Der Zusammenbruch der deutschen Verteidigungslinie im Süden Pommerns und die Eroberung des Kreises Belgard-Schivelbein durch die Rote Armee am 3. und 4. März 1945

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An den Kämpfen in Pommern waren von deutscher Seite die Heeresgruppe Weichsel beteiligt, die aus den Trümmern der 9. Armee und aus der noch kampffähigen 2. Armee an der Weichsel bestand. In dem großen Leerraum in der Mitte ihrer ausgedehnten Front improvisierte man eine Neubildung der 11. SS-Panzerarmee, welcher im besonderen die Verteidigung Hinterpommerns oblag. Die Verantwortung für die Ostfront und damit auch für die Kampfführung in Pommern hatte Generaloberst Guderian. Guderian, so die Literatur, war ein aufrechter Soldat und erfahrener Generalstäbler, als Frontgeneral erprobt und ließ sich von Hitler weder verblüffen noch einschüchtern. Ihm ist es zu verdanken, daß überhaupt noch Versuche gemacht und Kräfte bereitgestellt wurden, um das Unheil im Osten einigermaßen abzubremsen. Wahrscheinlich unter dem Einfluß des Reichsleiters Bormanns ernannte Hitler als Befehlshaber für die Heeresgruppe Weichsel den Reichsführer der SS und Befehlshaber des Ersatzheeres Himmler. Hitler traute spätestens seit dem Attentat auf ihn am 20. Juli 1944 den Wehrmachtsführern nicht mehr. Nur so ist die Ernennung Himmlers zu verstehen. Es ist die erste Ernennung eines Mannes, der nicht Soldat war. Die Ernennung sollte sich als Mißgriff erweisen. Ihm fehlten Kenntnisse und Erfahrung. Seine Berufung als Befehlshaber stärkte die Bonzen und führte nicht selten dazu, daß Räumungsbefehle nicht oder zu spät gegeben wurden.

An den Kämpfen in Pommern waren beteiligt von sowjetischer Seite als Führungsspitzen die Stäbe der 1. Weißrussischen Front unter dem Kommando des Marschalls der Sowjetunion G.K. Schukow und der 2. Weißrussischen Front unter Marschall der Sowjetunion K. Rokossowski beteiligt. Unter dem Kommando beider Oberbefehlshaber kämpften 1945 in Pommern zehn sowjetische Armeen und die 1. Polnische Armee: 1. Weißrussische Front, bestehend aus zwei Garde-Panzerarmeen, zwei Stoßarmeen, zwei (allgemeinen) Armeen, einer polnischen Armee unter Divisionsgeneral St. Poplawski, 2. Weißrussische Front aus vier (allgemeinen) Armeen. Zur Unterstützung dieser 11 Armeen war die 4. Sowjetische Luftarmee eingesetzt. Die Mitwirkung der Roten Marine beschränkte sich auf den Einsatz von U-Booten und Marinefliegern der Baltischen Rotbanner-Flotte. Die Art der Kampfführung der Roten Armee war selten kunstvoll, war selten strategisch vorgetragen, sondern glich weitgehend dem Dampfwalzen-Modell. Die Masse der Panzer, der Einsatz der Artillerie, schließlich die Masse der Infanterie waren zahlenmäßig so hoch überlegen, daß sie angesichts der schwachen deutschen Kräfte alles niederwalzte.

Das Kräfteverhältnis mag zu Beginn des Jahres 1945 dem Verhältnis 1 zu 10 entsprochen haben; es verschlechterte sich für die deutsche Seite ständig und in hohem Maße, weil durch Rückzug, Treibstoff- und Munitionsmangel die Front unbeweglicher wurde und weitgehend ihre schweren Waffen verlor. Als Rückgrat für eine etwa notwendig werdende deutsche Verteidigung Pommerns gegen einen Angriff aus dem Osten sollte unter Einbeziehung der älteren Pommernstellung ab August 1944 ein behelfsmäßig eingerichtetes Verteidigungssystem dienen, und zwar der Pommernwall und als Vorderverteidigungslinie unter Einbeziehung des östlichen Teils Hinterpommerns die Blücherstellung. An dem Ausbau dieses Verteidigungssystems waren zeitweise bis zu 150.000 Menschen, Frauen, Jünglinge und ältere Männer und Zwangsarbeiter beschäftigt. Wie sich dann herausstellte, sollte die Stellung ihren vorgesehenen Zweck nicht erfüllen. Warum?

1. War die Stellung, als der Kampf um Pommern begann, nicht oder nicht ausreichend mit kampffähigen deutschen Truppen besetzt. Weitgehend bestanden die Einheiten aus Standorten, wieder kriegsverwendungsfähig gewordenen Soldaten, vorübergehend oder überhaupt nicht mehr feldverwendungsfähigen Verwundeten oder Kranken, in der Ausbildung befindlichen Rekruten und Hitlerjungen. Außerdem mußte auf Landesschützen und Bausoldaten zurückgegriffen werden. Die Ausstattung der Infanterieeinheiten mit Beutewaffen und unzureichender Munition war katastrophal. Die Führungsmittel, besonders die Nachrichtenmittel, blieben es ebenfalls. Alle Einheiten waren, da Transportmittel fehlten, kaum beweglich. Noch viel schlimmer sah es bei den ebenfalls aufgerufenen pommerschen Volkssturm-Einheiten aus; deren Ausbildung und Ausrüstung waren so mangelhaft, daß sie keinen nennenswerten Kampfwert hatten.

2. War sie für eine Materialschlacht von Seiten der Sowjets zu Lande und aus der Luft mit Flugzeugen, Panzern, dem Einsatz von Artillerie nicht entsprechend mit schweren Waffen bestückt; die Geschütze etc. hatte man nach Beginn des Krieges an andere Fronten abgezogen und nicht wieder zurückgebracht.

3. Fehlte, wenn der Feind durchbrach, im rückwärtigen Raum eine ausreichende Truppenreserve, die den Durchbruch hätte abriegeln und die darin befindlichen feindlichen Truppen zurückdrängen bzw. vernichten können.

So fehlten von vornherein alle Voraussetzungen einer aussichtsreichen Verteidigung. Die Stellungen wurden einfach überrannt, dienten zwar hier und dort vorübergehend als Auffanglinie, selbst aber diese Teile gingen dann alsbald verloren. Zwischen dem Frontverlauf zwischen Ost- und Westpreußen im Norden und Schlesien im Süden (zwischen Bromberg und Steinau, nördlich Breslau) klaffte eine Frontlücke von 150 Kilometern Länge, eine Verteidigung war mit den gegebenen und bereitgestellten Mitteln unmöglich.

