5. Belgard-Seminar 2002

vom 18. - 20.02.2002 an der Ost-Akademie in Lüneburg
Ein Seminar des Instituts für Ost-West-Fragen - Ost-Akademie Lüneburg, Herderstraße 1-11, 21335 Lüneburg vom 18. bis 20. Februar 2002 zum Thema "Das soziale und kulturelle System in Vergangenheit und Gegenwart Pommerns am Beispiel der Region Belgard / Bialogard: Ein deutsch-polnisches Begegnungsseminar".

Leitung: Dr. Adalbert Lewandowski M.A., Ost-Akademie Lüneburg

Dieses Seminar wird von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert.

Wir wollen uns in diesem Seminar mit sozial- und kulturpolitischen Fragen unserer Heimat aus der Sicht vor und nach 1945 beschäftigen; so werden wir über entsprechende staatliche und kirchliche Einrichtungen reden. Insbesondere interessiert uns in diesem Zusammenhang das Selbstverständnis der Menschen, die in Belgard lebten und nun heute dort leben: ob und wenn ja, welcher weiträumigeren Region sie sich zugehörig fühlten bzw. fühlen. Wie war und wie ist das mit dem "Pommerschen Bewußtsein"?



Montag, 18.02.2002


Bis 14.00 Uhr - Anreise der Teilnehmer

14.00 Uhr - Eröffnung, Vorstellung der Teilnehmer, Einführung in das Seminarthema, Anregungen und Fragen zum Programm  Dr. A.R. Lewandowski / Dr. Harald Lutter, Erkrath

15.30 Uhr - Kaffeepause

16.00 Uhr - Regionales Selbstbewußtsein in Deutschland und in Polen  Dr. A.R. Lewandowski

17.00 Uhr - Regionales Selbstbewußtsein in Pommern im Laufe der Jahrhunderte  Dr. Harald Lutter

18.30 Uhr - Aussprache  Moderation: Dr. A.R. Lewandowski

19.30 Uhr - Abendessen



Dienstag, 19.02.2002

08.00 Uhr - Frühstück

09.00 Uhr - Soziale und kulturelle Zuständigkeiten in Deutschland und Polen  Dr. A.R. Lewandowski

10.30 Uhr - Kaffeepause

11.00 Uhr - Soziale und kulturelle Einrichtungen in Belgard bis 1945  Dr. Harald Lutter

12.30 Uhr - Mittagessen

13.00 bis 15.00 Uhr - Pause

15.00 Uhr - Die Evangelische Kirche in Belgard und ihre karitativen Einrichtungen bis 1945  Manfred Pleger, Laboe

16.30 Uhr - Kaffeepause

17.00 Uhr - Entwicklung sozialer und kultureller Einrichtungen im Kreis Bialogard nach 1945  N.N. Kreisverwaltung Bialogard

18.00 Uhr - Soziale und kulturelle Einrichtungen der Stadt Bialogard nach 1945  N.N. Stadtverwaltung Bialogard

19.00 Uhr - Abendessen

20.00 Uhr - Aussprache  Moderation: Dr. A.R. Lewandowski



Mittwoch, 20.02.2002

08.00 Uhr - Frühstück

08.30 Uhr - Der Europäische Einigungsprozeß, Deutschland und Polen  Dr. A.R. Lewandowski

10.00 Uhr - Kaffeepause

10.30 Uhr - Auswirkungen des Europäischen Einigungsprozesses auf die deutsch-polnischen Beziehungen - Ein Erfahrungsbericht  Winfried Harendza, Leiter des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Lüneburg (angefragt)

12.00 Uhr - Mittagessen

13.00 Uhr - Erörterung von deutsch-polnischen Kooperationsmöglichkeiten in Bialogard  Manfred Pleger / Dr. Harald Lutter / N.N. Kreisverwaltung Bialogard / N.N. Stadtverwaltung Bialogard
Moderation: Dr. A.R. Lewandowski


14.30 Uhr - Kaffeepause

15.00 Uhr - Auswertung des Seminars und Schlußgespräch
Moderation: Dr. A.R. Lewandowski

17.00 Uhr - Abendessen

Ende des Seminars nach dem Abendessen



Für das Seminar wird für deutsche Teilnehmer ein Beitrag in Höhe von 82,00 EUR, für polnische Teilnehmer in Höhe von 31,00 EUR erhoben; ein Drittel davon wird bei Bedarf institutionell verwendet.





