| Pommernreise im Juni 2005 Von |
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Wir entstiegen nach mehrstündiger Fahrt auf der Straße zwischen
Stolzenberg und Kolberg dem Auto und fühlten, selbst wenn uns die Augen
verbunden gewesen wären: wir sind zu Hause, wir sind in Pommern, im
richtigen Hinterpommern! Wie schmeichelnd weich uns die Luft umwehte, wie
frei wir atmeten, wie leicht wir uns fühlten - ja, man hätte jauchzen
können, so wollig und beglückend empfing uns unser Heimatland. Und unserem Auge öffnete sich die pommersche Weite mit den lang gestreckten ineinander geschobenen Moränenhügel, sich hier und nebenan erhebend, weit im flachen Bogen ausholend, um dann sanft zu verfließen. Und über allem leuchtete das Licht des Himmels, das goldene Licht des deutschen Nordens. Reifender Roggen wogte sanft in die Runde, aus dem hier und da versteckt Kornblumen und Margeriten hervor grüßten. Einsame Wege durchmaßen das Bild, an deren Rändern einsame hochaufschießende Stämme in den Himmel ragten. Ja, man hatte das Gefühl, in dieser gesegneten Landschaft, hier irgendwo am Ende des Weges maß unter der Bläue des Himmels der Herrgott wohnen. Parallel hatte sich zu unserer Reisegruppe Frau Barbara Haverland mit dem Bus von Soest aus auf die Reise gemacht. Mit weiteren Teilnehmern, die per Pkw angereist waren, umfasste ihre Reisegruppe 40 Personen, die allein oder gemeinschaftlich ihre Heimatorte besuchten, die landschaftlichen Schönheiten in unserem Kreise bewunderten, Nachbarkreise und das einst stolze Ostseebad Kolberg in ihre Betrachtung einschlossen. Bewunderungswürdig das Engagement Frau Haverlands, die sich in aufopferungsvoller Weise unserer Gemeinschaft und unserem Heimatland dient: Dabei ist es ihr auch immer Bedürfnis, die deutschen und evangelischen Minderheiten von Herzen in die Reise einzubeziehen, sie zu besuchen und Ihnen das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu geben und sie in ihrer Arbeit zu bestärken. Sonnig im Herzen beginnt also eine 9tägige Reise, die, wenngleich (oder weil) mit Verpflichtungen verbunden, unvergessliche Eindrücke vermittelte. Und selbst darin, so möchte man meinen, liegt ein bitterer Tropfen pommerscher Beständigkeit: in den Menschen, in den damaligen deutschen Mädchen und jungen Frauen, die 1945 nicht wie wir vertrieben wurden, der Not des eigenen Schutzes und des Unterhalts gehorchend, einen Polen heirateten, katholisch getraut wurden, ihre Kinder polnisch und katholisch erziehen mussten, angefeindet wurden und sich dennoch ihren evangelischen Glauben und ihr Deutschbekenntnis bis auf den heutigen Tag bewahrten: die Minderheiten in Pommern allgemein und hier im besonderen in Belgard-Körlin und in Schivelbein. Wenn man dann auch noch hört, und dies war nicht einmal so selten, dass der Mann getrunken hätte und Frau und Kinder schlug, dann kann man sich ausmalen, welch grausames entbehrungsreiches Leben dies gewesen sein muß. Bei so viel Demut und Ergebenheit wird man stille und ist dem Herrgott dankbar, dass uns ein solches knechtische, drangsalierende Leben erspart blieb - und wir vertrieben wurden. So sollte es selbstverständlich sein, diesen Menschen aufmerksam und anerkennend zu begegnen, ihnen, und sei es nur mit der Kollekte, finanziell zu helfen. Sie müssen aus ihren bescheidenen Renten die Kirchensteuer zahlen, Pastor und Organistin vergüten. In Belgard und Schivelbein werden die evangelischen