23. Januar 1945: Jetzt waren die (ersten) Pommern bereits inmitten der Flucht. "Ein trüber Wintertag war heraufgezogen. In milchigem Frühnebel krochen endlose Schlangen von Treckwagen durch die feuchte Kälte, selten eine entgegenkommende Militärkolonne. Langsam und traurig rollten die Planwagen dahin. Müde Pferde mit kraftlos gesenktem Kopf. Die Menschen in dicken Jacken und Mänteln gekleidet, mit Schals und Kopftüchern vermummt - ohne Hoffnung. An einen Wagen angebunden ein Fohlen. Außen an den Treckwagen Töpfe und Kannen und Eimer, da ein Vogelbauer - leer. Und dort hatte einer sich nicht von seiner Standuhr trennen können...." Schon am 24. Januar 1945 erster Versuch von 40 sowjetischen Panzern mit aufgesessener Infanterie die Ostfront der Festung Schneidemühls einzudrücken.

Dann endlich, am 25. Januar 1945, 00.00 Uhr erhielt die neue Heeresgruppe Weichsel den Befehl, die fast 300 Kilometer breite Front zwischen unterer Oder und unterer Weichsel zu übernehmen. Während die kämpfende Front der 2. Deutschen Armee an der Weichsel noch halbwegs intakt war, verfügte die Heeresgruppe auf dem rechten - zur Oder hin - gewendeten Flügel nur über einige Reste der 9. Armee und einige Alarmeinheiten. Die dann in Eile herbeigeholten Verstärkungen aus Norwegen, Kurland, Ostpreußen kamen nur schleppend herbei und mußten, sobald nur Teile eingetroffen waren, in die Front geworfen werden, um gefährliche Vorstöße der Sowjets abfangen bzw. abriegeln zu können.

Am 28. Januar 1945 durchbrachen die Sowjets die Pommernstellung bei Hochzeit. Ihnen fiel die hier über die Drage führende Brücke unzerstört in die Hände, sie erreichten Woldenberg und Berlinchen nach Westen und standen mit ihren Panzerspitzen am Abend des 29. Januar 1945 südlich Pyritz bei Lippehne. Zwischen ihnen und Stettin gab es so gut wie keine deutschen Truppen mehr. Schleunigst wurden schwache Alarm- und Sperreinheiten herangeführt und wenigstens die Straßenknotenpunkte Bahn, Pyritz und Stargard zu kleinen Stützpunkten ausgebaut. Mit Hilfe neuer Truppenteile konnte schließlich, weil die Sowjets mit dem Vormarsch zögerten, ein wirksamer Sperriegel Bahn - Pyritz - Arnswalde aufgebaut werden, wohl wissend, daß - wenn die Oderbrücken bei Stettin in Feindes Hände fielen - für Flucht und Rückzug keine Hoffnung mehr bestanden.

Am 30. Januar 1945 erreichten die Sowjets die Oder bei Küstrin. Der Durchbruch der Sowjets in Ostpommern und die Aufspaltung der deutschen Heeresgruppe Weichsel (20. Februar bis 5. März 1945): Der erste Versuch der sowjetischen Führung, Pommern aus der Bewegung heraus und ohne besondere zusätzliche Anstrengung schlechtweg zu überrennen, scheiterte infolge der Aufopferung der an sich bereits mehr als überangestrengten Kräfte. Im sowjetischen Obersten Hauptquartier entschloß man sich daraufhin zu einer für beide Fronten einheitlich geregelten Offensivbewegung zur schnellen Bereinigung des Raums zwischen der unteren Weichsel und der unteren Oder von deutschen Truppen. Sie wurde unter Ausdehnung der bisherigen Angriffsfront weit nach Westen von vornherein als Durchbruchschlacht angelegt, wobei die Durchbruchsmöglichkeiten nach Norden vorzugsweise an zwei Frontstellen gesucht wurden: 1. Südöstlich Stargards mit anschließendem Durchstoß einmal nach Norden bis an die Küste, zum anderen mit Eindrehen auf das Stettiner Haff und die untere Oder bei Stettin; 2. Im Raume zwischen Neustettin und Baldenburg. Durchstoß auf Köslin und weiterhin Eindrehen nach Osten auf Danzig und Gotenhafen zu. Die Durchführung dieser Offensive auf rund 200 Kilometer Front vertraute man nicht mehr allein der 2. Weißrussischen Front allein an, sondern beauftragte die 2. und 1. Weißrussische Front mit einer gemeinsamen Operation. Die Angriffsbefehle dazu ergingen am 17. bzw. 22. Februar.

