| Rostin - das erste Unterwasserkraftwerk der Welt | |||||
| Der Bau dieses ersten Unterwasserkraftwerks
der Welt bei Rostin (Kreis Belgard) erregte naturgemäß auch die
Gemüter der Einwohner der Stadt Körlin und der in ihrem Umfeld
liegenden Dörfer. Es war schon eine Sensation, und viele sonntägliche
Spaziergänge führten dann auch durch den Redliner Wald zur Baustelle.
1936 wurde das Kraftwerk in Betrieb genommen. Wandte man damals auf der
Brücke stehend den Blick flußaufwärts, sah man nur eine
von Ufer zu Ufer reichende etwa vier Meter hohe Staumauer aus Beton, die
nur dem Zweck zu dienen schien, das Wasser der Persante aufzustauen. Und
doch lag dort ein kleines Wasserkraftwerk unter Wasser, ohne die anderwärts
gewohnten Aufbauten. Über seine Entstehung erfahren wir Genaues in
einem Aufsatz von Prof. Dr. Loeser, in dem es heißt: "Im Laufe des Sommers ist im pommerschen Kreis Belgard bei Rostin an der Persante ein Kraftwerk in Betrieb genommen worden, das in seiner Gestaltung und Maschinenausrüstung gegenüber den bisherigen Werken ganz neue Gedanken verwirklicht zeigt. Seit Jahrzehnten vernichten die stark verwilderten pommerschen Flußläufe, insbesondere die Persante, bei Katastrophenhochwässern weite Strecken wertvollen Kulturlandes durch Versanden und verursachen selbst bei normaler Wasserführung Sumpf- und Moorbildung. Seit langem war es deshalb nötig, diesen Schäden ein Ende zu machen. Erst jetzt aber wurde entscheidend durchgegriffen. Die Persante mußte begradigt werden, wobei - unter möglichster Schonung des Mutterbettes - die ärgsten Windungen und Schleifen abzuschneiden waren. So wurde auf der Strecke Belgard-Körlin der FlußIauf von ehemals 23,6 km auf 13,7 km verkürzt. Damit steigerte sich das Gefälle der Persante beträchtlich und die Gefahr wuchs, daß der Fluß den Böschungen und der Sohle durch Auswaschung gefährlich werden könnte. Durch Gefällebrüche mußte daher die Strömungsgeschwindigkeit herabgesetzt werden. Ein früherer Entwurf sah zu diesem Zweck 14 Gefällbrüche vor von durchschnittlich 50 cm Absturzhöhe. Demgegenüber regte der Gauleiter von Pommern, Schwede-Coburg, an, nur zwei Gefällstufen zu schaffen, sie aber dann zur Energiegewinnung auszunutzen. Die Planung wurde von Landesbaurat Arno Fischer durchgeführt. Hätte man nun im und am Fluß ein Wasserkraftwerk der herkömmlichen Bauart entwickelt, so wären Stau- und Schutzanlagen, Floßgasse, Maschinen- und Umformerhaus entstanden, bei den gegebenen Bedingungen eine Menge von Gefahrenquellen. Bei Eisgang nämlich ragten alle diese Bauten als Hindernisse aus dem Wasser heraus, so daß man unter Umständen zu Sprengungen hätte greifen müssen. Das neue Kraftwerk weicht von dem geschilderten Bild ganz wesentlich ab. Es hat sich unter den Fluß zurückgezogen, gibt dem Fluß den Weg frei und bietet bei Hochwasser und Eisgang keine Angriffspunkte. Eine Schwierigkeit allerdings, die vor allem aus dem Weg geräumt werden mußte, war die Frage der Turbinen. Deren Achse steht bei den herkömmlichen Turbinen senkrecht und trägt am oberen Schaftende den Rotor zur Erzeugung elektrischer Energie. Da diese Form hier unanwendbar war, entwarf Arno Fischer eine Rohrturbine, die in der Strömungsrichtung des Wassers in das Wehr eingebaut ist. Die Ausnutzung der Wasserkraft durch diese Turbine ist wesentlich höher als durch die üblichen Typen. Der Abschluß gegen das Oberwasser