Gemeinden kleiner. Die Kinder sind unter Polen aufgewachsen, beherrschen nur ausnahmsweise die deutsche Sprache, sind katholisch erzogen und damit der evangelischen Gemeinde nicht mehr zugänglich. Bewundernswert um so mehr mit welcher Hingabe jene alten Menschen dem Gottesdienst beiwohnen und mit welcher Inbrunst sie unsere alten geistlichen Lieder singen. So war es wohl göttliche Fügung, dass den evangelischen Gottesdienst in der Georgenkirche zu Belgard gleich drei deutsche vertriebene Pastoren hielten: Pastor Nach aus Schlesien, heute in Nürnberg, in Vertretung des verhinderten offiziellen Pastors hielt die Eingangsliturgie; aus Belgard stammend Pastor Udo Struck predigte und Superintendent Martin Zitzke hatte die Schlußliturgie übernommen. Unser Heimatfreund Superintendent Zitzke, noch von einer schweren Operation gezeichnet, war eigens zu diesem Ereignis, begleitet von seinem Schwiegersohn, angereist. Die evangelische Gemeinde betreut als Kirchenältester Karl Ernst Güge in vorbildlicher Hingabe. In Schievelbein wurde unsere Reisegruppe von der evangelischen gemischten deutsch-polnischen Gemeinde und dem Verein deutscher Minderheit im Ordensschloß empfangen. Polnische Gymnasiasten aus Stolzenberg trugen polnische und deutsche Lieder vor. Eine Tanzgruppe polnischer Jugendlicher überzeugte mit Standardtänzen in unterschiedlicher Formation. Es war eine beachtenswerte, gekonnte Veranstaltung, die mit reichem Beifall bedacht wurde. Der Besuch in Schivelbein endete mit einem Gottesdienst in der kleinen evangelischen Kapelle am Rande des heute katholischen Friedhofs. Bewundernswert mit welcher Liebe die kleine evangelische Gemeinde ihr Gotteshaus pflegt. Dazu besitzt sie einen eigenen kleinen evangelischen Friedhof gleich nebenan. Ein Lapidarium, zusammengesetzt aus alten deutschen Grabsteinen, ist zu Ehren hier bestatteter deutscher Toten errichtet worden. Als Kirchenälteste hält hier mit einigen Getreuen Edeltraud Kasperczak (Bauerntochter aus Ostpreußen) die kleine Gemeinde zusammen. Deren Engagement ist als vorbildlich zu bezeichnen. Auch wenn wir nicht wisssen, wohin das Schicksal diese evangelischen Gemeinden führen wird, so ließen die Besuche doch hoffen und vermittelten Gottvertrauen. Welche Bilder der Veränderung registrierten wir? In Belgard herrscht reges Leben in den Häusern und auf den Straßen. Viele Händler und kleine Geschäfte haben sich eingerichtet. Ihnen ist zu wünschen, dass ihnen die alles abgrasenden Großmärkte noch für längere Zeit erspart bleiben. In den Häusern, in denen sich Geschäfte befinden, sehen wir gestrichene Fassaden, vielfach auf den Grundstock des Hauses beschränkt, und nicht selten schreiende Reklame. Gravierend verändert hat sich der Belgarder Marktplatz mit den umliegenden Gebäuden. Die Westseite ist vollständig renoviert worden und bietet ein einladendes Bild. Auch die Nordseite des Marktes mit Neuem Rathaus lässt sich leidlich wohltuend einordnen. Auf der Ostseite fehlen bekanntlich die äußeren Eckhäuser, Kaufmann Albert Manke, Markt 15, und Buchhänder Theodor Heller, Markt 11. Das in der Mitte der Ostseite liegende Haus mit dem Balkon, der häufig für Ansprachen von Superintendenten Otto Emil Klar und Johannes Zitzke genutzt wurde, ist prächtig hergerichtet. Allein die Gebäudesüdseite des Marktplatzes mit dem stalinistischen Betonklotz stört. Im Alten Rathaus, und zwar im rechten Teil des Gebäudes, wurde neu