An der Peripherie der Stille: Landstädtchen

von Dr. Sieghard Rost
Woldisch Tychow lag genau in der Mitte des Landkreises Belgard und der Landkreis wiederum im Zentrum Hinterpommerns. Die kleine Welt meines Geburtsortes erfuhr durch die Städte im Landkreis lediglich eine Bestätigung, keine Sprengung ihres Charakters. Denn angesichts der geringen Bevölkerungszahl von 80.000 Einwohnern (nach dem Stand der Volkszählung vom Mai 1939) bei einer Fläche von 1.650 Quadratkilometern blieb die ländliche Struktur bestimmend - für die Lebensweise der Menschen wie für die bauliche Gestaltung ihrer Siedlungen.

Wohl lebten 40 Prozent der Landkreis-Bevölkerung in den drei Städten - nämlich in Belgard 16.000, in Schivelbein 10.000 und in Bad Polzin 7.000 - aber diese blieben typische hinterpommersche Landstädtchen. Mit typisch ist hier die Kleinstrukturierung im Hinblick auf Bevölkerungszahl, Berufsangebote, Wirtschaft und Kultur gemeint. Erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hatten die Städte an Einwohnerzahl kontinuierlich zugenommen; aber der Charakter der ursprünglichen Landstädtchen war bestimmend geblieben. Und dennoch hatte jede der drei Kommunen bis 1939 ein eigenes unverwechselbares Gesicht entwickelt.

Eine klassische Charakterisierung der Kreisstadt Belgard von Otto Eichhorn findet sich im Stettiner General-Anzeiger vom 23.5.1937:

"Es gibt Städte, deren Eigenart durch ihre landschaftliche Umgebung bestimmt ist, und solche, denen die Geschichte das Antlitz prägte. Belgard an der Persante gehört zu jener dritten Gattung Städte, die ihren Charakter aus dem Verkehrs- und Wirtschaftsleben einer ganzen Landschaft erhielten....

Zunächst gibt die besondere Verkehrslage der Stadt ihre Eigenart: Sie ist Verkehrsknotenpunkt der Strecken Stettin - Stolp und Kolberg - Schneidemühl (- Posen). Allein dieser Tatsache verdankt es Belgard, daß wegen seiner leichten Erreichbarkeit heute viele Wirtschafts- und politische Tagungen (für die mittlere Region Hinterpommern) nach Belgard gelegt werden."

Es bleibt zu ergänzen, daß die ursprüngliche Linienführung der Fernbahn von Stettin über Körlin - acht Kilometer nördlich von Belgard - und weiter nach Köslin - Danzig vorgesehen war. Die Bahntrasse wäre der alten Post- und späteren Reichsstraße Nr. 2 gefolgt, die von Mittenwald über München, Nürnberg, Berlin, Stettin, Köslin nach Königsberg führte. Doch der Rat des Städtchens Körlin lehnte die Anbindung an die Eisenbahn-Fernlinie ab, weil er für die Stadt und vor allem für das vom Fernstraßenaufkommen profitierende Speditionsgewerbe nur Nachteile heraufziehen sah. Diese Entscheidung sollte sich für Körlin als Schildbürgerstreich herausstellen.

Denn der Belgarder Rat sah die Vorteile voraus und stellte das benötigte Gelände bereit. In der Tat blühte die Wirtschaft des bis dahin wie Körlin dahinträumenden Städtchens Belgard ab Mai 1859, dem Zeitpunkt der Bahnstrecken-Eröffnung Stettin - Belgard, mächtig auf. Das geschah erst recht, nachdem 1878 die Nord-Süd-Querverbindung von Kolberg über Belgard und weiter nach Neustettin (insgesamt 100 Kilometer) aufgenommen war. Die starke Zunahme der Wohnbevölkerung fällt genau mit der Eröffnung der beiden Bahnlinien zusammen:

1855 betrug die Einwohnerzahl 3.800,

1878 war sie bereits auf 8.000 angewachsen.

Im Gefolge des Eisenbahn- und Straßenbaues, aber auch des Ausbaues von fünf Kreisstraßen begann der wirtschaftliche Aufschwung mit der Ansiedlung von Gewerbe- und Industrieeinrichtungen. Sie verarbeiteten die landwirtschaftlichen Produkte des Belgarder Raumes. So entwickelten sich u. a. drei Sägewerke, drei Mühlen mit Kraftbetrieb, eine Eisengießerei, eine Parkettfußbodenfabrik und die Genossenschaftsmolkerei.

