Wi weern tau hus

Besuch Belgards im Juli 1995

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Verrußt blicken die Hausfassaden unserer Heimatstadt grau in das Alltagsgeschehen, teilnahmslos. Ganz anders dagegen z. B. die Städte Stolp, Lauenburg, Leba. Ich kenne zwar deren Stadtbild nicht von früher, aber es scheint, als hätten zumindest Teile dieser Städte Licht, Leben empfangen. Doch auch an Belgard sind die letzten Jahre wirtschaftlicher Entwicklung nicht völlig vorübergegangen: kleine Geschäfte sind entstanden, daran und darüber belebende Reklame. Was an den Geschäften stört, sind die vergitterten Fenster und Türen. Und draußen am Gebäude hätte man den Putz ausbessern und die Wände malen sollen. Wenn uns in der Wilhelmstraße auch nichts Bemerkenswertes auffiel, das Reklameschild König Pilsener prangte uns über einer Kaschemme entgegen, fremd, verirrt - und doch vertraut! Ob deshalb ein westlicher Gast einkehrt?

Wohin zieht's den Rückkehrer, wenn er seine Heimatstadt besucht? Zum Elternhaus. Dann aber ins Zentrum, auf den Marktplatz, zur Marienkirche, dorthin, wo das Herz dieser Stadt schlug, wo die großen, die Menschen bewegenden Veranstaltungen stattfanden - in die AItstadt. - Die Marienkirche strahlt wie eh und je Kraft, Ruhe, Beschaulichkeit aus. Auf den "Zinnen" wächst hier und da Gras, auch Strauch, viele Backsteine sind abgeplatzt. Irgendwann wird man sich der äußeren Unterhaltung der Kirche stellen müssen. Im Innern indes leuchtet die Marienkirche in alter Herrlichkeit! Stellte doch schon der Kirchenhistoriker Kugler fest, daß die Marienkirche die edelste unter den fünf hinterpommerschen Marienkirchen zu Belgard, Schlawe, Köslin, Stolp und Rügenwalde sei. Ja, die Kirche ist, nachdem die Backsteinelemente, Verzierungen, Wandmalereien freigelegt und nachgezeichnet wurden, schöner denn ja. In den Seitenschiffen sind Nebenaltäre eingerichtet. Ich finde Gefallen am Schmuck der Kirche.

Die Häuser an der nördlichen Seite des Marktes treten gestrichen verschönt hervor. Die anderen Marktansichten sind unansehnlich. Das Alte Rathaus verfällt. Der Holzturm mit der Uhr, die schon Jahrzehnte stillsteht, ist reparaturbedürftig; im Dach fehlen Ziegel, Putz ist herabgefallen, und es fehlen Fensterscheiben.

In der weiteren Altstadt, besonders in dem südlichen und östlichen Teil - von Buchbindermeister Kamecke bis zum Pastorat - sieht es traurig aus. Hier stehen nur noch wenige Gebäude. Und die letzten Gebäude an der Mauerstraße parallel zum Strillengang scheinen dem Verfall preisgegeben: zerstörte Dächer, zerschlagene Fensterscheiben, eingestürzte Wände. Ein Gebäude in der Mauerstraße neben dem Strillengang in Höhe des Hohen Tores mußte ich lange anschauen: ein Speicherhaus mit einem vorgewölbten überdachten Aufzug, ein Stück des Aufzugsseils hängt noch an der Aufzugsrolle, als träumte es von Zeiten reger Betriebsamkeit.

Der gesamte innere Stadtbereich beidseits der einstigen Strille von der Drogerie Breitenbach bis zum Pastorat und in der Tiefe bis zur Häuserrückseite des Marktes ist weitgehend Baulücke. Hier fehlen viele, auf mehreren Flecken sogar alle Gebäude. Vielleicht ist es Absicht, diese Baulücken solange bestehen zu lassen, bis auch die letzten Gebäude verfallen sind, um den Stadtteil dann großzügig wieder aufzubauen. - Die Torstraße auf der rechten Seite (vom Tor aus betrachtet) hat Baulücken; die linke Seite der Torstraße ist bis auf das Schuhgeschäft Teske abgeräumt. Baulücke auch links am Hohen Tor zum Pastorat; von hier sieht man auf die Rückseiten der Gebäude in der Wilhelmstraße und in die Wallstraße.

