| Die St.-Marien-Kirche in Belgard und
die Kirchen Wusterbarth, Vietzow, Hopfenberg, Rarfin und Kerstin mit altem Altar und alter Kanzel (2008) Selbst das pommersche Ackermännchen grüßte Von |
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| Geht es nach Pommern, so ist dies nicht eine
Reise wie jede andere. Schon in der Vorbereitung ist man bewegt, und je
näher die Reise rückt, umsomehr verstärkt sich das Gefühl
einer Wiederkehr, wenngleich man weiß, daß sich diese Erwartung
nicht erfüllen kann. Was uns indessen inniglich begleitet, ist stille
Freude, beglückendes und zugleich schmerzliches erinnerndes Entzücken
mit der Begegnung dessen, was uns Kindheit und Jugend war. Nähert man sich der Oder, so überrascht nach weiten Strecken flachen Landes wegweisend ein tiefes Urstromtal: wir sind angekommen, sind in Hinterpommern. Und wieder war es Sommerwetter, das uns schon Anfang Juni empfing. Zu warm, zu trocken, schon seit Wochen hatte es nicht geregnet. "Scheißwetter", wie ein Pole sagte. Die heute großflächig betriebene Ackerwirtschaft bringt zweifellos höhere Erträge als sie früher die Klein- und Mittelbauern einzubringen vermochten, gleichwohl sahen wir einige mickerige Kartoffelfelder, zumal da ihnen als Düngung - anders als früher - der bakterienreiche Viehdung fehlt. Die Straße östlich der Oder ist auf dem ersten Teil in den letzten Jahren großzügig als Autobahn ausgebaut worden, die dann weiter auf der A 6 in Richtung Danzig führende Reichsstraße ist trotz ihres nur zweispurigen Ausbaues mit breiten Seitenstreifen bei mäßigen Verkehr gut und zügig zu befahren. Kommt man in sein Heimatdorf, wie ich nach Denzin, so läuft das Auge schon von fern prüfend über den Dorfrand, und wenngleich schon häufig gesehen, ist dies Bild ein Quell der Freude, das Gefühl, als kehrte man aus der Fremde heim, auch wenn heute ungefähr nur noch jedes zweite Gebäude steht. Die Dörfer sind aufgeräumt, die Putzschäden behoben, hier und da erneuert, Trümmer zusammengefallener Gebäude beseitigt. Die Dörfer nehmen nicht am Aufschwung und den baulichen Veränderungen der Städte teil, gleichwohl ist auch hier im kleinen Aufbruch nach einer langen Phase kommunistischer Herrschaft zu erkennen. Ein Gruß unserem Haus und Hof, Gedanken bestürmen mich; man denkt an die Großeltern, die unser gefälliges Wohnhaus errichteten, an die fürsorgliche Mutter, die noch so gern gelebt hätte, doch schon mit 40 sterben mußte, an Vater, der - schon von Kindheit an - so ganz Bauer war. Verläßt man das Dorf, so herrscht Stille rundherum, keine Menschenseele entgegen früherer betriebsamer Tätigkeit auf den Feldern. Große Maschinen machen den Menschen heute überflüssig, nur wenige Tage brauchen Saat und Ernte. Den früher abwechselnden Äckern mit Getreide, Gemenge, Ackerfrüchten sind Großfeldern mit wenigen Fruchtarten gewichen; die Wiesen werden wegen des geringen Tierbestandes nur teilweise genutzt und schießen in hohes Gras. Im Petrico bei Körlin, einer Ferienanlage unmittelbar an der Radue gelegen, untergebracht, konnten wir in einer wild wuchernden Landschaft mit dickichtem Baum- und Strauchbestand eine reiche Vogelwelt beobachten: Seeadler, Rotmilan (der rote brandenburgische Adler), Reiher, Kranich, Schwalbe, Mauersegler, Wachholderdrossel (Krammentsvogel, der früher mit Pferdehaarschlingen gefangen und gebraten wurde) und das pommersche "Ackermännchen", nämlich die Bachstelze, die den Bauern beim Pflügen zuguckte. Der Storchenbestand indessen ist in Lenzen auf acht Nester geschrumpft, in der Wiese sahen wir dennoch sieben von ihnen Futter suchen. Und es gibt noch den Spatz, der sich im Sand des dörflichen Sommerweges wohltuend suhlte und ein fesselndes Bild unserer Kindheitstage bot. Ein Erlebnis ist ein Besuch in Groß Möllen, dem früheren