Die Bäume blühten, der Kuckuck rief

und die Dorfköter störten kläffend die Stille - ganz wie einst

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Ich hatte einen sehnlichen Wunsch: Ich wollte doch (noch) einmal die Baumblüte zu Hause erleben - und ich erlebte sie in warmen sonnigen Maitagen. Der Mükepark in Belgard hatte sich weiß und anmutig gekleidet und auch der Gymnasialpark grüßte in zartem Grün weiß verschleiert. Und überall an den Wegen Pommerns Butterblumen. Auch viele Wiesen, wohl weil sie nur wenig begrast bzw. bemäht werden, boten dem Auge ein tiefgelb leuchtendes Meer des Hahnenfußgewächses.

Allgemein aber war zu beobachten, daß man in den bäuerlichen Gärten in den Dörfern weniger Obstbäume findet als früher. Bauten wir früher Obst über den eigenen Verbrauch hinaus an, so scheint das Interesse heute, seinen eigenen Apfel zu essen, gering. Ich hatte auch gehofft, in unserem Garten noch Bäume anzutreffen, die meine Mutter und ich am 8. Mai 1945 gepflanzt hatten; doch im einst großen Obstgarten kümmerten nur hier und da einige umgebrochene Bäume ein siechendes Dasein.

(Dieser 8. Mai 1945 ist auch deshalb unvergessen geblieben, weil an diesem Tage die Sowjets auf dem Gut Naffin, das sie besetzt hielten und für ihre Zwecke nutzten, die arbeitenden Menschen zusammengerufen hatten, um ihnen den Sieg über Groß-Deutschland zu verkünden; besoffen offenbarten sie "Hitler kaput", dann trennten sie die Männer von den Frauen, verschleppten sie. Mein Vater hatte sich gesagt, was die zu sagen haben, erfahre ich noch früh genug; er hatte sich auf den Stallboden begeben und entging so ein weiteres Mal der Deportation. Meine Mutter und ich sahen, während wir die Bäume pflanzten, die Russen mit den Männern, den Naffiner Weg kommend, durch Denzin ziehen.)

Anlaß für mich, Anfang Mai nach Pommern zu fahren, war die Blüte, ich wollte aber auch an der Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung unseres rührigen Kreisbearbeiters Dieter Schimmelpfennig in Belgard teilnehmen. Seine Ausstellung im Museum zeigt Landkarten (Topographische Karten) und Bilder von Belgard, Bad Polzin und den Dörfern des Kreises. Direktor Florek eröffnete die Ausstellung. Im Namen der Stadt Belgard grüßte der stellv. Bürgermeister. Dieter Schimmelpfennig wies auf die Vertreibung und den Bruch in der Geschichte Pommerns hin, und daß es sein Anliegen sei, der Bevölkerung zu zeigen, wie es einst in unserem Kreis ausgesehen hätte. (Für Schivelbein bereitet Herr Schimmelpfennig eine besondere Ausstellung vor.) Das städtische Gesicht Belgards wirkt ein wenig erhellt. Die Milliarden, die aus der EU und Deutschland nach Polen fließen, machen sich im äußeren Stadtbild durch Restauration und Straßenausbau bemerkbar. Auffallend sind die vielen kleinen Geschäfte mit einer - für meinen Geschmack - überbordenden Werbung. Die stalinistischen Betonbauten - z. B. an der Friedrichstraße - haben einen bunten, wohltuenden Anstrich erhalten. Das Gesellschaftshaus Maaß in der Wilhelmstraße an der Leitznitz, letzter Pächter Karow, ist abgebrochen.

Erstaunt waren meine Frau und ich, daß der Strom der Gottesdienstbesucher, die am Sonntag die Marienkirche verließen, nicht abreißen wollte. Die Menschen waren gut bis vornehm gekleidet, was unterstreichen dürfte, daß der Gottesdienst für sie Festtag ist. Fünf Gottesdienste waren an diesem Sonntag vorgesehen. Polnische Persönlichkeiten meinten dennoch, daß der Einfluß der Polnischen Katholischen Kirche auf die Politik gering sei; die Menschen unterschieden eben zwischen Gott und der Institution Kirche. Scheidungsrate und Geburt nichtehelicher Kinder unterscheide sich wenig vom Westen. Im alltäglichen Straßenbild fallen die hübsch gekleideten jungen Frauen auf: Sie tragen bunte Kleider, Röcke, Blusen, häufig hohe Hackenschuhe, sind gut frisiert und geschminkt.

