Zum 21. Heimatkreistreffen Belgard 1995 vom 01. - 03.09.1995 in Celle

Der Landkreis Celle - ein vorbildlicher Pate

Kreis Belgard-Schivelbein: Kreisamtsrat Hartmut Stucke
mit Ehrennadel in Gold ausgezeichnet


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Auf der Gedenkfeier des 21. Heimatkreistreffens der Belgarder, Schivelbeiner und Bad Polziner aus Stadt und Land am Sonntag, dem 3. September 1995, in den Triftanlagen der Kreis- und Herzogsstadt Celle konnte der Vorsitzende des Heimatkreises Belgard-Schivelbein, Paul Dallmann, bei sonnigem Sommerwetter hunderte Landsleute aus allen Ländern der Bundesrepublik, aus Dänemark und der Schweiz, ja sogar aus der USA begrüßen. Auch aus Schivelbein waren Landsleute, Mitglieder der deutschen Minderheit, angereist.

Dallmann begrüßte besonders die Vertreter des Kreises Celle, Landrat Dr. Edzard Blanke, in Vertretung des Oberkreisdirektors Klaus Rathert, Kreisdirektor Hans-Helmut Schmitz und die Kreistagsabgeordneten; er begrüßte die Vertreter der Stadt Celle, Erste Bürgermeisterin, Rose-Marie Choitz, und Stadtdirektor Christian Burehard. Und er hieß herzlich willkommen Superintendent i. R. Martin Zitzke, zuletzt tätig in Wolgast / Vorpommern, heute wohnhaft in Marburg.

Die Versammlung gedachte der Toten - der Toten in Pommern, die in Gräbern auf verfallenen und zerstörten Friedhöfen ruhen, aller Opfer der Flucht, der Vertreibung und der Kriege und der nach dem Kriege verstorbenen Landsleute in West- und Mitteldeutschland. Die Vertreter des Paten- und Heimatkreises legten am Gedenkstein in den Triftanlagen unter den Posaunenklängen von „Ich hatt' einen Kameraden...." Kränze nieder.

Landrat Dr. Edzard Blanke ging in seiner Ansprache auf das den Vertriebenen erlittene Unrecht ein und sagte, daß man trotz allen Schmerzes den Blick nach vorne richten müsse. Der Landkreis Celle habe nach der Übernahme der Patenschaft am 18. Oktober 1953 die patenschaftliche Verbindung zu den Einwohnern des Heimatkreises Belgard-Schivelbein gepflegt und durch verschiedene Hilfen und finanzielle Förderung zu festigen gesucht. Die Versammlung nahm die Worte mit Beifall auf; auch künftig, so Dr. Blanke, werde der Landkreis Celle das Patenschaftsverhältnis fördern.

Die Andacht in den Triftanlagen hielt Superintendent i. R. Martin Zitzke, Sohn unseres Belgarder Superintendenten Johannes Zitzke. In knappen, einprägenden Worten umschrieb er, was es heißt, heimatlos zu sein, Strandgut. Auch er habe nicht gewußt, wohin er sich nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft wenden solle. Ein Kriegskamerad habe ihm eine Anschrift gegeben; so sei er zum Gut Sunder, Gemeinde Meißendorf, in den Landkreis Celle, gekommen. - Immer wieder habe Gott Menschen geschickt, die uns in unserer Not und Hilflosigkeit geholfen hätten. Um so mehr, so Zitzke, müßten wir Gott danken. Die Zuhörer waren herzergriffen; es waren Worte, die die Teilnehmer an das eigene Schicksal erinnerten; es war die Begegnung mit einem Geistlichen, dessen Vater viele der anwesenden Belgarder getauft, konfirmiert, getraut hatte und es war die Familienähnlichkeiten zwischen Sohn und Vater; ich hörte: „Ganz der alte Zitzke," und auch die Aussprache, noch so richtig pommersch, ließ bei vielen Teilnehmern Tränen der Rührung und Dankbarkeit hervorquellen. In der Festansprache ging der Heimatkreisvorsitzende Paul Dallmann auf den 50. Jahrestag der Kapitulation am 8. Mai 1945 ein: „Für uns," so Dallmann, „war der 8. Mai 1945 die Fortsetzung des Unrechts der Unterdrückung und des Vertreibungsterrors; für uns war es kein Tag der in diesem Jahre von einigen Institutionen propagierten Befreiung."