Der Angriff trat am 24. Februar 1945 auf die empfindliche Naht zwischen der aufgerissenen schwachen 2. Deutschen Armee und der 3. Panzerarmee. Die schwache und überdehnte deutsche Front wurde einer ungewöhnlichen Belastung ausgesetzt. Die Sowjets massierten an den Angriffsfronten die Kräfte von drei Armeen. Dazu kamen bei der 1. Weißrussischen Front noch die 1. und 2. Panzerarmee, bei der 2. Weißrussischen Front noch zusätzlich weitere Schnelle- und Panzerverbände. Die restlichen Armeen beider sowjetischer Fronten erhielten den Befehl, an ihren eigenen Fronten die Nebenangriffe am 24. Februar wieder aufzunehmen und dadurch deutsche Kräfte zu binden. Schon nach wenigen Tagen sollte sich zeigen, daß diese zweite Stufe der sowjetischen Ostpommern-Operation sich als entscheidend für das Gelingen der Gesamtplanung erwies, denn in ihrem Verlauf wurde die deutsche Front zwischen Oder und Weichsel tatsächlich aus den Angeln gehoben. Die (deutsche) Heeresgruppe Weichsel hatte diesen Plan erkannt gehabt, beantragte u. a., Westpreußen zu räumen und die Truppen nach Pommern zu verlegen und damit die östliche Pommernfront zu verstärken. Das Führerhauptquartier lehnte, wie so oft, ab. Dies war immer noch von der Phantasie beflügelt, die deutschen Truppen könnten den gesamten Westpreußisch-Pommerschen Raum wirksam verteidigen, um damit die Voraussetzung für den späteren Übergang zum Angriff zu schaffen. Man gab sich also immer noch der trügerischen Hoffnung hin, zu einem späteren Zeitpunkt einen abermaligen eigenen Offensivstoß in die Flanke und in den Rücken des Gegners führen zu können. Bei der Beendigung des fehlgeschlagenen deutschen Unternehmens "Sonnenwende" im südwestlichen Teil Hinterpommerns verfügte die deutsche Heeresgruppe noch über kampffähige Reserven. Doch man höre: Generaloberst Raus will noch kurz vor seiner Befehlsübernahme an der pommerschen Front seinem Heeresgruppen-Befehlshaber Himmler dringend geraten haben: "Keinesfalls dürfen diese mühsam gewonnen Reserven auf einen anderen Kriegsschauplatz vor der Abwehr der erwarteten sowjetischen Großoffensive in Pommern abgegeben werden, denn dies würde den Zusammenbruch der deutschen Heeresgruppe bedeuten. Dennoch wurden die meisten "Sonnenwende-Verbände" auf Hitlers Befehl abgezogen, und zwar ab 20. Februar, nur vier Tage vor Beginn der sowjetischen Großoffensive. An der ganzen deutschen Front befanden sich nur fünf reguläre deutsche Divisionen, ganze Frontabschnitte waren ausländischen Freiwilligen anvertraut. Als einzige Reserve für die ganze ausgedehnte Front ist nur nördlich Stargard die Gruppe Munzel vorhanden, die über Panzer verfügt haben soll. Den im Durchbruchraum an der südpommerschen Front massierten acht sowjetische Armeen und der 1. Polnischen Armee stand nur eine geringe Zahl deutscher Truppenverbände, dazu abgekämpft und improvisiert, gegenüber.

Trotz der offenbaren und erkannten Frontlage führte man die Bevölkerung hinters Licht. Die Gauleitung der NSDAP unterließ jede Warnung und rechtzeitige Räumung des bedrohten Gebiets und gaukelte der Öffentlichkeit vor, daß alles zum Besten bestünde und kein Grund zur Beunruhigung vorläge. In Erwartung der wahrscheinlichen Panzerdurchbrüche des Gegners organisierte Generaloberst Raus in ganz Hinterpommern in wenigen Tagen eine Panzersperrzone, die er selbst so schildert: "Unter Mitwirkung der Bevölkerung wurden an allen Brücken, Ortseingängen, Eintrittsstellen in den Wald, Sumpfübergängen, Waldschneisen und Umgehungswegen Sperren aus schweren Baumstämmen, Erde und Steine errichtet, die von beherzten Volkssturmmännern, die mit der Panzerfaust ausreichend geschult waren, besetzt wurden." Die Wirklichkeit indes war anders. Aus Mitkämpferberichten wissen wir, daß die Volkssturmmänner nicht oder nur schlecht an der Panzerfaust ausgebildet waren und daß die vorbereiteten Panzersperren meistens verlassen da lagen. Ähnliches gilt von den Panzervernichtungstrupps, die zu Rad und Kraftrad bereitgestellt waren und zum Teil sogar in Verbindung mit Fieseler Störchen eingesetzt wurden, um Schwerpunkte in der Panzerabwehr bilden zu können. Wohl sind im Laufe der Kämpfe Hunderte von Sowjetpanzern abgeschossen worden, nur was hieß dies schon bei der Masse der feindlichen Panzer!


Der Anfang vom Ende in Hinterpommern

1. März 1945, 6.00 Uhr: Im Frontabschnitt Reetz (östlich von Stargard) begann ein Feuerschlag von ungewöhnlicher Wucht. Über eine Stunde lang hämmerten 50 russische Batterien und mehrere Dutzend Salvengeschütze auf die vorderen Stellungen der SS-Division "Nederland" und der 5. Jäger-Division. Ab 9 Uhr konzentrierte sich der Angriff der 2. polnischen Division auf Groß Sabin. Um 16.00 Uhr erreichte ein russisches Panzerrudel die Straße Stargard-Freienwalde. In der Nacht zum 2. März erreichte ein russisches Panzerrudel, ohne daß es auf Widerstand stieß, die Reichsstraße 158 auf der Chaussee Dramburg-Wangerin. Es wurde immer klarer, daß die Russen einen Panzerkeil auf Labes vortrieben (südwestlich von Schivelbein). Als Kreuzungspunkt von sechs Straßen und mit einem größeren Bahnhof an der Hauptstrecke Stettin - Stargard - Belgard - Köslin - Stolp - Danzig war er von einiger Wichtigkeit. 1. März 1945, 6.00 Uhr: Zu gleicher Zeit üben 70 km weiter im Nordosten die Russen bei Juchow und Raddatz in westlicher Richtung auf Bärwalde (kurz östlich vor Bad Polzin) an. Um 6.35 Uhr wurde dann auch die 163. Infanterie Division in ihrem Abschnitt südlich Virchow (unterhalb Falkenburg) mit einem Hagel von Granaten aus wenigstens 50 Rohren und mehreren Katjuschas überschüttet. Trotz heftigen Widerstandes stießen die Sowjets mit Panzern und schnellen motorisierten Verbänden an verschiedenen Frontstellungen durch. Wegen Fehlens jeglicher Reserven ging jetzt die größte Gefahr von dem russischen Angriff bei Juchow und Raddatz aus - auf einer Trennungslinie zwischen dem 10. SS-Korps und der Korpsgruppe von Tettau. Mit dem Vorgehen der Rotarmisten über Eschenriege auf Gramenz (zwischen Bärwalde und Bublitz gelegen) war Bärwalde von der Einschließung bedroht. Um 7.15 Uhr Angriff auf die Vorposten der 5. Jäger-Division bei Sternberg. 2. März 1945, morgens, 8 Uhr, kam die Nachricht von Dramburg, daß die Russen mit Panzern und aufgesessener Infanterie im Anmarsch sei. Darüber hinaus war der Russe bei Kallies südlich Dramburg durchgebrochen.