Bad der Kösliner. Herrlich die Wanderung zunächst auf der Promenade des Steilufers und dann weiter am Strand entlang bis hin zum Jamunder See. Beeindruckend der Anblick der brandenden Wogen und des unendlichen Meeres, erfrischend die Seeluft. Und spätestens bei diesem Anblick wird man wieder daran erinnert, welches weite herrliche Land man uns geraubt hat. Mich bewegt wehmütiges Empfinden darüber, daß alles vergänglich ist. Wir, die wir hier auf den Spuren unserer Eltern und Vorfahren wandeln, sie in Gedanken auf den Äckern pflügen und ernten sehen, wissen, daß dies Bild, so wie wir es noch sehen, erlischt. Ich sitze auf der höchsten Erhebung von Fuchskaten und genieße den Blick in das reizvolle hier beginnende gebirgsähnliche Muglitztal und in die weite Landschaft bis nach Roggow und zur Roggower Mühle. Viele solche landschaftliche reizvolle Flecken gibt es in Denzin zwischen Muglitz, Persante, Denziner und Lenzener Moor. Mehr als 183 Namen und Flurbezeichnungen habe ich mit Hilfe Günter Behlings in die Denziner Chronik übernehmen können. Darunter so ehrwürdige Namen wie Kerkstieg (Kirchsteig nach Belgard), Buerwischn (aus der Sicht Belgards das Wiesengelände zwischen Persante und Muglitz, das den Denziner Bauern gehörte), Steinrieg, Pattenweg, Mörkensoll, Flöt, Cappe und andere. Und jeder Name ist gewachsen, ist Ortsbestimmung, Ausdruck von Wahrnehmung und Sprache und bewahrt nicht selten ein tiefes Geheimnis nun schon Jahrhunderte. Die Bedeutung des Fleckens selbst (wenn nicht vergangen, zugewachsen wie zum Beispiel die Sölle) und das Geheimnis werden bleiben, die deutschen Namen indessen und das Wissen darum werden untergehen, wie wir als die letzte Generation der Vertriebenen vergehen. Es sind Wehmut und Traurigkeit, die uns bewegen, daß wir unser heimatliches Erbe nicht bewahren und weitergeben können, Dankbarkeit dennoch, daß wir - wenn auch nur geistig und gefühlsmäßig - wahrnehmen und erleben können, was unseren Eltern und Vorfahren Heimat war, Quell ihres Lebens. Aber meine Reise war Auftrag, ich wollte die noch vorhandenen 37 Kirchen im Kirchenkreis Belgard aufsuchen und außen und innen fotografieren. Bis auf drei Kirchen kamen wir - mit mir meine Helfer Eheleute Egon und Ursula Mönnich und Ingrid Ebel - in alle Kirchen hinein. Den schwierigsten Part hatte Ursula; sie suchte den Kirchendiener, klapperte mit wenigen polnischen Worten von Haus zu Haus, bis sie endlich jemand fand, und sei es der Bürgermeister persönlich. Für mich war überraschend, daß es bei uns so viele Kirchen gibt. Die Feststellung, wie Ostpreußen ein Land der Burgen sei, sei Pommern ein Land der Kirchen, ist durchaus richtig (die Kirchen sollten so nah beieinander stehen, daß die eine Kirche die andere hören könne), zusammen mit dem Kirchenkreis Schivelbein hatte der Kreis Belgard-Schivelbein (mit sieben eingepfarrten Kirchen aus den Nachbarkreisen) Die bedeutendste aller Kirchen im Kirchenkreis Belgard ist die St.-Marien-Kirche zu Belgard, ein zweifellos edles Geschöpf, bewundernswert - auch wenn sie mehrmals abbrannte und sich uns ein wenig anders mit einem niedrigeren Turm als vor dem Brand 1517 präsentiert - was doch unsere Vorfahren vor 800 Jahren schufen (die katholische Kirche in Belgard meint das Deutschtum der Kirche leugnen zu müssen, als sie davon spricht, daß die Kirche nach wendischen Bauplänen errichtet sei!). Die Bad Polziner Kirche ist mittelalterlich, im Laufe Ihrer Geschichte mehrmals verändert worden und als modern zu bezeichnen. Im Kleid eines Backsteinbaues prägt sie ansehnlich zusammen mit dem restaurierten Marktplatz das Stadtzentrum. Die St.