„40 Jahre hofften wir, daß die ostdeutschen Provinzen Ostpreußen, Danzig / Westpreußen, Pommern, Ostbrandenburg, Nieder- und Oberschlesien und das Sudetenland aus der Verwaltung des polnischen und tschechischen Staates entlassen und dem wiedervereinigten Deutschland als dem rechtmäßigen Staat erhalten blieben. Doch aus einer Wiedervereinigung wurde nur eine Teilvereinigung Deutschlands," so Dallmann weiter. Das Potsdamer Abkommen sei eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte; das Abkommen markiere einen Tiefgang abendländischen Werteverlustes und liefere noch heute billige Begründungen für Vertreibung und Völkermord. „Jede Unrechtshandlung verstößt gegen sittliche Normen, und ich kann die Polnische Katholische Kirche davon nicht ausnehmen, denn sie hat in diesem Jahre die „Rückkehr"(!) der alten deutschen Ostgebiete in das „Mutterland Polen" - geschichtlich verlogen und versöhnungfeindlich - besonders gepriesen und hoch gefeiert."

Aber Dallmann kritisierte auch, nach der Stellung der Vertriebenen in der deutschen Gesellschaft fragend, die Medien: „Wie war es möglich, daß über eine Großkundgebung mit über 5.000 ostdeutschen Landsleuten am 25. März 1995 in Hannover, die aus Anlaß der Wiederkehr des 50. Jahres der Flucht und Vertreibung stattfand, keine Zeitung, kein Radio, kein Fernsehen berichtete?"

Lobend hob Dallmann hervor, daß der Bundesinnenminister Manfred Kanther in Bonn dem Heimatkreis einen Betrag in Höhe von 3.400 DM gewährt habe, der es ermögliche, daß an diesem Heimattreffen 50 Mitglieder des deutschen Freundeskreises aus Schivelbein teilnehmen könnten.

„Lassen sie mich schließen," so Dallmann, „mit herzlichem Dank an den Patenkreis Celle für alle Förderung und Unterstützung. Diese Begegnung," hob Dallmann hervor, „bot uns auch die Möglichkeit dazu beizutragen, daß wir nicht ein zweites Mal vertrieben werden, vertrieben aus der deutschen Geschichte." - Er dankte in pommerscher Treue und schloß in seine Worte auch jene ein, die aus Alters- oder anderen zwingenden Gründen an dem Heimatkreistreffen nicht teilnehmen konnten.

Die kurze beeindruckende Feierstunde in den Triftanlagen wurde musikalisch umrahmt von dem Posaunenchor St. Lamberti Bergen unter der Leitung von Frau Reda. Den Beginn der Feierstunde läuteten die Glocken von Leckow und Lutzig ein; nach der Andacht ertönte die Glocke von Schmenzin (Tonbandaufnahme). Mit dem Gesang des Pommern- und Deutschlandliedes klang die Feierstunde aus.

Vor der Feierstunde fand im Kreissaal Celle die Diamantene und Goldene Konfirmation der Konfirmationsjahrgänge 1936 bzw. 1943 und 1944 statt, die Superintendent i. R. Martin Zitzke mit Pastorin i. R. Erika Henning aus Rarfin, heute Hamburg, hielt. 103 Konfirmanden ließen sich einsegnen und empfingen das Abendmahl. Dem einleitenden Glockengeläut der Kirchenglocke Rarfin folgten Begrüßung, Lied und Gebet; aus der Heiligen Schrift las Zitzke Matthäus 5, 3-10. Dann sang die Gemeinde das Lied „Ich bin getauft auf Deinen Namen...", mit anschließendem Konfirmationsgedächtnis und Glaubensbekenntnis. Mit der Abendmahlfeier und dem Segen endete die Konfirmation.

Die Konfirmanden der Jahrgänge 1944 und 1945 sind die letzten, die noch in den stattlichen Marienkirchen Belgard, Schivelbein und Bad Polzin eingesegnet wurden; die Konfirmationen 1946 und (wohl auch noch) 1947 fanden in den städtischen Nebenkirchen statt, u. a. in der St. Georgenkirche zu Belgard.

Am Nachmittag fand im Europasaal der Congress-Union eine Versammlung der Vertreter der Patenkreises Celle und des Vorstandes des Heimatkreises Belgard-Schivelbein statt. Kreisamtsrat Hartmut Stucke, stellvertretender Amtsleiter des Amtes für Schule und Kultur, wurde durch Paul Dallmann die höchste Ehrung zuteil, die die Pommersche Landsmannschaft zu vergeben hat: Er wurde ausgezeichnet mit der Pommerschen Ehrennadel in Gold.