3. März 1945: Als die Panzer von Marschall Schukow am 3. März das südliche Vorfeld von Belgard erreichten, operierten Rokossowskis Panzerspitzen bereits im Raume südlich und ostwärts Köslin. Schon am 28. Februar hatten sie Panzerspitzen aus dem Versammlungsraum nördlich Pollnow in Bewegung setzen sollen; deutscher Widerstand war kaum zu erwarten. Da wurde die sowjetische Führung auf die Ansammlung deutscher Kräfte bei Rummelsburg aufmerksam und hielt den Angriffsbefehl zurück. Zwar entspann sich nunmehr ein mehrtägiger Kampf um Rummelsburg, das mehrmals den Besitzer wechselte, die Russen sahen ihre Angriffsbasis Pollnow aber nicht mehr als gefährdet und begannen ihren Vormarsch in Richtung Köslin. Die Marschrichtung der Panzer war Zanow, das die Sowjets am 1. März erreichten. In weniger als fünf Stunden hatten die Russen von Pollnow her den Gollen erreicht, einen bewaldeten Höhenzug zwischen Köslin und Zanow (anfangs schlossen die russischen Panzertruppen nur auf und sammelten sich in den Waldschneisen, aber Köslin war bereits unmittelbar bedroht). Am Donnerstag, 1. März 1945, wurde in Köslin erster Panzeralarm gegeben.

Köslin, Sonnabend 3. März 1945: Nachdem der Freitag ruhig verlaufen war, wurde am Sonnabend gegen 15 Uhr der zweite und letzte Panzeralarm gegeben, und bald darauf setzte die Beschießung der Stadt mit Artillerie ein, die bis nach Mitternacht dauerte und gegen Morgen von neuem einsetzte. Am Sonntag, 4. März 1945, drangen nach kurzen Straßenkämpfen die ersten russischen Einheiten - es waren sibirische Truppen - aus Osten und Südosten in das Innere der Stadt ein.

Die Besetzung Schivelbeins: Am Morgen des 3. März 1945 waren die Russen von Labes aus zuerst auf der Reichsstraße 161 in Richtung Stargordt-Regenwalde vorgestoßen. Während die Russen im Bereich der Bahnüberführung in Stargordt Panzer zum Angriff auf Regenwalde sammeln, zweigten sie schon ein Rudel zum Vorstoß auf Schivelbein ab. Überraschend taucht das erste Panzerrudel in Rützenhagen auf und wurde selbst überrascht. Deutsche Flieger versuchten, den Feind durch Fliegerbeschuß und Bombenabwurf aufzuhalten .... Drei russische Panzer wurden auf der Straße nach Boltenhagen außer Gefecht gesetzt, einer am Kirchhof, zwei blieben auf dem Anwesen des Bauern Hans Buttenhoff zerschossen stehen. In Boltenhagen stellten sich den Panzern deutsche Infanteristen entgegen, die ihnen aus Dachluken beizukommen versuchten. Angesichts dieses Widerstandes stellten die Russen ihren Vormarsch auf dieser Straße zunächst ein. Spätestens zu dieser Zeit wurde in Schivelbein, das ganz auf einen Feindangriff von Süden aus Richtung Labes-Labenz eingestellt war, die Gefahr sichtbar, die der Stadt nun auch aus dem Westen drohte. Ein Zangenangriff! Derweil tobten im Klemzow heftige Erd- und Luftkämpfe. Dort waren Panzerspitzen der Roten Armee bereits um 9.30 Uhr aufgetaucht, aber durch einen deutschen Truppenkörper und durch einen Stuka-Angriff aufgehalten worden.

Jetzt überstürzten sich die Ereignisse. In Pribslaff (kurz südlich Schivelbein) läuteten die Glocken. In höchster Eile brach auf, wer trecken wollte. Die Pribslaffer schienen zu gewinnen; denn am frühen Nachmittag rührte sich der Russe bei Klemzow noch nicht, und so konnten sie unbehelligt den freien Landweg nach Falkenberg einschlagen. Aber die Wagenspur war aufgeweicht und beschwerlich, sie kamen nur sehr langsam voran. Als sie endlich den Wald bei Teschenbusch erreicht hatten, mußten sie die Aussichtslosigkeit ihrer Flucht erkennen: auf dem Weg zwischen Leckow und Grössin standen russische Panzer. Nach einer angstvollen Nacht im Walde fuhren sie in ihr Dorf zurück - mitten hinein in Schrecken und Unheil. "Das Ehepaar Steffen, dessen Bauernhof am Eingang von Schivelbein lag, wurde erschossen und bestialisch verstümmelt .... das auf dem Abbau gelegene Gehöft Wofler von den Russen angezündet. Die Eheleute und ihre erwachsene Tochter sind verbrannt. Auch den Bewohnern von Kartlow (nordwestlich Schivelbein) mißlang die Flucht. Am 3. März ganz früh Kanonendonner, Brände Richtung Boltenhagen und Rützenhagen, Stargordt; ein russischer Jäger abgeschossen. Flucht nachmittags 16 Uhr über Leckow in Richtung Petershagen. Ende der Flucht. Stolzenberg war zu dieser Zeit schon von russischen Panzern besetzt."

Schivelbein, 3. März: Gegen 12 Uhr wurde auf dem Marktplatz endlich bekanntgegeben, daß ab 16.00 Uhr Fahrzeuge zur Evakuierung der Zivilbevölkerung bereitständen. Dazu kam es nicht mehr; denn schon vorher waren die Russen aus südlicher Richtung heran. Nach schneller Durchfahrt von Labenz (südlich Schivelbein, nahe der Kreisgrenze) hatte ihre Panzerspitze auf der Höhe vor Venzlaffshagen einen T-34 verloren und war gegen 11.30 Uhr in Briesen gemeldet worden. Wenig später erreichte sie den südlichen Stadtrand von Schivelbein bei Emilienhof. Nachdem sie nördlich des Buchholz-Sees eine deutsche Nachhut ausgeschaltet hatte, ging sie quer über das Wiesengelände zur Siedlung vor. Die nachfolgenden Panzer schoben sich auf der Chaussee an den Gasthof "Grüne Linde" heran und gerieten dort unter Abwehrfeuer: ein weiterer T-34 wurde abgeschossen. Wenige Augenblicke zuvor hatte er mit einem gezielten Schuß den Kirchturm getroffen. Daraufhin verließen die durchziehenden Soldaten und Volkssturmmänner einzeln und in kleinen Gruppen schnell die Innenstadt. Wie üblich drangen die Russen zunächst nicht in die Stadt ein. Erst als sie auf dem direkten Wege von Labes über Schlönwitz genug Panzer nachgeführt hatten, tasteten sie sich ins Zentrum vor, erreichten gegen 17 Uhr das Bahnhofsgebäude und rollten unverzüglich in Richtung Stolzenberg weiter, als ihnen kein Widerstand mehr drohte.