kann durch eine kreisförmige Drosselklappe erfolgen; gegen das Unterwasser ist eine Fallklappe am Ende des Saugrohres angebracht. Umlegbare Klappschützen über die ganze Flußbreite sichern eine gute Wasserabführung auch bei plötzlichen Hochwässern. So bleibt das Werk auch in überflutetem Zustand betriebssicher. Zum Bau, einschließlich der Persantebegradigung, waren große Erdbewegungen nötig, die in 18 Monaten vollendet wurden und im ersten Bauabschnitt 100.000 Tagewerke, im zweiten Abschnitt 130.000 Tagewerke erforderten, also eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme von größtem Umfang darstellten. Dabei wurden im sogenannten Rostiner Bogen 320 Morgen fruchtbares Ackerland eingepoldert und mit besonderen Ein- und Auslaufwerken versehen, so daß man jederzeit das fruchtbare Winterhochwasser über die Flächen leiten und wieder abziehen konnte. Der Bau von Wehr und Kraftwerk wurde am 19.1.1936 begonnen. Mitte Juli wurden die Fangdämme entfernt und die bis zu 2,60 m hohen Dämme dem Staudruck der Persante ausgesetzt. Schon Ende Juli lieferten die Maschinen zum ersten Mal probeweise Strom, und am 23. August 1936 konnte das Kraftwerk in Betrieb genommen werden. In seiner vollkommen neuen Form nutzt das Werk nicht nur die Wasserkräfte restlos aus, es berücksichtigt darüber hinaus die Erfordernisse der Landeskultur, nämlich Hochwasserschutz, Landverbesserung und
Bauherr war die Provinz Pommern, die Provinzialverwaltung hatte die oberste Bauleitung. Die beiden Turbinen lieferte die Maschinenfabrik Escher-Wyss / Ravensburg, die elektrische Ausrüstung die Sachsenwerk A.G. / Dresden. Die Erd- und Betonarbeiten führte die Firma Max Goeldner / Stettin aus. Der erzeugte Strom ging in das Netz der Märkischen Elektrizitätswerke A.G. (MEW), die aus der Überlandwerke Pommern A.G. hervorgegangen waren. Das Paradepferd des Gauleiters Schwede-Coburg wurde in der Partei- und örtlichen Presse als das erste Unterwasserkraftwerk der Welt hervorgehoben. Gewiß stellte die Anlage nach ihrer technischen und baulichen Gestaltung etwas Neues dar und wird den ihr zugedachten Aufgaben auf dem Gebiet der Landeskultur durchaus entsprochen haben. Der Anteil an der Elektrizitätsversorgung war freilich nicht bedeutend. Die zwei Rohrturbinen brachten bei dem relativ geringen Gefälle von 3,75 m - ausreichende Wasserführung vorausgesetzt - zusammen etwa 350 Kw Leistung. Demgegenüber leisteten das Dampfkraftwerk Belgard 13.800 Kw und die beiden an der Radüe gelegenen Wasserkraftwerke herkömmlicher Bauart Roßnow und Heyka bei 16 m bzw. 9 m Gefälle immerhin 3.300 Kw bzw. 1.100 Kw. War die geringe Leistung des Rostiner Werkes der Grund, daß das zweite Unterwasserkraftwerk oberhalb von Körlin, obgleich 1939 im Rohbau fertiggestellt, trotz der Erfordernisse der Kriegswirtschaft nicht vollendet wurde? Der Besucher, der heute noch einmal von Kamissow den Weg nach Rostin nimmt, verhält seinen Schritt an der Persante. Die Brücke existiert nicht mehr. Aber das Unterwasserkraftwerk bietet sich dem Blick unverändert wie vor einem halben Jahrhundert dar. Es blieb 1945 unbeschädigt und ist in Betrieb. Anmerkung der Red.: Bis zum Abzug der Russen aus Belgard diente das Kraftwerk der Stromversorgung ihrer Kasernen und wurde von russischem Personal gewartet, das in den ehemaligen Werkswohnungen wohnte. Die Polen halten das Werk heute weiterhin in Betrieb.