Gelegentlich findet man bereits die pommersche Geschichte in der polnischen Literatur wahrheitsgemäß dargestellt, aber eben nur gelegentlich. Auf einer vor der Marienkirche aufgestellten Tafel heißt es, die Marienkirche sei nach wendischem Plan (was slawisch bedeutet und im weiteren Sinne polnisch) errichtet worden. Die gleiche Aussage finden wir auf der Tafel vor dem Hohen Tor. Richtig ist, daß die Marienkirche gebaut wurde, nachdem die Stadt im Jahre 1299 das Deutsche (Lübische) Stadtrecht erhalten hatte. Die deutsche Kultur überbot nun einmal die wendische Kultur, anders hätte Pommern kein deutsches Land werden können, und auch der Kirchbau ist deutschen Ursprungs, wie die Marienkirchen im Osten in ihrer Bauweise allgemein dem Vorbild der Marienkirche zu Lübeck entsprechen. Wir Pommern sind deutschen und wendischen Bluts. Die Polen haben einfach nichts - was den Bau betrifft - mit der Marienkirche gemein. Dies gilt sinngemäß ebenso für das Hohe Tor. Warum bekennen sie dies nicht, warum schreiben sie ihre nachfolgende Geschichte so bruchstückhaft wahr und damit für sie um so schmerzlicher?

Quartier bot uns in Kolberg ein neu errichtetes Kurhotel. In Kolberg wird atemberaubend gebaut, ein Kurhotel und Gasthaus entsteht neben dem anderen, und eines strebt höher als das andere hinaus. Deutsche Busunternehmen fahren im rollenden Einsatz Massen deutscher Rentner (wohl) vornehmlich aus Mitteldeutschland nach Kolberg - zum Kuren, wie ich hörte, (auch) auf Kosten der Krankenkassen. Wenn man den Betrieb beobachtet, kommt man zum Ergebnis, die deutschen Rentner müssen ein Volk von Kurern sein! Und noch eines fiel uns auf: Sie essen, legen sich Wurst und Käse drei- und vierfach auf, sitzen mittags schon wieder am Tisch und essen, und essen abends schon wieder Wurst und Käse - und kuren!

Wir ließen uns auch einige Anwendungen auf eigene Kosten verschreiben. Als Moor- und Fangopackung bekamen wir ein heißes Kissen aufgelegt, das so klein war, daß es nur den halben Rücken bzw. die halbe Brust bedeckte. Man konnte das Kissen aber auch um das Knie gebunden bekommen. Die Moorpackung war von Plastik umhüllt, mit Moor kam der Körper nicht in Berührung. Die Plastik wurde nach Gebrauch von dem Kissen entfernt und das Kissen abermals zur Erwärmung in den Ofen getan - um dann erneut jemandem auf Bauch Brust, Rücken oder Bein getan zu werden. Wohlfühlende oder gar gesundheitlich fördernde Effekte blieben allerdings bei uns aus. Die Massage indessen, auch wenn sie nur Minuten dauerte, war ordentlich.

In den Dörfern hat sich äußerlich nichts geändert. Sie haben heute nur noch eine geringe Einwohnerzahl, denn die jungen Menschen zieht es in die Städte. Wenn ich zu Hause bin, besuche ich die polnische Familie, die heute auf unserem Hof in Denzin lebt. Ich kenne den Bauern seit 1946; seine Familie kam mit sieben weiteren Familien vertrieben aus Ostpolen. Es waren die einzigen Polen Denzins, die tatsächlich vertrieben worden waren. Die Familie ist äußerst arbeitsam. Während die kranke Frau zwei Kleinstkinder pflegt (die Mutter muß arbeiten), versieht der Bauer, schon selbst im Rentenalter, den heute kleinen Hof mit vier Kühen und arbeitet darüber hinaus mit seinem Trecker auf den Feldern von Großbauern. Beide sind körperlich abgearbeitet und quälen sich redlich um den Unterhalt der Großfamilie. Das bei uns gelegentlich zu hörende Vorurteil, die Polen seien faul, dürfte schon durch die vielen polnischen Fremdarbeiter bei uns zum Salatpflücken, Spargelstechen usw. widerlegt sein, gleichwohl ist richtig, daß sie eine andere Kultur pflegen; was uns wichtig ist, wie die Pflege des Hauses, des Vorgartens etc., ist bei ihnen anders vermerkt. Zweifellos ist eine neue Generation junger tüchtiger Menschen herangewachsen. Auch der Umstand hoher Arbeitslosigkeit, ohne daß der Staat nennenswert wirtschaftlich hilft, dürfte die wirtschaftliche Dynamik Polens zusätzlich beleben und die Familien als Notgemeinschaft heben.

