Ein Dorf ohne Gastwirt und Kaufmann

Streifzug durch die Dörfer der Heimat - Klempin mit dem
80 Meter hohen Niefgenberg und dem einsamen Waldfriedhof
Nein, kein Aprilscherz! Wir wollten zwar zunächst nicht glauben, daß es in allernächster Nähe der Stadt Belgard einen Ort gibt, dessen 200 durstige Seelen von keinem Gasthof oder Krämerladen getränkt werden. Und doch ist es so! Jedenfalls gab diese merkwürdige Kunde Anlaß, die Einwohner des Dörfchens Klempin näher zu betrachten. Es gibt hier tatsächlich weder Gasthof noch Krämerladen. 200 trockene Seelen (oder Kehlen), und ohne die uns Städtern einfach selbstverständlichen täglichen Bedarfsartikel des Kaufmanns kommt man hier aus. Da wird es dann ohne Gasthaus wenig Feste und Veranstaltungen geben. So ist es! Man lebt hier sein Leben ohne große Ereignisse. Die tägliche Zeitung genügt, um nicht gänzlich abgeschnitten zu sein. Ab und zu im Nachbardorf ein ereignisreicher Tag, bei dem man dann auf einige Zeit Vorrat fassen kann, denn im Dorf gibt`s zwar eine Molkerei, doch ohne Alkohol ist dieses Getränk! Ein Klempiner Bauer namens "Ingber" berichtet wohl, daß sein Großvater ursprünglich Gasthofbesitzer gewesen wäre, doch was nutzt der schöne Name, wenn.... Doch soeben ereilt uns noch die Nachricht, daß es auch noch einige andere "alkoholfreie" Dörfer im Kreise Belgard geben soll! Doch abgesehen von dieser Alkoholgeschichte, die jedes "ehrliche Bierherz" betrübt, weist das Dorf Klempin manche Schönheiten auf, wegen der es sich lohnt, einen Ausflug hierher zu machen. (Bier ist in Thermosflaschen mitzubringen!)

Schön, wunderschön eingeschlossen von waldigen Höhen liegt dieses Dörfchen von dem Klempiner und dem Niefgenberg. Der Niefgenberg weist eine Höhe von fast 80 Metern über dem Meeresspiegel auf, und weit sieht man von ihm über das Dorf ins Land. Aus seiner Landschaft heraus gehört zu fast jedem Bauernhof etwas Wald- und Forstwirtschaft. Der sonst bebaute Boden ernährt Vieh und gibt Getreide. Mittel bis mäßig sind die Bodenverhältnisse.

Die Geschichte des Dorfes ist sehr lückenhaft. Man nimmt an, daß schon vor dem 30jährigen Krieg hier Ansiedelungen vorhanden waren. Dann fehlt lange Zeit jede Spur, bis 1640 die ersten Aufzeichnungen wiederkehren. Von dieser Zeit an kann man den Stammbaum dreier Familien weiterverfolgen. Damit haben diese Höfe (Pagel, Syring, Häger) Anspruch auf das Ehrenschild des Reichsnährstandes. Alte, gedrungene Fachwerkwohnhäuser, vor ungefähr 100 Jahren erbaut, geben dem Dorf einen reizvollen Charakter. Im Gegensatz dazu fallen die neuen Stallungen auf. Das hat seine Ursache: Vor etwa sieben Jahren hat eine Feuersbrunst alles zerstört, was ohne festen Unterbau und mit Strohdach versehen war. Ein leichtgebautes Wohnhaus und 17 Stallungen wurden damals ein Raub der Flammen.

Der Ort ist nach keiner besonderen Ordnung, nach keinem systematischen Plan erbaut, und doch fügt er sich dem Landschaftsbild ein. Die Natur war Plangestalterin. Hingestreckt, wie schutzsuchend, reihen sich die Häuser an den Höhenzug. Eine Kirche hat das Dörfchen nicht, doch seine Toten begräbt es seit 1864 auf einem eigenen Friedhof, der mitten im Walde liegt. Ein würdiger Hof des Friedens, umrahmt von den rauschenden Tannen. Eine schmucklose Steinplatte steht an der Grabstätte der Familie Ristow. Die Platte wurde in der Nähe des Dorfes als Kistengrab freigelegt und hat nun hier wieder einen geweihten Platz.

[Belgarder Zeitung vom 23. März 1937]