Der Heimatkreis Belgard-Schivelbein verdankt Kreisamtsrat Hartmut Stucke viel, sehr viel! Immer ansprechbereit, immer hilfsbereit, die vielen Dinge zusammenfügend, den Karren laufen haltend, selbst wenn es einmal schwierig wird - so könnte man seinen Einsatz vielfältiger Aufgaben umschreiben. Sein Engagement und seine Treue können in der Würdigung der patenschaftlichen Beziehung nicht hoch genug angesiedelt werden.

Hartmut Stucke wird zu seinen bisherigen Aufgaben als künftiger Leiter des Amtes für Schule und Kultur walten. Er bleibt weiterhin leitend zuständig für unseren Heimatkreis, worüber wir uns sehr freuen. Ihn unterstützen wird Erika Esser. - Wir wünschen beiden, Kreisamtsrat Hartmut Stucke und Frau Esser, Erfolg in ihrer Berufung und alles Gute für ihr persönliches Wohlergehen.

Am Sonnabend, dem 2. September 1995, nahmen zahlreiche Besucher vormittags an der Stadtführung mit Frau Esser durch die historische Altstadt Celle teil. Im Schloßzimmer trafen sich nachmittags die ehemaligen Schüler des Rudolf-Vichow-Gymnasiums zu Schivelbein und im Kabinett der Abgangsjahrgang 1940 der Hindenburgschule Belgard. Im Celler Saal begrüßte der Vorsitzende der Traditionsgemeinschaft der Belgarder Turn- und Sportvereine, Walter Ruske, Mitglieder und Gäste. Die Polziner Schulfreunde gaben sich im Jagdzimmer und die ehemaligen Schivelbeiner Landwirtschaftsschüler im Theaterzimmer ein Stelldichein.

Zu einem Treffen aufgerufen hatte Günter Beilfuss (Friedländer Weg 63, 37085 Göttingen, Telefon (0551) 43972), die früheren Einwohner der Siedlung am Lazarett Belgard aus der Saar-, Memel, Oberschlesische- und General-von-Massow-Straße. Erschienen waren 25 Personen, so die Familien Dietrich, Zeitel, Beilfuss, Janke, Bunde, Keller und Bigalke. Beilfuss bittet die weiteren Einwohner darum, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Am Abend dann traf man sich im Europa-Saal zu einem gemütlichen Beisammensein und zum Tanz.

Das Heimatkreisarchiv, jetzt großzügiger im Kreisgebäude Trift 30 (Kreisbildstelle) unter gebracht, wurde von vielen Teilnehmern aufgesucht. Die ausgestellten Bilder bereicherten Unterhaltung und erweckten Erinnerungen an einst gepflegte Städte und Dörfer unseres Heimatkreises. Paul Dallmann wird nicht müde, darauf hinzuweisen, Fotografien und Dokumente zur Bewahrung hierher einzusenden.


Dieser Abriß über dieses Heimattreffen soll nicht enden, ohne Paul Dallmann von Herzen gedankt zu haben - zu danken für seine pommersche Treue, seinen unermüdlichen Einsatz zur Förderung unseres Heimatkreises und seiner Menschen und für die Wahrnehmung politischer Belange; auch sein Bemühen, in einer für uns Vertriebenen schwierigen Zeit politischer Gradwanderung Schaden vom Heimatkreis abzuwenden, verdient Anerkennung und Respekt. „Ich bin Paul Dallmann aus Podewils.... ", so machte er sich uns bekannt. - Wir hoffen sehr, daß dieser wackere Hinterpommer weiterhin kräftig das Ruder unseres Heimatkreises zum Nutzen aller führen wird.

Auch dieses Heimattreffen war in der menschlichen Begegnung bewegend, voller Erlebnis und Erinnerung. Man sah viele Gesichter, deren Anwesenheit selbstverständlich ist, Pommerntreue; aber es waren auch Landsleute darunter, die erstmals an dem Heimattreffen teilnahmen. Insgesamt mögen es ungefähr 850 Personen gewesen sein.

Während die Zahl der Besucher aus den Städten stagniert, gewinnen die Dörfer an Zuwachs; hier bildeten sich neue Gemeinschaften.

Allen Heimatfreunden rufe ich zu, nicht aufzugeben, sondern weiterzumachen in der Verknüpfung der Gemeinschaften; noch liegen zehn Jahre vor uns, in der wir als Erlebnisgeneration unsere eigene Geschichte, die zugleich auch ein Stück pommerscher Geschichte ist, zusammenzutragen und aufzuarbeiten. Warten wir nicht!


[Pommersche Zeitung vom 7. Oktober 1995]