Die Rolle von Kirche und Kultur
in Belgard: Einst und Jetzt

Das fünfte Seminar der Freunde des Alten Landes Belgard


Ehemalige deutsche Bürger aus dem Lande Belgard und heutige polnische fanden im Februar schon das dritte Mal "international" zusammen, um über die vielfältigsten Fragen unserer wie ihrer Heimat zu sprechen: offen und ehrlich. Die dreitägige Veranstaltung stand unter dem Thema "Das soziale und kulturelle System Pommerns in Vergangenheit und Gegenwart am Beispiel der Region Belgard".

Zur Einstimmung in die Thematik sprach Dr. Lewandowski über die Unterschiede im regionalen Bewußtsein der Deutschen und Polen und über den Begriff Heimat. Während für den Deutschen die stammesmäßige Verbundenheit mit einer konkreten Region im Vordergrund steht, sei es für den Polen gerade seit den Teilungen des Landes der abstrakte und religiös verstärkte Begriff des Vaterlandes, der sich auf alle Teile des zerrissenen Landes bezog. Das Ganze wurde also mehr betont, weniger die einzelne Region. Diese geriet erst seit der Zeit der Romantik mehr ins allgemeine Bewußtsein, als sog. Kleines Vaterland.

Daran anknüpfend sprach Dr. Lutter über das pommersche Selbstbewußtsein, über das Wir-Gefühl der Pommern einst und jetzt. Das Stammesbewußtsein der alten Pomoranen klang an und das Denken und Fühlen des deutschen Neustammes der Pommern; der Referent ging auf die durch den späteren preußischen Landesherren hervorgerufene Verdrängung des eigenen pommerschen Selbstwertgefühls ein, und schließlich auf die Situation nach der Vertreibung. Dann kam die Frage an die polnischen Gäste, die zum Teil schon in Belgard geboren sind, wie das mit ihrer örtlichen und regionalen Verankerung ihrer Seele sei. Ja, war die Antwort, seit den späten 80er Jahren habe man begonnen, sich heimisch zu fühlen und sich mit der Stadt zu identifizieren. Das gleiche gelte für die ganze Region. Man fühle sich in Pomorze zu Hause und meine damit vor allem das sanfte Hügelland um die Persante. Mit der polnischen Wende ab 1990 sei das auch offenbar geworden.

Der weitere Teil des Seminars widmete sich den sozialen und kulturellen Anstalten der Stadt. Dr. Lutter verwies zuerst auf die grundsätzliche Zuständigkeit der Kommunen zur Bereitstellung dieser Institutionen der Daseinsvorsorge. Belgard als Stadt sei aber in der besonderen Lage gewesen, daß hier die Kirche bzw. verschiedene kirchliche Einrichtungen Träger der in anderen Orten kommunalen Anstalten gewesen sei, so daß die Stadt sich auf die finanzielle Unterstützung der karitativen Einrichtungen der evangelischen Kirche habe beschränken können. Denn Belgard war neben Stettin einer der beiden Schwerpunkte der Inneren Mission in Pommern gewesen. Das habe der Stadt die Möglichkeit gegeben, andere Bereiche stärker als in vielen anderen Orten zu fördern. Davon habe der öffentliche wie der öffentlich geförderte Wohnungsbau profitiert und der Sport: durch den Bau moderner Sportstätten.