Neben dem Ausbau zum Eisenbahnknotenpunkt wuchs Belgard durch die Inbetriebnahme der Überlandzentrale im Jahre 1911 zu einer überörtlichen Bedeutung heran. Das Werk versorgte schließlich ein Gebiet mit Strom, das ungefähr so groß wie das heutige Württemberg (ohne Baden) war.

Bahnbrechend war auch die frühzeitige Elektrifizierung der gesamten Stadt. Bereits im Jahre 1934 verkündete am Kraftwerk ein Werbeschild mit der stolzen Aufschrift: "Zweitausend Belgarder Hausfrauen kochen elektrisch." Mit anderen Worten: Belgard war die erste Stadt in Hinterpommern, in der alle Hausfrauen sich auf das elektrische Kochen umgestellt hatten. Für mich war es damals unvorstellbar, daß man ohne sichtbares Feuer von Holz, Kohle oder Gas im Kochtopf Wasser erhitzen könne.

Zum Charakteristikum des Stadtbildes gehörten ferner die zahlreichen Soldaten (Belgard war seit 1721 eine stark belegte Garnisonstadt, vornehmlich mit Husaren-Einheiten) sowie die auffallend vielen Parks und Grünanlagen entlang der Leitznitz und vor allem die Sportarena mit Schwimmbad. Im zitierten Beitrag des Stettiner General-Anzeigers wird diese Anlage als "die schönste, modernste und zweckmäßigste Pflegestätte für Leibesübungen in ganz Mittel- und Ostpommern" gepriesen.

Heute erfährt der Besucher in polnischen Prospekten über Belgards vielhundertjährige Stadtentwicklung kein Wort über die Zugehörigkeit Pommerns zum Deutschen Reich seit 1181, sondern Geschichtsverdrehungen und -fälschungen wie diese:

  • "Die Gegend von Bialograd gehörte schon während der Regierung von Mieszko I. zu Polen."


  • "Am 6. März (1945) hat man am Belgarder Rathaus die polnische Fahne gehängt - Symbol der Rückkehr der alten slawischen Stadt in die Heimat."
Mit solchen Behauptungen soll der Eindruck erweckt werden, daß Belgard uraltes Polengebiet sei. In Wirklichkeit trat mit jenem Herzog Mieszko I. (um 960-992) ein Teilgebilde des späteren Staates Polen erstmals ins Licht der Geschichte. Er hatte offenbar Stämme der Polanen im Raum von Warthe und mittlerer Weichsel unter seiner Oberhoheit vereint, die er etwas später auch dem anderen Kernraum der Polanen um Krakau herum aufzwang. Dieser Mieszko I. sowie sein Sohn Boleslaw I. (992-1025) waren ausgesprochene Eroberertypen und brachten Teile Pommerns, Schlesiens und Mährens vorübergehend in ihre Abhängigkeit. Im Zuge dieser Eroberungszüge erstürmten Polanen auch die alte pomoranische Burgwallanlage Belgard. Doch Polanen (Polen) siedelten niemals hier - ebensowenig nach ihren abermaligen Einfällen in den Jahren 1102 und 1107/8. Ihnen kam es auf Unterwerfung und Beute und nicht auf dauerhaften Siedlungsbesitz an. Infolgedessen ist die wiederholte Einverleibung Belgards sowie anderer Burgen der Pomoranen (Wenden) durch polnische Herrscher um 1000 und 1100 eine kleine Episode in der langen Territorialgeschichte Pommerns geblieben.

