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Dai Schulteknüppel Nr. 63 - Weihnachten 2011 / Neujahr 2012
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Dai Schulteknüppel
Dai Schulteknüppel

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Liebe Heimatfreunde, sehr verehrte Leser,

Sie finden diese Worte über dem Titel unseres Rundbriefs auf der (1.) Titelseite, und sie bedeuten ins Neuhochdeutsche übertragen "Der Schulzeknüppel", also der Knüppel des Dorfbürgermeisters. In Roggow nannte man den Bürgermeister bis zuletzt "Schulze", und weil dies Amt Generationen hindurch in der Hand der Familie Pagel lag, nannten sie ihren Bürgermeister ganz allgemein "Schulze-Pagel". Werner Pagel übersandte uns im Januar 1995 einen Bericht über "Das Schulzenamt in Roggow", den wir veröffentlichten. Werner Pagel schreibt darin: Bekannt sind mir die Inhaber des Roggower Schulzen- bzw. Bürgermeisteramtes ab 1895: 1895 bis 1909 mein Urgroßvater Ludwig Borth, 1909 bis 1913 Hermann Pagel, 1913 bis 1926 Theodor Pagel, 1926 bis 1930 Emil Fichtner, 1930 bis 1945 Reinhard Pagel. Auch für Denzin, so sagt Günter Behling, sei die Bezeichnung "Schulze" nicht völlig in Vergessenheit geraten gewesen, mir indessen ist nur (vielleicht auch, weil wir zu Hause nur hochdeutsch sprachen) die Bezeichnung "Bürgermeister" bekannt. Gleichwohl waren in Denzin die Bezeichnungen "Schulzeacker" oder "Schulzeland" lebendig. Schulzeland war der Acker Ecke Naffiner Weg / Mühlenweg (gegenüber Haut und Hermann Manke); auch der Acker auf dem Berg am Anschluß zwischen den Äckern Walter Pleger und Franz Pagel war Schulzeland. Der Bürgermeister bewirtschaftete dieses Land pachtfrei, erhielt daneben für seine Tätigkeit aber nur noch eine geringfügige Entschädigung von einer Reichsmark je Einwohner und Jahr. Die Bezeichnung "Schulze" ist althergebracht und dürfte Jahrhunderte gegolten haben. Erst die Preußische Landgemeindeordnung von 1891 führte die Bezeichnung "Gemeindevorsteher" ein. Das Gemeindeverfassungsgesetz von 1933 unterschied zwischen Bauerndörfern, Landgemeinden und Städten. Denzin war verfassungsrechtlich Bauerndorf, und der Mann an der Dorfspitze war jetzt (nach 42jähriger Unterbrechung) wieder der Schulze. Zu welcher Kategorie das "größere" Roggow gehörte, ob Bauerndorf oder Landgemeinde, weiß ich nicht. Die Deutsche Gemeindeordnung von 1933 regelte das Gemeinderecht reichseinheitlich. Es wurde jetzt nur noch zwischen Gemeinden und Städten unterschieden; das verwaltungsleitende und (nach dem Führerprinzip) zugleich Beschlußorgan war der "Bürgermeister".

