9. Belgard-Seminar 2005

"Der Umgang mit dem kulturellen Erbe in unserer Heimat"

vom 18. - 20.02.2005 an der Ostsee-Akademie in Travemünde
Einladung zum 9. Belgard-Seminar und zur 6. Mitgliederversammlung vom 18. bis 20. Februar 2005 in der Ostsee-Akademie zu Lübeck-Travemünde:

Ein Jahr geht zu Ende, in dem für uns einiges anders geworden ist. Der Gesamtrahmen, in dem wir uns bislang bewegt hatten, hat sich mit dem Tode des Vorsitzenden unseres Heimatkreises verändert. Unser Paul Dallmann, der sich so sehr um unsere Heimat verdient gemacht hatte, hinterläßt mit der ihm eigenen Wärme, seinem Schwung und mit all seinem Wissen eine große Lücke. Manfred Pleger hatte ihn eine Woche vor seinem Tode anläßlich seines Geburtstages in der Pommerschen Zeitung gebührend gewürdigt. Nun ist er selber in seine Fußstapfen getreten. Unser Freundeskreis ist jetzt mit vier Personen, statt wie einst nur einer, im Heimatkreisausschuß vertreten. In der jüngsten Sitzung wurde vereinbart, seine Arbeit etwas anders als bisher zu gestalten und die verschiedenen Gruppen lokaler Aktivitäten vielleicht stärker mit einzubeziehen. Das wird auch für uns gelten. Manfred Plegers Bericht hierzu wird in der Pommerschen Zeitung erscheinen und Sie ausführlicher informieren.

Nach der Schließung der Ost-Akademie in Lüneburg tagen wir das nächste Mal im Pommernzentrum. Schön ist, daß uns auch dort wieder unser lieber Dr. Lewandowski begleiten wird.

Und: Die Zahl der persönlichen Mitglieder unseres Kreises hat sich [....] auf 40 erhöht. [....]

Das Seminar in den vertrauten Räumen des Pommernzentrums wird vom 18. bis zum 20. Februar 2005 stattfinden. Es beginnt am Freitag um 15 Uhr und endet Sonntag nach dem Mittagessen; die Gesamtgebühr wird pro Person maximal 120 EUR betragen. Tagesgäste haben entsprechend weniger zu zahlen. Einzelheiten werden Sie aus der Ihnen noch zugehenden besonderen Einladung entnehmen können. Wenn das mit der Bezuschussung klappt, wird es noch preiswerter sein.

Der Umgang mit dem kulturellen Erbe in unserer Heimat soll diesmal das Grundthema sein. Wir kamen darauf, nachdem uns unsere polnischen Partner im letzten Seminar vorgeschlagen hatten, uns an der Erarbeitung einer Neuauflage des touristischen Führers durch den Kreis Bialogard zu beteiligen. Bei kritischer Lektüre der verschiedenen offiziellen Broschüren von Stadt und Kreis Bialogard kamen insoweit skeptische Überlegungen auf. Denn sie sind so formuliert, daß ein Außenstehender nie auf den Gedanken kommen kann, daß diese Region früher deutsch war. Vielmehr wird suggeriert, daß Stadt und Kreis seit jeher polnisch waren, so auch, wenn man sich rühmt, die alte Hansestadt Bialogard zu sein, wenn man immer wieder deutsches Kulturerbe als eigenes ausgibt. Wir haben unseren polnischen Partnern vorgeschlagen, schon vor Aufnahme der Arbeit in dem anstehenden Seminar über derartige Grundfragen unserer Beziehungen miteinander zu sprechen.

Das vorgesehene Seminarprogramm ist beigefügt. Die einzelnen Referate werden diesmal wirklich nicht länger als 20 Minuten dauern. Sie sollen im wesentlichen nur Material für die erhofften Diskussionen geben, in denen sich dann ein jeder einbringen möge.

Für den, der Lübeck vielleicht noch nicht kennen sollte, wird am Sonnabend nachmittags eine Stadtführung geboten.

Die nächste fällige Mitgliederversammlung, zu der ich Sie herzlich einlade, findet am Sonnabend, dem 19. Februar 2005, abends im Pommernzentrum statt.

