Pommersches Brauchtum der Erntezeit

Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Samen und Ernte

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Über das Brauchtum der Erntezeit ist die technische Entwicklung unserer Tage hinweggestürmt und hat eingeebnet, was uns in früheren Jahren der Ernte bewegte und erfreute. Es ist fast nichts mehr geblieben. Einzig die Kirche erinnert heute noch zum Erntedank mit Früchten und dem Erntekranz an die Goldenen Tage der Erntezeit. In den Monatsblättern finde ich einen Beitrag von Fritz Krüger. Ich zitiere daraus:

Über dem Meer der wogenden Halme strahlt sonniges Sommersonnengold. Wie lichte Bronze schimmern die Getreidefelder; jeder Halm beugt sich unter den Ähren. Mit glühendroten Augen schaut neugierig der Klatschmohn heraus, blaue Kornblumen und schlanke Konraden grüßen von den Rändern. Der Lewak schirkelt in den lichtblauen Äther und buntschillernde Falter umgaukeln die schwankenden Ähren. Nur das Heimchen hört man zeitweilig zierpen, sonst durchdringt kein Laut die Stille.

Nun beginnt die Erntezeit in unseren Dörfern. Schwere gesegnete Wochen für Mensch und Tier folgen. Überall klingen und rauschen die Sensen, rattern die Mähmaschinen. Halmreihen auf Halmreihen sinken auf den Kornfeldern zusammen und damit auch die letzten Feldblumen die stets als Begleiter des Getreides auftreten.

Vor dem Schnitt geht der Bauer bedächtigen Schrittes auf das Feld, um die Reife des Roggens zu prüfen. Mit der Hand oder mit der Mütze fährt er durch die Ähren; ist er reif, so fallen die Körner hinein. Sind sie hart, dann kann der Schnitt beginnen. Man beginnt allgemein am Margaretentag (15. Juli) oder auf Jakobi (25. Juli), und zwar fängt man auf einen Sonnabend an. Wenigstens wird einmal rundgemäht und einige Stiegen gesetzt. Auch ist der Mittwoch oft Erntebeginn, doch vermeidet man es, am Montag oder Donnerstag anzufangen, dann wird der Roggen zu früh all oder er verdirbt oder es gibt bei der Ernte ein Unglück, so meint der Volksmund!

Zur Ernte ziehen die Mäher weiße selbstgewebte Leinenhosen und Jacken an, den Austanzug, Frauen und Mädchen tragen die selbstgewebte Bieneljacke und Bienelschört. Daß manche Mäher die Sense zum ersten Mal mit einem "Helf Gott" oder "Mit Gott" einsetzen, ist wahr. Nun klingt das Lied der Arbeit auf, das Lied der Pflicht, das jeden packt, den Mäher und die Binderin. "Wer in der Ernte will nicht schneiden, muß im Winter Hunger leiden", sagt ein uralter Bauern- und Erntespruch. Hauptsache ist jetzt, daß Mäher und Binderin besser als gewöhnlich zu essen erhalten. So gibt es hier als Erntegerichte Brühreis mit Hühnerfleisch, Gemüse mit Hammelfleisch, Zusammengekochtes mit Rauchfleisch und dicke Milch mit eingebrocktem Schwarzbrot. Früher fehlten auch nicht geräucherter Schweinekopf und die abendliche Biersuppe. Saftwasser, Bier und Schnaps werden gereicht, denn das gehört zum Aust. So bekamen hier noch vor einigen Jahren zur Gutszeit die Schnitter zur Ernte jeder ein Viertel Schaf, 2 Metzen Bruchweizengrütze (später gab es dafür Mehl), ein großes Brot und Schnaps. Nach dem "Neuregulierten Dienstregister der Komthurei Schivelbein (1736)" erhielten die dienstpflichtigen Bauern in Balsdrey bei der Ernte und Schafschur 1 + 11 / 16 Tonnen Bier, auch etwas Essen zur Augustköste (Kortlepel: Schivelbeiner Geschichte S. 83) und die Bauern aus Panzerin "beim Erntedienst 13 / 4 Tonnen Bier und etwas Essen zur Augustköste" (Kortlepel S. 84).