Erst seit dem 12. Jahrhundert tritt das Land Belgard deutlicher in unser Blickfeld. So wissen wir, daß Otto von Bamberg auf seiner Missionsreise 1128 auch in Belgard eine Mutterkirche errichtete - wie in weiteren zehn pommerschen Orten - die allem Anschein nach mit einem deutschen Priester besetzt wurde und sich im heidnisch-pomoranischen Umfeld behaupten konnte. Urkundlich nachweisbar ist Belgard allerdings erst im Jahre 1159, als der Ort (als "castrum" bezeichnet) dem Prämonstratenserkloster Grobe auf Usedom unterstellt wurde. Seit diesem Datum beginnt - nach der vorangehenden Missionierung - die Besiedlung der Gegend mit Deutschen. Davon liest man in polnischen Prospekten keine Silbe. Die Episode der polnischen Eroberungszüge in die Belgarder Gegend nahm ihr Ende, als Boleslaw III. im Jahre 1139 starb und innere Wirren den Zerfall des polnischen Territoriums bewirkten. Ein Jahrhundert später geriet das Land Belgard, das weit nach Süden in das Neustettiner Gebiet reichte, in die territorialen Auseinandersetzungen zwischen den Herzögen aus Pomerellen, dem Greifengeschlecht und den Brandenburger Markgrafen. Historisch gesichert ist, daß die Streitigkeiten durch einen Vertrag im Jahre 1295 beendet wurden. Fortan gehörte das Land Belgard wieder zur Herrschaft des Greifengeschlechtes (Herzog Bogislaw IV. aus der Linie Pommern-Wolgast). Um sein Gebiet abzusichern - vor allem gegen den Nachbarn Brandenburg in Schivelbein - gründete Bogislaw IV. im Jahre 1299 neben der alten wendischen Burgwallanlage eine neue Stadt, die er mit deutschem Recht ausstattete, damit sie für deutsche Kolonisten attraktiv wurde. Seither blieb Belgard im Besitz der Pommernherzöge (später: Brandenburg-Preußen) und entwickelte sich zu einer deutschen Stadt.

Auch sie erhielt den Namen der früheren wendischen Nachbarsiedlung Belgard, was soviel heißt wie "weiße Burg" (s. Weißenburg). Greifenherzog Wartislaw IV. verlegte 1315 seine Residenz von Anklam nach Belgard, so daß es vorübergehend den Rang einer Herzogstadt erhielt. - Die neue Stadtanlage wurde Ende des 13. Jahrhunderts systematisch nach dem Vorbild aller ostpommerschen deutschen Städte geplant. Die Innenstadt-Grundrisse sind bis heute deutlich erkennbar, zumal Belgard das Kriegsende von 1945 ziemlich unbeschädigt überstanden hat. Allerdings wurde die schützende Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert in den Jahren 1866 bis 1868 abgetragen, und von den fünf Wasserpforten sowie zwei Stadttoren ist nur das Hohe Tor stehengeblieben - heute ein steinernes Symbol für die deutsche Stadtkultur in Belgard und Pommern.

Die zweitgrößte Stadt im Landkreis war bei der Volkszählung von 1939 Schivelbein mit 9.700 Einwohnern. In der Luftlinie lag es 30 Kilometer von Belgard entfernt und war durch die Fernbahnlinie Stettin - Danzig mit Belgard verbunden. Wer etwa vom Namen her Aufschluß über die Vergangenheit Schivelbeins erwartet, sieht sich getäuscht. Man kennt nämlich keinen historischen Zusammenhang. Die Forscher sind sich insofern einig, als sie einen deutschen Ursprung für den Namen annehmen, der wahrscheinlich eine wendische Anlehnung besitzt. Die zwei Namensteile könnten bedeuten: "Schiwe" = Scheibe und "bein" = Sumpf. Das ließe auf Scheibe in der Deutung von "trockener Insel im Sumpf" schließen.

Der älteste Urkundennachweis stammt allerdings erst aus dem Jahre 1280, als die beiden Nachbarn - der Bischof von Cammin im Norden und Osten sowie der Markgraf von Brandenburg im Süden - einen Grenzvertrag schlossen. Er bestätigte dem Brandenburger den Besitz von Schivelbein, das als wendische Siedlung dem Bischof und davor dem Pommernherzog gehört hatte.

Der Markgraf gründete dort umgehend 1296 eine deutsche Stadt (also noch vor Belgard!) und gewann deutsche Einwanderer aus West- und Norddeutschland. Ein Blick auf die historische Karte jener Zeit belegt, daß Schivelbein die nördlichste Stadt des Brandenburger Territoriums in der Neumark war. Allerdings blieb es erst ab 1455 im dauernden Besitz der Brandenburger.