Karl-Eberhard Albinus: Das erste Unterwasserkraftwerk entstand bei Rostin, in: Der Kreis Belgard, Celle 1989. Prof. Dr. Loeser: Das erste Unterwasserkraftwerk der Welt, in: Die Umschau, Halbmonatszeitschrift über die Fortschritte in Wissenschaft und Technik, Frankfurt / Main 1936.
Jürgen Urtel, Rohrbach / Niederösterreich, in: Kolberger Zeitung, 5 / 1972: "....Der Gedanke, den Rotor vom Wasser durchströmen zu lassen, lag nahe, wenn man die Turbinenachse fast waagerecht in den Wasserstrom stellen wollte. Arno Fischer war der erste, der den theoretischen Gedanken in die Praxis umsetzte. Es ist dabei ähnlich wie beim 'Ei des Kolumbus', die Idee hatten viele, auf die Spitze gestellt hat er es! Es kam darauf an, Wasserläufe mit geringem Gefälle zu nutzen. Die Anlagen sollten möglichst billig erstellt werden können. So kam es zum Bau des ersten 'Unterwasserkraftwerkes' 1936 bei Rostin an der Persante. Die Rohrturbine befand sich unter dem Damm in einem Beton-Rohr, das verschließbar war. Die Stauvorrichtung über der Rohrturbine konnte so umgelegt werden, daß das Wasser über die Anlage strömte und diese tarnte.... Merkwürdigerweise wurde es nach dem Kriege um die Rohrturbine und Unterwasserkraftwerke ruhig, obgleich fast 76 Rohrturbinen in Pommern und an Iller und Lech in Bayern zufriedenstellend arbeiteten. Frankreich entwickelte selber derartige Turbinen für sein Gezeitenkraftwerk. Heute gehört der Bau von Rohrturbinen bei Gefällen zwischen 2 bis 20 m zu einer Selbstverständlichkeit. Rohrturbinen und Unterwasserkraftwerke werden im Osten und im Westen gebaut, wobei zwei deutsche Firmen einen großen Anteil haben.... Das erste Unterwasserkraftwerk der Erde stand in Pommern! Dort wurde jene Entwicklungsarbeit geleistet, auf der man heute weiterarbeitet. Diese Tatsache sollte nicht in Vergessenheit geraten." Rudolf Luther, Essen, in: Kolberger Zeitung, 6 / 1972: "....Ich war einige Zeit Bauleiter der ausführenden Baufirma. Der Bau wurde von der Fa. Max Goeldner / Stettin errichtet und im August oder September 1936 in einer Feierstunde seiner Bestimmung übergeben. Die Bauleitung der Provinz Pommern lag in Händen des Baurates Walther, der später abgelöst wurde. Es waren in Pommern mehrere Unterwasserkraftwerke geplant, aber nicht mehr ausgeführt. Ein weiteres Bauwerk wurde 1939 an der Persante in der Nähe der Stadt Körlin in Angriff genommen, aber wegen Ausbruch des Krieges nicht mehr beendet. Zu dieser Baustelle habe ich seinerzeit die Baustelleneinrichtung gemacht und die Erdarbeiten durchgeführt...." Hans Juhnke, Isernhagen, in: Kolberger Zeitung, 6/1972: "Über das Unterwasserkraftwerk in Rostin / Belgard in Pommern möchte ich das wenige, was mir noch im Gedächtnis geblieben ist, berichten. Ich selber war von 1934 bis Kriegsanfang 1939 dem Gauamt für Technik als Ingenieur zur Unterstützung zugeteilt. Doch von der konstruktiven Entwicklung der Turbine habe ich als Nichtfachmann praktisch nichts zu sehen bekommen, da diese Arbeiten als 'geheim' hinter verschlossenen Türen ausgeführt wurden. Erst nach Inbetriebnahme des Werkes hatte ich öfter Gelegenheit, bei Betriebsstörungen diese