Und Knüppel? - Ich bin auf den Schulteknüppel aufmerksam geworden durch die "Neremöller-Chronik", das ist die Chronik der Familie Wilhelm Müller aus Denzin ("Nere", weil der Hof im Unterdorf Denzins lag - nieder). In dieser Chronik heißt es: "Aus der vormaligen Zeit, als der Bürgermeister noch Dorf-Schulze hieß, ist der Schulte-Knüppel-Brauch überliefert, wenn auch nicht mehr gepflegt worden. Damals ließ der Dorfschulze, wenn ein Gemeindemitglied verstorben war, einen dicken Knüppel im Dorfe rundumgehen, mit dem an jedes Haustor (Toreinfahrt) geschlagen wurde. Dies bedeutete gleichzeitig auch, daß bestimmte Arbeiten, so das Mistfahren einzustellen waren und erst nach der Beerdigung wieder fortgesetzt werden konnten." (Marlies und Wilhelm Müller herzlichen Dank für die Einsicht in Eure Chronik!) Der Schulzeknüppel diente also nicht dazu, jemand zu verdreschen, sondern diente der Verbreitung amtlicher Verlautbarungen - nicht nur in Denzin, sondern (wohl) in allen Dörfern Pommerns. Nicht immer waren die Schulzen in alter Zeit des Schreibens mächtig, so schlugen sie mit dem Knüppel an das Scheunentor, machten damit auf sich aufmerksam und riefen die Mitteilung in den Hof, so daß sie drinnen hörbar war. Wir wissen von dem Landreiter des Belgarder Amtes (Burgberg in Belgard), daß er seine Mitteilungen reitend in die Amtsdörfer (zu denen Vorwerk, Denzin, Roggow usw. gehörten) trug, eine Glocke schwang, möglichst viele Dorfbewohner um sich sammelte und ihnen die Amtsmitteilungen mündlich verkündete. Daß sich der Schulze des Knüppels, der Landreiter (zugleich als Gendarm) der Glocke bediente, ist verständlich, wenn wir uns die alte Hofform des "Vierkanthofs" vorstellen. Die Torscheune lag in voller Breite zur Straße, längsseits lagen die Stallungen (allgemein rechts der Straße) und die Scheune (links der Straße), rückwärts schloß das Haus die Rechteckform ab. Alle Gebäude grenzten aneinander und schufen so den geschlossenen Vierkanthof. Diese Hofform bot im Mittelalter Sicherheit (Wölfe etc.), hatte auch praktischen Nutzen, schützte vor kalten Winden, das Hofvieh (Kleinvieh) konnte nicht entfliehen usw. War das Tor im Sommer auch geöffnet, im Winter blieb es vielfach verschlossen; denn das Leben spielte sich jetzt drinnen ab, allenfalls verließ man den Hof durch die seitlich des Tores befindliche Tür, um Besorgungen zu machen bzw. für einen Besuch. Wie sollte sich der Schulze da anders bemerkbar machen können, als durch einen polternden Knüppel in der Stärke nicht eines üblichen Knüppels, sondern eines kleinen Pfahls! Die Form eines Vierkanthofs hatte zum Beispiel noch der Hof von Gerfins in Denzin, lediglich das Wohnhaus hatte keinen Anschluß mehr zu den Stallungen und der Scheune; ähnlich auch der Hof Frömming. Selbst die neuen großen Bauernhöfe zum Beispiel von Müller, Strelow und Behling wahrten noch weitgehend die Vierkantform, anstelle der Einlaß bietenden Torscheune war der Hof zur Straße mit einer Mauer abgegrenzt.

Ein persönliches Erlebnis: 8. März 1945. Russische Soldaten hatten die kriegsgefangenen Franzosen, die während der Kriegsjahre in Denzin bei den Bauern arbeiteten, abgeführt in Richtung Bahnhof Zarnefanz. Die Dorfbewohner munkelten, sie würden nach Sibirien transportiert werden (tatsächlich aber ist wohl deren Rückführung nach Frankreich anzunehmen). Wenngleich das Allerschlimmste befürchtet, ahnte niemand die Gefahr einer Deportation der Deutschen; allein Robert Knop, ein Kleinbauer in Denzin, alter Frontsoldat im Ersten Weltkrieg in Frankreich, der uns jeden Abend besuchte und die Nachrichten hörte (weil selbst ohne Zeitung und Radio), meinte zu meinem Vater (sinngemäß up platt): paß auf, die Russen haben die Franzosen geholt, jetzt sind die Deutschen dran! Das muß meinen Vater sensibilisiert haben; Robert und Vater kamen darin überein, daß Vater die nächsten Tage den Hof verlassen und sich auf dem Stallboden von Robert Knop verstecken solle. Vater tat dies. Die Eheleute Madine und Robert Knop waren ältliche Leute, ihr Anwesen war klein und wirkte ärmlich; hier vermutete niemand Schätze und schon gar nicht den Versteck eines deportierfähigen Deutschen. Und so geschah's. Die Russen kamen, trieben die wenigen deutschen Männer (meist wehrunfähig) zusammen und trieben sie ab. Mit Hilfe der polnischen Fremdarbeiter suchten sie meinen Vater, der dies vom Heuboden durch die Bretterritzen beobachten und hören konnte; die Russen ahnten nicht, daß er nur wenige Meter von den Käschern entfernt saß. Aber nun die weitere Geschichte zum Vierkanthof: Mutter und wir beiden Jungen, mein Bruder Konrad und ich, hatten uns ebenfalls in diesen Märztagen in aller Frühe zu Käte Gerfin auf deren Hof, der uns gegenüber lag, begeben. Die Torscheune lag etwas von der Dorfstraße zurück, die Eingangstür wurde verschlossen, der Durchblick durch die Bretterritzen mit Hilfe angestellter Strohbünde versperrt: Die Russen nahmen an, daß es sich um eine Scheune zum benachbarten Hof Müseler handele - und fanden nicht in das große Hofareal hinein. Lediglich zum Abend, als die Aktion - die Erfassung der Männer - beendet war, verlief sich ein junger Russe auf dem Persantesteig, fand verwirrt ängstlich in das Haus, fürchtete um seiner selbst und verschwand in aller Eile. So hat der Vierkanthof als einstige schützende Hofform noch 1945 Wunder bewirkt!