In der Zeit, in der die Russen am Nachmittag des 3. März 1945 von Schivelbein auf Belgard vorstießen, hatten sie, vom PzAOK 3 nicht sogleich bemerkt, bei Stolzenberg eine große Zahl von Panzern versammeln können. Nur noch 35 km bis Kolberg! Sie setzten von hier noch am gleichen Tage - erstmals in der Nacht, weil sie Widerstand nicht mehr befürchteten, ihre Panzer ein. Die rechte Flanke ihres Vormarsches auf Belgard war bereits gedeckt. Weil kein Widerstand aus Schleps kam, konnte die Panzerarmada am Straßenknotenpunkt Ramelow strahlenförmig ausschwärmen: in Richtung Köslin einerseits, Stettin (Treptow) andererseits und in gerader Richtung nach Kolberg. Erste russische Vorhuten der sowjetischen Ersten und Zweiten Garde-Panzerarmee erreichten bereits am Abend des 3. März den Westrand Kolbergs.

Schivelbein, 3. März: Die kurze Zeit zwischen dem ersten Beschuß und dem Einmarsch der Russen war die letzte Gelegenheit für die Zivilisten zur Flucht in Richtung Belgard oder Kolberg. Viele resignierten aber schon. Bürgermeister Bühren, der kurz nach 12 Uhr das Landratsamt in Belgard über die erste Beschießung der Stadt Schivelbein und die eingeleitete Räumung telefonisch verständigt hatte, verließ um 14.00 Uhr die Stadt mit einem der letzten Wehrmachtsfahrzeuge. Er wollte in der Kreisstadt dem Landrat persönlich Bericht erstatten. "Um 14.30 Uhr sind meine Familie und ich bei Tieffliegerbeschuß mit einem Kommando der Feldgendarmerie aus der Stadt gefahren. Wir sollen die Letzten gewesen sein. Es blieben noch eine Menge Einwohner zurück. Wenig später rollten russische Panzer von Schivelbein auch nach Osten und fegten die Reichsstraße 163 von Flüchtlingstrecks frei, die ihnen von Bad Polzin entgegenkamen." Nur ein deutscher Panzer, dem noch einige Schuß Munition zur Verfügung standen, ging bei dem Gehöft von Max Ponatz in Neu-Schivelbein in Stellung, um sich mit einem Russen zu messen, der auf der Straße nach Kussenow Lauerstellung bezogen hatte. Aber nach einigem Schußwechsel war auch diese Mannschaft gezwungen, im kugelsicheren Keller des Gehöfts Ponath Schutz zu suchen. Bei ihrem Vorrollen durch Neu-Schivelbein in Richtung Simmatzig kam den vorderen russischen Panzern ein Zug ins Schußfeld, der aus Richtung Bad Polzin heranrollte. Der dritte Schuß saß im fahrenden Zug in der Lokomotive, deren Dampf raussprühte, bis sie anschließend bremste und stand. Der Zug stand noch tagelang auf freier Strecke. In Alt-Schlage bog die russische Panzerkolonne in Richtung Belgard nach Norden ab, überraschte in schneller Folge die Dörfer Arnhausen, Groß und KIein Rambin und bildete in der Abenddämmerung eine Igelstellung. Nach Einbruch der Dunkelheit klärten die Russen die Umgebung auf. Als sie Standemin schon wieder verlassen hatten, ging hier ein Alarmbataillon der Garnison Belgard zur Sicherung der Belgarder Chaussee im Stellung.

(Manfred Pleger: "Mein Vater Walter Pleger war Anfang März als Volkssturmmann mit mehreren Zivilisten [ausgerüstet mit kurzem, wahrscheinlich serbischem, Karabiner und fünf Schuß Munition] zur Sicherung der Kreuzung Standemin / Kamissow [westlich von Lenzen] abgeordnet. Ich erinnere gut, als er morgens berichtete, daß der Russe bereits in Standemin gewesen sei; in den hier ausgehobenen Erdlöchern hätte in jedem zweiten Schützenloch ein toter lettischer SS-Soldat gelegen. Eine erschreckende Situation für ihn und seine Mitmänner, die erstmals mit dem Grauen des Krieges in Kontakt kamen. Und beunruhigend, nachdenklich für uns alle!")

Belgard, Freitag 2. März 1945: Noch nach Plan und mit einiger Ordnung waren die Bombenflüchtlinge zur Rückfahrt in ihre Heimatorte aufgerufen und abtransportiert worden. "Wir waren noch über 200 Schülerinnen, Kollegen und Mütter der Kinder (unserer Freiherr-vom-Stein-Schule Bochum). Von 9.00 bis 16.00 Uhr warten wir auf dem Bahnhof in eisiger Kälte auf den Flüchtlingszug, der, von Nassow kommend, schon sehr besetzt war und uns endlich gegen 17.00 Uhr aufnahm. Nach einer Stunde Bahnfahrt stand der Zug vor Schivelbein. Panzerspitzen hatten sich vorgeschoben. Nach langem Warten fuhren wir nach Belgard zurück, wo der Zug am Sonnabend, dem 3. März, abends wieder ankam. Nun sollte versucht werden, über Kolberg an der Küste entlang nach Stettin zu gelangen. Kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof Kolberg stand der Zug wieder still. Wieder verwehrten russische Panzer, die erst bekämpft werden sollten, die Weiterfahrt. Wir fuhren in eine geschützte Mulde zurück und blieben zwei Tage und Nächte wartend im eiskalten Zug sitzen. Als keine Einfahrt mehr möglich war, verließen wir alle gegen 3 Uhr morgens am 6. März den Zug und schlichen uns unter Zurücklassen allen Gepäcks in den Wald."