In der Zwischenzeit hatte die Stadt von 1319 bis 1455 anderen Herrschaften gehört, vor allem dem Rittergeschlecht von Wedel und 70 Jahre lang dem Deutschen Ritterorden (1384-1455). Dieser hat das Stadtbild bis auf den heutigen Tag geprägt durch den Ausbau des Schlosses zu einer Ordensburg. Sie hat alle späteren Wirren und Kriege überstanden - auch den Zweiten Weltkrieg - und ist heute neben der Marienkirche und dem Steintor das wichtigste Zeugnis für die deutsche Steinbaukunst des Mittelalters.

Von eigener familiengeschichtlicher Bedeutung wird die Tatsache, daß der Name meiner großmütterlichen Vorfahren, der Vicke/Fick(e), in alten Namenslisten aus den Jahren 1402 und 1455 bei der Nennung von Persönlichkeiten des Landes Schivelbein auftaucht, die bei der Huldigung der neuen Landesherren aufgezählt sind. Die Vermutung liegt nahe, daß diese genannten Vicke bzw. Fick(e) Vorfahren jenes Hans Vicke von 1600 sind, der als Stammvater meiner Fick-Ahnen von Grünhof gilt, zumal er und seine Vorfahren das politisch herausragende Schulzenamt in Technow bei Schivelbein innehatten.

Mit der Stadt Schivelbein verbindet sich für jeden Pommern der Name Rudolf Virchow (1821-1902). Er ist in die Geschichte eingegangen sowohl als hervorragender Mediziner (Pathologe) wie auch als Politiker. Er war nämlich Vorsitzender der "Fortschrittspartei", die er 1861 mitbegründete und die zum wichtigsten parlamentarischen Widersacher Bismarcks wurde. Virchows Geburtshaus am Markt wurde zwar schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts abgerissen; aber an dem Neubau wurde eine Gedenktafel zur Erinnerung an den größten Sohn der Stadt angebracht.

Virchows Abstammung aus Schivelbein wird selbst von den Polen nicht unterschlagen. Aber bei der Erwähnung seiner Bedeutung für die Medizin verweigert der polnische Prospekt über Schivelbein Virchow die deutsche Abstammung: "Er stellte immer fest, seine Herkunft sei slawisch." Und weiter: "Auch seine (= Virchows) wissenschaftlichen Forschungen bestätigen, daß Schivelbein und seine Umgebung den Slawen gehörten." Auf welchen Fakten solche geschichtsverdrehenden Behauptungen gründen, wird nicht angegeben. Für die Polen genügt es, den größten Sohn der Stadt als "Slawen" zu vereinnahmen.

Kurioserweise wird in dem polnischen Stadtprospekt eine Episode aus dem 15. Jahrhundert als großes geschichtliches Ereignis herausgestellt.

Es geht um die anfangs private Auseinandersetzung zwischen einem Bauern aus dem Belgarder Land und einem Nachbarn aus dem Schivelbeiner Land im Jahre 1469. Die Privatfehde entwickelte sich zu einem regelrechten Krieg zwischen den Städten Belgard und Schivelbein. Er wurde in einem Gefecht auf der Heide bei dem Dorf Langen zugunsten der Schivelbeiner entschieden. Die Belgarder sollen mehr als 300 Mann verloren haben. Warum nun dieses Ereignis - für die geschichtliche Entwicklung beider Städte und des Landes völlig unbedeutend - von den Polen so hochstilisiert wird, daß sie seit 1969 dieses Vorganges aus der deutschen Geschichte mit Volksfesten gedenken, mag mit dem Bedürfnis zusammenhängen, etwas Unverfängliches anzubieten, weil sich für einen historischen Besitzanspruch Polens auf das Land Schivelbein kein Anhaltspunkt ergibt.

Der Kleinkrieg von 1469 scheint übrigens lange Zeit die Atmosphäre zwischen beiden Städten vergiftet zu haben. Ob diese Stimmungslage allerdings auch Ursache dafür war, daß nach der Vereinigung der Territorien Neumark (mit Schivelbein) und Pommern (mit Belgard) unter der Herrschaft des Kurfürsten von Brandenburg 1637 - nach dem Aussterben des Greifengeschlechtes - das Land Schivelbein eine selbständige Verwaltung behalten hat, ist wohl eher unwahrscheinlich. Erst bei der preußischen Verwaltungsreform des Jahres 1932 verlor der Landkreis Schivelbein seine Selbständigkeit und wurde in den Kreis Belgard eingegliedert. Der Kreis Schivelbein hatte 1932 noch nicht einmal 25.000 Einwohner, die Stadt nur 8.500. Nach modernen Maßstäben war solche "Kleinheit" nicht lebensfähig.