Erscheint während des Mähens der Besitzer oder ein Fremder auf dem Feld, so wird er von dem Vormädchen "gestrickt" oder "gebunden", d. h. es werden ihm drei Roggenähren mit einer bunten Schleife um den linken Arm gebunden, wobei sie folgenden Bindespruch sagt: "Ich habe vernommen, daß unser Herr (Frau, Fräulein) ist ins Feld gekommen. Ich will ihn (sie) binden mit lieblichen Dingen, mit lieblichen Sachen. Viele Komplimente verstehe ich nicht zu machen. Sie müssen's mir nicht übel nehmen, daß ich bin so grob gewesen und habe ihnen diesen groben Band gebunden um Ihre schneeweiße Hand. Ich tue es nicht um Geld, Bier und Branntwein, sondern um die Ehre unsers Herrn allein!"

Der Gebundene mußte sich nun durch ein Geldgeschenk loskaufen. Etwas davon behielt das Vormädchen als Binderin, das übrige wird unter die Binderinnen verteilt. Einem Fremden halten die Mäher die Sense vor zum Mitmähen. Will oder kann er das nicht, so muß er sich loskaufen. Auch wird er gebunden, wobei man spricht: "Ich hab' Sie gebunden fein und fest, Sie mögen sich lösen aufs allerbest!" Oder: "Ist der Band auch schlecht, So ist der Wunsch doch recht!"

Viele Bräuche hängen mit dem Einbringen der ersten und letzten Garbe zusammen. Ehe man einfährt, legt man unten in die Scheune Beifuß, Wermut oder Wachholderstrauch hin, um das Ungeziefer fern zu halten. Die ersten Garben, die eingebracht werden, legt man kreuzweise übereinander oder stellt sie in einzelne Ecken der Scheune kreuzweise - nun rundgepackt und dann festgetreten. Es faßten sich alle an die Hand und bei jedem Schritt wurde ein Reim gesprochen, z. B.: "Ho rupp, Beere und Supp', Toffeln und Kliewe, könne im Buk ne bliewe!" oder "Hund hoch, Start (Schwanz) siet (runter), alles gliek unnert Auk (höchster Winkel in der Scheune), nu ist gaut" oder "Unsre gelbe Henne mit dem roten Kamm, legt uns so viel Eier, der Geldsack wird uns stramm."

Findet der Mäher eine Doppelähre, so steckt er diese erfreut an die Mütze, um sie nach Feierabend hinter den Spiegel zu stecken, denn damit kommt das Glück ins Haus. Eine dreiteilige Ähre zieht man durch den Mund, um das Fieber zu bannen! Auch hängt man einige volle Ähren in den Stall, das soll die Fruchtbarkeit des Viehes erhöhen. Auch werden aus den Körnern des Erntekranzes einige in das Saatgut gelegt, um im nächsten Jahr eine gute Ernte zu haben. Nach altem Volksbrauch darf ein Getreidefeld nie vollständig abgeerntet werden. Wenigstens einige Büschel Ähren müssen stehen bleiben. Dadurch glaubt man die bösen Geister des Getreidefeldes auf die Flur zu bannen. Sie können also nicht mit in die Scheune einziehen, um dort Schaden anzurichten. Ist der Roggen abgemäht, so wurde aus dem letzten Bund, das besonders stark gebunden wurde, eine Strohpuppe "der Alte" gemacht. Jede der Binderinnen bemüht sich, nicht die Letzte zu sein und ein Wettbinden und Laufen setzt ein. Wird doch diejenige, der die letzte Garbe bleibt, von allen andern ausgelacht, und hüten sich junge Mädchen sorgsam vor "dem Alten", da allerlei Aberglaube damit verbunden sein soll! (Nicht heiraten, sitzen bleiben, einen alten Mann bekommen!). Wer den Alten bindet, muß ihn unter der fröhlichen Begleitung aller Binderinnen und Mäher bis vor das Guts- / Bauernhaus tragen. Da übernimmt ihn das Vormädchen und überreicht ihn dem Gutsherrn oder dem Bauern mit folgenden Worten:

"Jetzt bringen wir den Herrn Alten; Er will sich nicht länger im Felde aufhalten. Wir mußten sein Haupt frisieren, sonst konnte es ihm noch erfrieren. Nun haben wir uns recht bedacht und ihn vor das Herren- / Bauernhaus gebracht. Nun wollen wir den Gutsherrn / Bauern bitten, Er möge sich bequemen und uns den Alten abnehmen." Oder: "Wir haben gemäht und gebunden, Aus dem letzten Schwart haben wir den Alten gewunden!" (Fortsetzung wie vorher.)