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[17.12.2004]





Auf unserem Seminar wollen wir uns damit befassen, wie die polnischen Kommunalverwaltungen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus mit dem deutschen Kulturerbe umgehen. Wir wissen, daß es hier von Kreis zu Kreis und von Gemeinde zu Gemeinde recht unterschiedliche Verhaltensweisen gibt. Leider versucht man häufig und gezielt den Eindruck zu erwecken. daß der jeweilige Ort schon ewig polnisch gewesen wäre. Bei altem deutschen Kulturgut und vielen uralten Traditionen wird suggeriert, daß es sich um polnische handelt. Dies war zu Zeiten des Kommunismus staatlich verordnet. Jetzt gehört Polen zur Europäischen Union. Viele von uns bedrückt es jedoch, daß sich bei der geschichtlichen und kulturellen Annexion fremden Kulturgutes oftmals jedoch kaum etwas geändert hat.

Die Europäischen Verträge und der Deutsch-Polnische Vertrag von 1991 beinhalten ausdrücklich die Pflicht zum pfleglichen Umgang mit jeglichem Kulturerbe. Können wir davon ausgehen, daß sich hier allmählich Einsicht zeigen wird.... so wie es bei der Pflege der Grabstätten ist, nachdem ihre Erhaltung im Deutsch-Polnischen Vertrag von 1991 ausdrücklich angesprochen war?

Zusammen mit unseren polnischen Partnern wollen wir fair und sachlich am Beispiel des alten Kreises Belgard über all diese Fragen sprechen.


/ Laboe




Freitag, 18. Februar 2005

bis 15.30 Uhr - Anreise und Zimmervergabe im Ernst-Moritz-Arndt-Haus, Ostseestraße 2 in Travemünde

anschl. Begrüßungskaffee in der Cafeteria des Gebäudes der Ostsee-Akademie

16.00 Uhr - Begrüßung und Einführung in die Tagung  Dr. Harald Lutter, Erkrath / Manfred Pleger, Laboe

anschl. Belgard - 700 Jahre eine Stadt deutscher Bürgerkultur  Manfred Pleger, Laboe

18.00 Uhr - Abendessen

19.30 Uhr - Bilder aus Belgard: Lichtbilder und Kurzfilm  Günter Beilfuß / Rudolf Trapp



Sonnabend, 19. Februar 2005

08.00 Uhr - Frühstück

09.00 Uhr - Abfahrt des Busses vor dem Akademiegebäude

09.30 Uhr - Lübeck - Eine alte Hansestadt mit vielen Facetten / Ein Stadtrundgang über die Altstadtinsel

anschl. Zeit zur freien Verfügung

12.00 Uhr - Rückfahrt nach Travemünde

12.30 Uhr - Mittagessen

14.00 Uhr - 1945 und das Ende des deutschen Belgards  Manfred Pleger, Laboe

14.45 Uhr - 1945 und der Anfang des polnischen Bialogards  Dr. Harald Lutter, Erkrath

15.30 Uhr - Kaffeepause

16.00 Uhr - Kulturelle Erbschaften aus und in Belgard?  Manfred Pleger, Laboe

16.45 Uhr - Polnische Selbstdarstellung in offiziellen Prospekten  Dr. Harald Lutter, Erkrath

17.30 Uhr - Polens Beitritt zur Europäischen Union und seine Pflichten zur Wahrung des kulturellen Erbes  Dr. A.R. Lewandowski, Lüneburg

18.30 Uhr - Abendessen

19.30 Uhr - Fortsetzung des Themas  Dr. A.R. Lewandowski, Lüneburg

anschl. Mitgliederversammlung der Freunde des Alten Landes Belgard

anschl. gemütlicher Tagesausklang im „Bollwerk"



Sonntag, 20. Februar 2005

07.45 Uhr - Frühstück

08.45 Uhr - Gelegenheit zur Morgenandacht in der Versöhnungskirche im Pommern-Zentrum

09.15 Uhr - Bericht zur Situation seitens der Stadt und / oder des Kreises Bialogard  N.N.

10.00 Uhr - Kaffeepause

10.30 Uhr - Ist Belgard gleich Bialogard? Fragen nach Kontinuität und Identität  Dr. Harald Lutter, Erkrath

11.15 Uhr Abschlußgespräch: Sinn und Zweck deutsch-polnischer Begegnungen aus deutscher und aus polnischer Sicht
Moderation: Dr. Harald Lutter, Erkrath

anschl. Mittagessen und Abreise





Das Thema unseres Seminars lautete "Der Umgang mit dem kulturellen Erbe in unserer Heimat". Wir kamen auf dieses Thema, nachdem uns unsere polnischen Partner im letzten Seminar vorgeschlagen hatten, uns an der Erarbeitung einer Neuauflage des touristischen Führers durch den Kreis Bialogard zu beteiligen. Bei kritischer Lektüre der verschiedenen offiziellen Broschüren von Stadt und Kreis Bialogard kamen jedoch skeptische Überlegungen auf. Denn dort wird suggeriert, daß Stadt und Kreis seit jeher polnisch waren, so auch, wenn man sich rühmt, die alte Hansestadt Bialogard zu sein.

