belgard tritt am 25. Dezember 1290 als Zeuge auf"; im Text wird Belgard "Belgard", auch "Belgart" geschrieben. Am 20. August 1291 bestätigt Pribislav eine Schenkung. In diesem lateinischen Urkundentext finden wir die Namen "Belgard" und "Belgart". Am 29. Juni 1292 tritt als Zeuge "Prywico domicellus de Belgart" auf; P U. B. III. Nr. 1624, S.162. In der Urkunde vom 12. Juli 1295 "Das Land Belgard kommt an das Herzogtum Wolgast unter Bogislav IV", "[....] das ganze Land Belgard bis zu den Grenzen der Pommerellen und Polen und die ganze Einöde [....]"; P U. B. III. Nr. 1730, S. 246/7. [4] Und wie lautet der Name unserer Heimatstadt in der lateinisch abgefaßten Urkunde vom 2. August 1299, mit der Herzog Bogislav IV Belgard das Stadtrecht verlieh? Wir finden in ihr die Namen "Belgarde" und im Abschluß "Belgard". Ferner die Namen Rostin, Furt Kotanz, Schetterow, Custernitz, Ponmanow (Pumlow), Dargekow, Clempin, Sitelkow (Siedkow), Zuchenworth, Kiselitze und Persanta (Persante); E U. B. III. Nr. 1902, S. 377/8. In der Urkunde "Bogislav IV verleiht Belgard die Niederlagegerichtigkeit" vom 4. Mai 1307 wird unserer Heimatstadt im lateinischen Text "Belgard" und "Belgart" geschrieben; E U. B. IV Nr. 2350, S. 266/7. Hiervon abweichende Schreibweisen, wie wir sie auch finden, sind Namen, die andere Völker auf Belgard anwandten, die die Pomoranen selbst aber nicht gebrauchten.


Wir stellen als Ergebnis fest:

1. Die Stadt hat schon im Jahre 1290 "Belgard" geheißen. Die verschiedenen Schreibweisen des Namens wurden auch nach der deutschen Stadtrechtsverleihung beibehalten. In der Stadtrechtsverleihungsurkunde finden wir die Namen "Belgarde" und "Belgard". Bevor wir Belgarder zu der ursprünglichen Schreibweise "Belgard" (wohl in den letzten eineinhalb hundert Jahren) zurückkehrten, schrieben wir es überwiegend "Bellgardt" und "Bellgard".

2. Der Name "Belgard" ist ein wendischer Name, denn die Stadt führte diesen Namen nachweislich bereits in wendischer Zeit. Ob der Name indes germanischen Ursprungs ist, kann nicht nachgewiesen werden, ist aber nicht unwahrscheinlich; denn der Siedlungsflecken Belgard ist mit Sicherheit von Germanen besiedelt gewesen, und weshalb sollten die einwandernden Wenden den von ihr vorgefundenen Ortsnamen nicht übernommen haben?

3. In keiner wendischen Urkunde finden wir den heutigen polnischen Namen unserer Stadt "Bialogard".


Literatur:

1. May, Martin: Sind die fremdartigen Ortsnamen in der Provinz Brandenburg und in Ostdeutschland slawisch oder germanisch? Frankfurt am Main 1897.
2. Cnotliwy, Eugeniusz: Bialogard Grod Wczesnopolski. Muzeum Okregowe, Koszalin 1982.
3. Kiemann, Heinrich: Geschichte der Stadt Kolberg. Colberg 1873.
4. Pommersches Urkundenbuch.


[700 Jahre Stadt Belgard an der Persante, S. 22-23]