Belgard hat sich in den zurückliegenden 50 Jahren grundlegend verändert. Denken wir auch an die Friedrichstraße; die Straßenfront von der Hindenburgstraße bis zur Luisenstraße kleidet heute ein durchgehendes Betonmuster. Und auch auf der linken Seite der Friedrichstraße stadtauswärts sind in den letzten Jahren neue Gebäude entstanden. Überall im Stadtbild stoßen wir auf Veränderungen. Belgard ist nicht mehr die deutsche Stadt von einst, schon zuviel ist uns fremd. Wir können uns heute nur noch bedingt mit dem Stadtbild identifizieren. Dabei waren es unsere Vorfahren, die diese Stadt im 13. / 14. Jh. planvoll anlegten und die historischen Bauten schufen: Kirche, Tore, Stadtmauer, Schoß, Mühlenbach, Schloßmühle usw., die der Stadt im vorigen und diesem Jahrhundert ein neues Aussehen und Profil gaben mit den Bauten: Reichsbahn und Kleinbahnen, Überlandzentrale, Kreishaus, Hindenburgschule, Johanneshaus, Wiechernhaus, Krankenhaus, Sportstätten, Badeanstalt, Parkanlagen, Kasernen, Lazarett usw., die ganze neue Stadtteile auf der alten und neuen Vorstadt errichteten, Stadtteile, deren großzügige Auslegung mit den breiten und grünen Straßen und Wegen besticht.

„Warum seht ihr immer nur das Negative", so fragt man uns, oder wie es eine Bekannte der deutschen Minderheit ausdrückte: „Berichtet positiv!" Sicherlich, die Stadt kann nach der Iangen Phase sozialistischer Planwirtschaft nicht alles in kurzer Zeit wettmachen. Anzuerkennen ist, daß dem Verfall der letzten Teile der Stadtmauer Einhalt geboten wurde. Trug man noch vor Jahren die nördlich an das Hohe Tor grenzende Stadtmauer bröckelnd ab, so wurde sie zwischenzeitlich im weiteren Bereich am Pastorat erhöht - und im ursprünglichen Zustand [?] wiederhergestellt. Auch westlich der Hexentreppe ist der obere Teil der Stadtmauer an mehreren Stellen erhöht worden, und zu ihrer Standsicherheit wurden Mauerpfeiler gesetzt. Und es gibt positiv weiter zu berichten: Die Kasernen werden, nachdem die Russen abzogen, zu Wohnungen umgebaut: an der Artillerie-Kaserne in der Körliner Straße baute man; in der Von-Scholtz-Kaserne (Schleeberg-Kaserne) in der Kösliner Straße waren schon Teile der Kaserne zu Wohnungen umgebaut und bezogen; die Gebäude waren gestrichen und hinterließen einen freundlichen Eindruck. Und auch in der Von-Hindersin-Kaserne an der Polziner Straße schien umgebaut zu werden.

Was uns ein weiteres Mal (das wievielte Mal nun schon?) in unsere Heimatstadt Belgard führte, war Spurensuche. Wir stehen vor den grauen Mauern und alten Häusern, wenn wir sie denn noch vorfinden, halten Zwiesprache mit ihnen, und einem ist, als spräche man mit jenen Menschen, die hier einst lebten, wirkten, lachten, weinten. - Wir schauten die Stadtmauer an der Hexentreppe empor. Stellten uns vor, wie im Mittelalter „religiös erkannte" Hexen auf dieser Treppe außer Stadt geführt und hier bis zur Verbrennung in den Hexenturm eingesperrt wurden. Betrachteten die neben der Hexentreppe zugemauerte Amtspforte. Fünf dieser Pforten hatte die Stadtmauer. Die Amtspforte führte zum Alten Amt - und alle Pforten dienten dazu, Wasser aus der Strille und der Leitznitz zu holen.