Herr Landrat Baginski hatte sich wegen anderweitiger Verpflichtungen entschuldigt. Seitens der Stadt erschienen unser Mitglied Herr Swirko mit zwei weiteren Ratsmitgliedern und seinem Kameramann.

In der Begrüßung wurde auf die oben erwähnten, für uns diskussionsbedürftigen Fragen hingewiesen. Da alle Referenten hinreichend Zeit für eine offene Aussprache ließen und die Teilnehmer auch direkt ansprachen, kam es zu offenen Gesprächen, die tatsächlich zu einer Klärung der Standpunkte führten. Zu Aussagen, die vorher immer wieder nur kommentarlos zur Kenntnis genommen worden waren, hörten wir gerade beim Punkt Kulturelles Erbe jetzt von polnischer Seite erstmals deren Auffassungen, die doch recht anders als die unseren waren. Es wurden endlich die unterschiedlichen Denkansätze offenbar.

Zum Einstieg sprach Manfred Pleger über die mehr als 700 Jahre deutsche Kultur in Stadt und Land Belgard. Er erzählte über die Stadtwerdung wie über die Urbarmachung und die Entwässerung der Landschaft. Neu dürfte für manche hier gewesen sein, daß das Persante-Platt sich als etwas Besonderes herausgebildet hatte, weil hier Siedlerströme aus dem Raume Osnabrück eine regionale Prägung der Sprache hervorriefen. Die kulturellen Erbschaften, die wir Deutsche 1945 hinterließen, waren vielfältiger Art. Es sind nicht nur Marienkirche, die Rathäuser und die aus vielen Stilperioden herrührenden Wohnhäuser. Neben diesen steinernen Relikten, mitsamt einigen Plastiken Utechs, die noch immer an die deutsche Vergangenheit erinnern, ist es der Geist jener Zeit, der all jenen Zeugen innewohnt, die Kultur! So erinnerte Pleger auch an die Kräfte, die jene bürgerliche Kultur trugen, an die Kirche mit ihren vielen Gruppierungen auch sozialer und kultureller Art, an die Schulen und an die vielen Vereine, die das Leben der Stadt geprägt hatten: vom
Theater- bis hin zum Turnverein. Ob und wieweit allerdings auch das Militär in Belgard mit zu den Kulturträgern gehörte, darüber gingen die Meinungen etwas auseinander.

Günter Beilfuß' Lichtbilder und Rudolf Trapps Film über Belgard rundeten den Tag ab.

Der Sonnabend begann mit einem Stadtrundgang durch Lübeck. Die Stadt hat so viel mit Pommern und auch Belgard gemein! Betreffend Stadtrechtsverfassung wie Backsteingotik der Marienkirche samt der Hanse war Lübeck unser Vorbild!

Manfred Pleger ging im weiteren Verlauf des Seminars auf den Untergang des alten deutschen Belgards im Jahre 1945 ein. Er schilderte insbesondere die militärischen Vorgänge jener Tage.

Daran anknüpfend sprach Harald Lutter über die Zeit des Übergangs und die Anfänge des polnischen Bialogards. Als die deutsche staatliche Präsenz sich mit dem Abzug der Wehrmacht aufgelöst hatte, trat durchaus nicht gleich eine polnische Verwaltung an deren Stelle. Vielmehr hatte der sowjetische Kriegskommandant zuerst einen deutschen Antifaschisten zum Bürgermeister ernannt: den Zahnarzt Dr. Rudolph. Und zugleich wurde es der Kirche förmlich erlaubt, weiterhin Seelsorge und Sozialarbeit zu betreiben. Letzteres funktionierte; die Gottesdienste in der Marienkirche liefen weiter und der deutsche Superintendent Zitzke-Vater predigte dort - vorübergehend - weiter. Die in der Stadt befindlichen polnischen Zwangsarbeiter ließen sich jedoch nicht zur Seite schieben. Unter Berufung auf die Abmachungen der Sowjetunion mit der neuen kommunistischen polnischen Regierung strebte sie die alleinige zivile Macht in Belgard an. Es gelang ihnen, Bürgermeister Rudolph aus dem Amt zu drängen und einen der ihren zu seinem Nachfolger machen zu lassen: Herrn Edward Kotlinski. Mit ihm und seinen Freunden übernahmen dann Ende März 1945 die Polen in Belgard die Verwaltung der Stadt. Zugleich begann das wilde Treiben der Miliz. Gemäß den inzwischen ergangenen polnischen Regelungen wurden die Deutschen entrechtet und enteignet. Die Amtssprache war nun Polnisch. Die Stadt wurde umbenannt und hieß Bialogrod. Die deutschen Namen und Spuren im Ortsbild wurden getilgt. Die ersten Vertreibungen setzten ein. Im April mußten sich alle Deutschen registrieren lassen. Die Stadt war jetzt fest in polnischer Hand. Das alte Belgard war nicht mehr. Die herkömmliche Sozialstruktur hatte sich bereits im März aufgelöst, sie war zerfallen, auch wenn im Kreis im September 1945 noch etwa 25.000 Deutsche lebten. Ein Jahr später waren es noch 14.000, 1949 nur noch knapp 2.000.