das Belgarder Muzeum" eingerichtet. Es ist zur Zeit noch ärmlich ausgestattet - mit wenig Exponaten, einigen Karten, vorwiegend aus deutscher Zeit, dem in den 20er Jahren ausgegebenen Notgeld und einigen polnischen Büchern und Schriften. An der Wand hängt das bekannte Bild Der Rath von Belgard weist im Jahre 1107 die polnischen Gesandten zurück". Bürgermeister Dr. Edmund Trieschmann hatte dies Bild für das Belgarder Museum (Heimatkreismuseum) erwerben können. Es knüpft an an die Legendenbildung der Burgeroberung im Jahre 1107, wo es da heißt: Boleslaw zeigte den Belgardern zwei Schilde, einen roten und einen weißen mit den Worten 'Welchen erwählt ihr hiervon?' Der weiße deutet den Glanz des Friedens an, der andere zeigt den schrecklichen Anblick von Blut...." Zwei deutsch sprechende Fremdenführer begleiteten uns durch die Räume; der Eintritt ist kostenlos. Vor dem Museum, der Kirche und dem Hohen Tor und an der Stadtmauer in der Nähe des Pfarramtes am Preisterplatz" sind Tafeln aufgestellt, die die Historie der Bauten erklären. Der Text ist neutral gehalten, polnisch, deutsch und englisch verfaßt und inhaltlich nicht zu beanstanden. Und noch ein Gebäude fanden wir wunderschön restauriert: die Reithalle in der Wilhelmstraße, im 18. Jh. errichtet, die den Artilleristen des 2. Pommerschen Art.-Regiments Jahrzehnte bis zur Errichtung der Artilleriekaserne an der Körliner Straße 1901 diente. Dem Vernehmen nach soll Belgard erhebliche Mittel von der EU für die Restaurierung des Stadtbildes erhalten. Auch die bisherige Restauration scheint aus EU-Mittel finanziert worden zu sein. Nachdenklichkeit empfand ich für die Umwandlung unseres Burg-, Amtsbergs in Papstberg". Die Kellergewölbe des Amtshauses wurde mit Boden überdeckt und auf die höchste Spitze ein Holzkreuz gesetzt zum Gedenken an den polnischen Papst. Wie doch Geschichte verweht! Wer wird sich nach uns noch an die große Geschichte dieses Berges erinnern, an die glücklichen und tragischen Epochen pommerscher und preußischer Geschichte, daran, dass auf diesem Sitz einst bedeutende Entscheidungen für das Belgarder Land und Pommern getroffen worden sind! Die Fahrt nach Bad Polzin, weiter über Tempelburg zur Starostenburg und nach Dramburg war eine Fahrt durch das typische, landschaftlich reizvolle Pommern; durch die eiszeitlichen Täler des Kreises Belgard, der Fünf-Seenlandschaft bei Bad Polzin und der Pommerschen Schweiz. Und überall siedeln in der brachliegenden Landschaft Baum und Strauch. Unsere Elterngeneration Pommerscher Bauern würde die Hände übereinanderschlagen und nur mit Unverständnis registrieren wollen, dass so viel Land dem Flugschar entzogen wird, der Landschaft indes schadet es nicht, sie gewinnt und macht dem Naturparadies Ehre. Bad Polzin mit seinen Kuranlagen hat gegenüber stalinistischer Zeit gewonnen. Zwar hat es die alten Strukturen als einst bedeutendes pommersches und deutsches Heilbad noch bei weitem nicht erreicht, Anerkennung verdienen die Anlagen dennoch. Das Kurhaus im Innenbereich des einstigen riesigen Kurparks ist gepflegt. Respekt davor, was im Laufe der letzten Jahre der innere Kurgarten mit Beeten, Rabatten, Sträuchern und Bäumen liebevoll gestaltet wurde. Und Schivelbein? Ich war angenehm überrascht. Die das Marktbild beherrschende Marienkirche beeindruckte. Das Rathaus mit den davor liegenden Grünanlagen wirkte repräsentativ angenehm, und das Schloß gegenüber