Manfred Pleger ging dann auf die einzelnen sozialen Einrichtungen der Kirche näher ein: vom Krankenhaus übers Kleist-Retzow-Stift bis hin zum Wichernhaus und zum segensreichen Wirken der Evangelischen Frauenhilfe. Sein inhaltsreiches Referat wird in Bälde in einem größeren Zusammenhang gesondert veröffentlicht werden.

Das kulturelle Leben der Stadt wurde bis 1945 weitgehend von den vielen gesellschaftlichen Vereinigungen getragen: Auf deren Aktivitäten wird von uns wahrscheinlich im Sommer im Rahmen des nächsten Seminars eingegangen werden. Seitens der polnischen Repräsentanten der Stadt wurde dieses Thema bereits vorweg genommen. Hervorgehoben wurde hierbei die Rolle der Eisenbahner und ihrer Gewerkschaft, die seitens Partei und Staat beginnend schon 1945 eine besondere Förderung erfahren hatten. Sie hätten bereits Ende 1945 mit eigenem Blasorchester sowie mit einer Tanz- und einer Theatergruppe für die kulturelle Betreuung der neuen Bevölkerung gesorgt. Die eigentliche Aufgabe dieser Gruppen sei es gewesen, bei der Integration der Neusiedler behilflich zu sein, die aus unterschiedlichen Regionen und auch sehr verschiedenen kulturellen Kreisen stammten. Viele Behörden gründeten so eigene Sportvereine, Chöre und Tanzgruppen, die ab 1947 auch in lokalen und regionalen Wettbewerben ihr Können zeigten. Doch die ständige Reglementierung durch die Partei und der damit verbundene politische Schematismus bremsten die Entwicklung. In den 70er Jahren sei dann die Stagnation überwunden gewesen. Der Kulturausschuß der Stadt habe mit Hilfe des Staates und auch der Gesellschaft für die Entwicklung der "Wiedergewonnenen Gebiete" Büchereien eingerichtet, ein Jugendhaus geschaffen (unser einstiges Kleist-Retzow-Stift) und auch ein Theater sowie eine Musik-Schule gegründet. Ab 1987 gebe es im Sommer die Belgarder Kulturtage und den Leitznitz-Markt als eine Art Jahrmarkt. Auch die folkloristischen und sportlichen Veranstaltungen mit dem "Kampf um die Kuh" in Erinnerung an die Schlacht auf der Langenschen Heide wurden stolz erwähnt und uns als Film präsentiert. Nur: Unser Verständnis für diese Art einer Übernahme von Ereignissen aus deutscher Zeit, also unserer Geschichte, erschien vielen von uns - gelinde gesagt - fragwürdig.

Der Landrat berichtete über das kulturelle Leben, das beim polnischen Neubeginn nach 1945 auf dem Lande noch schwerer zu entwickeln war. In den Dörfern habe insoweit fast alles von der Geschicklichkeit der einzelnen Lehrer abgehangen. Staatlicherseits seien in den 50er Jahren "Clubs der Bauern" gegründet worden.

Erst mit Einführung der kommunalen Selbstverwaltung nach der Wende von 1990 seien die Gemeinden in die Lage versetzt worden, spezielle Haushaltsmittel auch für kulturelle Zwecke nach eigenem Gutdünken einzusetzen. Groß Tychow mit seinem Kulturzentrum und Körlin mit seinem Jugendfestival wurden vom Landrat lobend herausgehoben. Auf Fragen wurde auch auf die verändert Rolle der Katholischen Kirche eingegangen, auf ihre kulturelle und auch auf ihre karitative Arbeit, so im Altersheim (das ehemalige Johannishaus).


Näheres hierzu dürften wir im Sommer hören, beim sechsten unserer Seminare, das dann zu Hause stattfinden soll. Es ist für den 8. und 9. August geplant; Veranstaltungsort soll das Kreishaus sein. Polnischerseits hat man zugesagt, die Mitglieder von Stadtrat und Kreistag, die Vereinsvorsitzenden sowie die Lehrer und die Oberstufen der Schulen besonders einzuladen. Wir sind neugierig.