Die polnischen Behörden bemühten sich um Neusiedler. Sie kamen. Es waren ehemalige Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene sowie polnische Vertriebene, aus den Gebieten, die erst 1921 unter Pilsudski von Polen annektiert worden waren. Die seinerzeit dort angesiedelten polnischen Besatzer mußten das eroberte Land wieder verlassen. Sie wurden weitgehend in die neu gewonnenen deutschen Gebiete transferiert. In unserer alten Stadt stammten nach der polnischen Volkszählung von 1948 21,7 % von „hinter dem Bug". 63 % kamen aus dem eigentlichen Polen. Verwaltung und die polnische Katholische Kirche bemühten sich, diese heterogenen Bevölkerungsanteile zu integrieren und ein kommunales Gefüge zu schaffen. Schulen wurden gegründet. Vereine bildeten sich, voran die der Eisenbahner. Und im November erschien die erste polnische Tageszeitung, das kommunistische Blatt Bialogroder Leben. Aus dem alten Belgard war so das polnische Bialogrod geworden .... das dann nach einiger Zeit umbenannt wurde: in Bialogard.

Die Selbstdarstellung von Stadt und Kreis Bialogard in ihren offiziellen Prospekten wurde auch von Harald Lutter behandelt. Daß in diesen Veröffentlichungen Stadt und Kreis nur den heute geltenden Namen führen, das ist einleuchtend. Doch ist es unangebracht, soweit es um die Zeit vor 1945 geht. So ist auch betreffend die deutsche Vergangenheit allein von Bialogard die Rede, sogar von der alten Hansestadt Bialogard. Ein ahnungsloser Leser jener Schriften muß darum davon ausgehen, daß Bialogard, wie normale polnische Städte, stets eine polnische Bevölkerung gehabt habe. Und wenn die pomoranische Vergangenheit bemüht wird, wird in den Texten so geschickt jongliert und durch Polonisierung aller Namen suggeriert, daß Pommern seit jeher ein Teil Polens gewesen sei. Dazu gehört, daß an den öffentlichen Gebäuden, wie an den Kirchen, der weiße polnische Adler prangt. Dazu gehört auch, daß das Kreiswappen neuerdings über dem Greifen eine überdimensional große Königskrone wie die polnische zeigt. Ebenso gehört dazu, daß die Stadtverwaltung seit etlichen Jahren im Sommer den Kampf um die Kuh als folkloristisches Festival zelebriert. Der Kampf zwischen dem brandenburgischen Schivelbein und dem pommerschen Belgard im Jahre 1469 wird als Teil der polnischen Geschichte gefeiert. In Stettin und Stolp herrscht in dieser Beziehung etwas mehr Ehrlichkeit, dort wird offen bekannt, daß die deutschen Einwohner 1945 vertrieben wurden und die neu Angesiedelten in den alten Mauern neue Städte haben entstehen lassen.

Die Diskussion wurde lebhaft. Erstmals traten hier echte Meinungsverschiedenheiten in Erscheinung. Die anwesenden polnischen Partner wiesen darauf hin, daß sie in Bialogard geboren seien. Das sei ihre Heimat. Und so sei auch die Geschichte der Stadt die ihre. Das gelte auch beim Kampf um die Kuh; das sei ihre Geschichte! Von den polnischen Adlern, etwa an der Kirche, wisse man nichts. Und im übrigen sei Pommern ja alles uraltes slawisches Land. Zudem: Man sei ja selber vertrieben, wobei suggeriert wurde, daß dies alle nach 1945 Zugewanderten seien.