Die Geschichte des Schulze-Knüppels hat mich derart bewegt, daß ich dachte, du nimmst den Schulte-Knüppel auf in den Titel deines Rundbriefs, denn ja auch er "teilt mit", auch wenn in weit entfernte Orte (bis Kanada und Amerika) und damit über die Rufweite eines Hofs hinaus. Niemand soll also eine Tracht Prügel erhalten, sondern nur erfahren, daß ihm / ihr liebenswürdige Mitteilungen ins Haus stehen. Auch von unserem Kreisheimatmuseum in Belgard (zuletzt im Alten Rathaus) weiß ich, daß zu den Sammelstücken ein Schulzeknüppel gehörte. Und Willi Lübke weiß zu berichten, daß die schriftlichen amtlichen Mitteilungen der Gemeinde Sager unter Bürgermeister Albert Schneider (er war gebürtiger Denziner) an einen kleinen Stock befestigt wurden, damit das Schriftstück in den Häusern nicht so leicht übersehen werden und liegen bleiben konnte. Auch dies erinnert an den einst großen Bruder, eben den Schulzeknüppel.

Günter Behling schickt mir folgenden Bericht über das Bekanntmachungswesen in Denzin: Die örtlichen Mitteilungen an die Dorfbewohner in Denzin schrieb Bürgermeister Willi Lübke auf einem kleinen liniierten Zettel von knapp der Größe einer Schulschreibheftseite. Es war der allgemein als "Schultezettel" bekannte Umlauf. Der Schultezettel trug den Hinweis "Bitte lesen und gleich weitergeben", was aber gelegentlich versäumt wurde. Der Umlauf, der für die Ausbauten (die abseits vom Dorf gelegenen Haus- und Hofgrundstücke) bestimmt war, trug die Anweisung "Von Zillmann bis Lauter" (also von Zillmann auf dem Schwarzen Berg über die Lenzener und Grüssower Chaussee bis Lauter auf Fuchskaten). Er sollte die 17 Haushalte schnell durchlaufen. Uns reichte unsere Nachbarin, die ledige Bertha Boldt, die mit ihrem ledigen Bruder Karl auf einer kleinen Wirtschaft bescheiden (ärmlich) lebte, den Zettel zu. Wir gaben ihn an die benachbarten Damen Buchmann (Fräuleins) weiter (wie diese mit ihren 6 Morgen Land Acker ohne weitere Einkünfte lebten, ist bewundernswert). Nach wieviel Tagen nun "uns Schultezettel" sein Ziel, die Familie Lauter, erreichte (ob er sie überhaupt erreichte?) entzieht sich meiner Kenntnis; versäumt indessen haben sie nichts, auch wenn sie des Umlaufs nicht gegenwärtig wurden!

NS: An Wilhelm Müllers Stallgebäude straßenseitig hing ein Bekanntmachungskasten der Gemeinde, mit dünnem Draht zum Schutz der Glasscheiben gesichert. Ich habe mal hineingesehen; da hing "etwas" drin. Viel Aufmerksamkeit allerdings fand der Bekanntmachungskasten nicht. Wir waren gern städtisch und doch dörflich "charakterisiert"!
Dai Schulteknüppel für die Lande Belgard, Schivelbein, Bad Polzin und
de Doerper Denzin und Roggow im Kreis Belgard-Schivelbein in Hinterpommern

Mitteilungsblatt der Dorfgemeinschaften Denzin und Roggow und bedingt
der Stadtgemeinschaft Belgard und des Kreises Belgard-Schivelbein

Herausgeber: Die Dorfgemeinschaften; Copyright: Manfred Pleger

Schriftleiter, presserechtlich verantwortlich und Versand:
Manfred Pleger, Mühlenstraße 20, 24235 Laboe
Tel. 04343 8357, eMail
Dai Schulteknüppel

Nr. 59  Weihnachten 2009 / Neujahr 2010


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