-Michaelis-Kirche in Körlin, im spätgotischen Stil aus Ziegeln errichtet, zeichnet sich in schönen Sterngewölben aus und wirkt im Äußeren malerisch. Die großflächigste Kirche aller Dorfkirchen ist die Kirche in Groß Tychow. Graziös und schlank in den Himmel ragen die Kirchen zum Beispiel Groß Poplow, Vietzow, Kerstin, Hopfenberg, Parsow und Langen. Nicht selten ist der Kirchturm im Verhältnis zum Kirchbau überproportional ausgelegt. Die Kirchen in Groß Poplow und Langen sind Granitsteinkirchen, wunderbar mit Ziegelsteinen verziert; auch die kleine Kirche Boissin besteht aus Feldsteinen. Die Zahl der meisten Kirchen ist in Fachwerk errichtet und mit Backsteinen ausgemauert, andere sind reine Backsteinkirchen und einige der Kirchen sind nur verputzt. Einige der kleinen Kirchen haben statt eines Turms einen Glockenstuhl. Die Kirchen befinden sich in gutem Zustand. Lediglich einige Kirchen weisen außen bauliche Mängel auf. An der Kirche Rarfin sind die Unterhaltungsarbeiten abgeschlossen, lediglich an einem Teil des Kirchturms fehlt noch der Anstrich. In Muttrin ist zwar das Fachwerk der Seitenwände neu aufgemauert und weiß gestrichen worden, auszubessern wäre aber noch der Turm, auch müßte die Tür erneuert werden. Innen ist die Muttriner Kirche provisorisch für den Gottesdienst hergerichtet; da der Backstein jedoch nach innen roh vermauert wurde, müßten die Innenwände verputzt werden; auch Empore und Orgel waren verhangen. Von den Außenwänden der Kirche Podewils ist der Putz großflächig abgefallen, eine Ausbesserung wäre von Nöten; auch fehlt ein Anstrich, der die Kirche wieder ansehnlich wirken ließe. Auch an der Kirche Vietzow wäre das Mauerwerk auszubessern. An der Kirche Standemin wird der Außenputz abgeschlagen, der Backstein soll hier wieder zur Geltung kommen. Die Kirche Woldisch Tychow scheint dem Verfall preisgegeben, auch wenn das Dach jetzt mit einer blauen Folie eingedeckt ist. Gleichwohl muß man sagen, daß sich die römisch-katholische Kirche anerkennenswert bemüht, die vielen Kirchen im Kirchenkreis zu erhalten. Wir fanden überall - mit Ausnahme dieser Schäden - gepflegte Kirchen vor, innen hell gestrichen, geschmückt und ausgestattet, wenn auch meistens mit einfachem Inventar. Sind der alte Altar und die Kanzel noch da, das war für uns immer wieder die bewegende Frage. Und wir fanden noch einige Kirchen mit dem jahrhundertealten Inventar. Allen voran die Kirche Wusterbarth. Außen meisterlich restauriert, grüßte sie als Fachwerkkirche in leuchtendem Weiß, geradezu ein Schmuckstück! Sie birgt den vollständigen Schatz ihres früheren wertvollen Altars aus der Gründerzeit des 17. Jahrhunderts, 1932 restauriert, in allerbestem Zustand und zahlreiche Tafeln in deutscher Beschriftung. Beim Anblick dieses hohen kulturellen Kleinods empfindet man Freude. Ähnlich begeisterte uns die Kirche Vietzow, abseits vom Dorf auf einer sandigen Anhöhe inmitten eines Kiefernwaldes gelegen, wirkte sie verschlafen, wird wohl auch nur wenig genutzt. Sie ist 1834 in neugotischem Stil mit Ziegelwerk errichtet und mit polygonalen Turm versehen worden und krönt ein schlankes hohes Spitzdach, hochragend in das Blau des Himmels; vom Turm grüßte ein Birkenbäumchen zu uns herunter. Das Mauerwerk, das so frisch wirkt, als sei es erst jetzt verarbeitet worden, zeigt Risse und Versackungen. Und auch hier empfängt uns das alte wunderbare Inventar mit Altar und Täfelung, Kanzel und Leuchtern. Die zarten Malereien drohen zu verfließen, wie die Kirche auch innen einer Restauration bedarf. Das alte Inventar erfreute uns auch in der Kirche Kerstin, der Tauf-, Einsegnungs- und Traukirche von Karl Ernst Büge. Sonst aber bergen die Kirchen allenfalls noch Teile des alten Inventars, den meisten Kirchen fehlt es völlig. Und selbst über kleine Entdeckungen freut man sich: In der Kirche Rarfin war innen an der Außenwand unterhalb der Empore eine Inschrift weitgehend unleserlich gemacht worden, doch