demonstriert Stärke und Selbstbewusstsein. Da fallen die nach 1945 errichteten Gebäude rund um den Markt, die architektonisch nicht immer gelungen sein mögen, nicht nachteilig auf; bekanntlich blieb am Markt nach dem Brand, den die Sowjets nach ihrem Einmarsch im März 1945 vorsätzlich legten, nur ein (einziges) deutsches Haus stehen. Ja, und was blieb da als Freiraum für die Erfüllung eigener Wünsche? Auf der Fahrt nach Arnhausen über Vorwerk, dem Schwarzen Berg bei Denzin, Grüssow, Zarnefanz, Groß- und Klein-Rambin waren wir abermals verwundert darüber, wie sehr sich die Natur der Zivilisation bemächtigt, wenn man sie lässt; das seitliche Straßenareal war teilweise bis zum Straßenrand eingegrünt, nur gut eine Spurbreite asphaltiert. Wenn man bedenkt, dass diese Straße einst die Hauptstraße, Heer- und Handelsstraße, zwischen Schivelbein/Altschlage und Belgard war und als Verbindungsstraße den Deutschordensrittern diente, um vom Brandenburgischen nach (Alt-)-Preußen zu kommen, und heute nahezu kein Verkehr über diese Straße läuft, so scheint dies unglaublich. Allerdings hatte diese Straße schon zu deutscher Zeit, nachdem um die Mitte des Vorvorjahrhunderts die Verbindungsstraße von Schivelbein über Stolzenberg nach Kolberg gebaut worden war, Verkehrsaufkommen verloren. Zwar fanden wir in Arnhausen die Muglitz, um jedoch die Quelle bei Zuchen aufspüren zu können, fehlte die Zeit. Im weiteren Verlauf des Baches kamen wir nach Zarnefanz, wo wir das einst stolze Mühlengebäude nur noch als Ruine wiedersahen. Bekanntlich bin ich ein Kind der Muglitz und Persante. Und da musste ich beide besuchen, hineinspucken, beobachten, wie der Schaum davon trieb, seliger Kindheit erinnernd. Und wir waren auch wieder in der Muglitz, inmitten des Baches wohl auf einer Strecke von ungefähr einem Kilometer. Daß wir hineinfielen, mit nassen Hosen weiterliefen, mag nur nebenbei erwähnt werden. Überwältigend das Gefühl, hier auf dem Bachkiesel dahin zu trotten, zu schauen und immer wieder zu schauen; rechts und links hohe Ufer von bis zu 20 m hoch, eingehüllt von Baum und Strauch und hohen Brennnesseln. Eine wundersame stille Einsamkeit, nur unterbrochen vom Vogelruf und dem fast nicht hörbaren Rauschen des munter dahin spielenden Wassers. Ein weiterer und besonderer Höhepunkt war der Besuch der Lonzkedüne. Die Sonne strahlte, der Wind, der sonst den Sand wie Schnee über den Rand der Düne bläst, schwieg, und das überwältigende Bild: hier die hohe aufragende Düne, an ihren Rändern von duftenden Kiefern bewachsen, dort der Lebasee und gegenüber die weite blaue Ostsee mit einem Strand von ca. 150 m Tiefe. Wer pommersche Identität sucht und der Schöpfung nahe sein mag, hier findet er beides, und er findet hier unverfälscht die Farben Pommerns Blau-Weiß". Wenn man von der Düne hinabschaut oder den Strand betritt, hält man zwangsläufig inne, wird nachdenklich - hat die schöpferische Schönheit des ersten Erdentages unseres Landes greifbar vor Augen - und wird bei längerem Nachdenken wütend darüber, daß man uns dies herrliche Land entriß. Einen herzlichen Gruß an alle Leser, namentlich an jene, die infolge körperlichen Gebrechens nicht mehr reisen können und sich ihrem Heimatland zutiefst verbunden fühlen. Ihnen möchte ich tröstend sagen: Pommern ist schön und liebenswert, Pommern ist ein Paradies! [Dai Schulteknüppel Nr. 50, S. 32-38] |
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