Bad Polzin, Sonnabend 3. März: 1945: Den linken Flügel der 3. deutschen Panzerarmee bildete am 1. März die von Osten her stark bedrängte Korpsgruppe von Tettau, die sich westlich der verlorenen Pommernstellungen im Raume südlich und ostwärts Bad Polzin zu halten suchte. Sie befehligte im wesentlichen die beiden wenig kampfkräftigen Divisionen Bärwalde nördlich Tempelburg und Pommernland bei Bärwalde. Zugeteilt bzw. zugeflossen waren ihr verschiedene Splittergruppen. Sie verfügte noch über die Panzer-Jagd-Verbände 1 und 5 und zwei Alarm-Bataillone. Das X. SS-Korps hatte am 2. März 1945 zunächst noch die Linie südlich Dramburg - Falkenburg halten können. Die Korpsgruppe von Tettau hatte zunächst Panzervorstöße auf Bärwalde abweisen können, wurde dann aber von Norden her aus dem Raum ostwärts Belgard bedroht. Die Panzerdivision Holstein sicherte zwar noch die Nordflanke der Korpsgruppe südwestlich Bublitz, doch verschärfte sich die Lage weiter südlich bei Bärwalde. Am 3. März ging Bärwalde verloren. Am 4. März gestaltete sich ein Feindeinbruch in Richtung Bad Polzin sehr kritisch. Die Heeresgruppe von Tettau konnte sich in den folgenden Tagen aus dem Schlauch Bad Polzin - Schivelbein herausziehen. Das X. SS-Korps blieb wegen Betriebsstoffmangel am 4. März liegen.

Der Durchbruch der Division Bärwalde (Teil der Korpsgruppe von Tettau) hatte am 3. März begonnen. Sie verlegte ihren Ia Stab mit Oberstleutnant Ilgmann nach Bad Polzin. In dem bekannten Kurort, der sich im Laufe des Krieges zu einer Lazarettstadt entwickelt hatte, begann gerade der kopflose Aufbruch. "Am Nachmittag kam Herr Ebert mit einem Lkw zum Rathaus, ließ ihn mit den wichtigsten Akten der Stadtverwaltung beladen und fuhr damit in Richtung Belgard .... Ich hätte auch mitfahren können, aber nicht meine Mutter - und so blieb ich in Polzin. Zu dieser Zeit fuhr schon kein Zug mehr aus Polzin heraus, weil die Strecke nach Schivelbein bereits in russischer Hand sein sollte. Niemand wußte, weiche Straßen noch offen waren, es war ein heilloses Durcheinander. Am späten Nachmittag nahmen meine Großeltern meine Mutter und mich auf ihrem Pferdewagen mit in Richtung Sanskow. Ohne Hoffnung auf ein Durchkommen kehrten wir um und waren am 4. März vormittags wieder in Bad Polzin. Zu dieser Zeit verstärkte sich der Feinddruck aus Bärwalde, Alt-Valm und Tempelburg (Klaushagen) auf Bad Polzin." Der Divisionsgeneral wußte, daß ihn der Gegner bei Schivelbein bereits abgeschnitten hatte. Aber gerade dort hin mußte das benachbarte X. SS-Korps ausweichen. Das würde die Aussichten auf einen Durchbruch mit vereinten Kräften eher stärken. Doch ab der Mittagszeit, 4. März, überstürzten sich die Ereignisse. Die Russen waren bei Bärwalde durchgebrochen und auf schnellem Vormarsch auf Bad Polzin. "Heinz Schönemann, Herbert Fleischhauer und ich (Horst Wegner) bekamen gegen 13 Uhr von Bürgermeister Gutz den Befehl, die Kirchenglocken zu läuten und damit die Räumung der Stadt bekanntzugeben. Bei Milchhändler Ness konnten wir eine Axt ergattern, mit ihr die Turmtür einschlagen und in den Glockenturm stürzen. Da wir den Mechanismus nicht kannten und somit das Geläut nicht in Gang setzen konnten, kletterten wir in das Gerüst und betätigten die Anschlaghämmer mit der Hand. Der Lärm war aber für uns unerträglich, so daß wir uns nach wenigen Schlägen abwechseln mußten. Dieses Geläut wurde von den meisten Bewohnern nicht verstanden, und wir wurden deshalb beim Verlassen der Kirche von vielen herbeigeeilten Polzinern nach dessen Bedeutung gefragt. Mir ist bis heute nicht bekannt, ob die Polziner über die Räumungsbekanntgabe aufgeklärt waren." - "Ich kam mit meinem Trupp nach Bad Polzin. Wir marschierten in Richtung Bahnhof. Mitten zwischen aufgeregten Soldaten und Zivilisten begegneten uns Leute mit Schuhen und Strümpfen und Hosen aus Beständen des Afrika-Korps. Ein Eisenbahner wollte uns an einen Waggon mit Lebensmitteln für amerikanische Kriegsgefangenen führen. Auf dem Rangierbahnhof waren alle Gleise voll mit Waggons verstopft und dazwischen Flüchtlinge, Flüchtlinge, Flüchtlinge. Ein Wagen der amerikanischen Transportkorporation stand verplombt da. Wir öffneten die Türen. Lauter Pakete mit Dosen, Schinken, Rosinen, Nescafé, Zucker, Kekse, Vitamintabletten, die nach Zitrone schmeckten, und natürlich Zigaretten. In jedem Paket vier Schachteln und sogar Toilettenpapier. Wir und die Flüchtlinge nahmen uns, was jeder gerade wollte. Sollte es der Russe haben? Auf dem Bahnhof fuhr kein Zug mehr ab."

Belgard, Sonnabend den 3. März 1945: Schon den ganzen Tag hatte über Belgard eine Spannung gelastet, die das nahende Unheil ahnen ließ. Am Vormittag wurde es bei uns unruhig. Die Überlandzentrale hatte sämtliche Kraftwagen eingesetzt, um Frauen und Kinder ihrer Bediensteten wegzubringen. Aber wo sollten die andern alle hin? Es hieß, daß die Russenpanzer schon in Schivelbein wären. Trotzdem ließen die beiden Belgarder Ortsgruppenleiter Pescheke und Aschenbrenner Plakate ankleben: Für Belgard besteht kein Räumungsbefehl. Das sollte die Bevölkerung beruhigen, erreichte aber das Gegenteil. Am Sonnabend Abend saß ich mit einigen Bekannten im Lokal Artur Paske. Unter uns war auch der Stabsintendant der Standortverwaltung. Um 18.30 Uhr wurde er von der Truppe angerufen: Höchste Alarmstufe! Wir eilten sofort nach Hause. Kaum angelangt, ertönte der Räumungsalarm durch die Sirene (W. Schwantes, Belgard).