Im feierlichen Zuge wird er nun ins Haus getragen und auf der Diele oder in der Wohnstube aufbewahrt, nachdem der vorjährige Alte kurz zuvor herausgestellt war. Wenn der Alte überreicht ist, spricht das Vormädchen: "Dat Ko(r)n liggt in Tass', mehr los as fast. Wie hewwen ha(r)kt un höpt, dat Sand so stöwt. Us Hoffmeester is wegmols ser iwig west und hett us die Epistel volest. Aower dat schaot alles nisch, wie moake do no ein fründlich Jesicht!"

Die Vorsprecherin wird durch ein Geschenk belohnt. Und alle, Mäher und Binderinnen, versammelten sich nun bei Bier und Schnaps, Weizenbrot und Rosinen und Kaffee zur "Ollerköst", nachdem man an diesem Tage schon um Vesper Feierabend machen durfte.

Ist zuerst der Roggen als die frühreifste Getreideart gefallen, dann folgen Gerste und schließlich Weizen und Hafer. Während draußen auf den Feldern immer wieder große Landstücke frei werden, fahren hochbeladene schwankende Wagen auf Feldwegen und Dorfstraße dahin um die Ernte in die Scheunen zu bringen. Bis in die sinkende Nacht hinein geht die Arbeit fort, und unverdrossen wird sie getan, man lacht und erzählt während der schweren Arbeit und Scherze fliegen von Gruppe zu Gruppe, oftmals von Feld zu Feld, besonders dann, wenn einer einen andern "utmäht" (d. h. vorbeimäht), wofür der Überholte einen Schnaps auszugeben hat oder wenn sich ein neuer Mäher einstellt, der sich durch einen halben Liter Schnaps "inhersen"(d.h. einkaufen) mußte. Ein schönes Zeichen der Gemeinschaft ist die "Nachbarhilfe" die sich besonders zur Ernte zeigt, wo eine Familie hier der andern hilft und dann mit verstärkten Armen die Ernte des Nachbarn wiederum schneller einbringen hilft.

In der letzten Hafengarbe wurde das Vesperbrot eingebunden. Man wollte damit andeuten, daß das letzte Vesperbrot nun im Felde gereicht wird. Nachher gibt es keins mehr, weil die Tage dann immer kürzer werden. Man hält hier darauf, daß am Bartholomäustage (24. August) alles Korn vom Felde ist, sonst kommt Bartholomäus mit seinen großen Stiefeln und zerstampft alles, so meint der Volksmund.

Dem Grundgedanken nach ist "der Alte" oder "der Roggenwulf" oder "die Kornmoen" ein gespenstiges Wesen, das sich vor dem Klang der Sense in das letzte Stück des Feldes flüchtet, wo es dann endlich mit dem letzten Sensenschnitt dem Menschen doch in die Hände fällt. Wenn man unter Roggenwulf in altgermanischen Zeiten den Glauben an Wodans Wolf darunter verstand, so ist diese Erinnerung daran völlig geschwunden. Wenn man "den Alten" einbringt und "die Kornmoen" geschmückt heimführt, wenn man sich beim Einbringen der letzten Fuhre mutwillig ausgiebig mit Wasser begoß, dann dient das alles nur der Freude und dem Jubel, daß die Ernte glücklich eingebracht und unter gnädigem Himmel beendet ist. Nun kann man feiern und fröhlich sein. Man hat eine Erntekrone, auch einen Erntekranz gewunden, und mit der Überreichung haben alle Erntearbeiter das Recht auf das Erntebier und den Ernteschmaus erworben. "Kranzköst" bildet den Abschluß der schweren Erntearbeit, wie dies auch in den vielen Gedichten und oft humorvollen Sprüchen ausgedrückt wird. So wurde folgende Fassung eines Erntekranzspruches vorgetragen: "Der Kranz ist nicht von Distel und Dorn, er ist von Blumen und reinem Korn. Und ist der Kranz nicht fest gewunden, so sind die Garben desto besser gebunden. Die Kerls hewwen mäht, dat sich Seeseboom böugt, Die Mäkes hewwen bunne, dat Sand so stöwt. Jetzt will ich von dem Beten stille stehn und gleich zum Wünschen übergehen: Ich wünsche dem Herrn einen gold'nen Tisch...."

Wäre der "Bauer" nicht, so hätten wir kein Brot! Säen und Ernten, Werden und Vergehen - das ist die uralte Wahrheit, ein unumstößliches Naturgesetz! Und schon jetzt ziehen wieder Pflug und Egge über die herbstlichen Stoppelfelder und hoch zum bestirnten Himmel schwingt der gewaltige Rhythmus der Melodie: "Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Samen und Ernte...."


[Pommersche Zeitung vom 21. Oktober 2006]