Bei der Wanderung durch die Felder und Wiesen fiel mir auf, daß in den kleinbäuerlichen Dörfern (es gab ja nach 1945 nur Kleinbauern und Staatsbetriebe) die Kleinfelderwirtschaft einer großflächigen Bewirtschaftung gewichen ist. Traf man früher häufig auf schlecht bewirtschaftete, verunkrautete Felder, so sind die Ländereien heute großflächig ordentlich bearbeitet, was auf eine Konzentration in der Landwirtschaft schließen läßt. Und fast ausschließlich werden im Umfeld Belgards Roggen und Weizen angebaut. Flächen für den Kartoffelanbau sind Ausnahme und dann nur für den Eigenbedarf.

Und eines überraschte mich an der Persante und Muglitz: der Kuckuck rief. Ich war für einen Augenblick wie verzaubert; der fröhliche Ruf kam so plötzlich, so ganz unerwartet; den Kuckuck hatte ich nahezu schon ganz vergessen! Wie oft hatte ich als Junge den Kuckuck beim Kühehüten auf den Denzin'schen Wischen (Stadtfeld) rufen hören. Und haben wir nicht jeden Ruf mitgezählt: eins, zwei, drei, vier, fünf usw. Wünschen sollte man sich etwas beim Ruf des Kuckucks, so sagte man uns Kindern. Ich weiß nicht, was ich mir damals gewünscht haben mag, vielleicht daß das Kühehüten endlich ein Ende haben möge.

Ein bezauberndes Bild bieten die Persante und Muglitz und ihre Flußtäler. Sie bleiben sich heute mit ihren angrenzenden Wiesenflächen wegen des geringen Kuhaustriebs weitgehend ungenutzt überlassen, und die Natur richtet sich darin weidlich ein. Die herrlichsten Bilder, wohin man auch schaut. Ich bin an der Persante und Muglitz entlang gewandert, vom Weg Buerwischen in Denzin über Fuchskaten bis Naffin, fand mich darin zu Hause - in Pommern, still, allein und wundervoll geborgen. Sieht hier noch zwei Weidenbäume von einst vieren stehen, erkennt in der zusammengebrochenen Bruchweide, aus der letzte grüne Triebe sprießen, den einst hohen Baum, in dem man herumkletterte, macht Halt an der Börn in der Muglitz (hier tranken die Kühe beim Heimtrieb) und sieht ihn wunderlich verwachsen, betrachtet gedankenvoll den alten (vom Strom) abgeschnittenen Persantearm und ist erfreut über dessen anmutige Schönheit, nimmt kopfschüttelnd zur Kenntnis, daß der auf dem Stadtfeld nach Roggow verlaufende Kirchsteig (ein einst reizvoller Wanderweg, der in Belgard an der Polziner Chaussee abzweigte über Denzin nach Roggow führte) nicht mehr existiert. Die Gedanken wandern zu einst und zu jetzt, eilen hin und her in unauflöslicher Folge. Jeder Schritt ist gleichsam ein Bilderbuch schönster lebendiger Erinnerungen. Das ist Heimat, gefangen und versunken zu sein in sich und erfaßt in seiner Liebe zur pommerschen Heimat.

Auch Bad Polzin besuchte ich. Ich wollte doch das kleine Städtchen näher kennenlernen und mir einen persönlichen Eindruck dieses (einst) bedeutenden Heilbades machen. Ich war angenehm überrascht. Die Häuser und Straßen waren, auch wenn ich deren früheres Antlitz nicht kenne, gepflegt, der Marktplatz war neu hergerichtet, die Kirche, ein ausdrucksvolles Bauwerk war restauriert; auch schienen drinnen die Fenster in schöner Malerei erneuert worden zu sein. Und rundherum eine Grünanlage. Auch das Johanniter-Krankenhaus, das einstige (alleinige) Krankenhaus des Altkreises Belgard unterhalb des Kurparks erweckte mein Interesse. Mein Weg über die Stadt hinaus führte dann durch den Kurpark die Wugger entlang. Das Flüßchen ist heute weitgehend gezähmt und der Am Brodesee unterhalb der Jugendherberge, die ich vom Bild zu erkennen meinte, mit einem mächtigen, man könnte sagen, brachialen Sperrwerk versehen, so daß Überschwemmungen, wie sie früher auftraten, heute wohl vermieden werden können. Mit der Einuferung der Wugger dürfte viel Romantik verlorengegangen sein, wie mir überhaupt die Parkanlage an der Wugger zwar gepflegt und sauber, doch in der Gestaltung gleichförmig und einfallslos erschien.