Superintendent Johannes Zitzke berichtet: "Am Sonnabend, dem 3. März 1945, sollte die Bevölkerung Belgards auf Befehl der deutschen Behörden evakuiert werden. Ca. 18.30 Uhr wurde durch langanhaltenden Sirenenton die Evakuierung bekanntgegeben, für die Bevölkerung überraschend. Es begann in Kürze eine panikartige Flucht. Zu Fuß, auf Handkarren, Wagen, Autos wälzte sich ein riesiger Strom von Menschen die Körliner Straße entlang auf Kolberg zu. Dazwischen jagte rücksichtslos eine lettische SS-Division. Am Horizont auf Körlin und Standemin zu sah man lichten Feuerschein, ein Zeichen des schnellen Vordringens der Roten Armee. Die Straße war bald so verstopft, daß es für einen großen Teil der Bevölkerung kaum noch eine Möglichkeit gab, die Stadt zu verlassen. Jeder stand vor einer schweren Entscheidung. Für meine Familie und mich hatte mir Baumeister Christoph Utech einen geschlossenen Treckwagen zur Flucht zur Verfügung gestellt. Der Landrat wollte mich fernmündlich verpflichten, im Sanitätspark des Roten Kreuzes ein Auto zu fahren. Als ich übersah, daß wohl die Hälfte der Gemeinde nicht mehr fliehen konnte oder wollte, entschied ich mich auch mit Rücksicht auf meine älteste kranke Tochter mit meiner Familie in Belgard zu bleiben. Der Treckwagen wurde den in Belgard wohnenden Pfarrfrauen und ihren Kindern zur Verfügung gestellt."

Am Abend der Flucht in Belgard am Sonnabend, dem 3. März, pries sich auf dem Bahnhof glücklich, wer einen Zug nach Kolberg besteigen durfte; aber niemand wußte, daß die Reise schon zum Glücksspiel geworden war. "Wir sind am Sonnabend, dem 4. März, gegen 0.30 Uhr (von Belgard) durch den Bahnhof Körlin gefahren und Ohrenzeuge von Maschinengewehrfeuer geworden. Während sich vor Kolberg die Flüchtlingszüge stauten - in kurzer Zeit allein aus Richtung Belgard 22 Züge - gab es keinen Zweifel mehr, daß die Angreifer nicht nur auf Kolberg, sondern von Stolzenberg aus auch nach Nordosten vorgestoßen waren. Ebenso über Rogzow wie über Podewils / Rarfin hatte eine Stoßgruppe am Spätvormittag das Gut Schwartow und die Ortschaft Garchen erreicht und stand um 14.30 Uhr in Kowanz.

Sonntag 4. März 1945: "Am 4. März hielten auf der Straße von Belgard bis Körlin Doppelreihen von Trecks und Wehrmacht mit Panzern und Artillerie. Die letzten Wagen standen wohl in Belgard in der Wilhelmstraße, es gab kein Vorwärts. Gegen 11 Uhr ging eine Abteilung Artillerie auf meinem Klee in Stellung. Sie schossen, was die Rohre hergaben in Richtung Standemin, Kamissow und Podewils, um die Angreifer abzuschrecken. Um 14.30 Uhr kamen zwei russische Flieger und beschossen von Redlin ab die Straße bis Körlin. Es gab eine Panik, ein wildes Fahren von Trecks und Wehrmacht, und es gab Tote und Verwundete. In kurzer Zeit war alles runter von der Straße. Viele eilten in den Wald und suchten im leeren Dorf Redlin Schutz." Westlich von Körlin trat für einige Stunden Ruhe ein. Nach dem Scheitern seines Überraschungsangriffs der Sowjets bei Redlin, hier hatten deutsche Truppen vorübergehend Widerstand geleistet, hielt sich Marschall Schukow zurück. Auch mit der Besetzung Belgards ließ sich Schukow Zeit. Aus Richtung BubIitz / Groß Tychow näherten sich schon die linken Sicherungsgruppen von Marschall Rokossowski (2. Weißrussische Front). (Wie sich dann herausstellte, eben nicht so schnell!)

Superintendent Johannes Zitzke: "Für Sonntag, den 4. März 1945, war die Einsegnung der Konfirmanden angesetzt. Von den 110 Konfirmanden waren am Vormittag 10 und am Nachmittag 14 mit ihren Angehörigen zur Einsegnung erschienen. Die anderen waren geflohen. Nachdem am Sonntag nachmittag Belgard schwach verteidigt worden war - es fielen in dem Kampf einige Soldaten und Zivilisten, einige Häuser wurden in Brand geschossen - verließen die deutsche Wehrmacht und die deutschen Behörden am Sonntag abend Belgard. Es stellte sich später heraus, daß von den ca. 16.000 Einwohnern ungefähr 8.000 in Belgard verblieben waren." - "Am Sonntag, 4. März 1945, nachmittags gegen 15 Uhr erfuhr ich [Landrat Mehliß], daß der Befehlshaber der Kampfgruppe, General von Tettau, sich im Rathaus der Stadt Belgard aufhalte. Ich entschloß mich daraufhin, ihn gemeinsam mit dem Bürgermeister der Stadt Schivelbein aufzusuchen. Wir wurden sofort vorgelassen. Der General erklärte uns, daß die Lage sehr ernst sei. Er habe sich zu einem Durchbruch entschlossen. Zwei Stunden, nachdem die Truppen die Stadt verlassen hätten, sei mit dem Einmarsch des Feindes zu rechnen...." Zum ersten Male hatte Generalleutnant von Tettau von Durchbruch gesprochen. So schlecht die Dinge bei Tettaus Aufbruch in Groß Poplow (von Tettau hatte sein Quartier schon nach Kamissow verlegt) schon standen, jetzt lag das Heil wirklich nur noch in dem Versuch, hinter den russischen Panzerspitzen nach Westen zu gelangen. In der Besprechung bei Landrat Mehliß teilte Generalleutnant von Tettau am Nachmittag mit, der Feind habe die Stadt eingekesselt, die Bevölkerung keine Fluchtchance mehr; er würde das Risiko eines verlustreichen Ausbruchs mit den verfügbaren Teilen seiner Korpsgruppe nicht scheuen.