Nicht unerwähnt bleiben soll das Schicksal der Stadt bei Kriegsende. Als am Samstag, dem 3. März 1945, sowjetische Panzer die Stadt einnahmen, war sie völlig unversehrt. Erst am nächsten Tag gingen die Häuser um den Marktplatz in Flammen auf, weil russische Soldaten mit Hilfe von ausgegossenem Benzin systematisch Feuer gelegt hatten. Dieses Verfahren, deutsche Städte in ihrem Zentrum vorsätzlich zu zerstören, zu "entkernen", ist von der Roten Armee fast überall in Ostpommern und Ostpreußen praktiziert worden. Dahinter verbarg sich das System, Rache zu üben. Schrecklicher noch traf die zurückgebliebene deutsche Bevölkerung das ohnmächtige Ausgeliefertsein an die sich austobende feindliche Soldateska. Demütigungen, Vergewaltigungen und Verschleppungen - mit diesen Begriffen ist die furchtbare Zeit unter der Herrschaft der Roten Armee und später der Polen charakterisiert. Doch der polnische Städteführer spricht von "Befreiung der Stadt". Für die "befreiten"Schivelbeiner sind solche Entstellungen der Wahrheit kalter Zynismus der Vertreiber. Zur angestrebten Versöhnung der Völker gehört auch die wahrheitsgemäße Darstellung der Ereignisse von 1945/46.

Die kleinste Stadt im Landkreis Belgard war Polzin mit 6.900 Einwohnern (Stand: Mai 1939). Wenn meine Mutter gelegentlich das Ehepaar Gruber in Polzin besuchen und mich mitnehmen wollte, verzichtete ich fast immer auf dieses Angebot, weil das Provinzstädtchen für mich nichts Anziehendes hatte und mich langweilte. Für die Erwachsenen hingegen wurde Polzin zwischen den beiden Weltkriegen immer attraktiver, so daß es den schmückenden Beinamen »nordisches Wiesbaden« erhielt. Wiesbaden galt als vornehmes Bad, das besonders vermögende Genesungsuchende bevölkerten. Dementsprechend wurde Polzin, das erst 1926 durch Erlaß der preußischen Regierung in den Status eines Bades gehoben wurde, zum Treffpunkt des einheimischen Adels und der Wohlhabenden. Das war schon seit dem 19. Jahrhundert der Fall. Denn auch der junge Graf Otto von Bismarck beispielsweise ritt öfter von seinem Rittergut Kniephof im Kreis Naugard die 60 Kilometer lange Wegstrecke nach Polzin hinüber, wenn er - ein unverheirateter Junker - von geselligen (Tanz-)Veranstaltungen angelockt wurde.

Drei Dinge machten Polzin anziehend:

  • Die besondere Situation als Bad. Im Jahre 1688 hatte ein Bürger durch Zufall entdeckt, daß ein Quellwasser auf seine Glieder eine heilsame Wirkung ausübte. Es handelte sich um ein mineralhaltiges Wasser mit einem hohen Eisengehalt. Ein Jahr später entstand schon die erste primitive Badeeinrichtung. Doch erst die Verbindung von Moorerde mit dem mineralhaltigen Wasser erbrachte etwa 1850 die besonders heilsame Wirkung für Rheuma- und Gichtleiden. Vorreiter auf diesem Gebiet der Moorbadekuren waren Bäder in Böhmen und Süddeutschland geworden. Polzin holte ab etwa 1871 gewaltig auf; es war ja auch das einzige Moorbad in ganz Norddeutschland. Diese Entwicklung nahm sogar die Reichsbahn zur Kenntnis; denn sie setzte im Sommer einen D-Zug-Kurswagen auf dem Stettiner Bahnhof in Berlin ein, der direkt bis Polzin geleitet wurde.


  • Der Ausbau als Badeort mit zahlreichen Kurhäusern förderte naturgemäß das Angebot an gesellschaftlichen und kulturellen Veranstaltungen, die auch von gesunden Menschen genutzt wurden. Dadurch stieg das Ansehen Polzins. Eine Spielbank gab es allerdings nicht.