Ich will demnächst die Kirchspiele und Kirchen in unseren Kirchenkreisen Belgard und Schivelbein dokumentieren. Mit freundlicher, dankbarer Unterstützung unseres Patenkreises durch Frau Angelika Esser konnte ich bereits Unterlagen sichten und neue Kenntnisse gewinnen. Ich wollte mir zusätzlich einen Eindruck des heutigen Zustandes der Gotteshäuser verschaffen und besuchte die ersten Kirchen. Mein Weg führte mich, Belgard über die Kösliner Straße verlassend, nach Pumlow. Eine kleine liebliche Fachwerkkirche, im Jahre 1485 errichtet, grüßte von einem kleinen Hügel. Ein alter Pole, der gebrochen deutsch sprach, eilte herbei, holte den Schlüssel und öffnete das Gotteshaus. Voller Stolz zeigte er mir den Innenraum der Kirche; sie war hell und geschmückt und wirkte einladend auf mich. Er sei es, so bedeutete mir der Pole voller Stolz, der für die Sauberkeit und den Schmuck sorge, auch diene er dem Belgarder Pfarrer im Gottesdienst. Die kleine Orgel sei neu; er habe sie aus Deutschland geholt. Auch sei man im Begriff, notwendige Unterhaltsarbeiten an den Außenwänden der Kirche durchzuführen.

Die Kirche in Neu Buckow war verschlossen, die Tür schien lange Zeit nicht berührt worden zu sein. Außen war der Kirchbau zwar nicht gepflegt, doch in mäßigem Zustand: In Klein Dubberow lachte uns die kleine Fachwerkkirche (Kapelle), die gleich neben dem herrschaftlichen Schloß liegt, von einem hohen Hügel entgegen. Es ist, wie die Kirche Pumlow, ein Kirchlein zum Verlieben. Und auch das ungenutzte, nach Unterhaltung dürstende Schloß derer von Kleist weckte mein Interesse. Die Kirche zu Siedkow wirkte einsam, doch schien sie genutzt zu werden. Die Kirchen von Boissin und Lenzen sind außen in gutem Zustand; in Lenzen sind die Fundamente freigegraben und werden mit einem Teeranstrich geschützt. Das Pastorat in Lenzen, ein Fachwerkbau, ist durch ein Feuer zerstört worden. Der Kirchbau in Podewils schien außen in befriedigendem Zustand. Das stattliche Haus gegenüber der Kirche auf der anderen Straßenseite ließ uns darin das Pfarrhaus vermuten. Ist es so? Die große Kirche zu Rarfin war mit Gerüsten umstellt. Die Dörfer allgemein scheinen an Werktagen wie ausgestorben. Allein die sich wichtig tuenden kläffenden Dorfköter, struppiger, kleiner Promenadenmischung, vermelden gern (oder auch nicht gern) gesehene Fremde im Dorf. Kläfft ein Köter los, so melden sich sogleich weitere Hunde im Umfeld und stören mit ihrem Spektakel die Dorfstille.

So kehrte ich mit zahlreichen Eindrücken zurück, war von vieler Erinnerung berührt und freue mich auf den weiteren Besuch des Kreises Belgard-Schivelbein im August parallel zum Aufenthalt der Reisegruppe Barbara Haverland. Einen herzlichen Gruß allen Lesern, besonders unseren Alten und Kranken, denen es nicht mehr vergönnt ist zu reisen, doch sich wachen, sehnsuchtsvollen Herzens ihrer pommerschen Heimat erinnern. Von dem einen oder anderen Gedanken angestoßen, werden Sie, liebe Heimatfreunde, sicherlich Parallelen eigener Erinnerung wiedererkennen. Ist es nicht ein Gottesgeschenk, sich seiner Kindheit und Jugend, seiner Eltern und Großeltern erinnern zu dürfen und darin seelische Kraft und Lebensfreude zu finden?


[Pommersche Zeitung vom 10. Juni 2006]