Lutter, Harald:
Neues aus Belgard: Gute Botschaft
und eine schlechte! Im neuen Wappen: Unser
Greif mit Bischofsstab und polnischer Krone

Pommersche Zeitung vom 6. April 2002







Unser Seminar an der Ost-Akademie in Lüneburg war wieder eine gelungene Veranstaltung. Dr. Lewandowski hatte, wie schon gewohnt, alles sehr gut organisiert, die Referate waren gehaltvoll und die Gespräche am Rande wieder sehr intensiv. Die rund 30 Teilnehmer waren allerdings im wesentlichen wieder die bekannten Freunde; es ist uns also nicht gelungen, neue Interessenten zum Kommen zu bewegen. Die Kommunikation haperte leider etwas daran, daß wir diesmal nur eingeschränkte Dolmetscherdienste genießen konnten.

Die Fortsetzung der Versammlung vom Vortag stellte am Mittwoch zugleich den Abschluß des Seminars dar. Bürgermeister und Landrat bedankten sich für unsere erneute Initiative und überreichten Geschenke. Der Landrat informierte am Ende auch kurz darüber, daß der Kreis ein neues Wappen habe und zeigte kurz eine Kopie. Bei der Abreise fand ich ein Exemplar auf dem Tische liegend. Es war eine Zeichnung, die unseren Greif mit einem Bischofsstab zeigt, über dessen Kopf die polnische Königskrone schwebt. Diese heraldisch und historisch unkorrekte Darstellung hat andere Teilnehmer wie auch mich so stark beunruhigt, daß wir das anliegende Schreiben an den Landrat abgesandt haben. Auch wenn Körlin gut hundert Jahre zum Bistumsland gehörte, sollte man nicht den ganzen Kreis auf diese Weise umtaufen und ihn unter eine polnische Krone bringen, die jeweils nur kurze Zeit sich das Land tributpflichtig machen, es aber nie sich einverleiben konnte. Dieser Umgang mit der Geschichte paßt nicht in die heutige politische Landschaft.







Freunde des Alten Landes Belgard/Bialogard40699 Erkrath, 11.3.02
Fax 02104 - 803 607



Herrn
Landrat Stefan Strzalkowski
Bialogardper Fax



Eine Nachfrage zum Wappen des Kreises


Sehr geehrter Herr Strzalkowski,

eine Situation am Ende unseres Seminars in Lüneburg klingt immer noch in mir nach: Sie hatten da ganz zum Schluß erwähnt, daß der Kreis inzwischen ein neues, auch genehmigtes Wappen habe und eine entsprechende Kopie kurz hochgehalten. Ich konnte aus der Entfernung nur erkennen, daß da der alte Greif war, der so etwas wie einen Stock in den Klauen hatte.

Erst als ich zuhause nach einiger Zeit meine Unterlagen auspackte und zwischen den Papieren eine mir zugesteckte Kopie des Wappens sah, erkannte ich, was da geschehen war:

Unser alter Greif stützt sich auf einen Bischofsstab und hat eine polnische Königskrone über seinem Haupt schweben!

Das alte Wappen der Region wurde mit dem Anschein heraldischer Korrektheit so verwandelt, wie wenn es historisch wäre. Und das, obwohl auch Sie wissen, das beides nicht der Fall ist.

Das hat mich sehr getroffen.

Doch um mögliche Mißverständnisse vielleicht ausräumen zu können, bitte ich Sie höflich um Ihre Erläuterung des Vorgefallenen:

• Ist dieses Wappen so vom Kreistag beschlossen?
• Hat die Aufsichtsbehörde das neue Wappen förmlich genehmigt?
• Was ist die heraldische Begründung der vorgenommenen Veränderungen?

Wegen der Bedeutung, die diese Frage für uns als einstige Angehörige des deutschen Landkreises hat, bitte ich Sie, sehr geschätzter Herr Strzalkowski, um eine baldige Beantwortung meiner Fragen!

Mit freundlichen Grüßen

Ihr