noch folgende Worte zu erkennen: "Wilhelm, Röglin, Ziethen, geb...., Muskete, 9. Inf. Reg., 25.22.1866, Königgrätz, empfangen Ehre, Vaterland bis in den Tod". Mit der Inschrift sollte wahrscheinlich an einen Nachfahr des berühmten Reitergenerals Hans Joachim von Ziethen (1699 - 1786) erinnert werden, der in der Schlacht bei Königgrätz (3.7.1866) durch eine Musketenkugel fiel. In allen Orten erhielten wir, sofern Pfarrer oder Kirchendiener anwesend waren, freundlich Einlaß. In der vorletzten Nacht unseres gebuchten Aufenthalts passierte dann, was wir gern vermieden hätten: Täter hatten die Aluminiumschranke des Parks durchbrochen in der Absicht, das Auto der Eheleute Mönnich zu stehlen, waren dabei gestört worden, hatten aber doch am Fahrzeug erheblichen Schaden angerichtet. Das Fahrzeug mußte zur Reparatur nach Kolberg transportiert werden. Die Polizei nahm den Schaden zuvorkommend und exakt auf und ließ die Spuren sichern; gegenüber einem vereidigten Dolmetscher aus Belgard gaben dann Mönnichs die Daten zu Protokoll. Es dauerte immerhin drei Tage, die uns trotz der Hilfe des ADAC in Atem hielten, bis wir das Fahrzeug fahrbereit zurückerhielten. Das Petrico war uns bei der Schadensabwicklung sehr behilflich und gewährte uns zwei Tage kostenlos Unterkunft und Frühstück. Die Tätigkeit der Polizei bewertend, hatte ich den Eindruck, daß man doch ernsthaft versucht, dem Autoklau zu begegnen. Danken möchte ich Eheleuten Egon Mönnich und Ursula geborene Baatz und Ingrid Ebel, die zum Gelingen meines Auftrags wesentlich beitrugen. Parallel zu uns war ein Bus mit Landsleuten in Belgard, die bei schönem Wetter unseren Heimatkreis und Teile Hinterpommerns bis Stettin und Dramburg bereisten. Pastor Udo Struck, der die Reise zusammen mit Günter Beilfuß organisiert hatte und durchführte, wird darüber berichten. Beiden Herren möchte ich im Namen unseres Heimatkreises danken verbunden mit dem Wunsch, daß es nicht die letzte Busreise gewesen sein möge. Ich möchte zu Simmatzig - ergänzend zu Pastor Udo Struck - nachtragen: Die Restauration der Kirche Simmatzig außen war schon im letzten Jahr abgeschlossen. Das Kirchlein präsentiert sich auf seinem Berg wieder im schmucken Kleid, auch wenn die Farben - nach meinem Geschmack - zu kräftig ausgefallen sind. Bei dem diesjährigen Besuch war nun auch die Kirche innen restauriert, hell gestrichen, mit einem Läufer ausgelegt, auch ein einfacher Altar (Tisch mit Kreuz) eingerichtet. Der frühere Altar und die Kanzel fehlen wie in so vielen Kirchen. Pastor Udo Struck hielt eine kleine Andacht an den von Frau Gertrud Cicky geb. Kammholz aus Simmatzig mit Helfern wiederhergestellten Grabstätten auf dem unmittelbar heute nicht belegten Friedhof neben der Kirche und segnete sie. Unter Grasbülten entdeckten wir weitere Grabsteine, von denen der eine oder andere restaurierungsfähig wäre. Nur wer sollte sich der unendlichen Mühe unterziehen, hier Ordnung zu schaffen, und so wird dieser Friedhof - mit Ausnahme der wenigen restaurierten Grabsteine - weiterhin verwildert bleiben. Im Namen unseres Heimatkreises gab ich Frau Cicky eine kleine Spende von 100 EUR, die ich vom Patenkreis erstattet hoffe. Eine nicht bekannte Spenderin aus den Reihen der Mitreisenden überreichte der Familie Cicky ebenfalls eine Spende von 100 EUR. Frau Cicky bat mich, der Spenderin zu danken; Frau Cicky würde gern mit der Spenderin Verbindung aufnehmen und würde sich freuen, wenn sich die Spenderin bei ihr meldete (Anschrift und Telefonnummer wären bei mir zu erfahren.) Ich grüße alle Leser, einen besonderen Gruß jenen, die nicht mehr reisen können, doch sich sehnsüchtigen Herzens ihrer pommerschen Heimat erinnern. [Dai Schulteknüppel Nr. 57, S. 68-72] |
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