Anders als die Zivilbevölkerung, die in den Kellern Schutz suchen sollte, bekamen nun die Soldaten in den Kasernen und Wehrmachtsdienststellen den Befehl, sich nach Möglichkeit aus der Erschließung zu befreien. Zu dieser Zeit waren die Russen westlich der Persante schon dicht an die Stadt herangekommen. Es kam alles darauf an, nach vor Eintreffen des russischen Angriffskeils aus Richtung Groß Tychow die Ausfallstraße nach Bad Polzin zu erreichen. "Der Adjutant, Oberleutnant Hellermann, erschien, unterhielt sich einen Augenblick mit uns, stand auf und sagte: 'Auf Wiedersehen, meine Herren, wir treffen uns dann gegen 22 Uhr an der Straße Polzin-Klempin.' Das war alles. Kein Befehl. Soweit wir unsere Soldaten erreichen konnten, erteilten wir die Befehle. Leider vergaß man vollkommen, die Genesenden-Kompanie, bei der sich viele hilflose Kriegsbeschädigte befanden, und das Küchenpersonal zu benachrichtigen. Um 19.30 Uhr verließ ich (mit den Zahlmeistern Höfs und Wortershäuser) die Kaserne. Was für ein Durcheinander trafen wir an! Alle Truppenteile hatten sich gleichzeitig in Bewegung gesetzt. Auf Wagen, zu Pferde, zu Fuß oder per Rad bewegten sich die Soldaten in langem Zuge auf der Straße durch Belgard in Richtung Polzin. Immer häufiger wurde nun schon in die Stadt geschossen, an verschiedenen Stellen stand sie schon in Brand, und in der Friedrichstraße waren die Schaufenster bereits in Scherben gegangen. Ungehindert kamen wir zuerst auf die Straße nach Klempin, dann auf die nach Polzin. Deutsche Panzer kamen schon aus der ersten Stellung. In Bolkow wurde die erste Rast gemacht. Es lag ein Befehl zum Marsch über Arnhausen nach Groß Rambin vor. Bei leichtem Schneetreiben machten wir uns auf den Weg. Man erzählte uns, wir müßten noch aus diesem Kessel heraus, dann befänden wir uns in der Freiheit. Aus diesem einen Kessel wurden aber wohl sieben." (Otto Holznagel, Belgard)

Bezeichnend ist die vom gleichen Mitkämpfer geschilderte folgende Episode: In einem Wagenschuppen der Schleebach-Kaserne (richtig: Von-Scholz-Kaserne am Schleeberg) in Belgard traf er auf Hunderte von frisch eingezogenen Rekruten, "die einen sehr verstörten Eindruck machten und deren Führungsorgane entweder einem 'Helden-Greif'-Kommando in die Finger gefallen waren oder, was leider auch zu befürchten ist, sich ihrer Aufgabe entzogen haben". Mit Hilfe von zwei Offizieren, einigen Unteroffizieren und älteren Mannschaften der in Belgard stehenden Heeres-Flak-Artillerie-Ersatz- und Ausbildungsabteilung 272 wurden diese für einen Kampfeinsatz gar nicht in Frage kommenden Jungen truppweise in Marsch gesetzt in Richtung Polziner Chaussee. Jeder der alten Soldaten war verwundet, sogar ein doppelt Amputierter dabei. Dennoch glückte es, im Laufe der Nacht während des Marschierens eine gewisse Ordnung in die Kolonne zu bringen und der besseren Führung halber fünf Kompanien zu bilden, die natürlich keineswegs eine Truppe darstellten. "Eine wertvolle Hilfe waren die etwa 40 bei der Ersatzabteilung gewesenen Frauen der Büros und Werkstätten, die durch ihren persönlichen Einsatz so manchem der Jungen überhaupt ermöglicht haben, die Strapazen der nun folgenden Woche durchzustehen." Diese Einheit fand dann glücklicherweise Anschluß an die Korpsgruppe von Tettau und gelangte mit dieser an die Küste bei Hoff und später über Dievenow hinter die deutsche Front.

Mit einiger Verzögerung hatten die Angehörigen der Genesenden-Kompanie doch den Befehl zum Aufbruch erhalten. "Am 4. März bekamen wir Verwundeten in Belgard den Befehl, uns aus der Stadt herauszuschlagen. Der Stadtrand brannte lichterloh. Wir versuchten, auf der Chaussee Belgard-Polzin herauszukommen, mußten aber umkehren. Die Frauen, die mit uns zogen, wollten wir keinesfalls preisgeben. So kamen wir auf die Chaussee nach Standemin. Als wir nahe bei Kamenzhof, vier Kilometer vor Belgard (vermutlich Wiesenhof; Anm. d. Verf.) waren, tauchten plötzlich russische Panzer vor uns auf. Der Russe schoß sofort, trotzdem entwichen ihm einige von uns. Ich unternahm auch einen Fluchtversuch, doch da trat mir ein Russe mit der Maschinenpistole in den Weg. Mit einem Unteroffizier, 20 Mann und zwei Frauen wurden wir nachts um 2 Uhr nach Standemin abgeführt." (B. Grusowski, Soldat in Belgard) Zu dieser Zeit wurden in der Belgarder Innenstadt (Hasenstraße, Zimmerplatz, Polziner Straße) die letzten Geschütze gesprengt. - Eine schlaflose Nacht für die zurückgebliebene Bevölkerung von Belgard, endlose Stunden der Angst. Wann rücken die Russen ein?

Inzwischen attackierten die Russen auch Körlin, nur das Gebiet um Rostin war noch nicht feindbesetzt. "Wir standen auf der Persantebrücke nach Kamissow. In der Zeit von 19 bis 20 Uhr sahen wir in südlicher Richtung großen Feuerschein, hörten starkes Motorengeräusch und einzelne Schüsse von Panzerabwehrgeschützen. Schwere motorisierte deutsche Einheiten kamen auf dem Landweg von Kamissow auf die Brücke zu. Die Brücke war neu, aber doch nicht für schwere Fahrzeuge gebaut, alle waren viel zu breit und zu schwer und wurden von den Besatzungen einfach stehengelassen. Es waren französische und lettische SS-Verbände." Sie waren in heftigen Gefechten im Raume Gramenz versprengt worden, noch ehe Generalleutnant von Tettau um 22 Uhr den Durchbruchbefehl für die zusammengefaßte Korpsgruppe (Tettau und Munzel) erteilte.


Literatur

1. Lindenblatt, Helmut: Pommern 1945. Leer 1993.
2. Murawski, Erich: Die Eroberung Pommerns durch die Rote Armee. Boppard am Rhein 1969.
3. Polnischer Ortsprospekt in deutscher Sprache: Bialogard und Umgebung 1979.
4. Zitzke, Johannes: Die Evangelische Kirche in Belgard. In: 700 Jahre Stadt Belgard an der Persante. Manfred Pleger Laboe 1999.


[Dai Schulteknüppel Nr. 50, S. 56-64]