Zur Textgestaltung der Prospekte wurde schlicht eingeräumt, daß es halt auch Schlampereien gebe; offenbar auch, wenn in einem Prospekt des Kreises unser Gruppenbild auf den Stufen des Kreishauses mit der Erläuterung „Eine ausländische Besuchergruppe" versehen wurde. Und vielleicht auch, wenn die örtliche Presse nach unseren Empfängen bei Bürgermeister und Landrat permanent von den Deutschen aus Celle berichtet.

Eine Sicht der Dinge stand gegen die andere. Ein Konsens war nicht erreichbar. Für uns war Belgard bis 1945 in die deutsche Geschichte eingebunden, erfüllt und gelebt von deutscher bürgerlicher Kultur. Mit deren Ende 1945 hatte diese Stadt zu bestehen aufgehört. Das Bialogard, das sich ab 1945 auf jenem Boden herausgebildet hat, ist mit seiner Sprache, mit seiner Kultur und seinen nationalen Traditionen sowie der Lebensart seiner Bürger eine polnische Stadt. Sie ist mit dem alten Belgard nicht identisch. Und es gibt auch keine innere Kontinuität, denn polnischerseits hatte man sich seit 1945 von der deutschen Vergangenheit absolut distanziert und ein polnisches Geschichtsbild entwickelt.

Beide Seiten hatten ihre Standpunkte dargetan. Es war das erste Mal, daß wir so offen miteinander über die Grundfragen unserer Beziehungen gesprochen hatten. Das war ungeachtet der dabei aufgetretenen Dissonanzen etwas Positives. Beide Seiten waren offensichtlich auch betroffen über die Kluft, die sich da plötzlich aufgetan hatte. Dies könnte auch der Grund gewesen sein, daß die polnischen Partner am Nachmittage fehlten und Herr Swirko abends nicht zur Mitgliederversammlung erschien.

Völkerrechtliche Verpflichtungen Polens zur Wahrung kultureller Erbschaften lautete das anschließende Referat unseres Freundes Dr. Lewandowski aus der untergegangenen Ost-Akademie. Er machte deutlich, welches Beharrungsvermögen alte nationalistische Vorstellungen und Träume haben, daß auch nach der Wende in Polen die von den Nationalkommunisten verordnete Entgermanisierungspolitik immer noch nicht überall überwunden ist. So würden auch ungeniert allerorten alte deutsche Baudenkmäler als Teil der polnischen Kunstgeschichte vorgestellt.

Doch Polen wird nicht daran vorbeikommen, die Europäische Kulturkonvention zu beachten wie auch den Deutsch-Polnischen Vertrag von 1991, zumal es seinerseits etwa von der Ukraine die Pflege dort vorhandenen polnischen Kulturerbes verlangt. So besteht Hoffnung. Und die polnischerseits eingegangenen Verpflichtungen haben im eben erwähnten Vertrag von 1991 durchaus schon Folgen gezeitigt. Wir selbst haben davon profitiert: Denn in jenem Vertrag heißt es, daß die (wenigen noch vorhandenen) deutschen Gräber in Polen unter dem Schutz des polnischen Staates stehen und zu erhalten wie zu pflegen seien. Offenbar waren es die staatlichen Behörden, die insoweit die Kommunen und somit auch Bialogard angewiesen hatten, sich entsprechend zu verhalten.

Weiter heißt es in § 28 jenes Vertrages, daß man im Rahmen der Denkmalspflege sich der auf dem jeweiligen Gebiet befindlichen Kulturgüter der anderen Seite annehmen werde. Das heißt im Klartext, daß auch die Verwaltungen von Stadt und Kreis Bialogard in Pflicht sind, noch vorhandenes deutsches Kulturgut zu schützen. Dies beinhaltet logischerweise die Pflicht, auch die kulturelle Herkunft solcher Erbstücke deutlich zu machen. So ist es vertragswidrig, deutsches Kulturgut als polnisches darzustellen. Dem steht es gleich, die deutsche Herkunft oder überkommene deutsche Namen zu verschweigen oder zu kaschieren. Bedauerlicherweise ist das oft noch der Fall.... leider auch in Bialogard.

Der Sonntag begann beim Frühstück mit einem Gespräch im kleinen Kreise, in dem sich beide Seiten um eine Wiederannäherung bemühten, nachdem sich am Vorabend die polnischen Seminarteilnehmer zurückgezogen hatten, offenbar wegen des vorangegangenen Disputs. Wir schienen uns dabei wieder nähergekommen zu sein.