Turbine kennenzulernen. Die Störungen lagen häufig im elektrischen Bereich und waren durch Feuchtigkeit im Turbinengehäuse hervorgerufen worden. Ein weiteres Unterwasserkraftwerk wurde dann in Körlin an der Persante in Angriff genommen. Die baulichen Arbeiten waren bis Mitte 1939 fertig. Welche Turbinenart vorgesehen war und ob überhaupt noch Turbinen im Kriege hergestellt wurden, ist mir unbekannt. Die Herren, die an der Planung oder der Konstruktion des ersten Unterwasserkraftwerkes beteiligt waren, sind: A. Fischer, Dipl.-Ing. Fenzloff, Architekt Walther H. Höhn, sowie einige Herren der ausführenden Firma. Die ersten vier Herren wurden zu Landesbauräten ernannt und etwa 1937 zum bayerischen Innenministerium nach München versetzt. Dort wurde A. Fischer zum Ministerialdirektor befördert und leitete den Bau eines Unterwasserkraftwerkes bei Memmingen a. d. Iller. Die dort eingebauten Turbinen, an denen ich ein persönliches Interesse hatte, habe ich in Betrieb gesehen und war von der günstigen Funktion beeindruckt.... Die Turbinen baute damals die Fa. Escher-Wyss in Ravensburg. Die ersten Turbinen arbeiteten 2.500 Stunden ohne Wasser zu ziehen. Die nächste Serie brachte es bereits auf 45.000 Stunden! Unterwasserkraftwerke zu bauen ist auch heute noch wirtschaftlich notwendig. Bei geringem Wassergefälle ergeben sie eine wirtschaftliche Nutzung in der Energieerzeugung, sind billig in der Herstellung, leicht in die Landschaft einzubeziehen. In Verbindung mit Pumpwerken haben sie erhebliche Wassermengen in Zeiten geringen Energiebedarfs in Speicherbecken, die bei höherem Stromverbrauch wieder in Strom zurückverwandelt werden.... Das Unterwasserkraftwerk in Rostin hat auf dem Gebiet der Energieerzeugung Pionierarbeit geleistet. Daran zu erinnern und dieses Ereignis für die Nachwelt lebendig zu erhalten, ist Zweck meiner Ausführungen."
1987: Während unserer gemeinsamen Körliner Fahrt in die Heimat war eine Wanderung in den Redliner Wald angesetzt - so wie einst in den Jugendjahren. Durch die "Budden", in der Zwischenzeit zu hohen Bäumen herangewachsen, marschierten wir einen ziemlich matschigen, ausgefahrenen Weg entlang, der uns zum Zusammenfluß von Persante und Radüe führte. Dann ging's weiter, immer dem Weg folgend bis wir auf die Ruinen des vor Ausbruch des Krieges im Bau befindlichen Unterwasserkraftwerks stießen und feststellten, daß die meterdicken Betonmauern alle Stürme der Zeit überdauert hatten und immer noch Zeugnis ablegten von deutscher Wertarbeit. Seitdem hörten wir hin und wieder, daß die Polen doch noch daran gehen wollten, das seinerzeit geplante Unterwasserkraftwerk fertigzustellen. Die Pläne seien noch vorhanden. Inzwischen sind die Gerüchte verstummt, es wird wohl nichts mehr daraus werden. - Wer diese Wanderung mitgemacht hat, wird sich bestimmt daran erinnern, daß wir uns damals im Redliner Wald total verlaufen haben, längst waren wir im Rostiner Wald gelandet, und wären wir noch ein bißchen weitergegangen, hätten wir mit Sicherheit auch noch das "erste Unterwasserkraftwerk der Welt" vor Augen gehabt. |
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