Und wir sind deshalb nach Pommern und Belgard gefahren, um die Landschaft zu erleben, die urwüchsige, herbe schöne Landschaft, um verstehen zu können, weshalb unsere Eltern wehenden Herzens Pommerns gedachten! Und wem es noch vergönnt ist, Pommern über weite Strecken wiederzuerleben (wie wir von Rügen bis zur Lonzkedüne) ist immer wieder von neuem fasziniert von der Schönheit dieses gottgesegneten weiten Landes! Und wir haben es genossen: das Bild der Steilküsten bei Arkona, Hiddensee, Stubbenkammer; bei Hoff, Kolberg, Nest und an der Lonzkedüne. Wir kehrten ein in die stillen Buchen- und Kiefernwälder Rügens und Hinterpommerns, fanden Freude und Erquickung an den dahinglucksenden Flüssen und verträumten breiten, wiesenreichen Flußtälern, betrachteten dankbar den Erntesegen fruchtbarer Äcker auf den langgezogenen Moränenrücken.

Mit dem Pommernlied Adolf Pompes waren wir daheim, fanden Schönheit, Traum und Sehnsucht bestätigt und sangen unser Heimatlied. Für alle unsere alten, kranken, nicht mehr reisefähigen pommerschen Menschen nenne ich zwei, schon über die Achtzig, die an der Reise teilnahmen: Walter Ruske und Georg Büttner, Wilhelmstraße 16; wie sie einstige vielbesuchte Wege machten, suchten und immer wieder suchten, als wollten sie Schätze glücklicher Lebensjahre ausgraben: Walter Ruske vornehmlich in der Gartenstraße, an der Stadtmauer, auf den Wettkampfbahnen des städtischen Sportplatzes; Georg Büttner in der Wilhelmstraße und seinem früheren Garten. Und ich sah Georg Büttner, der Belgard erstmals nach 50 Jahren wiedersah, im Mükepark gedankenversunken auf- und hinterunterziehen. Ob er wohl auf den Spuren dieses einstigen Belgarder Liebesparks wandelte?

Und wie konnte es anders sein: wir waren an der Persante, und zwar an der reizvollen Stelle in Springkrug, erfreuten uns hier ihres Anblicks, ruhten aus und sangen ein fröhliches Lied. Zu gern hätte ich ein Stückchen in der Persante geschwommen, traute mich aber nicht wegen des bräunlichen Wassers. Anders dagegen in der mir sauber erscheinenden MugIitz, das dritte Belgarder Flüßchen an der Grenze zu Denzin. Hier krempelte ich die Hosen auf und watete auf kiesigem Grund den Bach auf- und abwärts, dort, wo wir als Kinder stundenlang planschten, lärmten, tobten.

Die Belgarder Reisegruppe nahm am Gottesdienst der evangelischen Gemeinde in Belgard teil. Die Begrüßung durch den deutsch sprechenden, polnischen Pastor empfanden wir als wohltuend und einfühlsam. Anschließend trafen wir uns mit der kleinen deutschen Minderheit in Körlin zu Kaffee und Kuchen. Barbara Haverland, geb. Dumjahn, und Gertrud Traballa führten die Begegnung durch.

Im Juli ist Erntezeit. Wir beobachteten rege Tätigkeit auf den Feldern. Hocken / Stiegen indes sah ich nicht mehr. In Denzin, in meinem Heimatdorf, fiel mir auf, daß die Kartoffeln kümmerlich im Kraut standen. Der Pole auf unserem Hof entgegnete mir, daß sich der Anbau nicht lohne, es sei zu trocken. Ich stutzte, soll es in Pommern, dem (!) deutschen Kartoffelland, etwa keine Kartoffeln mehr geben? Wir spekulierten. Vielleicht läge es daran, so meinte man, daß der Stalldung fehle und daß die Böden durch künstlichen Dünger ausgelaugt seien. Bedenklich eben das niedrige Kraut! Gedanken, die uns Landkinder selbst noch nach 50 Jahren bewegen, man ist trotz aller Veränderung dann doch wieder zu Hause - in Freud' und im Schmerz!


[Pommersche Zeitung vom 2. September 1995]