  • Schließlich entdeckte man zusätzlich die reizvolle Lage Polzins im freundlichen Tal der kleinen Wugger und am Eingang zur Pommerschen Schweiz. Dementsprechend schwärmte die Polziner Zeitung, als man Anfang Juli 1938 die 600-Jahr-Feier als Stadt und die 250-Jahr-Feier als Heilbad beging, im Stil der damaligen Zeit:

    "In der unendlichen Weite der vorgelagerten Tiefebene sowohl wie auf den Berghöhen und in der still ruhenden Kühle des Waldes findet der Natur- und Jagdfreund ein fast unberührtes Naturgebiet, das weder Großstadtlärm noch rauchende Fabrikschlote stören und verdüstern. So vereinigt denn Bad Polzin seiner inneren Struktur und seiner äußeren Lage nach alle Vorzüge, die dem Fremden wie dem Einheimischen die anmutvolle Stadt seit jeher so besonders wertvoll gemacht haben."
Objektiverweise muß man einräumen, daß von der "anmutvollen Stadt" erst seit der Einrichtung als Moorbadeort die Rede sein kann. Ohne die Entwicklung zum herausragenden "Bad Polzin" wäre die Stadt eine unbedeutende Ackerbürgerstadt wie viele in Hinterpommern geblieben.

Gemeinsam hat Polzin mit den Nachbarkommunen im weiten Umkreis, daß es als Stadt im 13./14. Jahrhundert gegründet worden ist. Um 1335 erhielt es Stadtrecht vom pommerschen Greifenherzog (also im gleichen Jahr wie Berlin), nachdem dort schon ein halbes Jahrhundert vorher ein deutsches Dorf von Benediktinermönchen eingerichtet und dazu kurz vor 1300 ein Schloß gebaut worden war (wahrscheinlich vom Templerorden).

Bei der Deutung des Stadtnamens tappt man genauso im dunkeln wie bei Schivelbein. Das gleiche trifft auf den Familiennamen Polzin zu, der häufig im Westen und Süden Deutschlands vorkommt. Die Nachsilbe -czyn bedeutet slawisch soviel wie Tat. Und wenn der Ausgangspunkt für den späteren Stadtnamen das vorher gebaute Schloß oder die Burg ist, dann könnte der Schloßherr vielleicht eine Verewigung erfahren haben: Dann würde "Pol-czyn" bzw. "Bol-czyn" die "Tat", nämlich die Burgerrichtung des Polko bzw. Bolko sein.

Der friedliche Marktflecken verlor seine Idylle, als in der Nacht zum 4. März 1945 die Rote Armee in die Stadt eindrang. Sie wurde zwar nicht zerstört, aber ihre Bewohner wurden - wie überall - als Kriegsbeute betrachtet.

Heute haben die Polen wieder einen ganzjährigen Kurbetrieb eingerichtet. Auch eine bemerkenswerte Direktverbindung existiert bei der Bahn, aber nicht wie einst nach Berlin, sondern nach Warschau. Was die Deutschen mit dem Aufbau des Moorbadeortes gesät haben, ernten die Polen.

Eine abschließende Bemerkung soll die Darlegungen abrunden. Im Landkreis Belgard waren fast alle Orte als deutsche Siedlungen bereits im Mittelalter angelegt worden. Die Landwirtschaft war dominierend, wie die Statistik des Kreises im Jahre 1925 ausweist:

66 Prozent der Bevölkerung waren in der Land- und Forstwirtschaft beschäftigt, 17 Prozent in Industrie und Handwerk und nur neun Prozent in Handel und Verkehr. Alle Ortsbilder waren infolgedessen von der landwirtschaftlichen Struktur gekennzeichnet. Nur die drei Städte im Kreis hatten im Laufe der letzten Jahrzehnte Abstand genommen von der rein landwirtschaftlichen Prägung. In ihrer Berufsstruktur wie im Stadtbild entwickelten sie eine Eigenart und lieferten somit dem Landkreis besondere Glanzpunkte. Diese Eigenarten im Antlitz der Städte sind zwar durch den polnischen Einfluß seit 1945 verändert worden, aber die Zeugnisse der seit Jahrhunderten entwickelten deutschen Stadtkultur sprechen nach wie vor ihre eindeutige Sprache und lassen sich nicht verfälschen.


In: Sieghard Rost: Meine Heimat Pommern. Erinnerungen an das Land am Meer. München, Berlin 1994, S. 141-150.