Das Seminar sollte dann mit einem polnischen Situationsbericht zur Frage des Kulturerbes fortgesetzt werden. Statt aber konkreter sachlicher Ausführungen wurden uns allein drei schlichte Kurzfilme aus eigener Produktion gezeigt: Einmal einen bereits im Lokal-Fernsehen gebrachten Film über Joachim Utech; wo sich zwei Damen über die Arbeit des Künstlers unterhielten ....unter Hinweisen auf einen ihnen vorliegenden bebilderten Artikel. Ein nächster Film beschäftigte sich in ähnlicher Weise mit der Familie von Kleist, zeigte das alte Gutshaus und ging auch auf den Theologen Bonhoeffer ein. Der dritte Film behandelte den Ort Groß Tychow, begleitet von klugen Worten seines Bürgermeisters.

Zum Ende des Seminars wollten wir mit dem Abschlußgespräch auf die weitere Entwicklung unserer gemeinsamen Beziehungen und unserer Arbeit eingehen. Einleitend wiesen wir darauf hin, wie sehr wir um eine offene und faire Partnerschaft bemüht seien. Das beinhalte auch Verständnis für die polnischen Belange. Uns sei klar, daß das alte Belgard zum polnischen Bialogard geworden ist. Das Rad der Geschichte, das durch Deutschland ins Rollen gebracht worden war, hat letztendlich auch uns zu Opfern werden lassen. Das ließe sich nicht mehr ändern. Das Belgarder Land sei heute polnisch; das werde es auch bleiben. Wir akzeptierten das, auch wenn die Einsicht schmerze. Doch könnten wir nicht einsehen und akzeptieren, daß damit auch unsere Vergangenheit im Nachhinein ausgelöscht werde, wie wenn unsere Vorfahren in Hinterpommern nie gelebt und das Land nicht geprägt hätten! Wir möchten darum eine tabufreie Diskussion zum Thema Kulturelles Erbe anstoßen! Und wir hofften dazu auf eine sich entwickelnde Bereitschaft! Bitter war es, hierzu von polnischer Seite nur zu hören, daß es bald soweit sein werde, daß in Deutschland keiner mehr etwas vom alten Pommern hören wolle. In Polen hingegen bestehe ein solches Interesse, so auch in Bialogard.


Was sind nach allem die nächsten konkreten Schritte? Zu unserem Erstaunen wurde seitens Herrn Swirko erklärt, daß eine Fortführung der von ihm eingeleiteten Gespräche betreffend eine gemeinschaftliche Neuauflage des Führers durch das Land Bialogard / Belgard (= Przewodnik) polnischerseits nicht mehr akut sei. Gründe hierfür wurden nicht genannt, auf die von uns vor Monaten aufgezeigten klärungsbedürftigen Sachfragen wurde auch nicht eingegangen. Auch das weitere Projekt, das polnischerseits angeregt worden war: ein kurzer Führer zur Belgarder Stadtgeschichte wird offenbar nicht weiter verfolgt. Statt dessen wurde uns überraschend vorgeschlagen, ein Drehbuch für einen filmischen Gang durch die Stadt vorzulegen, wo etwa Zwei aus unserem Kreise Spuren ihrer Vergangenheit nachgehen sollten. Der Film könne durch das lokale Fernsehen produziert werden. Nur sei die Finanzierung nicht sicher. Unsere Kontakte sollten über Herrn Szymczak laufen.

Das für Kiefheide ursprünglich vorgesehene Seminar entfällt also; statt dessen sollte nach dem jüngsten Vorschlag Herrn Swirkos eine Exkursion nach Groß-Tychow und eine Begegnung mit polnischen Vertriebenen stattfinden. Frau Haverland wird im April Gelegenheit haben, bei ihrer Vortour für die Sommerfahrt Näheres zu besprechen.

Das ordentliche 10. Seminar könnte somit dann im Frühling des nächsten Jahres stattfinden. Wir könnten uns in lockerer Weise mit unserer heimatlichen Literatur beschäftigen. Beim Kreistreffen in Celle werden wir insoweit den ersten Versuch unternehmen. Zugleich werden wir uns in dem Seminar natürlich über das Grundsätzliche, über Sinn und Zweck unseres Kreises und über die weitere Arbeit Gedanken machen müssen! Als Treffpunkt wird an eine gemütliche Einrichtung im Raum Hannover gedacht. [....]