| Ein Buch zerstört den Mythos von der gelungenen Integration der Vertriebenen |
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| Während vorn in allen Medien noch einmal
der Geburtstag der Deutschen Mark und das Wirtschaftswunder gefeiert werden
und an die Solidarität während der Blockade Berlins vor 60 Jahren
erinnert wird, gibt es hinten im Feuilleton (!) derselben Blätter einen
Aufschrei. Da ist von einem "Tabubruch", einer "soziologischen
Schauergeschichte", vom "Ende eines Mythos" die Rede. Dafür
gesorgt hat Andreas Kossert, ein junger Historiker (Jahrgang 1970) am Deutschen
Historischen Institut in Warschau. Er hat mit seinem Buch Kalte Heimat.
Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945 die "Erfolgsgeschichte"
von der erfolgreichen Integration der Vertriebenen untersucht und kommt
zu einem vernichtenden Urteil: Abgelehnt, ausgegrenzt, als "Polacken",
"Pimoks" und "Gesindel" verspottet oder sogar gehaßt
wurden sie, die Flüchtlinge und Vertriebenen von den Einheimischen
vor 60 Jahren. Da kam der selbständige pommersche Bauer mit dem Rucksack an, wurde bei einem holsteinischen Bauern einquartiert, der alles behalten hatte, und mußte sich von diesem dann auch noch als "Polacke" beschimpfen und wie ein Zwangsarbeiter behandeln lassen. Weil er ohne Alternative war, "ohne Rückfahrkarte" in seine echte, "wärmere" Heimat. Andreas Kossert hat Dokumente zusammengetragen, die das Bild von der reibungslosen Eingliederung erschüttern, ja zerstören. Nie hätten die Vertriebenen Anerkennung dafür erhalten, daß sie unter den Folgen des Krieges mehr zu leiden hatten als andere, obwohl sie nicht mehr Schuld daran trugen als die Bayern, Schleswig-Holsteiner oder Niedersachsen: "Mit der Ankunft im Westen lag das Schlimmste hinter den Vertriebenen, aber ihr Unglück setzte sich fort", so Kossert, und zwar "flächendeckend" (auch in der SBZ / DDR, wo den Vertriebenen als "Umsiedler" von vorn herein der Opferstatus abgesprochen wurde). Vertröstet hat man sie, jahrelang ihre Hoffnung geschürt, doch noch in ihre Heimat zurückzukehren. Und sie haben stillgehalten, sich angepaßt, sich durchgebissen. Und wurden mit ihrem Willen, ihrem Fleiß, ihrer Ausdauer sogar zum Motor der Modernisierung der Bundesrepublik. "Es ist an der Zeit, deutsche Vertriebene endlich als Opfer zu begreifen, die nicht nur unter Flucht und Vertreibung gelitten haben, sondern auch unter der Hartherzigkeit ihrer eigenen Landsleute." Insofern sei auch ihr Bemühen, als Opfer anerkannt zu werden, nicht nach außen, sondern auf die einheimische innerdeutsche Mehrheitsgesellschaft gerichtet, meint Andreas Kossert. Sein Buch wird durchweg gelobt, aber es kommt zu spät, um an eine Wiedergutmachung zu glauben, um am "Lastenausgleich" etwas zurechtzurücken. Es kann nur eine späte, für die meisten Vertriebenen zu späte Genugtuung sein. H.B. Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945. Siedler Verlag 2008, 450 Seiten, 24,95 EUR. [Pommersche Zeitung vom 5. Juli 2008]
Sehr eigenartig, daß wir diesem Thema in der Rückschau so wenig Aufmerksamkeit widmeten. Nahezu alle Aufsätze beschäftigen sich mit dem Krieg und der Vertreibung; darüber, wie schwer wir es in den ersten Monaten und Jahren in Mittel- und Westdeutschland hatten, daß wir hungerten und Not an allem litten, lesen wir wenig. Geprägt haben uns da viel stärker die Ereignisse der Besetzung unserer Heimat und unsere Ausweisung. Die Gewalt jener Monate und Jahre war derart brutal, daß wir die erste Zeit hier im Westen unseres Vaterlandes zwar als bedrückend und notleidend empfangen, doch die Angst und die völlige Rechtlosigkeit waren, als wir die Oder überquert hatten, von uns gewichen, und die Hoffnung, es geht zurück, die Hoffnung mochte bei unseren Eltern die im Grunde aussichtslose Lage übertünchen. Dabei waren doch die Bedingungen für den Ausbruch einer Revolution gegeben: hier die Besitzenden, denen es überwiegend an Nichts fehlte, und da (wir) die Hungernden, wir Obdach- und Besitzlosen. Nun - wir waren nach Herkunft und Charakter keine Revolutionäre, wir waren christliche Menschen, rechtsempfindend, ehrlich. Wir Vertriebenen wollten nur eines, wir wollten zurück! Bei dieser Hoffnung ist es dann geblieben. Entwürdigend in welcher Weise der 2 plus 4 Vertrag und die Gespräche vorbereitet, geführt und beschlossen wurden. Jene elf Bundestagsabgeordnete, die vor der Beschlußfassung zu den Grenzverträgen sprachen, wurden ermahnt, sich kurz zu fassen; es seien rechtlich nur persönliche Äußerungen. Und es klingt mir noch heute - für mich unverständlich - in den Ohren, mit welchem tosenden Beifall die Verträge bejubelt wurden - keine Würdigung, kein Wort des Mitleids, daß man hier mit einem Federstrich ein Viertel alten deutschen Bodens aufgab, 13 Millionen Menschen weitgehend ihrer Geschichte und Kultur beraubte; und hätte nicht wenigstens ein Förderprogramm auf der Tagesordnung stehen müssen, wie man den 13 Millionen Vertriebenen Ehre und Gerechtigkeit angedeihen lassen könne. Doch darauf warten wir noch heute. [Dai Schulteknüppel Nr. 57, S. 14] |
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